Holger Reichard
Geboren 1966 in Wolfsburg. Nach kaufm. Ausbildung und mehrjährigem Angestelltenverhältnis folgt 1990 die Mitarbeit als Lektor, Texter und Buchhersteller beim EinfallsReich Verlag in Braunschweig. Ab 1993 freiberuflicher Werbetexter mit dem Schwerpunkt Direkt-Marketing. 1998 Neuausrichtung: zur Arbeit als Texter und Autor kommt die Internetgestaltung als neuer Haupttätigkeitsbereich hinzu.
Buchveröffentlichungen u. a.: im "Lexikon der prominenten Selbstmörder" (Lexikon Imprint Verlag, Berlin), "Ich bin, also schreibe ich" (edition sisyphos, Köln). Seit 2003 Aufbau und Betreuung der deutschsprachigen Website des amerik. Schriftstellers Tom Coraghessan Boyle: www.tcboyle.de.
Holger Reichard lebt mit Frau, Kind und Kater bei Braunschweig.
Sagmal.de:
Holger, am 01.08.2004 hast du das einjährige Bestehen deiner Fan-Website www.tcboyle.de gefeiert. Wieso ausgerechnet der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle?
Holger Reichard:
Um ehrlich zu sein, es hätte auch eine Website über Woody Allen oder Groucho Marx werden können. Ich wollte eine Website über einen Künstler ins Leben rufen, dessen Werk mich geprägt hat und mir viel bedeutet. Es gibt einige Persönlichkeiten, die dafür in Frage gekommen wären, aber nur eine, die meines Erachtens im deutschsprachigen Online-Angebot unterrepräsentiert war: T.C. Boyle. Die englischsprachigen Seiten - tcboyle.com und tcboyle.net - waren mir bekannt. Es lag nahe, mit tcboyle.de eine deutschsprachige Site aufzubauen, die das englischsprachige Angebot sinnvoll ergänzt, zumal das Interesse an Boyle hierzulande nicht gerade gering ist. Im Nachhinein muss ich sagen, dass sich meine Wahl als echter Glücksgriff erwiesen hat. Zum einen, weil T.C. Boyle selbst relativ häufig online unterwegs ist, um u. a. mit seinen Lesern, also auch mit meinen Helfern und mir, zu kommunizieren. Zum anderen gibt es über T.C. Boyle ständig etwas Neues zu berichten, jedes Jahr ein neues Buch, Lesereisen, Verfilmungen, Theater und noch vieles mehr. T.C. Boyle ist ein workaholic, ein Ende an neuen Themen nicht in Sicht. Eine riesige Spielwiese also, auf der es nie langweilig wird und die für viele Überraschungen gut ist. Dessen war ich mir anfangs gar nicht so bewusst. Inzwischen weiß ich jedoch: ein Woody Allen oder Groucho Marx hätte mir diese ständige Aktualität, diese Fülle und Vielfalt an Themen und auch die Möglichkeit, mit dem Verehrten öfter in Kontakt zu treten, nicht bzw. nicht mehr bieten können. Außerdem gab es über meine anderen kulturellen Helden bereits ein reichhaltiges, mitunter recht anspruchsvolles Informationsangebot im Internet. Eine weitere deutschsprachige Website über Woody Allen zum Beispiel wäre einfach überflüssig gewesen.
Sagmal.de:
Ich lese auch viele Bücher eines einzigen Schriftstellers, würde aber nie auf die Idee kommen, deswegen eine Website zu gestalten und zu betreuen. Wieviel Zeit investierst du in das Projekt?
Holger Reichard:
Eindeutig zuviel, wenn ich auf den unerledigten privaten und beruflichen Kram blicke, der sich auf meinem Schreibtisch stapelt. Aber es macht eben enormen Spaß, an tcboyle.de zu arbeiten und die Website auszubauen; auch nach zwei Jahren noch, wenn ich die knapp einjährige Vorbereitungszeit einmal hinzurechne. Glücklicherweise kommt dies meiner hauptberuflichen Arbeit wenigstens gelegentlich zu Gute, beispielsweise als Referenzobjekt. Es wäre natürlich schön, wenn ich noch mehr Freiheiten bekäme, an tcboyle.de zu basteln. Das ist aber Wunschdenken. Deshalb setze ich eher darauf, dass sich unter den Besuchern der Website irgendwann eine größere Eigendynamik in puncto Zuarbeit entwickelt. Allerdings muss ich selbst noch die Voraussetzungen dafür schaffen. Denn einstweilen nutze ich ja kaum die Möglichkeiten eines modernen Content Managements. Da kann, wird und muss sich mit der Zeit noch einiges ändern.
