Interview mit Torsten Low vom 25.1.2011
Verlag Torsten Low

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Manche Horrorgeschichte, die ich vor Jahren über Verlage gehört habe, ist genau das – eine Geschichte.

Torsten Low Torsten Low,
Jahrgang 1975, Autor und Kleinverleger, lebt mit Frau und Kind in Erlingen bei Augsburg.
Der in der Handybranche Arbeitende schreibt seit seiner Kindheit Kurzgeschichten, von denen eine in einem Fanzine veröffentlicht wurde. Aus dem Hobby Buchbinden entwickelte sich schließlich der Verlag Torsten Low. 2005 erschien mit »Tag« sein erster Roman aus dem Fantasy-Zyklus »Dunkel über Daingistan« im Eigenverlag, 2007 und 2009 erschienen die Fortsetzungen »Dämmerung« und »Nacht«.

Seit 2008 geht der Verlag neue Wege. »Fair verlegen« ist das Motto von Torsten Low, der mit Anthologien und Romanen einen Mix aus unveröffentlichten Jungautoren und bereits veröffentlichten Autoren sucht.

www.verlag-torsten-low.de

sagmal.de:
Torsten, seit Jahren hört man von der Krise auf dem Buchmarkt. Wie kommt man da auf die Idee, einen eigenen Verlag zu gründen?

Torsten Low:
Eigentlich war es eine Schnapsidee. Ich hatte irgendwann meinen ersten Roman fertig und habe mich dann ein wenig umgehört. Das, was ich gehört habe, war eher ernüchternd und frustrierend.
Horrorgeschichten hörte ich von Lektoren, die chronisch überlastet am Wochenende ein Manuskript mit nach Hause nahmen, während Hunderte unverlangter Einsendungen ungelesen in die Tonne wandern. Von vier- und fünfstelligen Beträgen, die man zahlen müsse, um eine Chance zu erhalten. Von Autoren, die nach dem Lektorat weinend vor ihrem Skript gesessen haben sollen, weil sie ihr Baby nicht wiedererkannten.
Kurzum – ich war so abgeschreckt, dass ich es nicht einmal versuchte, bei einem anderen Verlag zu landen. Also überlegte ich, dass es mir ausreichen würde, zwei Exemplare zu haben – eins für die eigene Schrankwand, eins für eine gute Freundin. Und da meine Frau und ich vor Jahren einen Buchbindekurs gemacht hatten, war es klar, dass wir alles selber machten. Dann kam noch die Eitelkeit dazu, ich orderte eine Einzel-ISBN und schwupps gehörte ich zum deutschen Kulturerbe und stand in der deutschen Nationalbibliothek.
Danach – so dachte ich – hatte es sich. Doch weit gefehlt. Einige Leute hatten es mitbekommen, dass ich ein Buch geschrieben habe und wollten es lesen, ja sogar kaufen. Also schnurstracks zum Gewerbeamt – man wollte ja nicht in irgendein Fettnäpfchen treten, wenn man 3,50 Gewinn hat – und ein Gewerbe angemeldet.

Was danach folgte, ist schnell erzählt. 2005 erschien mit »Tag« der erste Teil von »Dunkel über Daingistan«, 2007 folgte der zweite Teil »Dämmerung«. Im gleichen Jahr planten wir mit Daniela Höhne die Ausschreibung zu »Lichtbringer«.
Auf den Tübinger Tolkien-Tagen 2007 – nach meiner ersten Lesung – befanden wir uns dann am Scheideweg. Ich merkte, dass mir das Verlegen und das Vermarkten liegt und wollte mehr. Aber ich konnte natürlich nicht alles selber schreiben, denn – das zeichnete sich bereits damals ab – gerade die Vermarktung kostet Zeit. Ich brauchte also Autoren. Und natürlich musste irgendwie die Finanzierung klappen. So saßen meine Frau und ich in Tübingen in einer kleinen Cocktailbar zusammen und schrieben Dutzende Bierdeckel mit irgendwelchen Kalkulationen voll. Einige dieser Bierdeckel enthielten ein – mhh - »Autorenbeteiligungsmodell«. Als wir am nächsten Tag wieder nüchtern waren und mit dem Auto nach Hause fuhren, knüllte ich diese Bierdeckel und damit das Geschäftsmodell.

