Interview mit Dr.dent. Michael Vorbeck vom 15.2.2000
Dr.dent. Michael Vorbeck 25. Juni. 1996. Der Trierer Zahnarzt Dr. Michael Vorbeck eröffnet die erste deutsche Cyber-Praxis im Internet, indem er eine Homepage ins Netz bringt, die unter anderem über die Öffnungszeiten seiner Praxis Auskunft gibt und sein Praxis-Team vorstellt. Auf seinen Seiten erklärt er interessierten Besuchern, was in einer Praxis so alles passiert. Notfalls gibt es Tipps sogar per Mail.
Am 9. Juli 1996, also genau 14 Tage später, verlangt die Bezirkszahnärztekammer die sofortige Einstellung des Internet-Angebotes; sie sieht darin einen eklatanten Verstoß gegen das Werbeverbot für Zahnärzte. Dies war der Beginn eines bis heute andauernden Kampfes.

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Bei uns wird alles vernormt, reguliert, verordnet etc. - für mich ist das der Inbegriff von Diktatur - die Diktatur unserer sog. 'demokratischen' Gesellschaft.
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sagmal.de:
Dr. Vorbeck, was hatten Sie anno 1996 eigentlich im Sinn, als Sie Ihre Seiten ins Netz brachten ? Werbung für Zahnärzte allgemein, oder nur gewinnbringende Werbung für Ihre Praxis ?

 

Zu Dr. Vorbecks HomepageDr. Vorbeck:
Ich wollte dieses damals noch neue Medium nutzen, um zahnmedizinische Informationen und Beratungen dem User des WWW zur Verfügung zu stellen. Die sich hieraus ergebende Prävention hilft Ärztehopping und Dppeluntersuchungen zu vermeiden und Geld im Gesundheitswesen einzusparen - allerdings nur dann, wenn sich alle Ärzte und Zahnärzte sowie Kliniken daran beteiligen.

sagmal.de:
Hatten Sie denn mit einer solchen schnellen und rigorosen Reaktion der Ärztekammern gerechnet ? Die Bezirksärztekammer sprach immerhin von einem "schwerwiegenden Verstoss", und sah sich gezwungen, ein Berufsgerichtsverfahren gegen Sie einzuleiten.
Dr. Vorbeck:
Nein, ich war völlig überrascht von solch einer rigorosen Haltung. Wo um himmelswillen lag in meiner Tätigkeit ein "schwerwiegender Verstoss" gegen die Berufsordnung vor. Wenn ein User im WWW die Homepage von Dr. Vorbeck finden will, dann muß er aktiv meine URL im Computer eingeben oder willentlich auf die linke Maustaste bei einem LINK drücken - also ein aktiver Vorgang. Werbung ist durch die Berieselung des Users ein klarer passiver Vorgang (z.B. Bannerwerbung im Internet, Printmedien, Rundfunk und Fernsehen). Die Reichsbedenkenträger und Standesdünkelinhaber der Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz haben dieses Prinzip leider seid 4 Jahren immer noch nicht begriffen. Dieses Verhalten entspricht einer unterlassenen Hilfeleistung - und das bei einer medizinischen Körperschaft - einfach unglaublich!

sagmal.de:
Wie haben sich damals eigentlich Ihre Kollegen, vor allem jene vor Ort, verhalten ?

Dr. Vorbeck:
Die Kollegen/innen am Ort haben sich bedeckt gehalten - weder große Ablehnung noch Support - mit mehr habe ich auch nicht gerechnet nach dem gewaltigen Presserummel, den diese Geschichte 96 ausgelösst hatte.

sagmal.de:
Gab es kollegiale Unterstützung und Solidarität auf breiter Front ?
Dr. Vorbeck:
Ja, das war schon sensationell, was da auf Bundesebene gelaufen ist - sogar Solidaritätslisten wurden organisiert und rumgereicht. An dieser Stelle möchte ich mich einfach mal bei den vielen unbekannten Helfern, Kolleginnen und Kollegen bedanken, die mir in dieser schwierigen Zeit den Rücken gestärkt hatten. Danke!
sagmal.de:
Worin sehen Sie den Grund für diese Sturheit der Ärztekammern ? Will man an Ihnen ein Exempel statuieren ? Hat man Angst vor dem neuen Medium ? Ist das ein typisch deutsches Problem ?

Dr. Vorbeck:
ad1: Die Ärztekammern haben verkrustete Strukturen und die dazugehörigen Besitzstandmehrer, die für Innovationen unzugänglich sind. Die Ge- und Verbote werden nunmal von der Kammer gemacht, ihre Zwangsmitglieder werden verwaltet und dirigiert - von wegen freier Berufsstand. Wenn dann mal ein Rädchen (ich) nicht so funktioniert, wie es den Regularien entsprechen sollte, dann ist natürlich sofort der Teufel los.
ad2: Natürlich will man an mir ein Exempel statuieren nach dem Prinzip: "Wehret den Anfängen". Einen Michael Kohlhaas in den eigenen Reihen - da könnte ja sich eine kollektive Unruhe entwickeln - und das bei den angepassten und wohlgeformten Zahnmedizinern (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel).
ad3: Nein - damals war das keine Angst, sondern blanke Unwissenheit gepaart mit gehörig viel Dummheit. Leider wird das nicht bestraft - zumindest nicht in solchen erlauchten Kreisen.
ad4: Ja, es ist ein europäisches und insbesondere ein deutsches Problem. Ich selbst bin oft in den USA, wo die Wirtschaft vor allem deshalb blüht weil man dereguliert. Bei uns wird alles vernormt, reguliert, verordnet etc. - für mich ist das der Inbegriff von Diktatur - die Diktatur unserer sog. 'demokratischen' Gesellschaft.


