Claudia Klinger, geboren in Ulm/Donau, aufgewachsen in Wiesbaden,
seit 79 in Berlin, Kommunikations- designerin weitergebildet zur EDV-Fachkraft, freiberuflich Webdesignerin, schreibt online und offline (Net-KnowHow, Cyber-Philosophisches) plant und gestaltet Webprojekte, seit Ende '95 vernetzt. Interessen: das Netz, die Welt, die Menschen, Yoga
*** In den Zeiten des ersten Hypes herrschte ja eine ganz besondere Stimmung unter den Netizens, jeder gab sein Bestes und zeigte sich von der Schokoladenseite. Als würde die Welt sich grundstürzend ändern... wieder nix!
***
|
 |
sagmal.de:
Claudia, wie zu kaum einem anderen Interviewpartner passt der Titel
meiner Seite "Spuren im Netz". Du hast viele schöne Spuren im Netz hinterlassen.
Wie begann dein Weg, deine Spur?
|
Claudia:
Ich war schon zwei Jahre mit dem öden BTX online, als ich '95 während
Christos Reichstagsverpackung das Web entdeckte: Allein mit einem PC
im ersten "temporären Internet-Café" klickte ich mich weg von den
Christo-Seiten, erreichte eine Suchmaschine, gab ein paar Worte ein
und eine faszinierende neue WELT tat sich vor mir auf: Hier konnte ja
jeder schreiben, zu praktisch JEDEM Thema.... Ich war hin und weg!
Meinen Projektleiterjob bei einem ABM-Träger hängte ich
schnellstmöglich an den Nagel und begann, für Printmedien über das Web
zu schreiben: bezahlte Surftouren zu Themen, die ich selber wählte.
Philosophie-Seiten und die Welt der privaten Homepages waren meine
ersten "Reisen". Ich lernte viele interessante Menschen kennen und ein
paar Monate später war ich mit meiner ersten Website "Human Voices"
dabei. Eine kleine Textsammlung mit einem Logo, das mein Staunen über
das ausdrückte, was ich im Netz erlebte . Schnell wuchs sich
das zu einem Mitschreibprojekt aus, das als "Wörterwald" auch heute
noch im Web steht. Es
folgte Missing Link, das Cyberzine für Philosophie & Webkultur - mit einer aus der
Printwelt übernommenen Magazinstruktur, von der ich mich im Lauf der
Jahre dann befreien konnte. Bald schon kamen auch die ersten
Webdesign-Aufträge - ich bin in die Selbständigkeit als Networkerin
ganz beiläufig und stressfrei 'reingewachsen. Heute nennen mich manche
"Urgestein" :-). |
sagmal.de:
Dein Digital Diary ist ein
von Dir sehr interessant und abwechslungsreich geschriebenes Tagebuch.
Es trägt den Titel: "Vom Leben auf dem Land und in den Netzen".
Könntest Du Dir (d)ein Leben auf dem Land auch vorstellen, wenn es das Netz nicht
geben würde? |
Claudia:
Nein. Im Grunde kann ich mir Leben & Arbeiten überhaupt nicht mehr
ohne das Netz vorstellen. Ganz sicher wäre ich "ohne" nicht aufs Land
gezogen, wie denn auch? Ich verdiene ja meine Brötchen übers Netz.
Nachgelassen hat meine Überschätzung der vielen Online-Kontakte. In
den Zeiten des ersten Hypes herrschte ja eine ganz besondere Stimmung
unter den Netizens, jeder gab sein Bestes und zeigte sich von der
Schokoladenseite. Als würde die Welt sich grundstürzend ändern...
wieder nix! |
sagmal.de:
Deine Stimmung, die sich im Digital Diary wiederspiegelt, ist oft
Schwankungen unterworfen. An manchen Tagen glaubt man als Leser Du stehst kurz
davor, mit dem Schreiben aufzuhören. Was baut Dich an solchen Tagen wieder auf? |
Claudia:
Das Schreiben zum Beispiel :-). Oder die Sonne, ein Spaziergang durch
den Garten, ein Telefongespräch mit einem Freund oder Kollegen, ein
bißchen richtige Arbeit an einem guten Projekt, Kaffee-trinken mit
meinem Lebensgefährten - Stimmungen ändern sich doch dauernd, ich
finde es gut, einfach so hinzuschreiben, was gerade kommt. Wo kann man
das sonst tun ausser auf einer eigenen Website? |
sagmal.de:
Auf Missing Link schreibst Du von deiner Schwester Doris, sie sei
jetzt, da sie im Netz sei, DA! Vorher war sie draussen. Macht es so grosse Unterschiede
wer DA ist und wer draussen?
|
Claudia:
Zum einen bedeutet das "Da-Sein", das Auftauchen der Leute im Netz,
dass sie jetzt problemlos ansprechbar sind, und zwar auf DEM
Kommunikationsweg, mit dem ich mich den ganzen Tag befasse.
