*** Mindestens genau so wichtig, wie eine Einbeziehung der IT-Branche ist ein international abgestimmtes Vorgehen bei der Bekämpfung der Internetkriminalität: Wir brauchen in diesem Bereich internationale Kooperation und einheitliche Standards in Strafrecht und Strafverfolgung
|
 |
Johanna Wanka,
geb. Müller
01. April 1951 in Rosenfeld (Sachsen)
verheiratet, 2 Kinder
1970 - 1974 Studium der Mathematik
1974 Diplomarbeit
1974 - 1985 TH Merseburg,
1980 Promotion zum Dr. rer. nat.
Berufung auf die Professur,
Rektorin 1994 bis 2000 FH Merseburg
seit Oktober 2000
Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg
Politik und Gesellschaft
Frühjahr 1989 Mitarbeit in der Bürgerbewegung der ehemaligen DDR
September 1989 Gründungsmitglied des `Neuen ForumsA in Merseburg
1990 - 1994 Mitglied des Kreistages Merseburg für das `Neue ForumA
1994 - 2000 Berufene Bürgerin im Bildungsausschuss des Kreistages
1994 - 1998 Vizepräsidentin der Landesrektorenkonferenz Sachsen-Anhalt
seit 1995 Kuratoriumsmitglied des Deutschen Studienpreises der Körber-Stiftung Hamburg
1995 - 1998 Stellvertretende Vorsitzende des Beirates für Wissenschaft und Forschung des Landes Sachsen-Anhalt
1995 - 1996 Mitglied der Strukturkommission des Landes Thüringen zur Errichtung der Fachhochschule Nordthüringen
seit 1996 Mitglied des Projektbeirates der EXPO-Ausstellung „Land der ReformenA
1997 - 1998 Mitglied der Strukturkommission des Landes Thüringen zur Errichtung der Fachhochschule Ostthüringen
1998 - Oktober 2000 Mitglied der Ständigen Kommission für Planung und Organisation der Hochschulrektorenkonferenz (HRK)
1999 - Oktober 2000 Mitglied im Senat der HRK
1999 - Oktober 2000 Mitglied des Hochschulrates des Landes Brandenburg
|
sagmal.de:
Frau Prof. Dr. Wanka, ganz aktuell will Ihr Kandidat Edmund Stoiber, zusammen mit dem thüringischen Ministerpräsidenten eine verschärfte elektronische Spurensicherung des Internets im Bundesrat durchsetzen. Datenschützer schlagen jetzt bereits Alarm und prophezeien den gläsernen Surfer. Warum will die CDU den "Big Brother" im Internet?
|
Prof. Dr. Wanka:
Das Internet hat in den vergangenen Jahren weltweit die Informations- und Kommunikationsgewohnheiten der Menschen revolutioniert. Dennoch können und dürfen wir die damit verbundenen Probleme nicht ausklammern, denken Sie beispielsweise an die Verbreitungsmöglichkeiten extremistischer, pornographischer, gewaltverherrlichender oder in sonstiger Weise jugendgefährdender Inhalte. Grundsätzlich darf aus Sicht der CDU Datenschutz nicht zum Täterschutz werden. Wie weit eine Regulierung im Detail gehen soll, müssen die Innen- und Justizexperten festlegen, da will ich mich als Wissenschafts- und Kulturministern nicht einmischen. Aber dass zur Bekämpfung der Internetkriminalität den Strafverfolgungsbehörden Zugriff auf Online-Kommunikation unter engen rechtsstaatlichen Vorraussetzungen möglich sein muss, würde ich persönlich befürworten.
|
sagmal.de:
Fachleute sagen, dass eine solche Sicherheit technisch gar nicht durchführbar ist, die Politik dieses Gesetz jedoch gegen alle Vernunft durchdrücken will.
Ist das nicht schon wieder Wahlkampf, nach dem Motto: "Wir machen das Internet sicher!", dass im Endeffekt aber nur dem einzelnen User schadet?
|
Prof. Dr. Wanka:
Ich kann nicht erkennen, worin gegebenenfalls ein Schaden für den User liegen soll. Und dass man im Wahlkampf den Menschen sagt, was man nach einer gewonnenen Wahl zu tun gedenkt, empfinde ich geradezu als Pflicht.
|
sagmal.de:
Wozu brauchen wir denn die totale Überwachsungsstaatspräsenz im Web?
