Cem Özdemir geb.21.12.1965 in Bad Urach, Kreis Reutlingen; ledig, keine Kinder.
Nach der mittleren Reife Ausbildung zum Erzieher, anschließend Fachhochschulreife und Studium der Sozialpädagogik an der Evan. FH Reutlingen. Seit 1987 als Erzieher und freier Journalist tätig. Bundesvorsitzender der "Aktion Courage-SOS Rassismus", Mitglied des Beirates des Behandlungszentrums für Folteropfer Berlin und u.a. Mitglied bei amnesty international, bei Euronatur, beim Verkehrsclub Deutschland (VCD) und beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Mitglied der GRÜNEN seit 1981; 1989 bis 1994 Mitglied im Landesvorstand von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Baden-Württemberg; 1992 Mitbegründer von "ImmiGrün-Bündnis der neuen Inländerinnen". Mitglied des Bundestages seit 1994; seit 1998 innenpolitischer Sprecher der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN; Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe.
*** Das Internet ist besser als sein Ruf. Rechte Gewalt und Pornographiegibt es auch im wahren Leben. Das ist nicht durch das Internet bedingt. Und
auch im Internet ist es wie im wahren Leben, zum Glück, marginal.
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sagmal.de:
Cem, du bist einer der wenigen Politiker, die im Internet nicht nur
präsentiert werden, sondern wirklich aktiv sind. Nicht nur auf der Seite des Bundestages, sondern auch mit deiner eigenen Homepage, auf meome und einigen anderen. Besonders
aufgefallen bist du mir jedoch auf der Seite der Initiative "Deutsche Gegen
Rechte Gewalt", deren Sprecher du bist. Bist du stolz darauf, ein Deutscher zu sein? |
Cem Özdemir:
Ich bin nicht "stolz", Deutscher zu sein.
Ich kann stolz sein, auf das,
was ich mir selber erarbeitet habe, auf etwas an dem ich beteiligt war, wie
z.B. diese Initiative.
sagmal.de:
Was soll die Aktion konkret bewirken?
Gibt es nicht schon genug Aktionen gegen rechte Gewalt? |
Cem Özdemir: Das Bekenntnis, als Neu-Deutscher gerne Deutscher zu sein, klingt für
viele Deutsche recht alt-deutsch. Gerade deshalb hören alle hin. Das ist gut
so. Wir müssen völkisches Denken und Handeln offensiv bekämpfen. Das Verbot
der NPD reicht bei weitem nicht aus. Bei dieser Initiative geht es darum, zu
zeigen, dass die Begriffshoheit des "Deutsch Seins" nicht den
Rechtsradikalen überlassen werden darf. Das ist ganz gut gelungen denke ich.
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sagmal.de:
Warum haben so viele Deutsche Probleme damit, sich zum Nationalstolz zu
bekennen? In anderen Ländern, bsp. in den USA, ist absolut kein Problem.
Liegt das nur an unserer Vergangenheit? Und wird sich das irgendwann
ändern? |
Cem Özdemir:
Das liegt sicher auch an der Vergangenheit, man sollte mit der Frage
und dem Nationalstolz unverkrampfter umgehen. Das Problem liegt eher darin,
dass Nationalstolz oft mit Nationalismus verwechselt wird, bzw. in diesem
Zusammenhang von den Rechtsradikalen transportiert wird. Das müssen wir
trennen. Das ist ja auch ein Ziel dieser Initiative, zu zeigen, dass
Nationalstolz nicht gleichzusetzen ist mit Nationalismus.
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sagmal.de:
Du bist Sohn türkischer Einwanderer. Haben Deine Eltern kein Problem mit deinem Bekenntnis zu Deutschland? Gerade auch bei Türken ist doch der Nationalstolz sehr ausgeprägt.
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Cem Özdemir:
Meine Eltern bekennen sich selber auch zu Deutschland und sind
eingebürgert. Es stimmt, dass der Nationalstolz gerade unter den türkischen
Mitbürgern sehr ausgeprägt ist. Das muss aber nicht gleichzeitig mit
Nationalismus zu tun haben. Auch hier gibt es, wie in vielen anderen Ländern
auch, rechtsradikale Nationalisten. Diese sind aber, zum Glück, in der
Minderheit. Der Nationalstolz an sich ist nichts verwerfliches. Die Frage
ist, in welchem Zusammenhang er ausgedrückt wird.
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sagmal.de:
Du bezeichnest dich als "Neuen Inländer". Was genau ist ein "Neuer Inländer"? |
Cem Özdemir:
Ein neuer Inländer ist für mich die zweite, dritte und mittlerweile
sogar schon die vierte Generation von Einwanderern. Die eigentlich gar nicht
eingewandert sind, sondern hier geboren und aufgewachsen, aber immer noch
als "Ausländer" angesehen und behandelt werden. Durch die Änderung des
Staatsbürgerschaftsrechts haben wir diesen Umstand endlich relativiert. Nun
erhält man, unter bestimmten Voraussetzungen, durch Geburt die deutsche
Staatsbürgschaft.
