25. Juni. 1996. Der Trierer Zahnarzt Dr. Michael Vorbeck eröffnet die erste deutsche Cyber-Praxis im Internet, indem er eine Homepage ins Netz bringt, die unter anderem über die Öffnungszeiten seiner Praxis Auskunft gibt und sein Praxis-Team vorstellt. Auf seinen Seiten erklärt er interessierten Besuchern, was in einer Praxis so alles passiert. Notfalls gibt es Tipps sogar per Mail. Am 9. Juli 1996, also genau 14 Tage später, verlangt die Bezirkszahnärztekammer die sofortige Einstellung des Internet-Angebotes; sie sieht darin einen eklatanten Verstoß gegen das Werbeverbot für Zahnärzte. Dies war der Beginn eines bis heute andauernden Kampfes.
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Bei uns wird alles vernormt, reguliert, verordnet etc. - für mich ist das der Inbegriff von
Diktatur - die Diktatur unserer sog. 'demokratischen' Gesellschaft.
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sagmal.de: Dr. Vorbeck, was hatten Sie anno 1996 eigentlich im Sinn, als Sie Ihre
Seiten ins Netz brachten ? Werbung für Zahnärzte allgemein, oder nur gewinnbringende Werbung für Ihre Praxis ? |
Dr. Vorbeck:
Ich wollte dieses damals noch neue Medium nutzen, um zahnmedizinische
Informationen und Beratungen dem User des WWW zur Verfügung zu stellen. Die
sich hieraus ergebende Prävention hilft Ärztehopping und Dppeluntersuchungen
zu vermeiden und Geld im Gesundheitswesen einzusparen - allerdings nur dann,
wenn sich alle Ärzte und Zahnärzte sowie Kliniken daran beteiligen. |
sagmal.de: Hatten Sie denn mit einer solchen schnellen und rigorosen Reaktion der
Ärztekammern gerechnet ? Die Bezirksärztekammer sprach immerhin von einem
"schwerwiegenden Verstoss", und sah sich gezwungen, ein
Berufsgerichtsverfahren gegen Sie einzuleiten.
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Dr. Vorbeck:
Nein, ich war völlig überrascht von solch einer rigorosen Haltung. Wo um
himmelswillen lag in meiner Tätigkeit ein "schwerwiegender Verstoss" gegen
die Berufsordnung vor. Wenn ein User im WWW die Homepage von Dr. Vorbeck
finden will, dann muß er aktiv meine URL im Computer eingeben oder
willentlich auf die linke Maustaste bei einem LINK drücken - also ein
aktiver Vorgang. Werbung ist durch die Berieselung des Users ein klarer
passiver Vorgang (z.B. Bannerwerbung im Internet, Printmedien, Rundfunk und
Fernsehen). Die Reichsbedenkenträger und Standesdünkelinhaber der
Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz haben dieses Prinzip leider seid 4
Jahren immer noch nicht begriffen. Dieses Verhalten entspricht einer
unterlassenen Hilfeleistung - und das bei einer medizinischen Körperschaft -
einfach unglaublich! |
sagmal.de:
Wie haben sich damals eigentlich Ihre Kollegen, vor allem jene vor Ort,
verhalten ?
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Dr. Vorbeck:
Die Kollegen/innen am Ort haben sich bedeckt gehalten - weder große
Ablehnung noch Support - mit mehr habe ich auch nicht gerechnet nach dem
gewaltigen Presserummel, den diese Geschichte 96 ausgelösst hatte. |
sagmal.de:
Gab es kollegiale Unterstützung und Solidarität auf breiter Front ?