Autoren leisten Arbeit – und sie gehören dafür bezahlt. Punkt. Wenn mein Geschäftsmodell nicht funktionieren sollte, wenn ich genau das einplane, dann ist es auch nichts wert.
Seither ist mein Motto »fair verlegen« und das durchzieht alles, was wir machen. Gedruckt und gebunden wird beispielsweise nach wie vor in Deutschland – und nicht in China, Tschechien, Indien, Polen, Türkei oder Russland, obwohl ich da schon mehr als genug Angebote hatte. Ich bin der Meinung, dass meine Leser und Käufer hauptsächlich im deutschsprachigen Raum sitzen – also ist es nur fair, auch im deutschsprachigen Raum zu produzieren.
Und ich muss sagen, seitdem ich mich intensiv mit der anderen Seite, der Verlagsseite beschäftigt habe, musste ich erkennen: Manche Horrorgeschichte, die ich vor Jahren über Verlage gehört habe, ist genau das – eine Geschichte.

sagmal.de:
Du verlegst ausschließlich Phantastik. Weil es gerade in ist?

Torsten Low:
Weil ich es selber gerne lese und gerne schreibe. Ich würde es auch verlegen, wenn es nicht gerade in wäre. Davon abgesehen laufen Krimis weitaus besser, als Phantastik.
Aber ich verlege nur das, wovon ich selber überzeugt bin, es auch an den Leser zu bringen. Wir sind auf unzähligen Veranstaltungen, ich lese für meine Autoren und schlüpfe da auch manchmal für den Kannibalenhorror von Cecille Ravencraft (»Im Zentrum der Spirale«) in die blutbeschmierte Schürze. So was kann ich nur, wenn ich wirklich voll dahinterstehe.
Sehr zum Leidwesen meines Vaters, der sich als absoluter Westernfan gerne einen Western aus der Feder seines Sohnes oder zumindest aus seinem Verlag gewünscht hätte. Naja, zumindest bekommt er demnächst eine Anthologie, in der Westernelemente mit phantastischen Elementen gemixt werden.
Kleinverleger müssen ihre Nische finden. Irgendetwas, was sie von der Masse des Buchmarktes abhebt. Einfach nur auf einer Welle mitreiten, weil es in ist oder sich zu breit aufzustellen, bringt nichts. Deswegen versuche ich Anthologien mit phantastischen Themen auf noch nicht ganz ausgetretenen Pfaden zu machen. Und bei den Romanen ist es mir wichtig, dass es nicht ein Buch ist, was es jedem Recht machen möchte.
Romane wie beispielsweise »Im Zentrum der Spirale«, welches schockiert und an die Nieren geht und Angst macht, weil es wirklich wahr sein könnte.

sagmal.de:
Aus eigenem Interesse: Wann wird es andere Genres geben? Wann kommt der erste Krimi?

Torsten Low:
Aus dem bereits genannten Gründen wohl vorerst nicht. Ich würde sehr irritiert sein, wenn ich im Baumarkt neben der Abteilung mit den Schrauben und Muttern ein Regal mit Brot, ein Kühlregal mit Wurst und ein Regal mit Spielwaren finden würden. Das wäre ein Ramschladen, der nicht weiß, wo seine Stärken liegen.
Ich sehe meine Stärken in der Phantastik. Auch in der Vermarktung von Phantastik. Deswegen wird wohl vorerst kein phantastikfremdes Genre hinzukommen.

sagmal.de:
Bei der Recherche stieß ich auch automatisch auf
www.das-andere-buch.com.
Erklärst du uns, was es damit auf sich hat?

Torsten Low:
Die Ausgangssituation war die, die wohl jeder Autor aus einem Kleinverlag, jeder Selbstverleger oder Kleinverleger hat.
Wenige Verkäufe.
Man hat hier ein wenig Werbung gemacht, dort was ausprobiert, da mal eine Lesung gehalten und dort im Forum geschrieben. Und hat das Gefühl, man tritt auf der Stelle.
Vor zwei Jahren haben sich vier Autoren im Chat getroffen – und irgendwie kam die Sprache auf Vermarktung. Ich war erst ein wenig skeptisch – ich war davor in einer Gruppe, die heut bereits nicht mehr existiert (oder wenn, dann als Zombie). Ungefähr hundert mehr oder weniger Aktive, dabei gab es die, die Vorschläge machten und die, die erklären wollten, warum etwas nicht funktioniert. Aber die anderen drei in diesem Chat hier waren so hoch motiviert, ich ließ mich anstecken, die Ideen flogen hin und her – und ehe wir uns versahen, hatten wir unsere eigene Autorenvereinigung, unsere eigene Webseite, einen eigenen Flyer und planten unsere eigene Buchmesse. Und im Februar kommt auf der 2. Buchmesse von »Das andere Buch«unsere erste gemeinsame Anthologie heraus.

