Stefan Münz, Autor von SELFHTML und Mitarbeiter bei TeamOne, einer Agentur für Technische Dokumentation in München. Antworten auf unsere Fragen von dem Mann, der sich selbst eigentlich gar nicht als den Guru der Internetgemeinde sieht. Stefan mag übrigens nicht nur HTML sondern auch Radfahren
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Ich bin lediglich so etwas wie ein massenhafter Anstifter, ein Web-Missionar vielleicht.
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sagmal.de: Stefan, du bist im Netz als der Guru des HTML bekannt. Wie lebst du damit ?
Ich nehme an, du kannst nicht mehr über das Gelände der Cebit laufen, ohne Autogramme zu geben ? Ist das schon störend, oder lässt sich das Ganze noch ertragen ?
Stefan Münz:
So weit kommt es bei mir nicht. Ich laufe erst gar nicht über das
Gelände der Cebit, weil Marktschreierei generell nicht so mein Fall
ist, und weil ich mich überhaupt nicht als Guru in der Computerszene
empfinde. Tausend Leute können besser programmieren als ich, und
tausend Leute kennen mehr Tricks beim Webseitenbasteln als ich. Ich
bin lediglich so etwas wie ein massenhafter Anstifter, ein
Web-Missionar vielleicht. Eine eher geistig-seelisch-moralische
Aufgabe also, das wird immer deutlicher, je größer meine Klientel bzw.
die von SELFHTML wird. Wegen meines technischen Wissens gibt es schon
lange keinen Grund mehr, mich zu bewundern. Wenn ich Anerkennung
suche, dann eher durch "aufklärerische" Arbeit, aber sicher nicht
durch technisches Genie. Es wird halt immer deutlicher, daß ich
eigentlich Geisteswissenschaftler bin ... und solchen Leuten gegenüber
hält sich glücklicherweise auch die Autogrammjägerei in Grenzen ;-)
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sagmal.de: Mit deiner Aktion: "Gemeinsam gegen den Abmahnwahn", den du in
Zusammenarbeit mit Uschi Hering von Freedom for Links gestartet hast, soll
ein Grundsatzurteil gegen die Praktiken verschiedener Abmahner gestartet
werden. Du bist ja nun auch selbst davon betroffen. Kannst du uns etwas
mehr darüber sagen ?
Stefan Münz:
Auch diese Aktion - oder besser gesagt, engagierte Reaktion - paßt in
die bereits angesprochene Rolle als Web-Aufklärer. Ich kann und will
nicht bis in alle Ewigkeit nur gefragt werden, mit welchem Befehl man
zwei Frames gleichzeitig ändern kann. Ich habe in HTML und seinen
ergänzenden Sprachen immer schon mehr gesehen als eine Ansammlung von
Befehlen, um irgendwie buntes Zeug übers Internet auf die Bildschirme
zu bringen. Es handelt sich vielmehr um einen geistigen Fortschritt
der Menschheit, um einen Sprung, vergleichbar dem des Buchdrucks.
Leider haben das unsere rechtssprechenden Organe noch nicht
mitbekommen, und unsere Gesetzgeber erst recht noch nicht. Für die
sind Homepages wie Zigaretten: nichts weiter als eine potentielle
Gefahrenquelle, eventuell mal eine Steuereinnahmequelle, aber nichts,
das selber schützenswert ist, kein geistig-kulturelles Gut.
Nun könnte ich noch damit leben, geduldig darauf zu warten, daß der
schwerfällige Staat und seine Organe lernen, dem neuen, weltweiten
Medium gerecht zu werden. Aber wenn dann findige Rechtsanwälte
beginnen, die bestehende Rechtsunsicherheit für skandalöse Praktiken
der Selbstbereicherung zu nutzen, geht mir wie vielen anderen auch
einfach der Hut hoch. Denn so etwas schadet dem Staat in gleich zwei
Richtungen: einmal schadet es ihm, weil es sein ausgeklügeltes und
gewachsenes juristisches System im Schatten seiner Unwissenheit mit
Füßen tritt, und zum anderen schadet es ihm, weil es ihn dem neuen
Medium gegenüber diskreditiert. Denn welche Konsequenzen es hat, als
Bürger eines Staates Angst haben zu müssen, normale WWW-Links zu setzen,
brauche ich wohl nicht näher zu erläutern. Wir würden dann kein
klassisches Einwanderungsland, wir würden ein klassisches Auswanderungsland.
