Interview mit Jürgen Graf vom 11.1.2002
Paparrazifoto von Jürgen Graf

Jürgen Graf
Alter: Irgendwo zwischen 40 und scheintot.
Beruflicher Werdegang: Ja
Erster Kontakt mit dem Internet: 1996 mit Hilfe einer AOL-CD.
Erster Eindruck, den das Internet auf ihn gemacht hat: Ist alles so schön bunt hier
Erstes schlimmes Erlebnis seines Webschaffens: Festplatten -Crash im Sommer 1998 (Daten waren vorher natürlich nicht gesichert worden)
Jürgen ist der Erfinder und Betreiber der Endgültigen Müllseite

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Kann es nicht auch grausam sein, unschuldige Besucher mit ohrenkrebsversursachendem Midi-Gedudel oder mit Farbkombinationen aus den finstersten Folterkammern der Webdesignhölle zu traktieren ?

Muellseite Logo
"Das Internet besteht zu 95 Prozent aus Müll" hat der amerikanische Kulturkritiker Joseph Weizenbaum bereits vor einigen Jahren einmal formuliert.
Diese "Schlaglöcher in der Datenautobahn" sind das Thema der  "Endgültigen Müllseite". Mit spitzer Feder werden zweimal im Monat eine Reihe von Internetauftritten satirisch auf's Korn - bzw. auf die Schippe - genommen. Und zwar dann, wenn sie sich zum Beispiel durch "Mut zur unfreiwilligen Komik" oder durch ein Erscheinungsbild auszeichnen, das einfach nur als Katastrophe bezeichnet werden kann.
Höhepunkt des Müllseite-Kalenders ist aber die Vergabe des  "Ultimate Trash Site Awards" für die missratensten Webauftritte des Jahres.
Verantwortlich für die Müllseite zeichnet das  "Vorläufige Komitee für Ästhetik- und Weltbild-Kontrolle in der Datenverarbeitung / Deutsche Sektion" (VKÄWBKDV/DS)".
Ein Kollegium, das natürlich unter diesem Namen nirgendwo registriert ist. Herausgeber ist vielmehr eine einzelne Person, die einfach keinen gesteigerten Wert auf persönliche Publicity legt.
 
Und jetzt dürfen alle dreimal raten, wer das ist...?
 

 

sagmal.de:
Jürgen, die endgültige Müllseite ist mittlerweile sowas wie eine Kultseite. Tausende von Surfern machen sich täglich ein Vergnügen daraus, auf deiner Seite nach den absoluten Highlights des schlechten Geschmacks zu suchen. Was hat dich bewogen, so eine Seite zu machen?

Jürgen Graf:
Die Marktforschung hat auch hier eine entscheidende Rolle gespielt: Das wichtigste Ergebnis einer sündhaft teuren Studie war, dass für Content dieser Art eine Riesennachfrage besteht. Nee, ist natürlich Quatsch! Die Müllseite ist damals quasi über Nacht als Reaktion auf die ersten Eindrücke entstanden, die sich beim Herumsurfen eingestellt haben. Ich war laufend konfrontiert mit miserabel gestalteten Seiten, Verbrechen an der deutschen Sprache, dröhnenden Selbstdarstellungen und mit Angeboten, deren Informationswert gegen Null tendiert. Und dafür soll das Internet von Al Gore erfunden worden sein ? Irgendwie darf das doch alles nicht wahr sein.

sagmal.de:
Bist du sowas wie der Ästhet des Webs? Einer der schlechte Seiten einfach nicht ertragen kann? Oder aus welchem Grund prangerst du diese Katastrophen an?

Jürgen Graf:
Wer mit Ansprüchen dieses Kalibers ausgestattet ist, sollte seinen Rechner vielleicht besser nie mehr einschalten. Bei mir steht aber eher im Vordergrund, dass schrottige Seiten durchaus auch einen beträchtlichen Unterhaltungswert haben können. So nach dem Motto "Jetzt blamieren wir uns mal mit aller Gewalt". Und wenn sich anhand dieser real existierenden Exemplare auch noch phantastisch studieren lässt, wie man es besser nicht macht, wird das natürlich billigend in Kauf genommen.

sagmal.de:
Was muss denn eine Seite definitiv haben, damit sie in deiner illustren Liste aufgenommen wird? Bei manchen Seiten soll ja sogar ein leichter Brechreiz aufgekommen sein?