Wie lange wird sich Ihrer Meinung nach ein generelles Werbeverbot für die freien Berufe noch halten. Zwingt das Internet nicht geradezu zum Umdenken ?

Dr. Vorbeck:
Das Werbeverbot ist als solches völlig in Ordnung - zumindestens für die medizinischen Berufe. Hier darf nicht für etwas geworben werden, was der Behandler evtl. gar nicht kann - das wäre für den Patienten ein Desaster. Jeder Mediziner/in darf sein Leistungsangebot nur dann via Homepage in das WWW stellen, wenn diese Leistungen auch erbracht werden können. Werbung im Internet würde heißen: 'Bannerwerbung z.B. eines Zahnarztes auf einer hochfrequentierten Seite (z.B. die von T-Online) mit dem Hinweis Freitags ziehe ich drei Zähne für zwei - kommen sie solange das Angebot gilt.' Das wäre nun aber wirklich zuviel und unseriös - das darf nicht sein. Das Internet bewegt immer mehr die Kammern zum umdenken. Innerhalb der Ärzteschaft und bei der Zahnärzteschaft in Berlin ist da auch schon einiges passiert - der Rest schläft leider immer noch. Die Macht und die Kraft des Internets wurde von vielen Kammern unterschätzt - aber jetzt kommt die Abrechnung - eine bittere Pille für all die Unterlassungstäter.

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sagmal.de:
Sehen Sie in Ihrem Fall ein Licht am Ende des Tunnels ? Wird es für Ihren Fall eine baldige Lösung geben, und wenn ja, wie wird diese aussehn ?
Dr. Vorbeck:
Ich sehe das Licht heute mehr denn je. Dennoch, die Sturheit der Kammern und ihre reaktionäre Vorgehensweise ist immmer noch unberechenbar - es kann also gut sein, dass es erst in einigen Jahren eine endgültige und für Europa einheitliche Lösung vor dem Eurpäischen Gerichtshof (EuGH) gibt. Ich hoffe auf ein früheres Ergebnis - eine Lösung im Sinne des Users - er ist Kunde und Kunde ist König. Jede Verzögerung bringt Deutschland auf diesem Gebiet ins Hintertreffen - medizinisch und wirtschaftlich gesehen eine Katastrophe. Eine Lösung könnte so aussehen, daß all die Dinge, die in einer Praxisbroschüre stehen auch ins WWW gestellt werden dürfen. Auch die Möglichkeit der Beratung via eMail, PictureTel, NetMeeting etc. muß gewährleistet und honoriert werden - gesundheitspolitisch sind da locker Einsparungen in Milliardenhöhe drin.

sagmal.de:
Wie surft eigentlich ein Zahnarzt, speziell Dr. Vorbeck durchs Internet ?
Dr. Vorbeck:
Ich denke, daß meine Kollegen/innen genauso surfen, wie jeder andere User, vielleicht mit d180 em Unterschied, daß mehr medizinische Infos abgerufen werden. Ich selbst surfe natürlich besonders viel über die medizinische und zahnmedizinische Angebotspallette Deutschlands aber auch in den USA (z.B. WebMD.com). Selbstverständlich schaue ich mir auch die Homepages der Kollegen/innen an, die nicht an den Pranger gestellt worden sind. Eine Relaunch meiner Homepage steht ja in Aussicht, nämlich dann, wenn ich den Prozess gewinne - und alle User können jetzt schon gespannt sein - ich habe mir da schon einige 'special effects' einfallen lassen.

sagmal.de:
Was fasziniert Sie am Internet ?

Dr. Vorbeck:
Die schnelle und günstige Kommmunikation z.B. via Reflektoren und Programmen, wie z.B. CU-SeeMe, das schnelle Beschaffen von Informationen (allgemein mit www.hotbot.com; medizinisch gesehen mit www.medizin-forum.de). Die Gestaltung eigener Homepages - das Programmieren selbst und nicht zuletzt die Möglichkeit sich wertvolle Programme, Bilder, Musik und Videoclips einfach so runterzuladen - das ist schon ne tolle Sache - aber es ist erst der Anfang.

sagmal.de:
Was schreckt Sie am Internet am meisten ab ?
Dr. Vorbeck:
Pornografie und Webseiten mit rassistischen Inhalten.

sagmal.de:
Was haben wir, Ihrer Meinung nach, vom Internet in den nächsten Jahren zu erwarten ? Eine persönliche Prognose ?
Dr. Vorbeck:
Alle heute denkbaren Interaktionen, Telefonie, Fax, Videokonferenzen, dazu gleichzeitig 1000 Fernsehprogramme in bester Auflösung, 10000 Rundfunkprogramme mit Dolby-Surround-Sound, 3-D-Fernsehen, ferngesteuerte Operationen und vieles mehr - alles eine Frage der Datendurchsatzrate. Ich glaube persönlich, daß wir in zwanzig Jahren Dinge im WWW entdecken werden, die für uns jetzt noch gar nicht begreifbar sind. Die Zeit ändert die Dinge und durch das World Wide Web noch schneller - mal sehen wie lange das die Spezies Mensch aushält, bevor durch Reizüberflutung die Sicherungen in unseren Gehirnen rausfliegen.

sagmal.de:
Noch ein Schlusssatz für unsere Leser ?
Dr. Vorbeck:
Vergesst nicht den Stecker ab und zu rauszuziehen und eure eigene Festplatte zu löschen, sonst habt ihr keinen Platz mehr für verrückte Ideen - und die brauchen wir.

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Das Interview wurde am 15.2.2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Dr. Michael Vorbeck für die Beantwortung unserer Fragen.
Die bei diesem Interview verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von
Dr. Vorbecks Homepage entnommen.

 

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