Interview mit Michael Henning vom 18.2.2002
Planet Tegel

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Die Idee war, das "grenzenlose" und "offene" Internet zu benutzen, um einen "Blick" in diese isolierte Welt zu werfen - es von zu Hause am Computer "erfahrbar" zu machen.

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Michael HenningMichael Henning
1965 in Bonn geb.
Abi und Berufsausb.im grafischen Gewerbe.
1991 Gründungsjahrgang an der Fachhochschule Köln, Fachbereich Design.
1992 Praktikum im Art-Department bei Ben Van Os zu den Dreharbeiten von Peter Greenaways "Baby of Macon".
1993 Zwischenprüfungsprojekt: "Asyl & Design - 13 Quadratmeter", Ausstellung in der Kölner Fußgängerzone.
Ausstellung des Projektes im Museum für Angewandte Kunst, Köln.
Präsentation in der Hochschule für Gestaltung, Soloturn, Schweiz.
Vortrag zum Thema "Leben auf engem Raum" in der Hochschule für Gestaltung, Weimar.
Veröffentlichungen in der "form - Zeitschrift für Gestaltung".
1993 - 1994 Projekt "Szenen aus Europa" unter Beteiligung von Europäischen Film und Designhochschulen (Schweiz, Russland, Georgien, Deutschland, Belgien etc.)
Ausstellung des Projektes als Videoinstallation im Museum für Angewandte Kunst Linz, Österreich.
1992 - 1995 Studienreisen nach Südamerika
1994 Praktikum in der Trick/Grafik Abteilung des WDR in Köln.
1995 Studium am "Instituto Superior del Deseņo Industrial" in Havanna, Cuba. Projekt "Juegos".
Veröffentlichung der Arbeiten in der "form - Zeitschrift für Gestaltung"
1996 Diplomarbeit zum Thema "Cine-Point - ein interaktives Kinoinformationssystem".
Theoretische Arbeiten zu den Themen "Der Filmvorspann im Kinofilm"
und "Das manipulierte Bild".
Abschluß mit der Gesamtnote 1,0 und dem Titel Diplom-Designer.
Seit 1996 Projekte im Bereich Hypermedien, Internet und CD-ROM, unter dem Namen Designplus in Köln.
1998 Stipendium an der Akademie Solitude im Bereich Design (Juror: Gui Bonsiepe).
Projekte: "Das Schloß - eine Begegnung" und "Planet Tegel".
1999 Dozent für digitale Medien am SAE Institut in Köln
1998 - 2002
Projekte u.a. für:
Mannesmann, Deutsche Bank Private Banking, Optimedia, Renault Deutschland, T-Mobile (T-D1), SIG Combiblock, Bayer BKK, Quelle, Deutscher Konditoren Bund, Rheindata, Portfolio Concept, Tradeus, St. Antonius Krankenhaus, Zwo - die Agentur

Michael Henning ist Initiator und Leiter von Planet-Tegel, einem Projekt, dass sich mit dem Leben in der Vollzugsanstalt Tegel beschäftigt.

sagmal.de:
Michael, bei einer Vollzugsanstalt denkt man zuallerletzt an ein Internetprojekt. Wer oder was erweckte dieses aussergewöhnliche Projekt zum Leben und aus welchem Grund?

Michael Henning:
Das Projekt begann 1988 in Stuttgart. Ich bekam ein Stipendium in der Sparte Design in der Akademie Solitude. Dort werden internationale Künstler eingeladen für ein Jahr zu leben und zu arbeiten. Ich traf dort den Regisseur Roland Brus, der eine Theatergruppe in der JVA Tegel leitete und dort mit Gefangenen Aufführungen veranstaltete. Ich arbeitete gerade an einer Website, die das Schloß Solitude zum Thema hatte - frei nach Kafkas "Das Schloß" - als wir uns über unsere Projekte unterhielten. Mich interessierte die Situation der Gefangenen, der fast völligen Isolation und Ausgeschlossenheit von der Gesellschaft. Wie ich erfuhr ist die JVA Tegel eine Stadt in der Stadt, mit eigener Infrastruktur und gesellschaftlichem Mikrokosmos. Die Idee war, das "grenzenlose" und "offene" Internet zu benutzen, um einen "Blick" in diese isolierte Welt zu werfen - es von zu Hause am Computer "erfahrbar" zu machen. Wir wollten aber nicht werten oder sogar Partei ergreifen, das heißt die Unabhängigkeit unseres Projektes von der JVA - wie auch von einzelnen Gefangenen - war uns sehr wichtig.

sagmal.de:
Inwiefern haben Inhaftierte bei diesem Projekt mitgearbeitet, oder arbeiten sogar noch mit?

