Interview mit Ralph Segert vom 12.6.2000

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Zufall

ein paar Worte von Ralph Segert.
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Tausende von Web- und Grafikdesignern bemühen sich vergeblich, interessante und schnelle Webgrafiken zu erstellen


sagmal.de:
Natürlich muss ich dich dann auch fragen, was du von den Gestaltungsmöglichkeiten hältst, die zum Beispiel Flash bietet. Fast jeder, der sich Webdesigner schimpft, glaubt ja, Flash müsse auf jeder Seite vertreten sein. Auch deine Meinung?

Projekt Home Ralph:
Ich kann das nicht beurteilen. Es faellt schon auf, dass Flashfilme rasant zunehmen und dass Anfängerfehler genauso haeufig zu beobachten sind. Es ist so aehnlich wie damals mit den GIF-Animationen: Überall blinkte es. Ich habe das mal ganz freundlich in den "Hippen Tips für Homepagedesigner" auf die Schippe genommen ;-)

Aber es gab auch Perlen der GIF-Animation, genauso wie es seit geraumer Zeit viele Perlen von Flash-Filmen gibt. Flashdesign erfordert eine andere Denkweise, die sich nicht im Erschaffen von möglichst vielen Animationen erschöpfen darf, wenn man gut sein will. Es geht darum, Ideen in Bewegung umzuwandeln und den Faktor Zeit nicht zu unterschaetzen. Es geht darum, ein Gefuehl dafuer zu enwickeln, was man dem Betrachter an Geschwindigkeit, Sound und Interaktivitaet zumuten kann, ohne ihn abzuschrecken oder zu ueberfordern.

Flash aehnelt da ein wenig HTML: Da ist die abstrakte Ebene der "Schlüsselbilder", deren Anordnung animierte Szenen ergeben, da ist Code, der für Interaktivität sorgt. Da sind die technischen Einschraenkungen der Gestaltungsarbeit (ich denke an das schlechte Anti-Aliasing, das unausgereifte Farbmanagement, die fehlenden Hilflinien), die man umschiffen muss. Aber im Unterschied zu HTML erfordert die Arbeit mit Flash beträchtlich mehr konzeptionelle Vorarbeit. Ein HTML-Layout kann ich schnell umstellen, einen komplexen Flashfilm aber muss ich ein wenig mehr vorausgedacht haben, wenn er organisierbar sein soll. Man muss wissen, was man machen will und mit Phantasie, Erfahrung und Geduld virtuelles Leben erschaffen: Auf dem Trockendock, bevor man überhaupt anfaengt, die erste "Szene" aufzubauen. Wie sagte ein Freund neulich am Telefon, es ist wie im Theater, es geht um Dramaturgie.

Das wichtigste an Flashdesign ist eine sinnvolle Navigation, die mir für meine erste Auftragsarbeit sehr wichtig war. Ich habe für eine Software-Firma eine Produktpräsentation erstellt, die gleich in den ersten Sekunden die Wahl lässt (nur auf der CD-ROM, nicht in der Webversion): Hat der Betrachter wenig Zeit oder will er sich sofort ausfuehrlich informieren? Damit diese Wahlmöglichkeit auch schnell wahrgenommen wird, ist das Intro nicht laenger als 10 Sekunden. Und wenn der Betrachter zum Intro zurückkehrt, so findet er es nicht zum xten Male animiert vor.

Was ich sagen will: Schnelle Erreichbarkeit der Information, genuegend Wahlmöglichkeiten und die Eindeutigkeit der Navigationselemente sind Merkmale guter Flashfilme, wie auch die Option, Sound und Soundereignisse jederzeit abstellen zu können, zudem eine gewisse Garantie, dass ich nach verhältnismaessig langer Wartezeit auch das Ziel des Flashfilms erreiche, den Sinn und Zweck begreife.

Vor ein paar Wochen habe ich mich aus Neugier 2 mal am Bewerbungsspiel "Challenge-Unlimited" von Siemens versucht: Ein grafisch und programmiertechnisch aufwendiges Flashspiel, mit dem man sich bei Siemens bewerben kann. Ne gute Idee. Aber:

Nach dem ich mich durch Anmelde- und Loadingprozeduren durchgekaempft hatte, stuerzte das Spiel ab, bevor es richtig losging. Es gab dann keine Moeglichkeit, mich als registrierten Benutzer an den Anfang des Spiels zu hieven, so einfach darf das auch nicht sein. Ein paar Tage zuvor hatte ich das Spiel zum ersten Mal aufgerufen, irgendwie funktionierten da die Weiter-Buttons nicht. Dies ist nur ein Beispiel, dass manchem Konzeptionierer und Gestalter das Einfühlunsvermögen und der Sinn für die Situation des Besuchers abgeht.

Interessant an Flash ist nicht nur die Technik an sich, sondern auch das Drumherum, das im Web entsteht. Das Projekt www.flashworker.de ist ein gutes Beispiel: Eine hervorragende Anlaufstelle für alle angehenden Flashdesigner. Für mich persönlich ist es sehr spannend, dass auch neue Arbeitsbeziehungen entstehen. So hat Klaus Grotz von http://key-visual.de mir bei der Erstellung der oben genannten Demo-CD geholfen, in dem er mir z.B. "Tell Target" näher brachte, und das zu einem fairen Preis. Das so etwas spontan und unkompliziert möglich ist, zeigt, dass eine neue Technik mehr bewegt, als Bilder und Texte.