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Dr. Vorbeck:
Ja, das war schon sensationell, was da auf Bundesebene gelaufen ist - sogar
Solidaritätslisten wurden organisiert und rumgereicht. An dieser Stelle
möchte ich mich einfach mal bei den vielen unbekannten Helfern, Kolleginnen
und Kollegen bedanken, die mir in dieser schwierigen Zeit den Rücken
gestärkt hatten. Danke! |
sagmal.de:
Worin sehen Sie den Grund für diese Sturheit der Ärztekammern ? Will man an
Ihnen ein Exempel statuieren ? Hat man Angst vor dem neuen Medium ? Ist das
ein typisch deutsches Problem ? |
Dr. Vorbeck:
ad1: Die Ärztekammern haben verkrustete Strukturen und die dazugehörigen
Besitzstandmehrer, die für Innovationen unzugänglich sind. Die Ge- und
Verbote werden nunmal von der Kammer gemacht, ihre Zwangsmitglieder werden
verwaltet und dirigiert - von wegen freier Berufsstand. Wenn dann mal ein
Rädchen (ich) nicht so funktioniert, wie es den Regularien entsprechen
sollte, dann ist natürlich sofort der Teufel los.
ad2: Natürlich will man an mir ein Exempel statuieren nach dem Prinzip:
"Wehret den Anfängen". Einen Michael Kohlhaas in den eigenen Reihen - da
könnte ja sich eine kollektive Unruhe entwickeln - und das bei den
angepassten und wohlgeformten Zahnmedizinern (Ausnahmen bestätigen auch hier
die Regel).
ad3: Nein - damals war das keine Angst, sondern blanke Unwissenheit gepaart
mit gehörig viel Dummheit. Leider wird das nicht bestraft - zumindest nicht
in solchen erlauchten Kreisen.
ad4: Ja, es ist ein europäisches und insbesondere ein deutsches Problem. Ich
selbst bin oft in den USA, wo die Wirtschaft vor allem deshalb blüht weil
man dereguliert. Bei uns wird alles vernormt, reguliert, verordnet etc. -
für mich ist das der Inbegriff von Diktatur - die Diktatur unserer sog.
'demokratischen' Gesellschaft.
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Wie lange wird sich Ihrer Meinung nach ein generelles Werbeverbot für die
freien Berufe noch halten. Zwingt das Internet nicht geradezu zum Umdenken ? |

Dr. Vorbeck:
Das Werbeverbot ist als solches völlig in Ordnung - zumindestens für die
medizinischen Berufe. Hier darf nicht für etwas geworben werden, was der
Behandler evtl. gar nicht kann - das wäre für den Patienten ein Desaster.
Jeder Mediziner/in darf sein Leistungsangebot nur dann via Homepage in das
WWW stellen, wenn diese Leistungen auch erbracht werden können. Werbung im
Internet würde heißen: 'Bannerwerbung z.B. eines Zahnarztes auf einer
hochfrequentierten Seite (z.B. die von T-Online) mit dem Hinweis Freitags
ziehe ich drei Zähne für zwei - kommen sie solange das Angebot gilt.'
Das wäre nun aber wirklich zuviel und unseriös - das darf nicht sein.
Das Internet bewegt immer mehr die Kammern zum umdenken. Innerhalb der
Ärzteschaft und bei der Zahnärzteschaft in Berlin ist da auch schon einiges
passiert - der Rest schläft leider immer noch. Die Macht und die Kraft des
Internets wurde von vielen Kammern unterschätzt - aber jetzt kommt die
Abrechnung - eine bittere Pille für all die Unterlassungstäter.
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sagmal.de:
Sehen Sie in Ihrem Fall ein Licht am Ende des Tunnels ? Wird es für Ihren
Fall eine baldige Lösung geben, und wenn ja, wie wird diese aussehn ?
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Dr. Vorbeck:
Ich sehe das Licht heute mehr denn je. Dennoch, die Sturheit der Kammern und
ihre reaktionäre Vorgehensweise ist immmer noch unberechenbar - es kann also
gut sein, dass es erst in einigen Jahren eine endgültige und für Europa
einheitliche Lösung vor dem Eurpäischen Gerichtshof (EuGH) gibt. Ich hoffe
auf ein früheres Ergebnis - eine Lösung im Sinne des Users - er ist Kunde
und Kunde ist König. Jede Verzögerung bringt Deutschland auf diesem Gebiet
ins Hintertreffen - medizinisch und wirtschaftlich gesehen eine Katastrophe.
