Interview mit Robert John und Daniel Sickert vom 21.2.2002
Robert John und Daniel Sickert
Robert John (27), Studium der Soziologie, Politik und Philosophie in Dresden, Daniel Sickert (24), Studium der Materialwissenschaft in Dresden.

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Wir dachten uns, dass es vielen zu umständlich ist, die gesamte Presse zu durchstöbern, dass sie aber auf persönliche Empfehlungen hin gern ein paar Artikel lesen

Logo www.Pickings.de ... Studenten aus Dresden, haben lange sehr viel Zeitung gelesen und dabei schnell gemerkt, dass das intensive Lesen einer Zeitung demotivierend wirken kann. Vor allem deshalb, weil Zeitungen das aktuelle Zeitgeschehen nachzeichnen, die Muster dafür aber täglich die gleichen sind. Außerdem ist es mühsam, sich immer durch den Wust von Informationen zu kämpfen, die einen nicht interessieren, zu sehr aufregen, in Rage versetzen, wütend machen, usw.
Als sie sich dann gegenseitig Zeitungsartikel empfohlen haben, stellten sie sehr schnell fest, dass es durchaus viel spannender ist, von jemandem für gut befundene Artikel zu lesen und einfach darauf zu vertrauen, dass es sich lohnt, diesen Text zu lesen. Die weitere Entwicklung verlief dahingehend, dass sie sich täglich vier, fünf Artikel empfohlen haben und damit völlig zufrieden waren, viel zufriedener, als eine ganze Zeitung selbst lesen zu müssen. Natürlich mussten sie sich zu Anfang eingestehen, dass sie, wenn sie alle an einem Tag eine Zeitung lasen, durchaus andere Artikel lesenswert fanden. Allerdings wurde das schnell damit kompensiert, dass der Artikel von dem jeweils anderen, ebenso lesenswert war. Sie haben sich schnell damit abgefunden und es sogar genossen, nur noch wenige empfohlene Artikel zu lesen. Sie haben dem anderen vertraut, dass er interessante Artikel empfiehlt und sie haben sich selbst vertraut, dass es am Ende gar nicht so wichtig ist, welchen konkreten Artikel man liest, sondern dass es viel mehr Spaß macht, einfach gute Artikel zu lesen. Freilich ist es nicht völlig egal, welche Artikel empfohlen werden, da könnte man ja auch nach dem Zufallsverfahren vorgehen. Sie haben schon den Anspruch, dass die Artikel kompetent, qualitativ hochwertig und schön geschrieben sind, interessante Ideen oder gut begründete Meinungen beinhalten.
Diesen Service wollten sie bald nicht mehr missen, was sie dazu bewogen hat, eine Website einzurichten.

www.Pickings.de

sagmal.de:
Robert, Daniel, muss ich mir, dank Pickings.de, in Zukunft keine Tageszeitung mehr kaufen?

Daniel:
Bloß nicht, dann wären eine Menge Leute ziemlich sauer auf uns. Außerdem bieten wir längst nicht den Inhalt einer kompletten Tageszeitung. Wer bisher eine liest, wird in Pickings eine Ergänzung finden.
Robert:
Allerdings ist es umgekehrt auch nicht nötig, eine Zeitung zu abonnieren, wenn man bis jetzt ohne auskommt.

sagmal.de:
Was genau erwartet den Besucher auf Pickings.de?

Daniel:
Unser Kernangebot sind die täglichen Artikelempfehlungen aus den großen deutschsprachigen überregionalen Tages- und Wochenzeitungen. Wir halten Ausschau nach guten Artikeln zu den Themen Politik, Gesellschaft und Kultur. Dabei soll das große Meinungsspektrum in der Presse gezeigt werden.
Robert:
Die Auswahl der Texte ist eine völlig subjektive. Dabei sollen es vor allem Texte von "Dichtern & Denkern“ sein, die das Lesevergnügen wecken und dabei einen großen Informationsgehalt haben. Neben der Presseschau bietet Pickings noch eine Auslese aus dem Radio- und TV-Programm.

sagmal.de:
Und wer genau sind die "Macher" der Seite?