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sagmal.de:
Dein 7 Design teilt Webdesign in Raum, Grafik, Typographie, Farbe, Zeichen, Background, Interface. Ist das wirklich so einfach? Mehr muss ein guter Webdesigner nicht wissen?

7 Design, 7 Aspekte des Webdesign auf 7 SeitenRalph:
So einfach ist gut! :-) Nehme Raum: Schau Dir die Layouts vieler Sites an! Nehme Grafik: Tausende von Web- und Grafikdesignern bemühen sich vergeblich, interessante und schnelle Webgrafiken zu erstellen (es gibt aber sicher auch viele tausend, die es schaffen ;-)). Nehme Typographie: Was man allein mit dem Punkt als gestalterisches Element machen kann! Und welche Farbkatastrophen manchmal inszeniert werden, Du erinnerst Dich? Und wieviele Hintergründe noch an die Tapete in der Küche erinnern! Es scheint doch nicht so einfach zu sein. Vom Interface schweige ich lieber, hier lernt jeder staendig dazu, wenn er es ernst meint mit sich und den erwünschten Besuchern.

7 Design ist übrigens auf Anregung von Gerd Marstedt entstanden. Es ist ursprünglich für sein unglaublich umfangreiches und schönes Kulturprojekt Fine Site gemacht worden. Aufgabe war, die wichtigsten Gestaltungskriterien nicht nur zu erlaeutern, sondern gleichzeitig gestalterisch in Szene zu setzen.


sagmal.de:
Die Frage nach deiner Grundeinstellung zur Zukunft des Web muss gestellt werden. Was wird sich ändern, was muss sich ändern?

Ralph:
Stell Dir vor, ich lebe in den Tag hinein und denke wenig an die Zukunft. Die technische Entwicklung ist so rasant, dass das Denken und Fühlen kaum mitkommt. Mir ist nur wichtig, dass ich mich weiterhin relativ frei im Netz bewegen kann, ohne dass mir eine Schar von Anwaelten Abmahnungen schickt, ohne dass E-Commerce zur agressiven Marketingmaschine verkommt.

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sagmal.de:
Dein positivstes Erlebnis im Web?

Ralph:
Hm, es gibt keins, das ich bevorzugen wuerde. Insgesamt ist es die Lebendigkeit des Netzes, die mir die Möglichkeit gibt, meinen Lebensunterhalt als Freiberufler zu verdienen. Dafür bin ich dankbar. Und die ersten Erlebnisse bleiben in guter Erinnerung, als ich als verdammter Newbie nervende Fragen stellte und in kürzester Zeit von Peter Glaser und Stefan Münz hilfreiche Antworten bekam. Das war beeindruckend!


sagmal.de:
Und das negativste?

Ralph:
Tja, nervige und ungezielte Pressemitteilungen und Werbemails. Ich kämpfe da dummerweise gegen Windmuehlen, um meine E-Mail-Adressen aus Verteilern zu bekommen, die nur dem Zweck dienen, möglichst schnell Käufer und Besucher zu finden. Aber zum Glueck gibt es E-Mail-Filter.

Beunruhigend finde ich auch, dass das Verlinken nicht mehr selbstverständlich ist. Das erinnert mich an eine unzeitgemäße Unterordnung an "Obrigkeit", an die Aufgabe von Zivilcourage und unhinterfragte Anpassung. Mir grauts!

Nervtoetend ist seit Jahren auch die Schar der Dienstleister, die in immer gleicher Weise Webdesign verkaufen wollen und auf jeder ihrer Seiten dokumentieren, dass sie keine Ahnung davon haben. Das war vor 4 Jahren schon so, wie eine Kritik in KriT namens "In den Niederungen des Web-Business" zeigt.

Kundenabzocke ist Alltag im Web. Nicht, dass ich Konkurrenz nicht vertragen koennte, im Gegenteil, aber was die Goldgräber für einen Schaden anrichten für unser Geschäft, ist nicht zu unterschätzen, auch wirtschaftlich gesehen. Letztens rief eine Frau bei uns an, um ein Angebot für eine kleine Website einzuholen. Sie verriet mir, dass man ihr Angebote zwischen 500 und 13.500 DM gemacht hatte. Das spricht Bände, nicht?


sagmal.de:
Für mein Interview gibt es weder Obst noch Gemüse. Ich hoffe, die Beantwortung der Fragen hat dir trotzdem Spass gemacht?

Selbstbildnis Ralph Segert. Urteilen Sie selbst. Doch ein sanfter Rebell? Ralph:
Ja, es hat. Und ich finde Deine Sammlung an Interviews sehr beindruckend und freue mich, dass ich in der illustren Reihe vertreten bin.


sagmal.de:
Noch einen Schlußsatz?

Ralph:
Ich wuensche Dir fuer Dein Projekt weiterhin viele interessante Interviewpartner und freue mich schon, Deine Arbeit in der Geburtstagsausgabe des KriT-Letters vorzustellen. Bis dahin. :-)

Segert Webpublishing

http://krit.de
http://segert.net
http://rare.de
http://lomoon.com

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Am 25.7.2000 wurde mir von Ralph Segert für das gesamte Projekt sagmal.de...spuren im netz... der KriT Apfel Award verliehen.
Die Verleihung war mit einem Interview verbunden, das Ralph diesmal mit mir führte.

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Das Interview wurde am 12. Juli 2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.

Wir danken Ralph Segert für die Beantwortung unserer Fragen.
Die bei diesem Interview verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den aufgeführten Homepages entnommen.


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