Eine Lösung könnte so aussehen, daß all die Dinge, die in einer
Praxisbroschüre stehen auch ins WWW gestellt werden dürfen. Auch die
Möglichkeit der Beratung via eMail, PictureTel, NetMeeting etc. muß
gewährleistet und honoriert werden - gesundheitspolitisch sind da locker
Einsparungen in Milliardenhöhe drin. |
sagmal.de:
Wie surft eigentlich ein Zahnarzt, speziell Dr. Vorbeck durchs Internet ?
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Dr. Vorbeck:
Ich denke, daß meine Kollegen/innen genauso surfen, wie jeder andere User,
vielleicht mit d180
em Unterschied, daß mehr medizinische Infos abgerufen
werden.
Ich selbst surfe natürlich besonders viel über die medizinische und
zahnmedizinische Angebotspallette Deutschlands aber auch in den USA (z.B.
WebMD.com). Selbstverständlich schaue ich mir auch die Homepages der
Kollegen/innen an, die nicht an den Pranger gestellt worden sind. Eine
Relaunch meiner Homepage steht ja in Aussicht, nämlich dann, wenn ich den
Prozess gewinne - und alle User können jetzt schon gespannt sein - ich habe
mir da schon einige 'special effects' einfallen lassen. |
sagmal.de:
Was fasziniert Sie am Internet ?
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Dr. Vorbeck:
Die schnelle und günstige Kommmunikation z.B. via Reflektoren und
Programmen, wie z.B. CU-SeeMe, das schnelle Beschaffen von Informationen
(allgemein mit www.hotbot.com; medizinisch gesehen mit
www.medizin-forum.de). Die Gestaltung eigener Homepages - das Programmieren
selbst und nicht zuletzt die Möglichkeit sich wertvolle Programme, Bilder,
Musik und Videoclips einfach so runterzuladen - das ist schon ne tolle
Sache - aber es ist erst der Anfang.
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sagmal.de: Was schreckt Sie am Internet am meisten ab ?
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Dr. Vorbeck:
Pornografie und Webseiten mit rassistischen Inhalten. |
sagmal.de:
Was haben wir, Ihrer Meinung nach, vom Internet in den nächsten Jahren zu
erwarten ? Eine persönliche Prognose ?
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Dr. Vorbeck:
Alle heute denkbaren Interaktionen, Telefonie, Fax, Videokonferenzen, dazu
gleichzeitig 1000 Fernsehprogramme in bester Auflösung, 10000
Rundfunkprogramme mit Dolby-Surround-Sound, 3-D-Fernsehen, ferngesteuerte
Operationen und vieles mehr - alles eine Frage der Datendurchsatzrate. Ich
glaube persönlich, daß wir in zwanzig Jahren Dinge im WWW entdecken werden,
die für uns jetzt noch gar nicht begreifbar sind. Die Zeit ändert die Dinge
und durch das World Wide Web noch schneller - mal sehen wie lange das die
Spezies Mensch aushält, bevor durch Reizüberflutung die Sicherungen in
unseren Gehirnen rausfliegen.
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sagmal.de:
Noch ein Schlusssatz für unsere Leser ?
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Dr. Vorbeck:
Vergesst nicht den Stecker ab und zu rauszuziehen und eure eigene Festplatte
zu löschen, sonst habt ihr keinen Platz mehr für verrückte Ideen - und die
brauchen wir.
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Das Interview wurde am 15.2.2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Dr. Michael Vorbeck für die Beantwortung unserer Fragen. Die bei diesem Interview verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von Dr. Vorbecks Homepage entnommen. |
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