Robert:
Wir sind zwei Studenten aus Dresden, die die Redaktion betreuen und die technischen Aufgaben lösen. Hinzu kommen noch einige Mitarbeiter, die uns mit Tipps versorgen, Texte für den „Sonntag“ und das Radio- oder TV-Programm schreiben.

sagmal.de:
Erzählt Ihr uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Pickings?

Ich habe immer nur eine regionale Zeitung gelesen und die auch nur unregelmäßig.

Daniel:
Ich habe immer nur eine regionale Zeitung gelesen und die auch nur unregelmäßig. Mir wurden dann von Robert ab und zu Artikel geschickt, die ich in der Mehrzahl sehr interessant fand und deren Niveau ich in der Regionalpresse vermisste. Irgendwann wurde die Idee geboren, diesen Service im Internet anzubieten. Seit Mai letzten Jahres sind wir damit online. Wir dachten uns, dass es vielen zu umständlich ist, die gesamte Presse zu durchstöbern, dass sie aber auf persönliche Empfehlungen hin gern ein paar Artikel lesen. Das Persönliche fehlt natürlich zunächst im Netz. Aber mit der Zeit wird Pickings vielleicht für einige Leser so vertraut, dass unsere Empfehlungen einen persönlichen Charakter erhalten.

sagmal.de:
Nach welchen Kriterien sucht Ihr eine Zeitung aus? Wie entscheidet Ihr, welcher Artikel von welcher Zeitung gelesen wird?

Robert:
Wir haben kein besonderes Kriterium, nach dem wir die Zeitungen ausgewählt haben. Neben den Tages- und Wochenzeitungen sind das auch Onlinepublikationen oder monatlich erscheinende Zeitungen, wie etwa die Le Monde Diplomatique. Es ist sehr schwierig zu erklären, wie entschieden wird, welche Artikel wir aus der Fülle des Angebotes lesen. Jeder Artikel, der in der Presseschau erscheint, wird jedenfalls vollständig vom „Schlussredakteur“ gelesen, der dabei natürlich stark nach seinem persönlichen Interesse geht. Ein besonderes Augenmerk liegt aber auch auf heiß diskutierten, wie auch vergessenen Themen. Wenn sich Debatten entwickeln, verfolgen wir sie. Die Voraussetzung ist dabei immer, dass die Artikel online zugänglich sind.

sagmal.de:
Hat sich euer Lesen auf Grund der aktuellen politischen Lage geändert?

Daniel:
Wenig. Ich suche allerdings verstärkt Themen, die vom alles überschattenden Irakkonflikt verdrängt werden und mir dennoch bedeutsam erscheinen. Die journalistische Kapazität und Aufmerksamkeit ist natürlich stark verzerrt, weshalb es schwierig ist, gute Artikel zu anderen Themen zu finden.
Robert:
Ja natürlich. Da gibt es kein Entkommen. Die Zeitungen sind voll davon. Wenn Du allerdings nach unserer Einstellung zur aktuellen politischen Lage fragst, sind wir mittlerweile über alle politischen Standpunkte gut informiert, dass wir uns eine eigene Meinung durchaus zutrauen. Von unserer Meinung lebt größtenteils auch unsere Presseschau.

sagmal.de:
Macht Ihr mit eurer Auswahl der Artikel auch Politik im weitesten Sinn? Seht Ihr euch als Meinungsmacher?

