
Michael H. Ragwitz, 49, Dipl.-Archivar und Freier Journalist in
Mecklenburg-Vorpommern. In glücklicher Lebensge- meinschaft mit Frau
Alfreda, Kinder: Tochter (23) und Sohn (19) aus gesch. Ehe,
Internet-Besessener und immer auf der virtuellen Suche, Musik-Fan von
Jazz über Harald Juhnke bis Film-Musik, leidenschaftlicher
Zeitungsleser. Michael ist Gründer und Betreiber des Mecklenburger Redaktionsbüros MHR.
*** Manche sogenannten
Online-Magazine sind nicht das HTML wert, mit dem sie geschrieben sind.
Andere wieder verkörpern einen ganz soliden Journalismus und haben es
zudem viel schwerer, ihr Produkt auch wirklich publik zu machen.
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sagmal.de:
Michael, auf deiner Seite steht u.a. Oberarchivar Michael H. Ragwitz.
Was bitte ist ein Oberarchivar und was genau macht er?
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 Michael H. Ragwitz:
Damit sprichst Du eine Tatsache an, die teils belächelt, teils bestaunt
wird. Der "Oberarchivar" rührt noch aus meiner "aktiven" Zeit als
Archivar. Ich war lange Jahre als solcher in Diensten der thüringischen
Justiz tätig und habe den Titel "Oberarchivar" wegen besonderer
Leistungen in meinem Beruf erhalten. Ein Oberarchivar tut also im
allgemeinen nichts wesentlich anderes als seine Berufskollegen, hat aber
vielleicht ein wenig mehr Ideen und Initiativen in der Berufsausübung
entwickelt. Auch, wenn der Titel noch ein Relikt aus DDR-Zeiten ist,
halte ich an dem fest, denn ich kann für mich in Anspruch nehmen, diesen
nicht wegen einer (nicht vorhandenen) Parteizugehörigkeit, sondern
tatsächlich wegen besonderem Engagement im Archivwesen erhalten zu
haben.
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sagmal.de:
Wie findet man als Online-Journalist seine Zielgruppe?
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Michael H. Ragwitz:
Man wird es kaum glauben, aber das ist natürlich das Medium Internet. Um
Fuß im Online-Journalismus zu fassen, muss man erst einmal über die
entsprechenden Kontakte verfügen. Die habe ich mir durch das "Studium
der Internet-Seiten" nach und nach geschaffen. Im Zweifelsfalle bzw. bei
Interesse habe ich einfach einmal angefragt und es haben sich u.U.
Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben. Das ist im wesentlichen auch
heute nicht anders. Mindestens drei Stunden meiner täglichen Arbeit
gehen in allgemeiner Recherche nach neuen Themen und Kontakten auf. Man
muss am Ball bleiben und wissen, was in der "Szene" los ist, wenn man es
einmal bildlich sagen will.
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sagmal.de:
Du schreibst Texte für die Suchfibel, Dr. Web und andere bekannte
Seiten im Web. Welche besondere Form des Journalismus, welche andere
Form des Schreibens braucht es im Web?
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Michael H. Ragwitz:
Ich möchte noch gar nicht einmal von einer besonderen Form des
Journalismus sprechen. Man muss aber, denke ich, das neue Medium
begreifen, für das man schreibt. Im Internet muss man kürzer und prägnanter schreiben, mehr abstrahieren und auch verstehen, die Möglichkeiten(Verlinkung usw.) einzusetzen, die dort geboten werden. Das heißt aber bitte nicht, dass man das jetzt für den Print-Bereich genau
umkehren darf. Auch dort muss man auf den Punkt kommen. Im Internet
klickt der Leser bei Langweilern aber schneller weiter als er in einer
Zeitung umblättert...
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sagmal.de:
Es war ja noch nie so einfach, journalistisch tätig zu werden wie
jetzt im Web. Wer braucht denn die herkömmliche Journaille noch?
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Michael H. Ragwitz:
Eben diese Tatsache wird gelegentlich im Kreise der Berufskollegen
heftig diskutiert. Jeder, der seinen Namen und zwei Fremdwörter
schreiben kann, versucht sich als Online-Redakteur oder dichtet sich
plötzlich den Titel Chefredakteur an und sich auch noch so fühlen. Was
da teilweise für Stilblüten heraus kommen, ist allgemein bekannt.
Schlimm nur, das Kunden auch auf solchen "Kunden" herein fallen und dann
den professionellen Journalisten buchstäblich den Job wegnehmen, weil
sie auch mit Dumping-Honoraren auf Kundenfang gehen. Teilweise wird im
Internet mit übelstem Guerilla-Journalismus hantiert, der nicht viel zur
Ehre der Zunft beiträgt. Der herkömmliche (Print-) Journalismus muss da
oft einspringen, um eben diese Ehre zu retten und ist aus meiner Sicht
auch auf Dauer unverzichtbar, weil das Printmedium wohl immer seine
Berechtigung haben wird. Das Wort Journaille siedle ich übrigens mehr im
Yellow-Press-Bereich an.
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sagmal.de:
Begreifen denn die alteingesessenen Journalisten, dass sie mit dem
Internet eine Chance haben, ein spezielles Publikum zu erreichen?
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Michael H. Ragwitz:
Da kann ich nur aus eigener Erfahrung sprechen, vielleicht aber auch für
den einen oder anderen Kollegen. Viele haben nur intuitiv die neue
Chance im Internet begriffen und versuchen, da hinein zu kommen, um
ausreichend zu verdienen. Die verkaufen sich aber auch sehr schnell an
Arbeitgeber, die im Internet nur die schnelle Mark machen wollen und
dementsprechend (wenig) üppig bezahlen und (wie oftmals bei
Anzeigenblättern) auf Journalismus keinen großen Wert legen. Andere
haben sehr wohl die ungeahnten Möglichkeiten des neuen Mediums begriffen
und versuchen sich damit ein weiteres, solides berufliches Standbein
aufzubauen und arbeiten sich zielgerichtet in die neue Materie ein.
