Interview mit Claudia Klinger vom 30.9.2000
Claudia Klinger Claudia Klinger,
geboren in Ulm/Donau, aufgewachsen in Wiesbaden, seit 79 in Berlin, Kommunikations- designerin weitergebildet zur EDV-Fachkraft, freiberuflich Webdesignerin, schreibt online und offline (Net-KnowHow, Cyber-Philosophisches) plant und gestaltet Webprojekte, seit Ende '95 vernetzt. Interessen: das Netz, die Welt, die Menschen, Yoga

***
In den Zeiten des ersten Hypes herrschte ja eine ganz besondere Stimmung unter den Netizens, jeder gab sein Bestes und zeigte sich von der Schokoladenseite. Als würde die Welt sich grundstürzend ändern... wieder nix!

***

sagmal.de:
Claudia, wie zu kaum einem anderen Interviewpartner passt der Titel meiner Seite "Spuren im Netz". Du hast viele schöne Spuren im Netz hinterlassen. Wie begann dein Weg, deine Spur?

Claudia:
Ich war schon zwei Jahre mit dem öden BTX online, als ich '95 während Christos Reichstagsverpackung das Web entdeckte: Allein mit einem PC im ersten "temporären Internet-Café" klickte ich mich weg von den Christo-Seiten, erreichte eine Suchmaschine, gab ein paar Worte ein und eine faszinierende neue WELT tat sich vor mir auf: Hier konnte ja jeder schreiben, zu praktisch JEDEM Thema.... Ich war hin und weg! Meinen Projektleiterjob bei einem ABM-Träger hängte ich schnellstmöglich an den Nagel und begann, für Printmedien über das Web zu schreiben: bezahlte Surftouren zu Themen, die ich selber wählte. Philosophie-Seiten und die Welt der privaten Homepages waren meine ersten "Reisen". Ich lernte viele interessante Menschen kennen und ein paar Monate später war ich mit meiner ersten Website "Human Voices" dabei. Eine kleine Textsammlung mit einem Logo, das mein Staunen über das ausdrückte, was ich im Netz erlebte Claudia Klinger Logo. Schnell wuchs sich das zu einem Mitschreibprojekt aus, das als "Wörterwald" auch heute noch im Web steht. Es folgte Missing Link, das Cyberzine für Philosophie & Webkultur - mit einer aus der Printwelt übernommenen Magazinstruktur, von der ich mich im Lauf der Jahre dann befreien konnte. Bald schon kamen auch die ersten Webdesign-Aufträge - ich bin in die Selbständigkeit als Networkerin ganz beiläufig und stressfrei 'reingewachsen. Heute nennen mich manche "Urgestein" :-).

sagmal.de:
Dein Digital Diary ist ein von Dir sehr interessant und abwechslungsreich geschriebenes Tagebuch. Es trägt den Titel: "Vom Leben auf dem Land und in den Netzen". Könntest Du Dir (d)ein Leben auf dem Land auch vorstellen, wenn es das Netz nicht geben würde?

Claudia:
Nein. Im Grunde kann ich mir Leben & Arbeiten überhaupt nicht mehr ohne das Netz vorstellen. Ganz sicher wäre ich "ohne" nicht aufs Land gezogen, wie denn auch? Ich verdiene ja meine Brötchen übers Netz. Nachgelassen hat meine Überschätzung der vielen Online-Kontakte. In den Zeiten des ersten Hypes herrschte ja eine ganz besondere Stimmung unter den Netizens, jeder gab sein Bestes und zeigte sich von der Schokoladenseite. Als würde die Welt sich grundstürzend ändern... wieder nix!

sagmal.de:
Deine Stimmung, die sich im Digital Diary wiederspiegelt, ist oft Schwankungen unterworfen. An manchen Tagen glaubt man als Leser Du stehst kurz davor, mit dem Schreiben aufzuhören. Was baut Dich an solchen Tagen wieder auf?

Claudia:
Das Schreiben zum Beispiel :-). Oder die Sonne, ein Spaziergang durch den Garten, ein Telefongespräch mit einem Freund oder Kollegen, ein bißchen richtige Arbeit an einem guten Projekt, Kaffee-trinken mit meinem Lebensgefährten - Stimmungen ändern sich doch dauernd, ich finde es gut, einfach so hinzuschreiben, was gerade kommt. Wo kann man das sonst tun ausser auf einer eigenen Website?

sagmal.de:
Auf Missing Link schreibst Du von deiner Schwester Doris, sie sei jetzt, da sie im Netz sei, DA! Vorher war sie draussen. Macht es so grosse Unterschiede wer DA ist und wer draussen?

