*** Wenn in der Kirche mehr Leute täten, was ihnen im Einklang mit Gottes Willen Spaß machen würde, sähe es schon viel besser aus. Die beste Werbung für den Heiligen Geist sind begeisterte Leute.
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Bruder Paulus Terwitte, Ordensbruder aus Liebe, Lust und Leidenschaft.
1959 in Stadtlohn/Westfalen geboren, entschied sich mit 19, sein Leben
als Kapuzinerbruder zu gestalten. Nach dem Noviziat in Werne, Studium
in Münster/Westf. und in Graz/Österreich arbeitete er unter anderem in
Offenburg, Stühlingen und Gera.
Zur Zeit leitet Br. Paulus als Guardian das Kloster Liebfrauen in Frankfurt am Main.
Br. Paulus gründete die Internet-Präsenz www.hospiz.net, die eine der
Früchte seiner langjährigen Arbeit für die Hospizbewegung in Deutschland
ist. Sterbende und Trauernde sind für Br. Paulus keine nötige Pflicht,
sondern Auftrag und ... mehr, als nur ein Fingerzeig Gottes über das
endliche Leben; besonders in den Stunden des Todes eines Menschen ist
der Grenzgänger zu Hause - Tanz im Angesicht des Todes und Tanz im Leben.
Vielleicht deshalb: Er liebt argentinischen Tango - mit 115 kg (viel
Knochen, würde Mutter sagen!) etwas zu schwer dafür - aber Tango Passión
verpasst er nie.
Und er ist gerne katholischer Priester: "Denn es ist einfach schön, den
Menschen sagen zu dürfen: Du bist gesegnet. Du bist versöhnt. Du bist
befreit. Und Du gehörst - wenn Du es wagst - zur Kirche, der alten Mutter,
die immer noch zu ihrer Geschichte steht, während andere heute schon nicht
mehr wissen, auf wen sie vor zwanzig Jahren mit Steinen und Tomaten warfen."
Ein Bereich, der langsam wächst und eines der wichtigen Aufgabenfelder: die
Kommunikation innerhalb der neuen Medien der deutschsprachigen Kapuziner.
Auch hier ist Br. Paulus nicht zuletzt über die Internetpräsenz
www.liebfrauen.net aktiv.
Und was macht der Mann, wenn er nicht gerade Tango tanzt, ein Ordenshaus
leitet, Beichte hört, Gottesdienst feiert, betet und BILD-Kommentare
verfasst? Br. Paulus liest Krimis und schreibt Gedichte. Außerdem kocht Br.
Paulus. "Nur nach Gefühl", sagt er gerne. Dennoch hat sich noch nie jemand
beschwert.
Nicht nur eine Sache des Gefühls ist sein Glaube an die Gegenwart Gottes in
dieser Welt. Gott ist präsent, hier und jetzt - keine Gefühlsduselei,
sondern die Konsequenz, dem Leben "Ja" zu sagen. Und das geschieht vor der
eigenen Nase, nicht jenseits der Wolken: es sind die Mit- und Nebenmenschen,
Sonne und Schatten des gemeinsamen Weges; es ist das Leben, das mit der
Kraft Gottes aus der größten Versuchung seine besten Talente zu schöpfen
vermag.
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sagmal.de:
Paulus, Internet und katholische Kirche, ein Kapuzinerorden sogar, wie passt
das zusammen? Ist das ein Versuch, junge Leute in den Schoss der Mutter Kirche zurück zu
holen? Oder geht Ihr einfach mit der Zeit?
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Bruder Paulus:
Unser Ordensgründer Franziskus von Assisi hat das Evanglium entdeckt als
Botschaft für alle. Und er ist mit seinen Brüdern bis an die Grenze der
damaligen Welt gekommen. Warum soll ich das nicht mit den Mitteln von heute
machen. Ich habe Spaß dran - und glaube, Gott hat ihn mir gegeben. Wenn in
der Kirche mehr Leute täten, was ihnen im Einklang mit Gottes Willen Spaß
machen würde, sähe es schon viel besser aus. Die beste Werbung für den
Heiligen Geist sind begeisterte Leute.
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sagmal.de:
Franz von Assisi, war bekannt dafür, überall
seine Botschaft zu verkünden. Was würde er in der heutigen Zeit tun? Ein
Portal im Web eröffnen?
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Bruder Paulus:
Er würde mich zum Webmaster seiner Homepage machen und den klausurierten
Nonnen Internetanschlüsse auf die Zellen legen, damit sie mit dem Leid der
Welt besser verbunden sind, dass sie ja in ihren Gebeten lindern helfen
wollen.
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sagmal.de:
Wie kam es zu den Internetseiten?
Musste das eigentlich erst vom Papst genehmigt werden?
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Bruder Paulus:
Ich dachte mir: Was in Liebfrauen in Frankfurt konkret läuft, muss virtuell
abgebildet werden. Und so entstand die Idee mit der Kerze, die man im Netz
anzünden kann, dann kam der BILD Kommentar und schließlich der geistliche
Chatraum.
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sagmal.de:
Und wie internettauglich ist das Wort Gottes? Ich habe gehört, man kann
sogar schon im Internet beichten. Ist das noch im Sinne der katholischen
Kirche?
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Bruder Paulus:
Nee, beichten kann man nicht im Internet. Man kann ja auch nicht virtuell
küssen. Die besten Sachen bleiben immer konkret. Das Internet verbindet
Welten - und das will das Evangelium auch. Die kath. Kirche ist das schon
seit Jahrhunderten ein klar strukturiertes Netzwerk Gottes für die Welt -
einschließlich der Schmuddelecken, die es in jeder Geschichte gibt. Was Gott
selber mit solchen Netzwerken im Menschen bewirkt - das ist nun wirklich
seine Sache. Ich bin nur Werkzeug.