Andrerseits verstehe ich "drin sein" nicht wie Boris Becker als eben
mal reinklicken (und dann womöglich eine AG gründen...), sondern als
Sich-Einlassen auf das Neue, das jenseits des Hypes tatsächlich
stattfindet. Spielerisch experimentieren, Seiten bauen, sich zeigen,
Kontakte aufnehmen - und auch die Bedingungen der Technik, die
Entwicklungen des Web und der sich vernetzenden Gesellschaft
reflektieren. Ein Netizen sein und sich einbringen. In diesem Sinne
ist meine Schwester immer noch "draußen", es hat sie nicht ergriffen.
Das geschieht heute auch nicht mehr so leicht wie am Anfang, alles
sieht so vorgefertigt aus, man muß schon suchen, um sich das ANDERE
NETZ jenseits der Shopping-Malls und Redaktionssysteme zu erschließen. |
sagmal.de:
Ein Link auf Deiner Seite zeigt Bilder von deinem Huhn. Ein anderer Link
Bilder vom alten Heim vom Schwein. Was erwartest Du von deinen Besuchern nach dem
Betrachten dieser Bilder? |
Claudia:
Nichts. Ich hoffe, es hat ihnen gefallen, dann werden sie auch meine
nächste Bilderstrecke ansehen. Manchmal sind mir Texte nicht genug.
Bilder transportieren Gefühle besser, die ich durch Worte nur zerreden
würde. Neben diesen Text- bzw. Bild-lastigen Sachen mach' ich
gelegentlich ganz andere, eher netzige Seiten, wie z.B. "Meta-Tags zum
Anfassen", zu denen sagt
praktisch nie jemand 'was. Ist wohl zu esoterisch. Das "entzückende
kleine Hühnchen" hat es dagegen in den Print-FOCUS geschafft - ein
paar Wochen nach seinem Tod im Real Life. |
sagmal.de:
Wer ein Tagebuch schreibt und andere darin lesen lässt, bekommt doch
sicher auch Feedback auf sein Tun?
|
Claudia:
Oh ja. Und vor allem sind die Reaktionen meistens tiefschürfender als
das übliche: "Toll, deine Seiten, mach weiter so!" Manchmal fand ich
die ausführlichen E-Mails und Beiträge für mich alleine viel zu
schade, deshalb gibt es jetzt das Forum. Schön, wenn ich mir am Morgen
z.B. den konzentrierten Frust eines TV-Abends in einer kleinen
Hetzrede von der Seele schreibe und wenige Stunden später steht da ein
fetziger Kommentar!
|
sagmal.de:
Wo siehst du die Unterschiede zwischen herkömmlichen Schreiben und dem
Schreiben im Netz? |
Claudia:
Darüber könnte man ganze Romane schreiben - und DAS geht im Netz zum
Beispiel nicht. Schnell zur Sache kommen ist in jedem Fall ein Muss.
Man lernt, Überflüssiges wegzulassen, der Surfer hat ja eigentlich nie
Zeit. Das hindert mich nicht, gelegentlich lange Sätze zu schreiben,
meine Texte müssen noch gescrollt werden - und doch schreibe ich
deutlich konzentrierter als früher. Die Möglichkeit, schnelle
Leser-Reaktionen zuzulassen und sich im nächsten Text - ausgesprochen
oder unausgesprochen - darauf zu beziehen, schätze ich auch sehr.
Damit können aber praktisch nur Individuen sinnvoll umgehen, die für
sich sprechen, in den meisten kommerziellen Medien wird das leider
kaum genutzt. |
sagmal.de:
Gibt es bestimmte Themen, die dich speziell aus deinen Erfahrungen mit
dem Netz heraus interessieren? |
Claudia:
Es fasziniert mich, anhand der Netzmedien zu sehen, wie einfach
Gedanken zu Realitäten werden, wie das Virtuelle ins Reale umschlägt,
wenn es nur ausreichend kommuniziert wird und genug Menschen im selben
Sinne die Mäuse in die Hand nehmen :-). Dann die Frage nach dem
Individuum als Knoten im Netz, das unendlich vielen Einflüssen
ausgesetzt ist - wie werden wir den Info-Gau meistern? Auch die
Veränderung im Spannungsfeld privat/öffentlich berührt mich, die
manchen verunsichert, anderen neue Freiheiten und Möglichkeiten
bietet. Werde ich unabhängiger, indem ich mich vielfältig zeige? Oder
sortiere ich mich dadurch selbst in Schubladen und verbaue mir
bestimmte Dinge? All das experimentiere ich mit mir selber aus und
schreibe gern darüber.