Wäre es nicht ratsam, zusammen mit der IT-Branche eine Lösung zu finden, die sich an wirklich Machbarem orientiert?
|
Prof. Dr. Wanka:
Dass hier auch die IT-Branche mit in der Verantwortung steht, halte ich für selbstverständlich. Mittlerweile gibt es ja bereits technische Angebote und Filter, die den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor gewaltverherrlichenden oder pornographischen Inhalten sicher stellen. Aber für den Fall, dass im Internet bei Verdacht von Straftaten Ermittlungen angestellt werden können, von „totaler Überwachungsstaatspräsent“ zu sprechen, finde ich doch reichlich übertrieben. Mindestens genau so wichtig, wie eine Einbeziehung der IT-Branche ist ein international abgestimmtes Vorgehen bei der Bekämpfung der Internetkriminalität: Wir brauchen in diesem Bereich internationale Kooperation und einheitliche Standards in Strafrecht und Strafverfolgung.
|
sagmal.de:
Generell wird es jungen Firmen der IT-Branche nicht immer leicht gemacht. Zu viele Gesetze, zu viele Verordnungen, zuviel Bürokratie. Inwiefern kann und muss die Politik hier etwas ändern?
|
Prof. Dr. Wanka:
Ich glaube, ein Teil des Problems ist, dass die IT-Branche nach einem ungeheuren Boom nun langsam wieder zu normaleren Verhältnissen zurück kehrt. Dazu kommt, dass es in Deutschland momentan generell an Wirtschaftswachstum und ökonomischer Dynamik fehlt. Dass speziell der IT-Branche Steine in den Weg gelegt werden, kann ich nicht erkennen. Was den Bereich betrifft, für den ich politisch Verantwortung trage so gibt es eine Fülle an Dingen, mit denen wir junge Existenzgründer unterstützen und ermutigen wollen. Zunächst einmal haben wir gemeinsam mit den Hochschulen die Zahl der Studienplätze im Informatikbereich in den vergangene Jahren deutlich erhöht. Im Wintersemester 2001/2002 hatten wir insgesamt 2607 Studierende in der Informatik, das ist gegenüber dem Wintersemester 98/99 fast eine Verdopplung, das gleiche gilt mit 127 für die Zahl der Absolventen. An den Hochschulen bieten wir Existenzgründerbefähigung an und auch sonst erhalten junge Menschen, die sich selbständig machen wollen und Arbeitsplätze schaffen in den Hochschulen und mit Hilfe der Wirtschaftsförderung Unterstützung.
|
sagmal.de:
Würden Sie Brandenburg als ein Land bezeichnen, das im IT-Bereich mithalten kann?
Was kann Brandenburg der Branche bieten? Gibt es Initiativen, die Internet-Nutzung und E-Business unterstützen?
|
Prof. Dr. Wanka:
Ich will Ihnen für den Wissenschaftsbereich einige Beispiele nennen. Wie bereits erwähnt haben wir die Ausbildungskapazitäten an den Hochschulen in den vergangenen Jahren drastisch erhöht. Die Ausstattung der Hochschulen mit Rechnern, Großgeräten und mobilen Endgeräten erfolgt auch über Fördermittel der EU oder nach dem Hochschulbauförderungsgesetz. Mit dem Hasso-Plattner-Institut in Kooperation mit der Universität Potsdam ist im Land eine Ausbildungsstätte für Softwaresystemtechniker angesiedelt worden, die als Public-Private-Partnership in ihrer Form und Ausrichtung bundesweit einmalig ist. Außerdem haben wir längst begonnen, die Informatikausbildung an den Hochschulen weiter zu profilieren. Die sogenannten „Bindestrich-Informatiken“ wie Bio-Informatik, Wirtschafts-Informatik, Medien-Informatik, Verwaltungs-Informatik aber auch Logistik oder Telematik als relativ neue Ausbildungsrichtungen, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Dem tragen wir an den Hochschulen mit entsprechenden Angeboten Rechnung.