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sagmal.de: Über dich und die Anfänge deines Werkes SelfHTML wurde schon so viel
geschrieben, dass ich nicht gross darauf eingehen will. Mich interessiert
mehr die Zukunft des WWW aus deiner Sicht. Stehen Neuerungen an ? Wird es
deiner Meinung nach zu grossen Veränderungen im Internet in den nächsten
Jahren kommen ?
Stefan Münz:
Auch bei dieser Frage möchte ich mal weg von der Technik. Ich habe
keine Lust mehr zu prophezeihen, wie viel zukünftig in klassischem
HTML und wieviel in XML-Derivaten geschrieben sein wird, ob Perl oder
PHP besser ist, und ob die nächste Version der Browser die aktuellen
Sprachstandards endlich mal vollständig umsetzen wird. Eine Reihe von
Sprachen haben sich etabliert und werden sich weiter etablieren. Für
die Anforderungen reichen sie erst mal aus. Wo spezielle Anforderungen
entstehen, wird man nach wie vor spezielle Lösungen brauchen. Ich
denke, auch die meisten Entwickler sehen das so. Es muß noch vieles
optimiert werden, in den Sprachspezifikationen ebenso wie in der
interpretierenden Browser-Software. Aber das sind keine "großen
Veränderungen".
Die größere Veränderung, die ansteht, ist die Bedeutung, die Webseiten
im Leben der Menschen einnehmen. Anfangs war es vielfach nur Spielerei
oder Coolness, eine Homepage anzubieten. Man lebte sein normales Leben
und hatte halt außerdem noch eine Homepage. Mittlerweile erlebe ich
mehrfach mit, wie sich die Verhältnisse umkehren können. Durch die
eigene oder eine andere, von einem selber vielbesuchte Homepage
verändert sich das normale Leben. Neue, über die Homepage
zustandegekommene und gepflegte Kontakte werden immer ernster.
Bekanntschaften, Freundschaften und Beziehungen entstehen neu, über
viele Kilometer hinweg. Man ist nicht mehr nur auf die Menschen
angewiesen, die man aufgrund seines geographischen Irgendwolebens
getroffen hat. Es kommen neue, andere Menschen dazu, die man aufgrund
seiner Netzaktivitäten trifft, und sie sind ganz einfach erreichbar.
Derzeit mag die Veränderung, die damit verbunden ist, erst noch eine
kleine Gruppe betreffen, einen bestimmten Teil der hartgesottenen
Onliner. Aber wenn die Flatrate erst mal zum Normalfall wird, und wenn
das passive Web-Verhalten (Volk, nutze das Web zum Einkaufen!) erst
mal stärker dem aktiven Verhalten weicht (mensch, da kann man ja
richtig was machen!), dann werden noch viel mehr Internet-Anwender
diese Veränderung am eigenen Leib zu spüren bekommen. Unterforderte
Schüler, gelangweilte Hausfrauen, genervte kleine Angestellte. Das
wird massenhaft persönliche, also letztlich demographische Folgen
haben.
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sagmal.de:
Viele User, darunter auch ich, haben mit und durch dein SelfHTML erst den
Weg zum Designen gefunden. Kommt etwas von dem, was du dem Internet gegeben
hast, zurück ?
Stefan Münz: Ich denke ja. Das Buch läuft derzeit so, daß man auch von einer
ernsthaften finanziellen Anerkennung der Arbeit reden kann (auch, wenn
es nicht so viel einbringt wie illegale Abmahnungen). Noch bedeutender
aber ist für mich die Tatsache, daß rund um SELFHTML eine echte
Community entstanden ist, Menschen, die mich durch tatkräftige
Mithilfe unterstützen, und die sich gegenseitig ebenso unterstützen.
Die Bereitschaft, ohne Aussicht auf Geld und Ruhm Fachtexte oder
Programmcode für so ein Fremdprojekt beizusteuern, ist erstaunlich. Es
gibt wirklich genügend Menschen, die gerne und unentgeltlich für
andere arbeiten, wenn sie einen Sinn für die Allgemeinheit darin sehen
und merken, daß sie nicht abgezockt werden sollen.
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sagmal.de: Gibt es viele Anfänger, die zu faul sind, sich durch Lernen zu informieren
und dich zum Beispiel wegen Problemen mit Tabellen persönlich anschreiben ?