Michael Henning:
Von Anfang an arbeiteten Gefangene inhaltlich an diesem Projekt mit. Vor Beginn machten wir einen Aushang am Schwarzen Brett, das wir eine Internet-Gruppe gründen wollen und interessierten - möglichst aus allen Häusern - suchen. Die erste Gruppe traf sich regelmäßig, d.h. einmal die Woche, mit ca. 6 bis 8 Teilnehmern. Im Laufe der Zeit wurden daraus bis heute ca. 12 Leute. Allerdings ist von der ursprünglichen Gruppe heute nur noch einer dabei.

sagmal.de:
Wie muss man sich Eure Arbeitsbedinungen in Tegel vorstellen? Es war doch sicher nicht einfach, die erforderichen Genehmigungen zu bekommen, schliesslich dürfte so ein Projekt, auch oder gerade für eine Vollzugsanstalt nicht alltäglich sein.

Michael Henning:
Die Reaktion am Anfang war sehr reserviert, natürlich sind Initiativen von "draußen" willkommen, besonders wenn die Gefangenen etwas "lernen" können. Aber unser Projekt wurde als sehr ambivalent aufgefaßt - schließlich sind wir keine "Aquariumsgruppe" oder "Kochgruppe" gewesen (es gab auch explizit Vorbehalte gegen das Medium "Internet") Einigen Gefangenen wurde keine Erlaubnis erteilt teilzunehmen, oder ohne Angabe von Gründen, diese wieder entzogen. Wir haben Monate auf eine Fotoerlaubnis gewartet, es war sehr schwierig einen "guten" Raum für unsere Treffen zu bekommen. Alles in allem sind wir auf sehr viele Hindernisse gestoßen. Interessanterweise hat sich die Stimmung bei den Verantwortlichen geändert, als die Seite präsentiert wurde und ans Netz ging.

sagmal.de:
Habt Ihr selbst auch einmal Nächte hinter verschlossenen Türen verbracht? Oder wäre das dann doch zuviel Realitätsnähe?

Michael Henning:
Das ist - auch wenn wir es wollten - verboten. Allerdings wollten ein JVA-Bediensteter mich nach dem ersten Treffen in Tegel am Ende mit den anderen zurück zu den Zellen führen. Als Besucher hat man eine Besucherkarte dabei, das ist dann auch schon der einzige Unterschied zu den Gefangenen.

sagmal.de:
Und wie seid Ihr vorgegangen, wie habt Ihr mit den Inhaftierten gesprochen? In Gruppen, einzeln, unter Aufsicht?

Michael Henning:
Wir haben immer in Gruppen gearbeitet. Jeden einzelnen Schritt besprochen, die Aufgaben verteilt und auch einfach Brainstorming gehalten. Allerding ohne Aufsicht. Wir wurden nur von den Aufsehern hinbegleitet und wieder abgeholt.

sagmal.de:
Ich nehme an, in Berlin-Tegel gibt es nicht nur verurteilte Kleinkriminelle oder harmlose Steuersünder, die in Untersuchungshaft sitzen? Wer wird denn in Tegel alles weggeschlossen?

Das Tor Michael Henning:
Ich habe z.B. nie nachgefragt, warum einer in Tegel sitzt. Entweder spricht man irgendwann sowieso darüber, oder erfährt es auch auf Nachfrage nicht. Es spielte auch für die Arbeit am Thema keine große Rolle. Was man sofort erfährt, sozusagen beim Kennenlernen, das ist das Strafmaß. Von 2 Jahren bis Lebenslänglich hatten wir das ganze Spektrum in unserer Gruppe, darauf hatte wir auch Wert gelegt, nicht nur z.B. "Kurzstrafer" dabeizuhaben.

sagmal.de:
Inwiefern hat sich Deine Einstellung zu den Insassen im Laufe des Projekts geändert?