Claudia:
Zum einen bedeutet das "Da-Sein", das Auftauchen der Leute im Netz, dass sie jetzt problemlos ansprechbar sind, und zwar auf DEM Kommunikationsweg, mit dem ich mich den ganzen Tag befasse. Andrerseits verstehe ich "drin sein" nicht wie Boris Becker als eben mal reinklicken (und dann womöglich eine AG gründen...), sondern als Sich-Einlassen auf das Neue, das jenseits des Hypes tatsächlich stattfindet. Spielerisch experimentieren, Seiten bauen, sich zeigen, Kontakte aufnehmen - und auch die Bedingungen der Technik, die Entwicklungen des Web und der sich vernetzenden Gesellschaft reflektieren. Ein Netizen sein und sich einbringen. In diesem Sinne ist meine Schwester immer noch "draußen", es hat sie nicht ergriffen. Das geschieht heute auch nicht mehr so leicht wie am Anfang, alles sieht so vorgefertigt aus, man muß schon suchen, um sich das ANDERE NETZ jenseits der Shopping-Malls und Redaktionssysteme zu erschließen.

sagmal.de:
Ein Link auf Deiner Seite zeigt Bilder von deinem Huhn. Ein anderer Link Bilder vom alten Heim vom Schwein. Was erwartest Du von deinen Besuchern nach dem Betrachten dieser Bilder?

Claudia:
Nichts. Ich hoffe, es hat ihnen gefallen, dann werden sie auch meine nächste Bilderstrecke ansehen. Manchmal sind mir Texte nicht genug. Bilder transportieren Gefühle besser, die ich durch Worte nur zerreden würde. Neben diesen Text- bzw. Bild-lastigen Sachen mach' ich gelegentlich ganz andere, eher netzige Seiten, wie z.B. "Meta-Tags zum Anfassen", zu denen sagt praktisch nie jemand 'was. Ist wohl zu esoterisch. Das "entzückende kleine Hühnchen" hat es dagegen in den Print-FOCUS geschafft - ein paar Wochen nach seinem Tod im Real Life.

sagmal.de:
Wer ein Tagebuch schreibt und andere darin lesen lässt, bekommt doch sicher auch Feedback auf sein Tun?

Digital Diary Claudia:
Oh ja. Und vor allem sind die Reaktionen meistens tiefschürfender als das übliche: "Toll, deine Seiten, mach weiter so!" Manchmal fand ich die ausführlichen E-Mails und Beiträge für mich alleine viel zu schade, deshalb gibt es jetzt das Forum. Schön, wenn ich mir am Morgen z.B. den konzentrierten Frust eines TV-Abends in einer kleinen Hetzrede von der Seele schreibe und wenige Stunden später steht da ein fetziger Kommentar!

Zurück zur Übersicht Zur Übersicht Interviews Nach oben


sagmal.de:
Wo siehst du die Unterschiede zwischen herkömmlichen Schreiben und dem Schreiben im Netz?

Claudia:
Darüber könnte man ganze Romane schreiben - und DAS geht im Netz zum Beispiel nicht. Schnell zur Sache kommen ist in jedem Fall ein Muss. Man lernt, Überflüssiges wegzulassen, der Surfer hat ja eigentlich nie Zeit. Das hindert mich nicht, gelegentlich lange Sätze zu schreiben, meine Texte müssen noch gescrollt werden - und doch schreibe ich deutlich konzentrierter als früher. Die Möglichkeit, schnelle Leser-Reaktionen zuzulassen und sich im nächsten Text - ausgesprochen oder unausgesprochen - darauf zu beziehen, schätze ich auch sehr. Damit können aber praktisch nur Individuen sinnvoll umgehen, die für sich sprechen, in den meisten kommerziellen Medien wird das leider kaum genutzt.

sagmal.de:
Gibt es bestimmte Themen, die dich speziell aus deinen Erfahrungen mit dem Netz heraus interessieren?