Sagmal.de:
Siehst du dich selber als Fan, der etwas Einzigartiges machen möchte?
Holger Reichard:
Wer soviel Zeit und Geld in eine Sache investiert wie ich in tcboyle.de, kann wohl schwer leugnen, ein Fan zu sein. Allerdings mag ich den Begriff FAN nicht, weil ich dabei stets an einen pubertierenden Teenager denken muss, der seinem Idol blind und unkritisch hinterher läuft und noch sein letztes Unterhemd für ein Autogramm gibt. So schlimm ist das bei mir nicht. Ich bewundere T.C. Boyle nicht wegen seiner Popularität, sondern weil mich seine Romane und Kurzgeschichten begeistern. Und wenn mir eines seiner Bücher weniger gefällt, wie zum Beispiel Riven Rock, spare ich nicht mit Kritik. Die Frage, ob ich etwas Einzigartiges gestalten möchte, kann ich mit einem klaren Ja beantworten. Vielleicht ist meiner Redaktion und mir das teilweise schon gelungen. Das mag ich selbst (noch) nicht beurteilen. Ich weiß aber, wohin ich mit der Website möchte und habe bislang nichts im Internet gefunden, das sich mit meinen Vorstellungen vergleichen lässt. Ob alle Ideen realisiert werden können, die ich mit mir herumschleppe, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt Papier. Aber wenn nur die Hälfte davon umgesetzt wird, wäre ich schon zufrieden.
Sagmal.de: www.tcboyle.de ist ja noch relativ jung. Wo siehst du die Website in fünf Jahren?
Holger Reichard:
Da lässt sich keine Prognose erstellen, weil es zu viele offene Fragen gibt. Wie entwickelt sich das Internet in den nächsten fünf Jahren und wie das Verhalten der Nutzer? Wie erfolgreich ist T.C. Boyle mit seinen nächsten Büchern? Wie wirken sich Verfilmungen wie demnächst die von The Tortilla Curtain (mit Kevin Costner und Meg Ryan) auf den Bekanntheitsgrad von T.C. Boyle aus? Inwieweit beachten die Medien unsere Website und erwähnen sie? Und welche Vorhaben gelingen uns selbst und welche nicht? Vieles kann tcboyle.de zu einem echten Erfolg werden lassen, vieles kann die Website auch aus der Bahn werfen. Oder aber es bewegt sich über Jahre hinweg gar nichts. Alles ist möglich. Letzteres wäre für mich allerdings ein Grund, die Website einzustellen oder abzugeben. Diese Gefahr ist zum Glück nicht in Sichtweite, soviel kann ich augenblicklich über die Zukunft von tcboyle.de sagen, mehr jedoch nicht.
Sagmal.de:
Immer, wenn man ein Buch zuklappt, hat man ein bestimmtes Gefühl. Hat es mir gefallen oder nicht? Hat eine Figur etwas in mir berührt? Vielleicht eine Intime Frage, aber: Was lösen seine Werke in dir aus?
Holger Reichard:
Sie lösen in mir den Wunsch aus, selber zur Feder zu greifen und etwas Sinnvolles zu schreiben. Ein schönes Kompliment für einen, der Bücher schreibt, denke ich. Aber es ist tatsächlich so: Als ich Wassermusik das erste Mal las, packte mich schon nach wenigen Kapiteln das Bedürfnis, selbst eine Geschichte zu verfassen. Bis heute haben Boyles Bücher diese Wirkung auf mich - eine hervorragende Medizin bei Schreibblockaden. Wenn du zu lange auf ein leeres Blatt Papier starrst, lese einfach ein paar Seiten Boyle und los geht's. Wird vermutlich nicht bei jedem funktionieren, aber mir hilft's. Eine andere Frage ist die, was mich an Boyles Büchern am meisten fasziniert. Zum einen natürlich die wortreiche Sprache. Zum anderen die Kunst, alle drei, vier Sätze eine bildhafte Beschreibung in die Geschichte zu schmuggeln, ohne dass es langweilig wird oder man das Gefühl hat, der Autor versackt in Wiederholungen. Boyle ist ein Meister der Metaphern. Last but not least liebe ich Boyles Figuren, insbesondere Typen wie Ned Rise (Wassermusik), Ty Tierwater (Ein Freund der Erde) oder Charlie Ossining (Willkommen in Wellville). Es sind Typen, die einem nicht unbedingt sympathisch sein müssen, Verlierer, Trottel, Halunken. Aber Boyle gelingt es stets, dass ich mich mit diesen Figuren identifiziere, mit ihnen hoffe, leide und am Ende der Geschichte fast immer sang- und klanglos untergehe.
