Interview mit Annette Kelter vom 19.7.2000

Ex Oriente Lux

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Die Zukunft des Nahen Ostens wird spannend!

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Annette Kelter
Annette Kelter...Ex oriente lux Annette Kelter, geb. 19.10.19..,
Journalistin, Gründerin und Betreiberin von
Ex oriente lux und
1001-arabische-Nacht
1986 Abitur
1986 - 1994 Studium (Politikwissenschaft, Geschichte) an der Universität des Saarlandes
1994 Abschluß mit Magisterexamen
1996 Beginn der Promotion (Demokratisierung der Arabischen Welt - Ägypten)
1994 - 1995 Praktika (u. a. bei: Saarländischer Rundfunk [Hörfunk und Fernsehen], ZDF, Saarbrücker Zeitung, Radio Salü). seit 1995 ständige freie Mitarbeit beim Saarländischen Rundfunk (Redaktion Hörfunk Politik) regelmäßig Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften, zum Beispiel für die "Süddeutsche Zeitung", die "Saarbrücker Zeitung" und das Schweizer Infomagazin "Facts".

Ex-Oriente-Lux wurde leider von Annette Kelter eingestellt.

sagmal.de:
Annette, Ex oriente lux, was bedeutet das eigentlich?

Annette:
Ex oriente lux bedeutet wörtlich übersetzt: Aus dem Osten kommt das Licht. Die genaue Herkunft dieses Spruchs ist weitgehend unbekannt. Für die Europäer zu Zeiten der Römer - Europa war damals der Mittelpunkt der Welt - ging (und geht noch immer Das ist nur ein Smiley) die Sonne im Osten auf, das Licht kam aus dem Osten. Einige Jahrhunderte später, als das Christentum in Europa Fuß fasste, interpretierte man diesen Satz um, das Licht der Welt - in dem Fall gleichbedeutend mit der christlichen Lehre - käme mit der Entstehung des Christentums aus dem Osten.

Ich persönlich habe Ex oriente lux als Titel gewählt, weil ein erheblicher Teil der abendländischen Kultur auch durch die Kultur des Orients geprägt ist, ohne dies in irgendeiner Form religiös zu meinen. Unsere ethischen Grundprinzipien, unsere Moralvorstellungen bauen darauf auf. Ein grosser Teil unserer kulturellen Wurzeln liegt im Orient und darin sehe ich einen Ansatzpunkt, den Menschen hier die Angst vor diesem unbekannten, ihnen fremden und oftmals unheimlichen Orient zu nehmen, in dem ich auf die gemeinsamen Wurzeln verweise. Viele kulturelle Errungenschaften gehen auf die Araber zurück, beispielsweise die Astronomie und die Mathematik.


sagmal.de:
Wie begann das Ganze und wann?

Annette:
Vor ungefähr einem Jahr kam auf einem Diskussionsboard das Thema "Verschleierte Frau im Islam" auf. Während der teilweise hitzigen Debatte fiel es mir immer mehr auf, dass sie doch sehr von der Unkenntnis meiner Diskussionspartnerin geprägt war, die in der arabisch-muslimischen Welt den Ort alles Bösen vermutete, wo Frauen generell rücksichtslos unterdrückt würden, wo Menschenrechte und Demokratie Fremdworte seien etc.

DASS in der arabischen Welt nicht alles zum Besten steht, wenn man das als Aussenstehende einer anderen Kultur überhaupt beurteilen kann, steht ausser Frage, aber dass sie nun ein Hort alles Bösen sei, in dem NUR Unterdrückung und Gewalt herrschen, davon kann dann doch keine Rede sein. Als Folge dieses Disputs machte ich mich daran, diese Website aufzubauen.


sagmal.de:
Hat Ex Oriente Lux eine bestimmte Zielgruppe?

Annette:
Wie schon beschrieben, entstand dieses Webprojekt als direkte Folge einer Diskussion im Internet. Generell wendet sich dieses Webprojekt an jeden Interessierten, ob er nun schon den Orient kennt oder kennenlernen möchte. Vor allem aber möchte ich durch gezielte Informationen denjenigen, die die islamische Welt - aus welchen Gründen auch immer - fürchten, zeigen, dass auch dort "nur" Menschen leben, mit vielleicht den gleichen Ängsten, Wünschen und Hoffnungen wie hier in Europa.


sagmal.de:
Wäre es nicht interessanter eine Homepage über Österreich, die Schweiz oder Frankreich zu machen? Allein wegen der Nähe des Objekts?

Annette:
Gerade die Nähe des Objekts hält mich davon ab, ein Webprojekt wie das von Ex oriente lux über die Schweiz oder Frankreich starten. Nicht weil ich etwas dagegen hätte, im Gegenteil, sondern weil die meisten sehr gut informiert sind über diese Länder. Als Saarländerin ist mir heute Frankreich vertrauter als die neuen Bundesländer und es für mich selbstverständlich, in Frankreich einkaufen zu gehen. Für die Generation meiner Großeltern und meiner Eltern war dies nicht so selbstverständlich. Stichwort: Deutsch-Französische Erbfeindschaft. Heute kennt man einander gut und von Feindschaft kann keine Rede mehr sein.