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sagmal.de:
Du kommentierst täglich die Schlagzeile der BILD-Zeitung.
Warum gerade sie? Warum nicht die FAZ oder die Süddeutsche?
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Bruder Paulus:
Die BILD weiß, wo es den Menschen weh tut.
Und das weiß die Bibel schon längst.
Ich blicke den Menschen gern ins Gesicht - und lese dann aus ihren
Fragen und Sorgen (und ihrem Geschwätz) heraus, was Gott heute wohl sagen
will. BILD ist der Anlass, die Bibel das Maß!
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sagmal.de:
Bei vielen deiner Kommentaren zu der jeweiligen Schlagzeile geht es um
bestimmte Einzelschicksale.
Oftmals betest du auch für die Betroffenen.
Gab es schon mal eine direkte Reaktion von den in der Schlagzeile
betroffenen Protagonisten?
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Bruder Paulus:
Nein, dafür bin ich zu unbedeutend.
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sagmal.de:
Was sagt die BILD-Zeitung zu deinen Rezensionen?
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Bruder Paulus:
Ich höre nichts konkret von denen.
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sagmal.de:
Was ist mit denen, die keinen Internetanschluss besitzen?
Verlieren die nicht langsam den Anschluss? Wird es vielleicht irgendwann nur
noch virtuelle Kirchenarbeit geben?
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Bruder Paulus:
Ach du liebe Güte, es wird immer kirchliche Arbeit geben auf allen Ebenen.
Man darf die eine nicht mit der anderen ausspielen. Sicher ist das Internet
ein wunderbares Medium. Aber die Printmedien und er der gute alte Brief sind
dadurch nicht schlechter. Richtig fände ich es, wenn alle Menschen
ungehndert Zugang erhielten zu Internet-Terminals.
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sagmal.de:
Paulus, wie wird man Kapuziner?
Damit meine ich nicht die technische Seite, also Ausbildung etc., sondern
der Impuls, sein Leben im Kloster zu verbringen. Wie war das bei dir?
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Bruder Paulus:
Ich habe als katholischer Durchschnittsmensch gelebt - und dann mit 16
entdeckt: Ich bin getauft. Die Taufe ist für mich das
Emanzipationssakrament. Ich sah ein: Es befreite mich aus der biographischen
Kralle und versetzte mich in das Leben des auferstandenen Christus. Von da
an wollte ich nur noch so befreit leben - kirchenbefreit sozusagen. Als ich
dann die Kapuziner kennenlernte, war mir klar: Die müssen es werden. Das ist
mein Leben: einfach, burschikos, klar, auf der Seite der einfachen Menschen.
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sagmal.de:
Hast du diesen Schritt, aus welchen Gründen auch immer, schon einmal bereut?
Vielleicht schon mal gedacht, wie schön es doch wäre, die Kapuzinerkluft
abends nach 17.00 Uhr abzulegen?
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Bruder Paulus:
Nee, ich bin gern Kapuziner. Ich wünschte mir, es jede Minute ernsthaft zu
leben. Betend und fröhlich und vor allem mutig im Einsatz für eine gerechte
Welt.
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sagmal.de:
In dem Zusammenhang fällt mir ein Witz ein, in dem ein katholischer Priester
den anderen fragt:
"Werden wir beide das Ende des Zölibats noch erleben"? Und der andere
antwortet:
"Wir bestimmt nicht, aber vielleicht unsere Kinder"?
Wunschtraum?
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Bruder Paulus:
Ich versteh gar nicht, was sich Leute, die es nicht Leben, über den Zölibat
aufregen. Muss man denn eine Partnerschaft eingehen? Offensichtlich nicht,
wenn ich die Zahl der Singelhaushalte ansehe. Muss man denn sexuelle
Beliebigkeit leben? Offensichtlich ja, wenn ich die Klagen derer richtig
verstehe, die sich geradezu gedrängt fühlen, von tollen Abenteuern zu
erzählen.
Ich traue dem Himmel zu, dass er mich glücklich machen kann. Und das tut er
auch und Gott gibt mir die Kraft, so auf ihn zu vertrauen, dass andere sich
trauen, zueinander zu sagen: Also wenn da ein Gott ist, der uns glücklich
machen kann, dann brauchen wir uns ja gar nicht gegenseitig den Himmel auf
Erden zu machen! Komm, wenn das so ist: Dann üben wir doch einfach
miteinander Vertrauen! Und hören wir auf, voneinander den Himmel auf Erden
zu erwarten. - Das Maß, wie das Leben in keuscher Ehelosigkeit um des
Himmelreiches will diskreditiert wird, ist dem Maß gleich, mit dem Treue in
Freud und Leid als Blödsinn betrachtet wird.
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sagmal.de:
Bist du privat auch im Web unterwegs?
Wenn ja, nur auf religiösen Seiten?
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Bruder Paulus:
Kaum, ich habe genug dienstlich damit zu tun und erfreue mich höchstens mal an
Kulturseiten.
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sagmal.de:
Wie finanzierst Du das Ganze?
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Bruder Paulus:
Durch Spenden. Mir sagen viele: Klasse, so
einen Weg unterstütze ich gern.
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sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
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Bruder Paulus:
Nein
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sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?
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Bruder Paulus:
Gott ist immer online.
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Das Interview wurde am 6.2.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Bruder Paulus Terwitte für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen |
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