Sagmal.de:
T.C. Boyle und dich mal nebeneinander gestellt: Siehst du Gemeinsamkeiten?
Holger Reichard:
Was für Gemeinsamkeiten? Wenn man uns nebeneinander stellt, sieht das eher aus wie Pat und Patachon. Der eine schlaksig, dünn und mit widerspenstiger Frisur, der andere ein wenig rundlicher, stämmig und mit gar keiner Frisur. Aber die Frage zielt wohl darauf ab, welche Gemeinsamkeiten es im Geiste gibt. Ich vermute, dass auch T.C. Boyle im Innersten ein Ned Rise oder Charlie Ossining ist. Anders gesagt: Wir haben in seinen Geschichten die selben Identifikationsfiguren. Mehr Gemeinsamkeiten kann ich erst einmal nicht entdecken. Und wenn ich mir Boyles Biographie ganz genau anschaue, würde ich dieser höchstens im zweiten Teil versuchen nachzueifern.
Sagmal.de:
Du hast T.C. Boyle im vergangen Jahr interviewen dürfen. Es ist ja immer etwas Besonderes, seinem, ich sage einfach mal Idol, persönlich zu begegnen. Wie ist es dir ergangen?
Holger Reichard:
Ein Interview war es nicht. T.C. Boyle war nur für wenige Tage in Deutschland und wurde quer durch's ganze Land gescheucht mit unzähligen Presseterminen, Foto-Shootings und Interviews. Selbst während der Zugfahrten wurden ihm Mikrofone und Diktiergeräte unter die Nase gehalten. Ich wollte ihm da nicht das erste Mal gegenübertreten und fragen: "Na? Lust auf ein Interview?" Es sollte ein zwangloses Treffen werden, bei dem man sich ein bißchen näher kennenlernt, Vertrauen zueinander gewinnt und sich locker über seine Bücher und das Internet unterhält. Ein solches Treffen ist es auch geworden. Und ich bin sicher, T.C. Boyle hatte seinen Spaß. Statt den vorher mit dem Verlag vereinbarten 30 Minuten hat er sich über eine Stunde für uns Zeit genommen. Soweit das Erfreuliche dieser Begegnung. Leider ist mein Englisch gnadenlos unterentwickelt. Das heißt, ich werde mich mit TCB nie so unterhalten können, wie ich es mir wünsche. Zwar habe ich kein Problem damit, meine spärlichen Fremdsprachenkenntnisse zum Besten zu geben und einfach mal drauf los zu quatschen, aber das gilt lediglich für den Smalltalk im Urlaub. Wenn ein Meister der Sprache vor dir sitzt, ist das etwas Anderes. Bei mir zumindest. Ich glaube, ich habe nur das "Hi TC" und "see you again" richtig überzeugend 'rübergebracht und mich ansonsten auf die Kompetenz der anwesenden Dolmetscher verlassen. Das war für mich in gewisser Weise schon frustrierend, hält mich aber nicht davon ab, ein weiteres Treffen mit T.C. Boyle ins Visier zu nehmen.
Sagmal.de:
Weißt du etwas über ihn, was der Normalfan nicht weiß und du mit uns teilen kannst?
Holger Reichard:
Nein. Es gibt eine sehr beschauliche eMail-Korrespondenz zwischen uns und darin ist nichts enthalten, was für andere Leser von Bedeutung wäre. Bekäme ich von ihm oder dem Hanser Verlag Informationen, die nicht oder noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, würde ich damit entsprechend vertraulich umgehen. Alles andere packe ich sofort auf die Website.
Sagmal.de:
Was würdest du am liebsten mal in Verbindung mit tcboyle.de machen oder erleben?
Holger Reichard:
Mein Wunsch wäre es, mich einmal mit T.C. Boyle in seiner Lieblingsbar Peabody's in Santa Barbara zu verabreden, gemeinsam ein paar Bierchen 'runterzuspülen und über verschiedene Sachen zu reden, die einem durch den Kopf gehen. Am besten noch mit einigen Messagistas aus dem US-Forum, von denen ich bereits eine Einladung erhalten habe. Allerdings setzt ein solches Treffen ein gesundes Bankkonto voraus sowie die Fähigkeit, fließend Englisch zu sprechen und zu verstehen. Bleibt also erst einmal ein unerfüllter Wunsch.