Jürgen Graf:
Ideal ist nach wie vor, wenn eine Seite unfreiwillig komisch anmutet. Je mehr, desto besser. Die Aspekte, die am häufigsten zu diesem Eindruck beitragen, habe ich ja schon genannt. Gern genommen werden auch immer wieder die gelungenen Ergebnisse vollautomatischer Übersetzungsprogramme. Und nicht zu vergessen die irgendwie zusammengeknüppelten Seiten, auf denen ohne Rücksicht auf Verluste davon die Rede ist, dass jeder Gewerbetreibende bei diesem Webservice-Anbieter unbedingt sofort eine so genannte Homepage in Auftrag geben müsse, wenn er nicht in ein paar Monaten pleite sein will. Anhand dieser Exemplare lässt sich nämlich sehr anschaulich illustrieren, welcher grobe Unfug teilweise im Zuge der Internet-Hype erzählt wird und wie souverän eigene Fähigkeiten falsch eingeschätzt werden können.

sagmal.de:
Eines meiner Lieblingszitate ist von Stefan Münz: Wir brauchen mehr Perlen im Web, Mist haben wir genug. Zitat Ende. Wenn man das Kaleidoskop der bei dir vorgestellten Seiten durchgeht, muss man ihm Recht geben. Gibt es Hoffnung für die Zukunft?

Jürgen Graf:
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Wir müssen aber wahrscheinlich auch davon ausgehen, dass die Unvollkommenheit des menschlichen Strebens ein ewiges Leben hat. Was allerdings überhaupt nicht tragisch ist, denn dann gibt es ja wenigstens immer was zu lachen.

sagmal.de:
Ist deine Art der Anprangerung nicht auf eine besondere Weise grausam, den sicher mit viel Liebe gemachten Seiten und vor allem Ihren Erstellern gegenüber?

Jürgen Graf:
Mit der Liebe ist das ja immer so 'ne Sache. Zum einen weiß ich nicht, ob man dieses große Wort ohne Not auch im Zusammenhang mit der Erstellung von Webseiten strapazieren sollte. Und außerdem darf man aus meiner Sicht da schon unterscheiden. Wenn selbstverliebte Beweihräucherungen der eigenen Person oder Firma im Vordergrund stehen, hält sich die persönliche Anteilnahme auf jeden Fall in Grenzen. Was auch damit zusammenhängt, dass Mitleid in diesen Fällen vielleicht sogar kontraproduktive Folgen haben kann. Deutlich unterschieden wird auf der Müllseite aber auch hinsichtlich der Zielscheiben der Kritik. Es geht ausdrücklich nur um Webauftritte und noch ausdrücklicher nicht um Personen, die für Webauftritte verantwortlich sind. Bemerkungen sind deshalb grundsätzlich nicht persönlich gemeint. Und falls dies einmal missverstanden wird, kann ich nur auf den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt verweisen, der bekanntlich mal festgestellt hat "Wer Kritik übelnimmt, hat etwas zu verbergen". Und schließlich noch zur Frage nach dem Grausamkeitsfaktor: Kann es nicht auch grausam sein, unschuldige Besucher mit ohrenkrebsversursachendem Midi-Gedudel oder mit Farbkombinationen aus den finstersten Folterkammern der Webdesignhölle zu traktieren ?

sagmal.de:
Gab es schon Drohmails gegen dich, auf Grund der Vorstellung bei muellseite.de?

Nein, die Abbildung bedeutet nicht, das sagmal.de dieser Award verliehen wurde. Jürgen Graf:
Soweit ich es aufgrund der Reaktionen beurteilen kann, werden die Besprechungen in der Mehrzahl der Fälle mit Humor aufgenommen. Bingo ! So soll es auch sein ! Aber es ist in der Tat auch bereits vorgekommen, dass ungnädig reagiert wurde. Erfreulicherweise allerdings bisher kein einziges Mal in einer Form, die tatsächlich als Bedrohung hätte aufgefasst werden müssen. Den meisten Mails hat man angemerkt, dass sie im Zustand vorübergehender Erregung geschrieben worden sind. Und zwar auch und gerade dann, wenn sofort mit der Ankündigung herumgefuchtelt worden ist, einen Anwalt einzuschalten. Mit einer höflichen Bitte, doch bitteschön etwas genauer auszuführen, weshalb eine Müllseite-Rezension angeblich den Tatbestand der üblen Nachrede oder der Geschäftsschädigung erfüllen soll, war es in diesen Fällen dann bisher eigentlich immer getan. Und das soll natürlich auch so bleiben. Schließlich gibt es jede Menge Freizeitbeschäftigungen, die mehr Spaß machen als juristische Auseinandersetzungen.

sagmal.de:
Ein Genuss sind auch immer deine zu den Vorstellungen gehörenden Texte. Entwirfst du selbst oder hast du Ghostwriter?

Jürgen Graf:
Ghostwriter ? Im Prinzip eine ausgezeichnete Idee ! Da die Müllseite keinen müden Euro abwirft, wird es aber wahrscheinlich erst einmal dabei bleiben, mir selbst was aus den Fingern saugen zu müssen.

sagmal.de:
Und wie reagieren Firmen? Anders als Privatpersonen? Reagieren sie überhaupt?