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sagmal.de:
Werden Wahlen über das Internet in den nächsten Jahren ein Thema?
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Cem Özdemir:
Die technischen Voraussetzungen sind dafür noch nicht ausgereift, ich
kann nicht einschätzen, wie lange das dauern wird, bis das der Fall ist.
Selber würde ich eine Wahl über Internet befürworten. Dadurch könnte sicher
auch die Wahlbeteiligung erhöht werden.
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sagmal.de:
Kann das Internet zu einer politischen Macht werden?
Ist es das vielleicht sogar schon?
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Cem Özdemir:
Ich glaube nicht, dass das Internet zu einer "politischen Macht" werden
kann.
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sagmal.de:
Wie wird sich das Internet in den nächsten Jahren entwickeln? Erwartest du eine grundsätzliche Veränderung? Neuerungen?
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Cem Özdemir:
Ich erwarte eine grundsätzliche Veränderung bei den
Zugangsvoraussetzungen. Es muss billiger und leichter werden in Internet zu
kommen. Der Informationsfluss im Internet ist enorm, man sollte niemanden
davon ausschliessen. Informationen und Nachrichten werden immer wichtiger
und jeder sollte die Möglichkeit haben an diese zu kommen. In der Technik
ändert sich ja dauernd was. Man kommt ja schon gar nicht mehr nach mit den
vielen neuen Standards. (php, css, html, xhtml, dhtml...) Nicht mal die
Browser kommen nach. ;-)
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sagmal.de:
In der Öffentlichkeit wird das Internet oft als Podium verschrieen. Für rechte Gewalt, Pornografie etc. Ist das Internet nicht besser als sein Ruf?
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Cem Özdemir:
Das Internet ist besser als sein Ruf. Rechte Gewalt und Pornographie
gibt es auch im wahren Leben. Das ist nicht durch das Internet bedingt. Und
auch im Internet ist es wie im Wahren Leben, zum Glück, marginal. Im
Internet ist es vielleicht leichter zugänglich. Wer das nicht will muss sich
diese Seiten nicht anschauen. Und das bereitstellen von solchen Inhalten ist
auch im Internet verboten. Leider nicht in allen Ländern und hier fangen die
Probleme an. Wenn rechtsradikale Seiten auf einem Server in Amerika liegen,
können sie von hier aus aufgerufen werden, aber nicht rechtlich verfolgt.
Hier müssen bilaterale Abkommen getroffen werden.
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sagmal.de:
Gibt es eine Kultur im Netz?
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Cem Özdemir:
Ja, ich denke da nur an die "netiquette". Es entwickelt sich eine
eigene Kultur. Die Kommunikation zwischen den Menschen ändert sich. Chat,
e-Mail, Diskussionsforen. Das sind Kommunikationsmöglichkeiten, die
ausschliesslich über das Internet möglich wurden. Menschen die sehr weit
voneinander entfernt sind, können miteinander kommunizieren. Sie müssen sich
noch nicht mal persönlich getroffen haben. Ich denke da an den Webmaster
und die Grafikerin meiner neuen Site, die zur Zeit in Arbeit ist. Die zwei
haben sich noch nie gesehen und arbeiten zusammen. Ohne Internet wäre das
nicht möglich.
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sagmal.de:
Spielt das Internet im Bereich Bildung in Deutschland nicht noch eine
Nebenrolle? Was muss passieren, um den Rückstand zu Ländern wie USA oder anderen
aufzuholen?
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Cem Özdemir:
Das Internet muss im Bereich Bildung eine viel grössere Rolle
einnehmen. Die Möglichkeiten die sich hier ergeben sind immens und müssen
genutzt werden. Der Zugang muss, wie schon erwähnt, leichter werden. Die
Bundesregierung hat mit der Telekom zusammen die "Aktion Schulen ans Netz"
verwirklicht. An jeder Schule soll ein Internetzugang den Schülerinnen und
Schülern zur Verfügung stehen. Das wäre ein Anfang.
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sagmal.de:
Was ist das Internet für dich? Kommunikationsplattform? Ein weltweiter Markt? Eine Wahlkampfhilfe? ;-)
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Cem Özdemir:
In erster Linie ist es für mich eine Kommunikationsplattform, als
Wahlkampfhilfe möchte ich es nicht missen und es ist auch ein weltweiter
Markt, aber dies ist für mich persönlich von zweitrangiger Bedeutung, da ich
immer noch lieber real einkaufe.
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sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
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Cem Özdemir:
Ja, die Frage aller Fragen: Wann meine neue Site online gehen wird.
Aber das war gut, dass Du das vergessen hast, ich weiss es nämlich selber
nicht. ;-)
Wir arbeiten mit Hochdruck dran und das meiste ist schon fertig. Lass
Dich überraschen.
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sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?
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Cem Özdemir:
Lieber keine Homepage, als eine schlechte!
Bücher von Cem Özdemir:
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Das Interview wurde am 15.5.2001 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Cem Özdemir für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen |
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