Sagmal.de: Fans wissen, dass Werner Richter, der ja fast alle Bücher T.C.Boyles ins Deutsche übersetzt hat, aller Wahrscheinlichkeit keine Boyle-Werke mehr übersetzen wird. Hat das auf dich persönlich irgendwelche Auswirkungen?
Holger Reichard:
Was die Freude an Boyles Büchern betrifft, hat es für mich wohl keine großen Auswirkungen. Mir erschließen sich die Originalwerke von T.C. Boyle nicht, insofern bin ich kaum in der Lage, die Arbeit der Literaturübersetzer zu beurteilen. Der Roman Willkommen in Wellville (dt. von Annette Grube) zum Beispiel soll in der Übersetzung einige Schwächen haben, die mir selbst jedoch nie aufgefallen sind. Im Gegenteil: Willkommen in Wellville zählt neben Wassermusik und World's End zu meinen Lieblingsbüchern. Deshalb mache ich mir über den zukünftigen Boyle-Übersetzer keine Sorgen, zumal der Hanser Verlag meines Wissens einen kompetenten Nachfolger für Werner Richter gefunden hat. Dennoch bedauere ich die Trennung von Werner Richter sehr, weil er einen großen Anteil am Zustandekommen von tcboyle.de hat. Er war mein erster Ansprechpartner, hat den Kontakt zu T.C. Boyle hergestellt und mir immer wieder Auftrieb gegeben, wenn mir Zweifel kamen. Zudem ist es doch eine hervorragende Sache, wenn so eine kompetente und interessante Persönlichkeit wie Werner Richter in unserem Forum Rede und Antwort steht. Abgesehen von allem Zwischenmenschlichen, das es ja auch noch gibt, wurde unsere Website schon allein durch seine Anwesenheit erheblich aufgewertet. Ich hoffe natürlich, dass unser Kontakt zu Werner Richter durch die Trennung von Hanser nicht ganz verloren geht. Auch wenn er nicht mehr für Boyle als Übersetzer tätig ist, so bleibt er doch nach wie vor sein Entdecker für den deutschen Sprachraum und Übersetzer von vielen außergewöhnlichen Boyle-Romanen und Kurzgeschichten. Seinem Nachfolger werden wir deshalb aber nicht reserviert gegenüberstehen. Ganz und gar nicht. Ich hoffe, dass es auch mit ihm zu einer Zusammenarbeit kommt, von der alle Seiten profitieren.
Sagmal.de: A propos profitieren. Wäre eine Kommerzialisierung von tcboyle.de denkbar?
Holger Reichard:
Nein. Ich bin lange genug im Internet unterwegs, um zu wissen, dass sich mit einer Website wie tcboyle.de direkt kein Geld verdienen lässt. Zumindest nicht in der Größenordnung, dass sich Kosten und Arbeitsaufwand amortisieren. Aber das ist auch nicht mein Anliegen. tcboyle.de ist ein Kind der Leidenschaft - und soll es bleiben. Insofern werde ich mich hüten, die Site mit Bannern und Popup-Fenstern zuzukleistern, zumal der unaufdringliche Charakter der Website von Besuchern immer wieder lobend erwähnt wird. Was möglich ist und was ich auch anstrebe, ist eine Professionalisierung der Seiten. Darunter verstehe ich eine Site, die nicht nur Informationen für Fans bietet, sondern auch von Lehrern, Journalisten und Studenten gewinnbringend genutzt werden kann. Sollten dabei einmal ein paar Euro für mich herausspringen, wird das eh gleich wieder in Bücher und in tcboyle.de reinvestiert. Viel wichtiger und interessanter sind die Kontakte und Erfahrungen, die sich aus der Arbeit an der Website ergeben, die sind sowieso unbezahlbar.
Sagmal.de: Zum Abschluss die Standardfrage. Welches seiner Werke gefällt dir am besten und warum?
Holger Reichard:
Wassermusik. Es bietet alle Vorzüge, die ich oben schon erwähnte, und ist überdies noch unglaublich spannend. Beim ersten Mal habe ich den ganzen Roman in zwei Tagen verschlungen, was bei mir als Langsamleser schon was heißen soll. Es gibt eine interessante Besprechung von Fritz J. Raddatz über dieses Buch. Er schrieb in der ZEIT, dass Wassermusik eine funkelnde Nummernrevue ist, ein flirrendes Riesenrad, wo in jeder Gondel die dickste Frau der Welt sitzt. Dem möchte man eigentlich nichts mehr hinzufügen.
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