Interview mit Bruder Paulus Terwitte vom 6.2.2002
Bruder Paulus Terwitte

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Wenn in der Kirche mehr Leute täten, was ihnen im Einklang mit Gottes Willen Spaß machen würde, sähe es schon viel besser aus. Die beste Werbung für den Heiligen Geist sind begeisterte Leute.

LiebfrauenBruder Paulus Terwitte,
Ordensbruder aus Liebe, Lust und Leidenschaft.
1959 in Stadtlohn/Westfalen geboren, entschied sich mit 19, sein Leben als Kapuzinerbruder zu gestalten. Nach dem Noviziat in Werne, Studium in Münster/Westf. und in Graz/Österreich arbeitete er unter anderem in Offenburg, Stühlingen und Gera.
Zur Zeit leitet Br. Paulus als Guardian das Kloster Liebfrauen in Frankfurt am Main.
Br. Paulus gründete die Internet-Präsenz www.hospiz.net, die eine der Früchte seiner langjährigen Arbeit für die Hospizbewegung in Deutschland ist. Sterbende und Trauernde sind für Br. Paulus keine nötige Pflicht, sondern Auftrag und ... mehr, als nur ein Fingerzeig Gottes über das endliche Leben; besonders in den Stunden des Todes eines Menschen ist der Grenzgänger zu Hause - Tanz im Angesicht des Todes und Tanz im Leben. Vielleicht deshalb: Er liebt argentinischen Tango - mit 115 kg (viel Knochen, würde Mutter sagen!) etwas zu schwer dafür - aber Tango Passión verpasst er nie.
Und er ist gerne katholischer Priester: "Denn es ist einfach schön, den Menschen sagen zu dürfen: Du bist gesegnet. Du bist versöhnt. Du bist befreit. Und Du gehörst - wenn Du es wagst - zur Kirche, der alten Mutter, die immer noch zu ihrer Geschichte steht, während andere heute schon nicht mehr wissen, auf wen sie vor zwanzig Jahren mit Steinen und Tomaten warfen."
Ein Bereich, der langsam wächst und eines der wichtigen Aufgabenfelder: die Kommunikation innerhalb der neuen Medien der deutschsprachigen Kapuziner. Auch hier ist Br. Paulus nicht zuletzt über die Internetpräsenz www.liebfrauen.net aktiv.

Bruder Paulus. Und was macht der Mann, wenn er nicht gerade Tango tanzt, ein Ordenshaus leitet, Beichte hört, Gottesdienst feiert, betet und BILD-Kommentare verfasst? Br. Paulus liest Krimis und schreibt Gedichte. Außerdem kocht Br. Paulus. "Nur nach Gefühl", sagt er gerne. Dennoch hat sich noch nie jemand beschwert.
Nicht nur eine Sache des Gefühls ist sein Glaube an die Gegenwart Gottes in dieser Welt. Gott ist präsent, hier und jetzt - keine Gefühlsduselei, sondern die Konsequenz, dem Leben "Ja" zu sagen. Und das geschieht vor der eigenen Nase, nicht jenseits der Wolken: es sind die Mit- und Nebenmenschen, Sonne und Schatten des gemeinsamen Weges; es ist das Leben, das mit der Kraft Gottes aus der größten Versuchung seine besten Talente zu schöpfen vermag.

 

sagmal.de:
Paulus, Internet und katholische Kirche, ein Kapuzinerorden sogar, wie passt das zusammen? Ist das ein Versuch, junge Leute in den Schoss der Mutter Kirche zurück zu holen? Oder geht Ihr einfach mit der Zeit?

Bruder Paulus:
Unser Ordensgründer Franziskus von Assisi hat das Evanglium entdeckt als Botschaft für alle. Und er ist mit seinen Brüdern bis an die Grenze der damaligen Welt gekommen. Warum soll ich das nicht mit den Mitteln von heute machen. Ich habe Spaß dran - und glaube, Gott hat ihn mir gegeben. Wenn in der Kirche mehr Leute täten, was ihnen im Einklang mit Gottes Willen Spaß machen würde, sähe es schon viel besser aus. Die beste Werbung für den Heiligen Geist sind begeisterte Leute.

sagmal.de:
Franz von Assisi, war bekannt dafür, überall seine Botschaft zu verkünden. Was würde er in der heutigen Zeit tun? Ein Portal im Web eröffnen?

Bruder Paulus:
Er würde mich zum Webmaster seiner Homepage machen und den klausurierten Nonnen Internetanschlüsse auf die Zellen legen, damit sie mit dem Leid der Welt besser verbunden sind, dass sie ja in ihren Gebeten lindern helfen wollen.

sagmal.de:
Wie kam es zu den Internetseiten? Musste das eigentlich erst vom Papst genehmigt werden?

Bruder Paulus:
Ich dachte mir: Was in Liebfrauen in Frankfurt konkret läuft, muss virtuell abgebildet werden. Und so entstand die Idee mit der Kerze, die man im Netz anzünden kann, dann kam der BILD Kommentar und schließlich der geistliche Chatraum.

sagmal.de:
Und wie internettauglich ist das Wort Gottes? Ich habe gehört, man kann sogar schon im Internet beichten. Ist das noch im Sinne der katholischen Kirche?