Jürgen Graf:
Wesentliche Unterschiede habe ich da bisher nicht feststellen können. Jedenfalls abgesehen davon, dass mal in einer Firmenreaktion davon die Rede war, gleich eine komplette Rechtsabteilung auf die Müllseite loshetzen zu wollen. Was bei einem Ein-Personen-Betrieb, dessen Webseite besprochen worden ist, ja durchaus einen zusätzlichen Unterhaltungswert besitzt. Wie übrigens auch ein anderer Fall. Da hat sich ein Freiberufler zu der Behauptung verstiegen, seine Internetpräsenz sei nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Für wen diese Seite ansonsten bestimmt sein soll, hat sich mir bis heute trotz intensiven Nachdenkens leider noch nicht erschlossen.

sagmal.de:
Was sind denn die häufigsten Fehler, die in Firmenhomepages zu beanstanden sind?

Jürgen Graf:
Nach meinem Eindruck haben wir es da hauptsächlich mit handwerklichen Mängeln zu tun, die auch bei Webauftritten von Privatpersonen zu beklagen sind: Kein Gespür für Farben und Typographie, schlampig verarbeitete Grafiken, offensichtlich kein Plan hinsichtlich der Bildschirmauflösungen und der Tücken der verschiedenen Browser, eine Navigation, die nicht benutzerfreundlich ist, und so weiter und so fort. Strafverschärfend kommt bei diesen Firmenpräsenzen natürlich dazu, dass mit ihrer Hilfe eigentlich Umsätze generiert werden sollen, das vermeintliche Aushängeschild aber geradezu dazu auffordert, dort lieber nichts zu kaufen.

sagmal.de:
Gab es eine Seite, bei der sogar du dich gewehrt hast, sie aufzunehmen?

Jürgen Graf:
Sogar ziemlich viele. Tabu sind zum einen Seiten, auf denen es Indizien dafür gibt, dass die Verantwortlichen ernste Lebenskrisen, Krankheiten oder größere psychische Probleme zu bewältigen haben. Seiten von Minderjährigen werden in der Regel auch nicht besprochen. Gegenüber jungen Menschen soll man schließlich nachsichtig sein. Und auf Webauftritte, die nach meinem Geschmack die Grenze zur Unappetitlichkeit deutlich überschritten haben, muss auch nicht unbedingt eingegangen werden.

sagmal.de:
Was hältst du von Karl Fritsch? Kann er es wirklich nicht besser?

Jürgen Graf:
Karl Fritsch ist es mit seiner Mixtur aus wahnwitzigem Design, wirrer Navigation, ebenso langatmigen wie öden Urlaubsberichten und allem, was ansonsten noch einen Albtraum ausmacht, auf jeden Fall gelungen, vielen Besuchern viele vergnügliche Stunden zu bereiten. Respekt ! Das muss man erstmal hinkriegen ! Und deshalb würde ich ihn zur Abrundung des Eindrucks wirklich gern mal persönlich kennenlernen. Kann sagmal.de da nicht mal was arrangieren ?

Anmerkung der Red.:Nöö!

sagmal.de:
Welche Seiten besuchst du gerne und regelmässig, um die visuellen Missgeschicke zu vergessen?

Jürgen Graf:
Selbst auf die Gefahr, dass es abgedroschen klingt: Am spannendsten finde ich immer noch Seiten, auf denen eine originelle Idee intelligent und witzig umgesetzt worden ist. Spontan fallen mir dazu ein: nudelsuppen.de, weil hier unter Beweis gestellt wird, dass Fertiggerichte durchaus ein Thema für die fundierte Gastronomiekritik sein dürfen Die W-Akten wegen ihrer beeindruckend umfangreichen Sammlung nutzlosen Wissens Die Freie Republik Laputa, der erste virtuelle Kleinstaat auf deutschem Boden Sowie HEISS&FETTIG, eins der wenigen noch aktiven Highlights aus der großen Zeit der nichtkommerziellen Netzsatire

sagmal.de:
Und was machst du, wenn du mal nicht gerade Müll sortierst?

Jürgen Graf:
Wie gesagt: Mit der Müllseite wird kein Geld verdient. Weshalb ich bedauerlicherweise gezwungen bin, einer Tätigkeit nachzugehen, bei der sich das anders verhält. Und über die restliche Freizeit gibt es leider auch nichts zu berichten, womit sich Eindruck schinden ließe

sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Jürgen Graf:
Über das Honorar wollen wir uns ja sicher nicht in aller Öffentlichkeit verständigen, wenn Du verstehst, was ich meine ...

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Jürgen Graf:
Was ist eigentlich von Leuten zu halten,
die immer das letzte Wort haben müssen ;-)

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Das Interview wurde am 11.1.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Jürgen Graf für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken sowie Ausschnitte des Pressetextes unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von der entsprechenden Webseiten entnommen


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