*** Die Schuld an dieser Entwicklung gebe ich weder dem Publikum noch denen, die das Programm letztendlich machen, sondern den wenigen Program Consultants in Deutschland, einer schon arg widerwärtigen Sorte Mensch, die es schaffen, rückgratlosen Programmverantwortlichen die immer gleichen schematisch angelegten Programmvorlagen unterzujubeln. Inzwischen macht es ja keinen Unterschied mehr, ob ich einen Privatsender in Baden-Württemberg oder einen öffentlich-rechtlichen Sender in Sachsen einschalte - überall höre ich die gleiche Soße, sehe ich die gleichen, glattgebügelten Gesichter
|
 |
Konstantin Klein
ist freier Journalist und Autor und er lebt seit 1996 in Falls Church, Virginia, einem kleinen Ort westlich der US-Hauptstadt, ungefähr acht Meilen vom Weißen Haus entfernt. Von hier, und von seinem Schreibtisch downtown aus beobachtet er, was in diesem Land vor sich geht, und berichtet darüber.
Unter anderem für die ARD und die Deutsche Welle.
Version X (in Worten: zehn) seiner Seiten bringen zusammen, was zusammengehört: Informationen über das professionelle Dasein eines Washington-Korrespondenten, Beispiele seiner Arbeit und seine mehr oder weniger maßgeblichen Ansichten über den Lauf der Welt.
Letztere werden fast täglich aktualisiert - wie wir es ja auch sonst mit unseren Ansichten machen -, bieten also die meiste Abwechslung.
Quelle: www.worldwideklein.de
|
sagmal.de:
Konstantin, du lebst in Falls Church, Virginia *. Wie lebt und arbeitet es sich, so nahe am Zentrum der Macht?
*Ab 1. Juni wohnt Konstantin sogar noch näher am Zentrum der Macht, nämlich in Arlington, Virginia.
|
Konstantin Klein:
Nun, was die Arbeit angeht - die ist, durch die Augen eines Korrespondenten
gesehen, im Grunde in jeder Hauptstadt dieser Welt die gleiche, bestimmt
durch wichtig aussehende Männer, seltener Frauen, mit grauen Haaren, grauen
Anzügen, grauen Gesichtern und gelegentlich auch sehr grauen Gedanken,
bewacht von Sicherheitsmenschen mit und ohne Sonnenbrille, in Uniform oder in
uniformem Zivil. Bewacht von den einen, hört man den anderen beim Reden zu,
in Sitzungen, Pressekonferenzen oder Interviews, und versucht, sich seinen
Reim drauf zu machen.
Was die Arbeit in Washington von der in anderen Hauptstädten unterscheidet: Ob
es einem nun paßt oder nicht - die USA sind derzeit die einzige amtierende
Weltmacht, und das macht vieles von dem, was in den Sitzungs- und
Konferenzsälen dieser Stadt passiert, eminent bedeutend für den Rest der
Welt. Zu verstehen, was hier warum gedacht, beschlossen und umgesetzt wird,
und das einem Publikum zu berichten und zu erklären, das diesen Vorgängen
durchaus kritisch gegenüber steht - das ist schon eine besonders interessante
Aufgabe.
Das soll jedoch nicht heißen, dass ich mich nicht darauf freue, wenn ich mal
über den Beltway (die Ringautobahn um den District of Columbia) hinaussehen
darf; dort, im großen Rest der USA, spielt sich das eigentliche Leben viel
greifbarer ab.
Wie es sich hier lebt? Na: Nördliche Breite von Sizilien (geschätzt), viel
Platz (wie fast überall in Nordamerika), ein fast schon unheimlich weiter
Himmel - wie soll man sich hier nicht wohlfühlen? Vorausgesetzt, bei über
vierzig Grad im Schatten und fast 100 % Luftfeuchtigkeit im Juni/Juli fällt
die Klimaanlage nicht aus...
|
sagmal.de:
In einem Interview mit dir las ich, dir sei wichtig, anderen zu erklären, wie das so sei mit dem Journalismus. Wie ist es denn so, Konstantin, mit dem Journalismus?
|
Konstantin Klein:
Bevor ich hier in fünf Absätzen oder weniger erkläre, wie Journalismus
funktioniert, sage ich lieber, was mich am Journalismus inzwischen stört: Ich
habe mein berufliches Leben in den Redaktionen, Studios und Übertragungswagen
von Radio und Fernsehen verbracht - und habe den sehr subjektiven Eindruck,
dass Journalismus in beiden Medien an Bedeutung verliert. Ich bilde mir ja
immer noch ein, dass auch ein journalistisch gemachtes Radioprogramm mehr als
nur ein Minderheitenpublikum anziehen kann, finde jedoch kaum noch Belege
dafür in Deutschland. Entweder ein Programm legt Wert auf guten Journalismus
- - ODER es zieht ein breites Publikum an. Ganz ähnlich scheint es mir im
Fernsehen zu sein. Wohlgemerkt: Das ist ein Trend, kein Zustand - und
angenehme Ausnahmen gibt es natürlich, sonst hätte ich meinen Beruf längst
gewechselt.