Und wenn ja, wie gehst du damit um ?
Stefan Münz: Einfach Anrede in die Antwortmail einsetzen und dann den folgenden
Textbaustein:
"Es gibt bei der SELFHTML-Redaktion leider keinen Support mehr fuer
Fragen dieser Art, weil es insgesamt zu viele Fragen geworden sind.
Bitte zu diesem Thema aufrufen:
http://www.teamone.de/selfaktuell/extras/support.htm Dort gibt es
Adressen zu Anlaufstellen fuer solche Fragen."
Ich denke, damit ist alles zu dem Thema gesagt. Es kommt von
Empfängern einer solchen Antwortmail auch fast nie irgendeine
Widerrede. Nicht, daß ich kein Verständnis für die Probleme frisch
ausgebrochener Lust am Seitenbasteln habe. Aber es sind tatsächlich zu
viele Fragen. Wenn ich sie ernsthaft beantworten wollte, käme ich
sonst zu nichts mehr. Und das kann es nicht sein. Deshalb reagiere ich
auf solche Mails einheitlich mit jenem Textbaustein, egal wie
verständlich oder unverschämt die Anfrage ist.
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sagmal.de: Ein Zitat von dir: "Wir brauchen Perlen im Netz, Mist haben wir genug" ist
das von mir wohl am meisten erwähnte Zitat in einigen Webdesignforen. Ist
dieses Zitat immer noch aktuell ? Oder lässt der Mist langsam nach ?
Stefan Münz: Es gibt mehr vollständige und professionelle Angebote mittlerweile als
vor einigen Jahren noch (Beispiel: die Fahrplanauskunft der Deutschen
Bundesbahn). Und es gibt auch eine ganze Reihe von Perlen - mit
überdurchschnittlichem Eifer zusammengestellte, wirklich wertvolle
Informationen zu spezielleren Bereichen (ich nenne mal beispielhaft
willy-online.de und siedler3.de). Aber der Mist wächst leider auch,
und zwar exponentiell. Die Hauptaufgabe künftiger Suchrobots (jener
Wanderprogramme, die von den Suchmaschinen ausgesendet werden, um
Homepages zu durchsuchen) wird immer stärker darin bestehen, den ganzen
überflüssigen Müll, das inhaltslose Geschrei, den ganzen
javascript-gewordenen Geltungsdrang auszufiltern, der mal eben
testweise oder ohne Sinn und Verstand ins Web geladen wurde.
Suchrobots müssen immer mehr zu Trüffelhopsern werden, wenn die
Anwender der Suchmaschinen noch qualitativ hochwertige Suchergebnisse
erhalten sollen.
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sagmal.de: Flash, Java, DHTML sind immer mehr die Schlagworte für Webdesign. Junge
Webdesigner sind immer mehr der Meinung, dass Homepageseiten ohne
Interaktivität nicht mehr auskommen. Kann eine gute Homepage darauf überhaupt noch verzichten ?
Stefan Münz:
Webdesign ist Kommunikationsdesign, kein Werbe-Design. Leider
bemühen große Firmen die gleichen Agenturen für ihren Webauftritt, die
sie auch für ihre Hochglanzprospekte bemühen. Das ist ein fataler
Fehler. Und Interaktivität, so wie es meist verstanden wird, ist ein
Schlagwort, bei dem ich jedesmal gähnen muß. Entweder suche ich nach
Informationen im Web, dann brauche ich kein sich als interaktiv
ausgebendes Gezappel. Oder ich möchte aktiv an etwas teilnehmen, etwa
an einem Diskussionsforum, an einer Umfrage - auch dann brauche ich
dieses Gezappel nicht. Die meisten echten interaktiven Anwendungen im
Web sind serverseitig mit Hilfe der klassischen CGI-Schnittstelle
realisiert - ohne Gezappel. Java hat in genau zwei Bereichen im Web
Erfolg: beim Online-Banking und bei web-basierten Chats. DHTML dümpelt
bislang vor sich hin, weil es unausgereift und zu uneinheitlich
implementiert ist. Und Flash mag einiges können, aber bislang kenne
ich es nur von nervenden Trailern, Hirngeburten web-fremder
Marketing-Strategen. Daher gilt: wer Informationen zu bieten hat,
braucht ein ansprechendes, sympathisches Layout und vielleicht auch
eine Datenbank, aber er braucht keinen Rolloverkill - so etwas ist keine
echte Interaktivität. Die Anwender werden dankbar sein, wenn sie nicht
abgelenkt werden und sich auf das konzentrieren können, was sie
suchen.
