Interview mit Sabrina Ortmann vom 23.3.2001
Sabrina Ortmann Sabrina Ortmann,
geb. 1972, lebt als freie Journalistin für Print- und Online-Medien in Berlin. Studium der Neueren Deutschen Literatur, Geschichte und Soziologie in Berlin. Ihre Magisterarbeit schrieb sie zum Thema „Literatur im Netz und Netzliteratur“. Zahlreiche literarische Veröffentlichungen in Anthologien, Literaturzeitschriften und im Internet. Seit 1998 ist sie Mitherausgeberin des Internet-Literaturprojektes Berliner Zimmers.

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Wir wollten im Berliner Zimmer ein Literaturprojekt realisieren, das der Schnelligkeit des Mediums Internet gerecht wird.

sagmal.de:
Sabrina, was ist ein Berliner Zimmer?

Berliner Zimmer Sabrina Ortmann:
Ein Berliner Zimmer ist ein meist dunkles Durchgangszimmer in alten Berliner Mietshäusern. Hierhin zog man sich z.B. zurück, um zu lesen oder zu musizieren, oft stand ein Klavier in dem Zimmer und es hingen Bilder an den Wänden. Ein Foto eines Berliner Zimmers findet man auf der Startseite unserer Web-Site

sagmal.de:
Wie genau kam es zu dem Projekt "Berliner Zimmer?"

Sabrina Ortmann:
Als Enno E. Peter und ich uns Ende 1997 kennenlernten, betrieben wir beide private Homepages, die sich mit Literatur im Netz beschäftigten. Enno E. Peter pflegte bereits seit 1995 die erste (sehr bissig) kommentierte Linkliste zur Literatur im Netz im deutschsprachigen Raum. Und ich publizierte vor allem Arbeiten, die ich im Rahmen meines Studiums zum Thema Literatur im Netz angefertigt hatte, ergänzt ebenfalls durch Linklisten. Es lag daher nahe, die Links und die theoretischen Texte zusammen auf einer gemeinsamen Site zu präsentieren.

Enno E. PeterAus Enno E. Peters und meinen Linksammlungen ist seitdem die Linkdatenbank des Berliner Zimmers mit über 400 Einträgen geworden, in der die Besucher die Sites bewerten und kommentieren können. Aus meinen theoretischen Arbeiten und journalistischen Artikeln hat sich die Rubrik "Artikel" entwickelt, wo nun auch zahlreiche Texte anderer Verfasser versammelt sind. Um dem Gedanken eines Berliner Zimmers gerecht zu werden, präsentieren wir übrigens an den Wänden unseres virtuellen Salons wechselnde Ausstelllungen mit Bildern Berliner Künstler.

sagmal.de:
Was erwartet den Besucher auf euren Seiten?

Sabrina Ortmann:
Das Berliner Zimmer möchte ein virtueller literarischer Salon sein. Das heisst, wir bieten einerseits Orientierung und Informationen zur Literatur im Internet. andererseits ist natürlich die Kommunikation zwischen Autoren und Lesern und unter Autoren sehr wichtig. Daher bieten wir vielfältige Möglichkeiten für den Austausch: eine Mailingliste, ein Forum und einen Chat. Im Berliner Zimmer treffen sich auch Autoren, um gemeinsam literarisch zu arbeiten: der tage-bau ist ein literarisches Online-Tagebuch von derzeit 50 registrierten Autoren. Wir wollten im Berliner Zimmer ein Literaturprojekt realisieren, das der Schnelligkeit des Mediums Internet gerecht wird. Wir wollten tagesaktuelle Inhalte, daher haben wir uns für ein literarisches Online-Tagebuch entschieden, von dem jeweils nur die letzten drei Tage sichtbar sind. Ältere Texte werden archiviert.

Ein typisches Berliner ZimmerWichtig waren uns auch die direkten Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Lesern und Autoren über die Kommentarfunktion und per E-Mail. Und wir wollten ein Projekt, dass für jeden offen ist, das heisst, wir haben kein Interesse daran, eine elitären Zirkel aufzubauen. Unter unseren Autoren finden sich daher genauso Romanautoren wie auch Menschen, die sich im tage-bau zum ersten Mal mit ihren Texten an die Öffentlichkeit wagen. Das Projekt wurde übrigens im letzten Herbst vom Kultursender arte im Rahmen eines Internet-Literaturwettbewerbs mit einem Preis ausgezeichnet. Das Preisgeld haben wir für die Realisierung eines Buches über das Leben im Netz mit dem Titel verwendet.

Und weil in den literarischen Salons des 19. Jahrhunderts auch die Erotik eine große Rolle spielte, liegt im Berliner Zimmer auch ein Online-Magazin mit erotischer Literatur, Erosa, aus.

sagmal.de:
Es war ja früher nicht leicht, als Autor eine geeignete Plattform zu finden. Ist das Web eine neue Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen?

Sabrina Ortmann:
Auf jeden Fall, allerdings stellt sich hier das Problem, bei der Vielzahl der Autoren-Homepages auf sich und seine Site aufmerksam zu machen. Die Autoren sollten also ein gewisses Talent in Sachen Selbstmarketing haben. Und schlechte Literatur hat meiner Meinung nach auch im Netz keine Chance. Auf jeden Fall ist es eine gute Möglichkeit, die eigenen Texte mal am Publikum auszuprobieren. Dabei sollte man sich aber darüber im klaren sein, dass die Reaktionen der Leser nicht immer positiv sein müssen....