Die Schuld an dieser Entwicklung gebe ich weder dem Publikum noch denen, die
das Programm letztendlich machen, sondern den wenigen Program Consultants in
Deutschland, einer schon arg widerwärtigen Sorte Mensch, die es schaffen,
rückgratlosen Programmverantwortlichen die immer gleichen schematisch
angelegten Programmvorlagen unterzujubeln. Inzwischen macht es ja keinen
Unterschied mehr, ob ich einen Privatsender in Baden-Württemberg oder einen
öffentlich-rechtlichen Sender in Sachsen einschalte - überall höre ich die
gleiche Soße, sehe ich die gleichen, glattgebügelten Gesichter.
Das ist ein Trend, der aus Amerika gekommen ist. Warum ich es trotzdem besser
mit US-Radio und US-Fernsehen aushalte? Nun, dieses Land hat mehr als viermal
so viele Einwohner wie die Bundesrepublik (der Pool der Talente ist also
möglicherweise viermal so groß), und die Ausbildung hier ist sehr viel
intensiver und auch strikter geregelt als in Deutschland.
Habe ich mich jetzt in Rage geredet? Nö, gloobicknich.
|
sagmal.de:
Und wie erklärst du den Unterschied zwischen herkömmlichem Journalismus und Onlinejournalismus?
|
Konstantin Klein:
Hey, was ist der Unterschied zwischen herkömmlichem und Online-Journalismus?
Ist da einer? Journalismus definiert sich zunächst nicht durch das Medium,
sondern durch handwerkliche Fähigkeiten und professionelle Grundsätze - die
man hat bzw. einhält, oder eben auch nicht.
In allen Medien stehen Journalisten unter Zeitdruck, Produktionsdruck,
wirtschaftlichem Druck, politischem Druck. Wie sie damit zurecht kommen, ist
Sache der persönlichen Standfestigkeit, Erfahrung, Ausbildung. Darin
unterscheiden sich Online-Redaktionen nicht von anderen. Online-Journalisten
sollten grammatikalisch und orthografisch fehlerfrei arbeiten wie ihre
Print-Kollegen, mit einer permanenten Deadline leben wie die Menschen im
Radio und bildlich denken wie Fotografen und Fernsehmenschen.
Was das Netz von herkömmlichen Medien unterscheidet, ist die extrem niedrige
Schwelle, die vor einer Veröffentlichung von Inhalten liegt. Im Grunde kann
jeder seine Inhalte unkontrolliert ins Netz stellen (in Weblogs
beispielsweise, die gerne als Journalismus der neuen Art gefeiert werden).
Das aber - pardon - ist alleine noch kein Journalismus; auch, wer sich im
Wirtshaus auf den Tisch stellt und eine Rede hält (in begrenzter Art also
ebenso seine Inhalte unters Volk bringt), ist noch kein Journalist.
Journalismus besteht aus dem Sammeln, Bewerten, Überprüfen und Aufbereiten von
Inhalten. Das Veröffentlichen ist nur der letzte Schritt.
|
sagmal.de:
Madonna singt in ihrem neuesten Song vom "American Way of Life", sie träume den amerikanischen Traum. Gibt es den wirklich noch? Und wenn ja, wie hat er sich verändert?
|
Konstantin Klein:
Den gibt es noch - und im Grunde hat er sich gar nicht so sehr verändert, wie
es in der Zeit von Einwanderungsbeschränkungen, geplatzten Karriereträumen
und Bürgerrechtseinschränkungen (die übrigens das Leben hier immer noch
weniger regulieren, als wir das aus Europa gewöhnt sind) aussieht.
Der amerikanische Traum hat mit weitgehend ungehinderter Selbstverwirklichung
zu tun - und weil dieses Land sehr viel mehr Platz, sehr viel mehr Mittel und
sehr viel mehr Möglichkeiten bietet als beispielsweise ein europäisches Land,
muss der Mensch hier bei der Verwirklichung seiner Ideen auch weniger
Rücksicht auf andere nehmen als anderswo. Banales Beispiel: In Deutschland
ist Rasenmähen zu bestimmten Zeiten wg. Ruhestörung verboten; hier ist es
nicht nur erlaubt, weil die Häuser im allgemeinen viel weiter voneinander
entfernt sind, sondern es ist eben auch JEDEM zu jeder Zeit erlaubt. Aber
vielleicht sind hier die Rasenmäher auch leiser - jedenfalls stört es keinen,
wenn der Nachbar mäht.