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sagmal.de: Welche Chancen siehst du auf Dauer für die WAP Technologie ? Nur eine
vorrübergehende Modeerscheinung oder die Zukunft des Internet?
Stefan Münz:
Das hängt meines Erachtens stark von der Entwicklung auf dem
entsprechenden Hardware- und Provider-Markt ab. Mit den derzeitigen
Handy-Displays und den üblichen Handy-Tarifen würde ich sicher nicht
ins Internet surfen gehen. Wenn es im Kleingeräte- bzw. Handy-Markt
ein attraktives neues Zwischending zwischen Telefon und Palmtop gibt,
das von der breiten Masse gekauft wird, und wenn dann noch gewaltig
die Tarife purzeln, tief in den Preisbereich des Festnetzes hinein -
ja, dann könnten WAP/WML durchaus eine Chance haben. Es könnte sich
aber ebensogut dahin entwickeln, daß Sub-Notebooks immer beliebter
werden, deren Display und Ausstattung den Betrieb normaler Browser und
die Anzeige normaler Webseiten zuläßt. Insofern würde ich mich da
nicht festlegen wollen.
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sagmal.de:
Hast du Vorbilder im Internet ? Personen, die dich inspirierten oder noch
inspirieren ?
Stefan Münz:
Allen voran sicher Tim Berners Lee, den Gründervater des Web. Seine
Ansichten und Gedanken zum Sinn und Zweck des WWW gehören meines
Erachtens in jedes Schulbuch. Daneben bewundere ich aber auch
einzelne kluge Köpfe, die dem Web technologisch besonders viel gegeben
haben: etwa Larry Wall, den Erfinder von Perl, oder den mittlerweile
allseits bekannten Linus Thorvald, der die Linux-Welt geschaffen hat.
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sagmal.de: Bleibt dir beim Surfen noch Zeit für private Vorlieben und wenn ja, welche
Seiten sagen dir da am meisten zu ?
Stefan Münz: "Browsen" (englisches Wort für "Herumstöbern") tue ich nicht mehr oft,
nur manchmal noch, um ein wenig abzuschalten. Die meiste Zeit
geht dafür drauf, das eigene Projektgelände abzusurfen und
instandzuhalten. Dann kommen ein paar Standardseiten dazu, die ich
regelmäßig aufsuche, Newsticker, Magazine und dergleichen. Ansonsten
bin ich öfters mal auf der Suche nach fachlich relevanten Zielen für
Links - dabei komme ich auch herum im Web. Der Rest meiner
Online-Aktivität aber ist Kommunikation: in Foren, per E-Mail oder mit
Teufelszeug wie ICQ ;-)
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sagmal.de:
Eine Frage, die ich stellen muss, will ich nicht den Zorn vieler Besucher auf mich ziehen:
Wann wird es eine neue Version von SelfHTML geben ?
Stefan Münz:
Auch dafür habe ich natürlich längst einen Textbaustein:
"Alles, was ich zu diesem Thema zu sagen habe, steht auf
http://www.teamone.de/selfaktuell/extras/version.htm. Wenn ich etwas
Konkretes anzukündigen habe, wird es dort verraten."
Seit einigen Tagen (Oktober 2001) gibt es auf den Seiten von Teamone die neue Version 8.0 zum Download. Die Redaktion |
sagmal.de:
Und die Frage, die ich fast immer stelle: Hast du bei unseren Fragen eine bestimmte Frage erwartet oder vermisst ?
Stefan Münz: Von XML war diesmal gar nichts dabei, dafür von WAP ... naja, das
wechselt halt von Jahr zu Jahr ;-)
viele Gruesse
Stefan Muenz
http://www.teamone.de/selfaktuell
Self HTML gibt es auch als Buch.
HTML 4.0 Handbuch.
HTML, JavaScript, DHTML, Perl.
Stefan Münz, Wolfgang Nefzger
Preis: DM 98,00 EUR 50,10
Gebundene Ausgabe-992 Seiten
3., neubearb. Aufl. (1999)
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Das Interview wurde am 21.4.2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt.
Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Stefan Münz für die Beantwortung unserer Fragen.
Die bei diesem Interview verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright und wurden nur
für dieses Interview von den
Teamone Seiten entnommen.
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