Claudia:
Es fasziniert mich, anhand der Netzmedien zu sehen, wie einfach Gedanken zu Realitäten werden, wie das Virtuelle ins Reale umschlägt, wenn es nur ausreichend kommuniziert wird und genug Menschen im selben Sinne die Mäuse in die Hand nehmen :-). Dann die Frage nach dem Individuum als Knoten im Netz, das unendlich vielen Einflüssen ausgesetzt ist - wie werden wir den Info-Gau meistern? Auch die Veränderung im Spannungsfeld privat/öffentlich berührt mich, die manchen verunsichert, anderen neue Freiheiten und Möglichkeiten bietet. Werde ich unabhängiger, indem ich mich vielfältig zeige? Oder sortiere ich mich dadurch selbst in Schubladen und verbaue mir bestimmte Dinge? All das experimentiere ich mit mir selber aus und schreibe gern darüber.

sagmal.de:
Existiert Deiner Meinung nach eigentlich so etwas wie eine Kultur im Netz?

Claudia:
Eine? Unüberschaubar viele! Die Mailinglisten mit ihrer jeweiligen Nettikette, die Webkultur mit den sich gerade verfestigenden Traditionen aus Do's und Dont's, unzählige Communities, die sich auf Foren zu jedem erdenklichen Thema austauschen und im öffentlichen Bewußtsein das Usenet abgelöst haben - neuerdings die kommerzielle Szene der StartUps: Vermittler, Plattformen und Portale, die versuchen, alles "Netzige" an sich zu ziehen und ein immer gleiches Gewand aus Bannern, News, Aktienkursen, Free-Mail, Wetterberichten, Shops und Auktionen drüber zu ziehen, bis alles gleich aussieht. Und natürlich die Kunst-Szene, Netzliteraten, Hacker und Cyberpolitiker, engagierte Homepager - ich glaube, ich höre hier besser auf, es wird zu lang.

sagmal.de:
Erzählst Du uns etwas über dein neues Projekt?

Claudia:
Es heisst "Webwriting-Magazin"und handelt vom Schreiben für's Web, mal vom Inhalt her gesehen. Technik und Design werden zwar allgemein als "Mittel" zum Zweck gesehen, faktisch finden sich aber fast nur Quellen, die HTML, Javascript, Flash, Grafik und dergleichen zentral behandeln. Die ganze Welt der Möglichkeiten wird ausgebreitet - aber was soll ein Einsteiger damit machen? Viele Leute in kleinen und mittleren Unternehmen, Behörden und Vereinen sind damit befasst, den Webauftritt zu organisieren oder zu pflegen, ohne viel eigene Vor-Erfahrung. Mitarbeiter sollen plötzlich fürs Web oder fürs Intranet schreiben. Ganz allgemein merken viele Menschen, dass sie jetzt tatsächlich eine Homepage brauchen, nicht als nettes Hobby oder Spielerei, sondern weil auf einmal von vielen Seiten danach gefragt wird. Der Print-Autor, der Arzt, der Künstler, der Steuerberater, Freiberufler verschiedenster Professionen - sie alle haben keine Lust, unwissend in 1000 Fettnäppchen zu treten und wollen oder können sich nicht gleich eine Agentur oder einen Webdesigner leisten. Oder sie wollen zumindest soviel wissen, um mit Profis kundig kommunizieren zu können. Ich hoffe, da etwas Nützliches beizutragen, zusammen mit Michael Charlier, einem Freund und Kollegen. Es paßt, zeitgleich auch ein Update des Online-ABCs (...das verständliche Netzlexikon, http://www.netzlexikon.de/ 'rauszubringen: Mit Ralph Segert, Michael Charlier und Andreas Winterer kann die Neuauflage nur besser werden.

sagmal.de:
Hast Du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Claudia:
Nein. ich finde es sogar angenehm, dass Du nicht gefragt hast, wie ich mich ALS FRAU im Netz fühle. Oder ob es nicht komisch ist, "private Dinge" in ein Webtagebuch zu schreiben. Auch die Frage, ob ich gerne chatte, wieviele Stunden ich am PC sitze und ob ich mich für internet-süchtig halte, habe ich wirklich NICHT vermisst :-))).

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Claudia Klinger Claudia:
Es sitzen überall Menschen hinter den Monitoren. Vergeuden wir nicht zuviel Zeit mit Programmen, Formularen, Warenkörben und Automaten!

Zurück zur Übersicht Zur Übersicht Interviews Nach oben

Das Interview wurde am 30.9.2000 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Claudia Klinger für die Beantwortung unserer Fragen.


Wollen sie diesen Beitrag kommentieren?

Bisherige Kommentare

Sagmal.de ist ein Angebot von
Compuexe deSign Webdesign