Copyright www.desert-tours.ch Etwas ähnliches strebe ich mit Ex oriente lux an: Ich möchte den Menschen zeigen, dass der gefürchtete Orient, dass die islamische Welt, die vielen noch sehr unbekannt ist, keine Welt des Hasses und des Terrors ist, sondern eine Welt, die aus Menschen besteht, eine Welt, die sich zugegebenermaßen von unserer Welt unterscheidet. Die arabische Welt ist nicht identisch mit der islamischen Welt und islamischer Terror ist nicht gleichzusetzen mit der islamischen Religion. Mit gezielten Informationen, die auch noch Spaß machen sollen, kann ich also mein Ziel erreichen: Ängste abbauen und informieren.

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sagmal.de:
Wird es irgendwann ein Buch von dir mit dem Titel
Ex Oriente Lux geben?

Annette:
Ein Buch mit dieser Thematik? Daran habe ich bisher noch nicht gedacht, ich sorge jetzt erst einmal dafür, dass ein anderes Buch erscheinen wird, ebenfalls zu der Thematik Naher Osten, allerdings aus politikwissenschaftlicher Perspektive.


sagmal.de:
Du hattest im Alter von 14 Jahren zum ersten mal Kontakt mit dem Orient, auf einer Studienreise mit deiner Mutter nach Jordanien und Israel. Was hat sich seitdem im Orient geändert?

Annette:
Vieles! Nach meiner Rückkehr von dieser Reise zu Beginn der achtziger Jahre fing ich erst einmal an, mich mit dem Nahostkonflikt und seiner Entstehung zu beschäftigen. Damals dachte kaum jemand daran, dass eines Tages im Nahen Osten die Chance auf Frieden bestünde. Israelis und Palästinenser bekämpften sich auf jede nur erdenkliche Weise.
Es gab die Zeit der Intifada und viele befürchteten einen erneuten Krieg in der Region, der sich dann weniger um Land als vielmehr um Wasser drehen würde.
Es gab zu Beginn der neunziger Jahre dann auch einen Krieg, den Zweiten Golfkrieg, der mit der Befreiung Kuwaits endete. Dieser Krieg war vielleicht für den Nahen Osten so etwas ähnliches wie ein gordischer Knoten, der endlich platzte. Als direkte Folge dieses Krieges versammelte sich die arabische Welt zusammen mit Israel unter der Schirmherrschaft der USA und der damals noch existenten UdSSR in Madrid, um über die Zukunft der Region zu beraten.


Es folgten die Abkommen von Oslo, die im September 1993 zu jenem legendären Händedruck zwischen Palästinenserführer Yassir Arafat und dem damaligen israelischen Premierminister Yitzchak Rabin führten.

Der Weg zum Frieden zwischen Israelis und Palästinensern ist zwar noch weit und ziemlich dornig, aber man ist auf dem Weg, wenn auch mit gelegentlichen Unterbrechungen. Noch vor zehn Jahren hätte ich persönlich dies zu meinem Lebzeiten nicht unbedingt für möglich gehalten, zu verfahren schien damals die Situation zu sein. Und gerade jetzt verhandeln Israelis und Palästinenser wieder in Camp David. Aber auch ansonsten hat sich das nahöstliche Szenario erheblich gewandelt. Staaten wie Ägypten und Jordanien sind auf dem Weg zu politischer Liberalisierung und Modernisierung, an deren Ende vielleicht eine arabisch-islamische Demokratie stehen könnte. In Syrien, Jordanien und Marokko sind zwar die Söhne den Vätern in der Herrschaft gefolgt, aber gerade die Generation DIESER Söhne steht für eine neue Öffnung und Liberalisierung. Die Zukunft des Nahen Ostens wird spannend!

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sagmal.de:
Was können wir vom Orient lernen?

Oase in der Wüste Annette:
Gelassenheit!
Und die Tatsache, unser eurozentristisches Weltbild aufzugeben, in dem wir Europa und die übrige westliche Welt nicht mehr als Mittelpunkt der Welt verstehen.
Das 19. Jahrhundert war das europäische Jahrhundert, das 20. Jahrhundert das amerikanische und das folgende 21. Jahrhundert wird das asiatisch-pazifische sein.
Wer weiss, vielleicht wird auch ein arabisches Jahrhundert folgen!?

Daneben, und das gilt für mich ganz persönlich, könnte die europäische Küche einiges von der arabischen Küche lernen.
Ich persönlich schätze die arabische Küche sehr Wieder nur ein Smiley


sagmal.de:
Und der Orient von uns?