Robert:
Im weitesten Sinn machen wir nichts anderes als Politik. Meinungsmacher sind wir aber keinesfalls. Als „liberale Ironikerinnen“ (Richard Rorty) geht es uns nicht um die Wahrheit, sondern um die Vermeidung von Grausamkeit. Vielleicht tragen unsere Textempfehlungen etwas zu einer Steigerung der Empfindungsfähigkeit der Menschen untereinander bei.
Daniel:
Indem wir die Texte nicht ausgewogen auswählen und kommentiert empfehlen, zeigen wir natürlich eine eigene Meinung. Wir können Multiplikatoren für Gedanken sein, die uns besonders wertvoll erscheinen. Die wirklichen Meinungsmacher sind aber die Journalisten und Autoren selbst.

sagmal.de:
Gibt es irgendwelche Reaktionen oder Unterstützung von den betreffenden Zeitungen?

Robert:
Unterstützung gibt es keine. In gewisser Weise ist es vielleicht Unterstützung genug, dass die meisten Artikel noch kostenlos im Netz zu lesen sind. Wäre das nicht so, würde es unsere Seite nicht geben. Allerdings könnten wir uns vorstellen, in das Onlineangebot einer Zeitung eingebunden zu sein und weitere Serviceleistungen anzubieten.

sagmal.de:
Auf eurer Seite gibt es den Hinweis auf "copyleft love and theft" Was muss man sich darunter vorstellen?

Liebe und Diebstahl. Nichts anderes machen wir auf unserer Seite.

Robert:
Das Copyright von Pickings besteht aus dem Copyleft. Das kommt aus dem Softwarebereich, findet aber mittlerweile auch bei geschriebenem Text Anwendung und bedeutet, dass auf unserer Seite völlig frei kopiert werden darf. Copyleft love & theft ist eine eigene Wortschöpfung, die das Prinzip des Copylefts bestens beschreibt. Liebe und Diebstahl. Nichts anderes machen wir auf unserer Seite.

sagmal.de:
Was ist das Web für euch, außer einer riesigen Datenbank voller Artikel?

Robert:
Das Internet ist für uns das, was für Woody Guthrie (1912-1967) seine Gitarre war: This Machine Kills Fascists.
Daniel:
In weniger starken Worten: das Internet ist ein Instrument für die Aufklärung der Menschen, die Zugang dazu haben und es benutzen. Es erhöht die Reichweite von Gedanken wie damals die Erfindung des Buchdrucks. Es zwingt allerdings niemanden zum lesen ...

sagmal.de:
Auf welchen Seiten findet man euch, wenn Ihr nicht auf Artikelsuche seid?

Robert:
Wenn ich nichts zu lesen habe, dann höre ich Musik, vorzugsweise Radio Caroline. 1964 hat der damals 27jährige Ire Ronan O'Reilly diesen Sender gegründet, weil kein Sender die Musik gespielt hat, die er hören wollte. Allerdings war Anfang der 60er Jahre privates Radio verboten, dass O’Reilly vom Meer außerhalb der britischen Hoheitszone sendete. „Damit war der Seesender Caroline geboren, der seit dem 29. März 1964 von teilweise ziemlich abwrackreifen Schiffen mit dafür umso stolzeren Antennenmasten der englischen Jugend zeigte, was Radio wirklich sein konnte.“ Weiter kann diese Geschichte von Wolf-Dieter Roth hier: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/musik/3631/1.html gelesen werden.
Daniel:
Ich stöbere gern in einigen Weblogs rum. Ein guter Ausgangspunkt dafür ist http://weblogcheckup.de/.

sagmal.de:
Habt Ihr bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Robert:
Als kleinen Ausblick in die Zukunft können wir noch verraten, dass wir planen, über die Presseschau hinaus, für unsere Leser die Möglichkeit anzubieten, selbst Artikel zu empfehlen. Dann muss sich zeigen, welche Artikelsammlung die bessere ist.

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Daniel & Robert:
Wir wünschen Dir bei allen noch kommenden Interviews weiter so viel Spaß und Erfolg, wie in den zurückliegenden zu finden ist und danken für das Gespräch.

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Das Interview wurde am 21.2.2003 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Robert John und Daniel Sickert für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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