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sagmal.de:
Gibt es einen Unterschied zwischen Schreiben im Web und dem Schreiben im "Real Life?"

Sabrina Ortmann:
Ja, die Texte z.B. im tage-bau unterscheiden sich deutlich von sonstigen literarischen Formen. Um den Lesern zu lange Beiträge am Monitor zu ersparen, ist z.B. die Textlänge begrenzt. Sabrina OrtmannDas Schreiben an sich ist hier viel spontaner als sonst, oft tippen die Autoren ihre Gedanken direkt in das Redaktionssystem des tage-bau, d.h. es werden tagesaktuelle Gedanken festgehalten. Dank der Kommentarfunktionen eignet sich der tage-bau auch sehr gut, um neue Sachen und Stilrichtungen auszuprobieren.
In den Kommentaren oder per E-Mail bekommen die Autoren direktes Feedback von den anderen Autoren und den Lesern und können so austesten, wie ihre Texte ankommen. Die Autoren haben auch eine eigene Mailingliste, in der sie über Lust und Frust beim Schreiben diskutieren, und sie treffen sich regelmäßig, d.h. es ist eine reale tage-bau-Gemeinschaft entstanden. Als Autor im tage-bau schreibt man nicht mehr allein für sich im stillen Kämmerlein, sondern ist in eine Autoren-Gruppe eingebunden und bekommt direkte Kritik auf seine literarische Arbeit.

sagmal.de:
Du hast einen interessanten Artikel geschrieben über die (Un)Gleichheit vor dem Bildschirm. Was ist denn nun deiner Meinung nach das Internet? Ein Informations-, oder ein Kommunikationsmedium?

Sabrina Ortmann:
Es kann beides sein, je nachdem wofür man es nutzt.

sagmal.de:
Wenn man "draussen" etwas über das Internet hört, dann wird es meist als die Lasterhölle überhaupt dargestellt. Man liest oder hört über Schmuddelsex, rechte Gewalt, Kinderpornografie etc. Gibt es deiner Meinung nach überhaupt so etwas wie eine Kultur im Web? Oder braucht es dazu einfach noch mehr Zeit.

Sabrina Ortmann:
Natürlich gibt es eine Kultur im internet. Man muss sich ja nur mal durch unsere Linklisten zur Literatur im Netz klicken oder sich ansehen, wie viele Newsgroups, Mailinglisten und Foren es zum Thema Literatur und Kultur allgemein gibt.

sagmal.de:
Wie sozial ist das Internet?

Sabrina Ortmann:
Ich denke, das hängt wie im "richtigen" Leben auch davon ab, in welchen Kreisen man sich bewegt.

sagmal.de:
Ein Teil des Berliner Zimmers mit dem Titel Erosa ist der erotischen Literatur gewidmet. Ging Literatur einfach nicht ohne Erotik? Oder spielte der Hintergedanke "Sex sells" eine Rolle?

Sabrina Ortmann:
Weder noch. Als wir die erste Erosa im Januar 1999 herausgebracht haben, gab es noch keine anspruchsvolle erotische Literatur im deutschsprachigen WWW. In Deutschland ist die erotische Literatur ja generell schon immer ein Stiefkind gewesen. Daher wollten wir ihr mit Erosa eine Plattform geben. Inzwischen ist unsere Idee viele Male kopiert worden und die erotische Literatur auch im deutschsprachigen WWW präsent. Ein weiterer Gedanke war, wie beim tage-bau auch, dem Berliner Zimmer interessanten Content zu geben, da wir ja durch die Linklisten im wahrsten Sinne des Wortes eine Art Durchgangszimmer waren. Wir wollten die Besucher zum Bleiben und Lesen einladen.

sagmal.de:
Hast du noch ein paar Surftipps für uns, einige der Seiten, auf denen du dich herumtreibst, wenn dir die Zeit dazu bleibt?

Sabrina Ortmann:
Ja, www.paperazzi.de

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

und nochmal Sabrina Ortmann Sabrina Ortmann:
Ja, ich finde, das Feuilleton der Zeitungen sollte die Literatur im Netz endlich ernst nehmen und bei ihren Besprechungen ein bisschen weniger Arroganz an den Tag legen. Es gibt im Netz viele spannende und literarisch anspruchsvolle Sites jenseits der Verlagsprogramme von Suhrkamp und Co. Man muss nur mal richtig hinsehen.

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Ein literarisches Onlinetagebuch.
Mein Pixel- Ich.
Sabrina Ortmann, Enno E. Peter
Preis: DM 28,80 EUR 14,73
Book on Demand - 196 Seiten (Januar 2001) BoD, Norderstedt;
ISBN: 3831113483
 

http://www.sabrina-ortmann.de

Das Buch vom Leben im Netz - Nähere Einzelheiten
http://www.berlinerzimmer.de/tagebau/dasbuch.htm

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Das Interview wurde am 23.3.2001 per Mail geführt.
Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Sabrina Ortmann für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und werden nur für dieses Interview verwendet


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