Die Erkenntnis, dass jeder einzelne viel zu klein ist, als dass man sich gegenseitig Konkurrenz machen würde, war der Auslöser. Und wirklich, wir unterstützen uns gegenseitig, geben uns gegenseitig Tipps, haben ein Forum mit einem abgeschotteten Bereich für Textarbeit, kennen uns mittlerweile auch persönlich. Jeder profitiert vom anderen, ob nun durch Erfahrung oder durch klingende Münze und Mehrverkäufe. Dabei wachsen wir langsam, aber stetig und nehmen auch nicht jeden auf. Das Buch, welches von dem Bewerber geschrieben und veröffentlicht wurde (egal ob seriöser Verlag, Dienstleister, DKZV oder Selbstverlag) muss den Qualitätsansprüchen des Kernteams genügen, ansonsten wird es abgelehnt.

sagmal.de:
Du bist Verleger. Kannst du uns mal schildern, was junge Autoren beim Umgang mit Verlagen alles falsch machen können? Worauf sollten Autoren achten, wenn sie mit Verlagen Kontakt aufnehmen?

Torsten Low:
Zu dem Thema habe ich bereits sehr viel geschrieben, ich veröffentliche ja im Blog von »Verlorene Werke« in sehr unregelmäßigen Abständen das Verlagsgeplauder
http://verlorene-werke.blogspot.com/p/verlagsgeplauder.html.
Da habe ich mit »Abgelehnt« und »Wie mache ich es richtig?« bereits zwei Beiträge zum Thema.

sagmal.de:
Wie denkst du über Druckkostenzuschussverlage?

Torsten Low:
Sind keine Verlage. Es sind Druckereien oder Dienstleister, aber keine Verlage, denn sie machen das Wichtigste eben nicht: Vorlegen. Was einen echten Verlag auch heute noch auszeichnet, ist, dass er das volle finanzielle Risiko übernimmt. Für alles, was mit der Buchproduktion und dem Vermarkten zu tun hat.
Klar kommt an der Stelle gerne das Argument, auch Goethe hätte seinen Götz selber finanziert. Das ist richtig und war 1773. Damals hatten wir auch noch die Monarchie mit dem Alten Fritz, die Reichen beschütteten sich mit Puder und Mottenpulver, anstatt sich zu waschen und Wissenschaftler stellten in einem kuriosen Experiment fest, dass auch Eunuchen Stromschläge spüren. Aber damals ist halt nicht heute. Heute haben wir die Demokratie, Wasser und Seife und Gesetze gegen Menschenversuche. Und wir haben den Autorenvertrag von verdi und den Börsenverein des deutschen Buchhandels, des Dachverbandes der Verlage, Buchhändler und Buchhandelsvertreter.

sagmal.de:
Wie wird es mit deinem Verlag weiter gehen? Sind Neuerungen geplant?

Torsten Low:
Lesung Jedes neue Buch bringt Neuerungen mit sich. Wenn ich das Buch ganz frisch herausbringe, bin ich der Meinung, dass ich dieses Mal alles richtig gemacht habe. Und nach und nach fallen mir da und dort kleine Dinge ins Auge, die man hätte besser machen können. Das sammle ich und beim nächsten Buch wird es besser. Ich glaube, wenn ich sagen würde, dass ich mit allem, so wie ich es gemacht und produziert habe, vollkommen zufrieden gewesen bin, würde jeder merken, dass ich lüge. Ich weiß, dass ich immer noch was besser machen kann. Und das versuche ich dann auch.

sagmal.de:
Was ist deine Lieblingsseite im Netz, außer deinen eigenen?

Torsten Low:
Puh, das ist gar nicht so einfach. Ich mag viele Seiten. Aber einer meiner Favoriten ist der Fantasyguide www.fantasyguide.de

sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Torsten Low:
Ja, die ewige Frage nach Bier oder Wein.
Wein natürlich ;-)

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Torsten Low:
Leute, lest mehr Bücher.
Vielen Dank für das Interview

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Das Interview wurde am 25.1.2011 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Torsten Low für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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