Bruder Paulus:
Nee, beichten kann man nicht im Internet. Man kann ja auch nicht virtuell küssen. Die besten Sachen bleiben immer konkret. Das Internet verbindet Welten - und das will das Evangelium auch. Die kath. Kirche ist das schon seit Jahrhunderten ein klar strukturiertes Netzwerk Gottes für die Welt - einschließlich der Schmuddelecken, die es in jeder Geschichte gibt. Was Gott selber mit solchen Netzwerken im Menschen bewirkt - das ist nun wirklich seine Sache. Ich bin nur Werkzeug.

sagmal.de:
Du kommentierst täglich die Schlagzeile der BILD-Zeitung. Warum gerade sie? Warum nicht die FAZ oder die Süddeutsche?

Bild Kommentar täglich von Bruder PaulusBruder Paulus:
Die BILD weiß, wo es den Menschen weh tut.
Und das weiß die Bibel schon längst.
Ich blicke den Menschen gern ins Gesicht - und lese dann aus ihren Fragen und Sorgen (und ihrem Geschwätz) heraus, was Gott heute wohl sagen will.
BILD ist der Anlass, die Bibel das Maß!

sagmal.de:
Bei vielen deiner Kommentaren zu der jeweiligen Schlagzeile geht es um bestimmte Einzelschicksale. Oftmals betest du auch für die Betroffenen. Gab es schon mal eine direkte Reaktion von den in der Schlagzeile betroffenen Protagonisten?

Bruder Paulus:
Nein, dafür bin ich zu unbedeutend.

sagmal.de:
Was sagt die BILD-Zeitung zu deinen Rezensionen?

Bruder Paulus:
Ich höre nichts konkret von denen.

sagmal.de:
Was ist mit denen, die keinen Internetanschluss besitzen? Verlieren die nicht langsam den Anschluss? Wird es vielleicht irgendwann nur noch virtuelle Kirchenarbeit geben?

Bruder Paulus:
Ach du liebe Güte, es wird immer kirchliche Arbeit geben auf allen Ebenen. Man darf die eine nicht mit der anderen ausspielen. Sicher ist das Internet ein wunderbares Medium. Aber die Printmedien und er der gute alte Brief sind dadurch nicht schlechter. Richtig fände ich es, wenn alle Menschen ungehndert Zugang erhielten zu Internet-Terminals.

sagmal.de:
Paulus, wie wird man Kapuziner? Damit meine ich nicht die technische Seite, also Ausbildung etc., sondern der Impuls, sein Leben im Kloster zu verbringen. Wie war das bei dir?

Bruder Paulus:
Ich habe als katholischer Durchschnittsmensch gelebt - und dann mit 16 entdeckt: Ich bin getauft. Die Taufe ist für mich das Emanzipationssakrament. Ich sah ein: Es befreite mich aus der biographischen Kralle und versetzte mich in das Leben des auferstandenen Christus. Von da an wollte ich nur noch so befreit leben - kirchenbefreit sozusagen. Als ich dann die Kapuziner kennenlernte, war mir klar: Die müssen es werden. Das ist mein Leben: einfach, burschikos, klar, auf der Seite der einfachen Menschen.

sagmal.de:
Hast du diesen Schritt, aus welchen Gründen auch immer, schon einmal bereut? Vielleicht schon mal gedacht, wie schön es doch wäre, die Kapuzinerkluft abends nach 17.00 Uhr abzulegen?

Bruder Paulus:
Nee, ich bin gern Kapuziner. Ich wünschte mir, es jede Minute ernsthaft zu leben. Betend und fröhlich und vor allem mutig im Einsatz für eine gerechte Welt.

sagmal.de:
In dem Zusammenhang fällt mir ein Witz ein, in dem ein katholischer Priester den anderen fragt: "Werden wir beide das Ende des Zölibats noch erleben"? Und der andere antwortet: "Wir bestimmt nicht, aber vielleicht unsere Kinder"? Wunschtraum?

Bruder Paulus:
Ich versteh gar nicht, was sich Leute, die es nicht Leben, über den Zölibat aufregen. Muss man denn eine Partnerschaft eingehen? Offensichtlich nicht, wenn ich die Zahl der Singelhaushalte ansehe. Muss man denn sexuelle Beliebigkeit leben? Offensichtlich ja, wenn ich die Klagen derer richtig verstehe, die sich geradezu gedrängt fühlen, von tollen Abenteuern zu erzählen. Ich traue dem Himmel zu, dass er mich glücklich machen kann. Und das tut er auch und Gott gibt mir die Kraft, so auf ihn zu vertrauen, dass andere sich trauen, zueinander zu sagen: Also wenn da ein Gott ist, der uns glücklich machen kann, dann brauchen wir uns ja gar nicht gegenseitig den Himmel auf Erden zu machen! Komm, wenn das so ist: Dann üben wir doch einfach miteinander Vertrauen! Und hören wir auf, voneinander den Himmel auf Erden zu erwarten. - Das Maß, wie das Leben in keuscher Ehelosigkeit um des Himmelreiches will diskreditiert wird, ist dem Maß gleich, mit dem Treue in Freud und Leid als Blödsinn betrachtet wird.

sagmal.de:
Bist du privat auch im Web unterwegs? Wenn ja, nur auf religiösen Seiten?

Bruder Paulus:
Kaum, ich habe genug dienstlich damit zu tun und erfreue mich höchstens mal an Kulturseiten.

sagmal.de:
Wie finanzierst Du das Ganze?

Bruder Paulus:
Durch Spenden. Mir sagen viele: Klasse, so einen Weg unterstütze ich gern.

sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Bruder Paulus:
Nein

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Bruder Paulus:
Gott ist immer online.

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Das Interview wurde am 6.2.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Bruder Paulus Terwitte für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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