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sagmal.de:
Sind Onlineredaktionen nur billige Ableger der Printredaktionen?
Online-Journalisten demzufolge auch nur Journalisten zweiter Klasse?
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Michael H. Ragwitz:
Das reflektiert ein wenig auf die vorige Antwort und kommt ganz auf die
Ansprüche der Macher von Online-Redaktionen oder derer an, die die Knete
dafür verteilen. Seriöse Printredaktionen werden in der Regel auch
seriösen, gut recherchierten Online-Journalismus betreiben und ihre
Online-Redakteure ganz bestimmt nicht als Journalisten zweiter Klasse
behandeln und natürlich auch entlohnen. Es ist bei Print und Online im
übrigen gleich: Es gibt solche und solche... Manche sogenannten
Online-Magazine sind nicht das HTML wert, mit dem sie geschrieben sind.
Andere wieder verkörpern einen ganz soliden Journalismus und haben es
zudem viel schwerer, ihr Produkt auch wirklich publik zu machen.
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sagmal.de:
Verkommt das Internet immer mehr von einer Idee zu einem
kommerziellen Konzept? Werden Inhalte nur noch am möglichen Gewinn
gemessen?
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Michael H. Ragwitz:
Im Detail kann man durchaus diesen Eindruck erhalten. Alle Welt baut
wundervolle Online-Schlösser auf, investiert viel Geld hinein und muss
später resignieren und wieder von dannen ziehen. Ein Internet-Konzept
funktioniert eben nur in der sinnvollen Kombination von Angebot und
Aufmachung. Allein mit welcher Gewissenlosigkeit manche Online-Shops ans
Werk gehen und den potenziellen Kunden mit Werbung und Effekten platt
machen - was soll daran im Interesse der Kunden sein? Seriosität
zeichnet sich für mich vor allem durch schlichte Eleganz des Webdesigns,
beste Navigierbarkeit und Sicherheit hinsichtlich der Kundendaten sowie
eine ausgewogene, zielgruppenorientierte Online-Redaktion aus. Von
hundert willkürlich ausgewählten (kommerziellen) Websites weisen das
aber vielleicht gerade mal drei aus. Wohl gemerkt, das ist meine Sicht
der Dinge. Was den Kommerz und Gewinn betrifft, so stelle ich fest, dass
die Tendenz zu kostenpflichtigem Content im Internet dem Sinn des
Mediums, zu verbinden, entgegen steht. Im Shop sollen die Waren ihr Geld
kosten, Text-Inhalte aber müssen frei zugänglich bleiben und über andere
Kanäle finanziert werden.
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sagmal.de:
Gibt es deiner Meinung nach eine richtige Kultur im Web?
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Michael H. Ragwitz:
Ja, es gibt Websites, die eine hohe Kultur in Design und Text
verkörpern. Das trifft auf alle Bereiche zu. Hier haben engagierte
Macher oft mit viel Idealismus ganz hervorragende Informations-Angebote
aufgebaut. So habe ich auch meine beruflichen Kontakte geknüpft. Was mir
wissenswert und gut erschien, da habe ich angefragt, meist mit Erfolg.
Oft unterliegt man aber auch dem Drang, möglichst viel auf eine Website
zu packen und diese in ihrer Gesamtheit nicht zu strukturieren. Das
lockt den Besucher eher fort. Klick - und weg!
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sagmal.de:
Wird auf sehr vielen Seiten nicht zuviel Wert auf visuelle Eindrücke
gelegt und zuwenig auf Inhalte?
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Michael H. Ragwitz:
Eben das wollte ich mit der vorigen Antwort auch ansprechen. Der
Internet-Dilettant setzt auf blinkende Buttons, viele bunte Schriften,
vordergründige "Ansprachen" an den Benutzer und Fotos, die an- und oft
auch ausziehen. Klar kann oder muss niemand ein exzellenter Webdesigner
und Online-Journalist in einem sein. Aber das Bemühen in einer der
beiden Kategorien muss mit dem Können in der anderen einhergehen.
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sagmal.de:
Wo findet man den Oberarchivar, wenn er am surfen ist? Verrätst du
uns ein paar deiner Anlaufstellen?
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Interviewter:
Den Oberarchivar können wir spätestens hier weglassen. Eigentlich bin
ich überall und nirgends. Wie gesagt, ich surfe täglich mindestens drei
Stunden am Stück im Netz, hole mir Anregungen, hier und da auch ein
Auge... Natürlich habe ich auch meine festen Anlaufstellen im Netz, die
sich auf laufende Aufträge von mir beziehen. Das sind vor allem
News-Redaktionen, (gute) Online-Magazine und auch Auftragsbörsen. Wenn
ich dann mal eine ganz besonders prägnante Website aus allen
Wissensgebieten entdecke, landet sie sofort in meiner reichlich
bestückten und gut strukturierten Favoriten-Liste.
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sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
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Michael H. Ragwitz:
Na logo, das Thema gibt garantiert noch hundert Fragen und Antworten
her. Aber Du weißt doch: In der Kürze liegt die Würze...
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sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?
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Michael H. Ragwitz:
Vielleicht: Alle Kraft dem Internet, aber bitte nur so viel, dass auch
das reale Leben noch etwas abbekommt!
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Das Interview wurde am 29.11.2001 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Michael H. Ragwitz für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen |
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