Was mich vor allem an diesem American Way of Life fasziniert, ist die
unglaubliche soziale Beweglichkeit, der hier jeder unterliegt: Hier kann man
sehr viel leichter als in anderen Gesellschaften schnell aufsteigen und
schnell abstürzen. Und auch horizontal ist die Beweglichkeit groß: Wer als
BWL-Student anfängt, kann zwischendurch jahrelang Taxi fahren und endet als
Bildingenieur beim Fernsehen; das ist der Werdegang eines meiner Kollegen.
|
sagmal.de:
Im Web kann ja jeder publizieren, unabhängig von Wissen und Ausbildung, jeder fühlt sich berufen. Weicht das nicht den Beruf des Journalisten auf? Muss daher das Internet nicht der natürliche Feind des Journalisten sein?
|
Konstantin Klein:
Nein. Schließlich ist auch Speakers' Corner nicht der Feind des Journalisten -
siehe oben. Veröffentlichen ist nur ein Teil der journalistischen Arbeit; wer
veröffentlicht, ist deshalb noch kein Journalist.
Die Gefahr sehe ich eher darin, dass die Nutzer des Netzes den Unterschied
zwischen Veröffentlichung an sich auf der einen Seite und journalistischer
Aufbereitung von Inhalten auf der anderen immer weniger wahrnehmen und alles
für bare Münze nehmen, was sie im Netz finden. Das ist aber nicht eine Frage
dessen, wer was wie veröffentlichen darf, sondern eher eine Frage der
Medienerziehung der Rezipienten. Weil es aber keinen Netsurfer-Führerschein
gibt (noch geben soll), wird das eben ein langwieriger Lernprozess für all
diejenigen werden, die derzeit noch auf jeden unbegründeten Mist
hereinfallen.
|
sagmal.de:
Ich habe die Reportagenbeispiele von dir auf deiner Seite gelesen, habe sie mir angehört und angesehen. Man merkt dir an, dass du das Land liebst, nichtsdestotrotz aber ein kritisches Verhältnis zum Amerikaner an sich hast. Wie gelingt es dir, immer objektiv an eine Reportage heranzugehen? Gelingt es überhaupt
|
Konstantin Klein:
Aber klar doch - in der Theorie. Im Grunde ist das doch eine der einfachsten
Herangehensweisen an ein Thema: wohlmeinendes Interesse, gepaart mit
kritischer Distanz und professioneller Routine/Erfahrung. Aus allem zusammen
ergibt sich ein rundes journalistisches Produkt.
Jetzt zur Praxis: Natürlich wird man in diesem wie in jedem anderen Job früher
oder später abgebrüht, zum Zyniker, macht flache Witze über machtvolle
Politiker, langweilt sich ganz offen durch Pressekonferenzen, ist nach elf
Stunden im Job einfach nur noch müde. Da lässt irgendwann die größte Liebe
nach.
Übrigens: Dass ich zu Amerikanern ein kritischeres Verhältnis habe als
beispielsweise zu meinen Landsleuten in Deutschland, stimmt nicht. Ein großer
Teil meiner Verwandtschaft hat amerikanische Pässe; und auch wenn ich bisher
nur den deutschen habe, fühle ich mich ebenso als Amerikaner, wie ich mich
als Europäer fühle. Ich sehe eigentlich alle Menschen gleich kritisch - oder
eher unkritisch.
|
sagmal.de: Du warst stellvertretender Programmchef bei rias2, du warst während deiner beruflichen Laufbahn Moderator, Chefredakteur, Chef vom Dienst und arbeitest jetzt als freier Journalist und Korrespondent für verschiedene Anstalten wie ARD und die deutsche Welle. Du hast in deiner bisherigen Laufbahn so viele Interviews geführt. Wer fehlt dir noch als Interviewpartner? Bei wem hast du es bisher vergeblich versucht, oder bei wem ergab sich noch keine Gelegenheit?
|
Konstantin Klein:
Och ja, ein amtierender Präsident im Halbstunden-Interview wäre doch ganz
schick - wobei ich zugeben muss, dass ich nicht sonderlich intensiv versucht
habe, dieses Interview zu bekommen; ich kenne die Chancen für einen
Freelancer auf ein Präsidenteninterview.
Aber wenn ich es mir recht überlege:
Eine Live-Gesprächsrunde mit Bill Gates,
Steve Jobs und Linus Torvalds würde ich doch mal ganz gerne moderieren.