|
sagmal.de:
Und was bieten Sie den Schülern Ihres Landes? Wenn wir die PISA-Studie mal aussen vorlassen, dann sind die Schüler in Deutschland ja auch im Bereich Internet eher auf den hinteren Plätzen zu finden.
|
Prof. Dr. Wanka:
Das könnte der für die Schulen zuständige Ministerkollege Reiche besser erklären als ich. Aber zumindest werden alle Schulen mit IT-Technik und Netzzugängen ausgerüstet und die Lehrer wenn erforderlich für diese Bereiche qualifiziert.
|
sagmal.de:
Welche Rolle wird das Internet in Zukunft bei Wahlen spielen?
Oder tut es das bereits?
|
Prof. Dr. Wanka:
Im Wahlkampf spielt es schon jetzt eine wichtige Rolle. Sie können sich heute von jedem vernetzten Rechner auf einfachste Weise die Wahlprogramme sämtlicher politischen Parteien ansehen, um am Wahltag eine für Sie begründete und abgewogene Entscheidung zu treffen. Das ist eine bedeutender Aspekt für die Meinungs- und Willensbildung. Darüber hinaus verstehen es die politikberatenden PR-Agenturen natürlich, mit verschiedensten – teils mehr, teils weniger originellen – Webangeboten für die Parteien zu werben.
|
sagmal.de:
Wann werden Wahlen per Internet aktuell sein? Bei der nächsten Bundestagswahl 2006?
|
Prof. Dr. Wanka:
Das kann ich mir durchaus vorstellen. Die Online-Wahl könnte als Ergänzung zur Vor-Ort- oder Briefwahl sinnvoll sein, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Vorher müssen jedoch die damit verbundenen rechtlichen, organisatorischen und technischen Fragen gewissenhaft geprüft werden.
|
sagmal.de:
Wo würden Sie wählen, wenn man sowohl online, als auch im Wahllokal seine Stimme abgeben könnte?
|
Prof. Dr. Wanka:
Ich glaube, ich würde auch weiterhin den kleinen Spaziergang zum Wahllokal bevorzugen.
|
sagmal.de:
Wann haben Sie persönlich das Internet kennen gelernt?
|
Prof. Dr. Wanka:
Schon vor meiner Zeit als Ministerin in Brandenburg, als ich Rektorin an der Fachhochschule Merseburg war. Erlauben Sie mir aber noch einen kleinen Zusatz – frei nach dem Schriftsteller und Verleger Gregor Brand: Auch im Zeitalter des Internets gehören Buchstaben zu den beliebtesten Mitteln, um andere zu überzeugen.
|
sagmal.de:
Und in welchem Umfang nutzen Sie es? Nur beruflich oder auch privat?
|
Prof. Dr. Wanka:
Überwiegend beruflich. Das bisschen Freizeit, das ich habe, verbringe ich lieber mit meinem Mann und meinen zwei Kindern anstatt vor dem Bildschirm.
|
sagmal.de:
Beantworten Sie Mails, die an Sie geschickt werden persönlich, oder lassen Sie beantworten?
|
Prof. Dr. Wanka:
Inhaltlich persönlich.
|
sagmal.de:
Gibt es im Web Seiten, die Sie immer wieder aufsuchen?
|
Prof. Dr. Wanka:
Viele Seiten, auf denen wissenschafts- oder kulturpolitische Inhalte zu finden sind.
|
sagmal.de:
Haben Sie bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
|
Prof. Dr. Wanka:
Nein
|
sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?
|
Prof. Dr. Wanka:
Dies war mein erstes Internet-Interview.
Eine weitere interessante Internet-Erfahrung.
|
Das Interview wurde am 26.8.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Prof. Dr. Wanka für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen.
Dank auch an Rainer Pick für den Tipp und die Kontaktaufnahme mit Frau Prof. Dr. Wanka. |
| |
Sagmal.de ist ein Angebot von Compuexe.de
|