|
sagmal.de:
Existiert Deiner Meinung nach eigentlich so etwas wie eine Kultur im
Netz? |
Claudia:
Eine? Unüberschaubar viele! Die Mailinglisten mit ihrer jeweiligen
Nettikette, die Webkultur mit den sich gerade verfestigenden
Traditionen aus Do's und Dont's, unzählige Communities, die sich auf
Foren zu jedem erdenklichen Thema austauschen und im öffentlichen
Bewußtsein das Usenet abgelöst haben - neuerdings die kommerzielle
Szene der StartUps: Vermittler, Plattformen und Portale, die
versuchen, alles "Netzige" an sich zu ziehen und ein immer gleiches
Gewand aus Bannern, News, Aktienkursen, Free-Mail, Wetterberichten,
Shops und Auktionen drüber zu ziehen, bis alles gleich aussieht. Und
natürlich die Kunst-Szene, Netzliteraten, Hacker und Cyberpolitiker,
engagierte Homepager - ich glaube, ich höre hier besser auf, es wird
zu lang. |
sagmal.de:
Erzählst Du uns etwas über dein neues Projekt? |
Claudia:
Es heisst "Webwriting-Magazin"und handelt
vom Schreiben für's Web, mal vom Inhalt her gesehen. Technik und
Design werden zwar allgemein als "Mittel" zum Zweck gesehen, faktisch
finden sich aber fast nur Quellen, die HTML, Javascript, Flash, Grafik
und dergleichen zentral behandeln. Die ganze Welt der Möglichkeiten
wird ausgebreitet - aber was soll ein Einsteiger damit machen? Viele
Leute in kleinen und mittleren Unternehmen, Behörden und Vereinen sind
damit befasst, den Webauftritt zu organisieren oder zu pflegen, ohne
viel eigene Vor-Erfahrung. Mitarbeiter sollen plötzlich fürs Web oder
fürs Intranet schreiben. Ganz allgemein merken viele Menschen, dass
sie jetzt tatsächlich eine Homepage brauchen, nicht als nettes Hobby
oder Spielerei, sondern weil auf einmal von vielen Seiten danach
gefragt wird. Der Print-Autor, der Arzt, der Künstler, der
Steuerberater, Freiberufler verschiedenster Professionen - sie alle
haben keine Lust, unwissend in 1000 Fettnäppchen zu treten und wollen
oder können sich nicht gleich eine Agentur oder einen Webdesigner
leisten. Oder sie wollen zumindest soviel wissen, um mit Profis kundig
kommunizieren zu können. Ich hoffe, da etwas Nützliches beizutragen,
zusammen mit Michael Charlier, einem Freund und Kollegen. Es paßt,
zeitgleich auch ein Update des Online-ABCs (...das verständliche
Netzlexikon, http://www.netzlexikon.de/ 'rauszubringen: Mit Ralph
Segert, Michael Charlier und Andreas Winterer kann die Neuauflage nur
besser werden. |
sagmal.de:
Hast Du bei meinen Fragen eine Frage vermisst? |
Claudia:
Nein. ich finde es sogar angenehm, dass Du nicht gefragt hast, wie ich
mich ALS FRAU im Netz fühle. Oder ob es nicht komisch ist, "private
Dinge" in ein Webtagebuch zu schreiben. Auch die Frage, ob ich gerne
chatte, wieviele Stunden ich am PC sitze und ob ich mich für
internet-süchtig halte, habe ich wirklich NICHT vermisst :-))). |
sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?
|
Claudia:
Es sitzen überall Menschen hinter den Monitoren. Vergeuden wir nicht
zuviel Zeit mit Programmen, Formularen, Warenkörben und Automaten!
|
Das Interview wurde am 30.9.2000 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Claudia Klinger für die Beantwortung unserer Fragen. |
Wollen sie diesen Beitrag kommentieren?
Bisherige Kommentare |
Sagmal.de ist ein Angebot von Compuexe deSign Webdesign
|