Solange das nicht möglich ist:
Mit Bill Clinton würde ich gerne mal reden -
bei allen charakterlichen Mängeln ist er doch ein brillanter Kopf.
|
sagmal.de:
Welchen anderen Job als den des Journalisten könntest du dir vorstellen?
|
Konstantin Klein:
Oh, eine Menge. Seit einem halben Jahr studiere ich Information Technology
(eine Art angewandter Informatik mit Business-Schwerpunkt) im Fernstudium und
hoffe, in zwei Jahren zumindest die Chance zu haben, den Journalismus
hinzuwerfen, sollte er mir mal nicht mehr passen.
|
sagmal.de:
Du hast gerade Version Nummer zehn deiner Homepage gebastelt. Würdest du dich selbst schon als Internetjunkie bezeichnen?
|
Konstantin Klein:
Nein, das ist, mit Verlaub, ein doofes Wort. Meine Faszination mit Computern
hat noch vor der Erfindung des WWW begonnen; mich reizte die Sturheit dieser
Maschinen, die Herausforderung damit fertigzuwerden und sie für meine Zwecke
einzusetzen. Das Internet spielt eine ganz andere Rolle: Es hat die
Datenverarbeitungs- zur Kommunikationsmaschine gemacht und damit den
Kommunikator im Journalisten an den Haken gekriegt.
Was die Version 10 der Seite angeht: Version 1 gab es im Jahr 1998; und am
Anfang wechselten die Versionen so schnell, wie meine Kenntnisse wuchsen.
Inzwischen hält eine Version schon mal ein Dreivierteljahr oder Jahr - das
ist länger, als eine Linux-Distro aushält...
|
sagmal.de:
Wie kam es zu worldwideklein, was war der Anlass dafür, ich zitiere "über das professionelle Dasein eines Washington-Korrespondenten, Beispiele seiner Arbeit und seine mehr oder weniger maßgeblichen Ansichten über den
Lauf der Welt" Zitat Ende, zu schreiben?
|
Konstantin Klein:
1998 sah ich die eigene Website als zusätzliches Mittel, meine journalistische
Arbeit zu vermarkten an. So überraschend das klingt: zumindest in den
Redaktionen, mit denen ich damals zusammenarbeitete, war ich meiner Zeit weit
voraus, und hatte Schwierigkeiten, die Kolleginnen und Kollegen davon zu
überzeugen, dass ein Angebot im Netz nicht schlechter sein müsste als eines per
Fax. Das hat sich inzwischen geändert, aber heute sehe ich WorldWideKlein
nicht mehr als Medium zur Übermittlung einzelner Themenvorschläge an, sondern
als meinen privaten Sender, auf dem ich tun und lassen kann, was ich will.
Seitdem ich nicht mehr gezielt auf Redaktionen hinschreibe, sondern für ein
allgemeines Publikum, habe ich auch geschäftlich mehr von WorldWideKlein
profitiert. Aber das mag Zufall sein.
|
sagmal.de:
Was bitte ist denn ein Worldwidekater und was ist eine Worldwidekatze?
|
Konstantin Klein:
Das sind der Kater und die Katze, die mit dem physischen WorldWideKlein das
Haus teilen. Dann gibt es noch WorldWideGreta, was meine Tochter ist, und
meine Frau Mareike - beide sollen aber ihre Privatsphäre haben und kommen
deshalb erheblich weniger oft vor als Killer (der Kater) und Pooh (die
Katze), denen Privatsphäre wurscht ist.
|
sagmal.de:
Gibt es eine Seite, die dir besonders am Herzen liegt, außer deiner eigenen?
|
Konstantin Klein:
Da gibt es unheimliche Massen von Seiten, die mir am Herzen liegen. Sehr
empfehlen möchte ich nach wie vor die New-York-Seiten des Polen Witold Riedel
(http://www.wietoldriedel.com). Sofaseiten und andere all time favorites lese
ich zwar auch, aber die sind so bekannt, dass sie meine Werbung wohl nicht
brauchen.
|
sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
|
Konstantin Klein:
Was nervt Dich am Netz am meisten? Aber eigentlich habe ich die Frage auch
nicht vermisst, denn die Antwort wäre laaaang geworden...
|
sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?
|
Konstantin Klein:
Let's stay connected. Denn das ist, was uns das Netz wirklich gebracht hat.
|
Das Interview wurde am 14.5.2003 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Konstantin Klein für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen.
Dank an die Familie Tögel und Dirk Halbedel von radiotreff.de/rias2/ für die Genehmigung, eine ihrer Grafiken zu benutzen.
|
Wollen sie diesen Beitrag kommentieren?
Bisherige Kommentare |
Sagmal.de ist ein Angebot von Compuexe deSign Webdesign
|