Michael Henning:
Mir war auch schon vorher klar, das zwischen uns und einem Strafgefangenen u.U. nur ein kleiner Schritt liegt. Je nachdem wieviel "Pech" oder "Glück" man so hat, kann das ganz schnell gehen. Dieses Gefühl wurde durch die Arbeit mit der Gruppe noch verstärkt. Ich merkte auch, das das System der Abschreckung (Strafandrohung) zumindest bei mir voll aufging.

sagmal.de:
Habt Ihr Kontakte geknüpft, die auch über die Dauer des Projektes hinausgehen?

Michael Henning:
Wir sind heute noch, eingeschränkt durch die Entfernung, da ich in Köln arbeite, noch im Kontakt miteinander.

sagmal.de:
Bestehen noch Kontakte zu bereits entlassenen, die am Projekt mitarbeiteten?

Michael Henning:
So viel ich weiß, bestehen noch Kontakte, aber keine Mitarbeit mehr.

sagmal.de:
Hast Du aus der Zeit im Knast irgendetwas behalten? Ein Gefühl? Eine Erinnerung?

Michael Henning:
Das stärkste Gefühl ist wohl das der Entmündigung. Beim ersten Mal geht man noch selber auf Türen zu und versucht diese zu öffnen. Bei zweiten Mal bleibt man zwei Meter vor der Tür stehen und wartet auf den Schließer, selbst wenn diese gar nicht abgeschlossen ist!

sagmal.de:
Ist in Deutschland der Vollzug an sich human?

Michael Henning:
Seltsamerweise habe ich mir den Vollzug härter vorgestellt, wahrscheinlich unter dem Einfluß amerikanischer Spielfilme. Aber ich kann nur sagen, das ich aufpassen werde, nie dorthin zu kommen. Human ist natürlich ein seltsames Wort für so etwas "bizarres" wie ein Gefängnis. Aber ich glaube man kann einen deutschen Knast im Vergleich zu einem südamerikanischen Knast ganz gut überleben (das meine ich wörtlich)

sagmal.de:
Was könnte verbessert werden?

Michael Henning:
Nachdem was ich mitbekommen habe, fehlt es an allem: die Vorbereitung auf ein Leben nach dem Knast ist denkbar schlecht. Es gibt zum Beispiel auch nur für einige Gefangenen Arbeit, die die keine haben, müßen den ganzen Tag auf ihren Zellen bleiben. Wahrscheinlich stimmt auch die Redewendung, das man erst im Knast kriminell wird.

sagmal.de:
Wird es von Dir weitere, aussergewöhnliche Projekte solcher Art geben?

Michael Henning:
Da ich das Projekt im Rahmen meines Stipendiums auf Solitude realisieren konnte, ist es heute natürlich schwierig, so ein Projekt - zumindest in diesem Umfang - nochmal zu initieren. Ein kleineres Projekt habe ich letztes Jahr zusammen mit der Literatur-Agentur "Undercover" und dem spanischen Autor Ray Loriga entwickelt: "Luces" die Website zu Lorigas letztem Roman "Tokyo liebt uns nicht mehr".

sagmal.de:
Seit wann interessierst du dich für das Medium Internet?

Michael Henning:
Seit meinem Studium am FB Design, so etwa 1994. Die erste Website die ich gesehen habe, war die der NASA, das war damals schon ein unglaubliches Gefühl. Zum ersten Male nicht "allein" vor seinem Rechner zu sitzen sonder Teil einer "Community" weltweit zu sein, also der Gedanke der "Vernetzheit".

sagmal.de:
Gibt es eine Webseite, die Dir besonders am Herzen liegt, ausser Deinen eigenen?

Michael Henning:
Es ist natürlich alles ständig in Bewegung. Aber es gibt tatsächlich eine Site, die frei nach dem Motto "dont imitate, innovate" arbeitet. Hier kann man sich regelmäßig "Inspirationen" holen.

sagmal.de:
Hast Du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Michael Henning:
War schon eine ganze Menge ;-)

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Tür zur Zelle Michael Henning:
Ich arbeite gerade, nach dreijähriger Abstinenz,
mit den Jungs vom Team Planet-Tegel an einer
Aktualisierung der Site.
Ich denke nach vier Jahren wird das auch Zeit.

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Das Interview wurde am 18.2.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Michael Henning für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen

 

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