Annette:
Die Frage ist schwieriger zu beantworten als die vorherige. Die arabische Welt befindet sich in einer Zwickmühle. Durch den Einfluss der Kolonialmächte Frankreich und Grossbritannien, die jahrzehntelang, ja fast jahrhundertelang die Araber getäuscht haben in mannigfacher Form, steht die arabische Welt dem Westen zunächst skeptisch und ablehnend gegenüber, eben aus der historischen Erfahrung heraus. Andererseits weiss die arabische Welt aber auch, dass sie viel von der westlichen Welt lernen kann, in Sachen Wirtschaft oder Politik beispielsweise.

Das Problem ist nur, dass man gerne in der arabischen Welt westliches Gedankengut mit islamisch-arabischem vermischen möchte. Allerdings gelingt dies nur selten. Mit Sicherheit kann die orientalische Welt nicht das politische Denken und das politische System des Westens übernehmen. Sie kann sich höchstens Anregungen holen, wie denn eine freie islamisch-arabische Welt aussehen könnte.


sagmal.de:
Als Journalistin sind deine Themenschwerpunkte unter anderem Politik, Geschichte und Kultur des Nahen und Mittleren Ostens. Kann man sagen, du hast dein Hobby zum Beruf gemacht?

Annette:
Ach, schön wäre es Noch ein Smiley, jetzt ist aber Schluss damit
Der Alltag eine Journalistin sieht anders aus. Da beschäftigt man sich mit regionalpolitischen Themen beispielsweise, mit ganz anderen Themen, die mit dem Orient wenig zu tun haben. Gelegentlich sind aber auch Beiträge dabei, die dann den Nahen Osten zum Inhalt haben. Zur Zeit arbeite ich an einem grösseren Hörfunk-Beitrag über die Kopten hier in Deutschland. Indirekt ist mir dann aber doch gelungen, mein Hobby zum Beruf zu machen: Das Thema meiner Dissertation beschäftigt sich mit der Modernisierung und Demokratisierung der Arabischen Welt.


sagmal.de:
Wie lässt sich deine Arbeit mit deiner sicherlich zeitaufwendigen Homepage vereinbaren? Allein deine ständige Präsenz in den beiden Foren kostet doch sicher viel Zeit?

Annette:
Naja, soviel Zeit nun auch wieder nicht Der Letzte, versprochen
Und was mein Forum angeht, da hatte ich bisher keine grösseren Störenfriede, so dass meine Präsenz nicht immer erforderlich ist. Manchmal kann ich auch Beiträge, die ich für den Hörfunk gemacht habe, für die Website übernehmen, beispielsweise das Thema "Islam in der Diaspora"

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sagmal.de:
Wie muss man, aus der Sicht einer Journalistin, Inhalte im Internet weitergeben? Gibt es Unterschiede zu den herkömmlichen Medien?

Annette:
Unterschiede sind in der Präsentation vorhanden. Ähnlich wie Fernsehen und Hörfunk bietet das Internet die Möglichkeit zur schnellen Information. Gleichzeitig kann das Internet , ähnlich wie die Zeitung, diese Informationen auch mit Hintergrundwissen bieten. Letztlich vereinigt es in idealer Weise die Vorzüge anderer Medien.


sagmal.de:
Was ist für dich das faszinierende am Medium Internet? Siehst du Veränderungen im Internet in der nahen Zukunft?

Annette:
Ich sehe vor allem DURCH das Internet einschneidende gesellschaftliche Veränderungen. Wenn sich nichts ändern wird in der nächsten Zeit, werden wir auf eine zwei-Klassen-Gesellschaft zusteuern. Das Internet wird eines der wichtigesten Medien überhaupt werden und wir werden einen Teil der Gesellschaft haben, der sich damit auskennt und einen anderen Teil, der diesem Medium hilflos gegenüber steht. Auch das Internet selbst wird sich meiner Meinung nach ändern. Momentan ist es einfach schick, eine eigene Seite im Internet zu haben. Wie diese Seite aussieht, steht auf einem anderen Blatt. Wenn die erste Begeisterung abgeebbt sein wird, wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Das heisst, qualitativ gute Seiten werden sich durchsetzen. Ich fürchte allerdings auch, dass früher oder später kostenpflichtige Seiten kommen werden, dass das gesamte Informationsspektrum, was jetzt noch zum überwiegenden Teil kostenlos angeboten wird, nur noch gegen Geld verfügbar sein wird. Das könnte zur Folge haben, dass die Qualität des Angebots sprunghaft steigen wird, dass wird vermutlich dann aber auch zur Folge haben, dass das Angebot noch weniger Menschen zur Verfügung stehen wird. Das Faszinierende am Internet ist immer noch die Schnelligkeit und auch die Fähigkeit, mit Menschen in Sekundenschnelle weltweit zu kommunizieren. Und die Möglichkeit, ebenso schnell neue Welten kennenzulernen.

Noch nie war es für mich so einfach, auch wissenschaftlich mit dem Internet zu arbeiten. Brauchte es früher mehrere Wochen, um einen bestimmten Artikel über die Uni-Bibliothek per Fernleihe auszuleihen, so schaue ich heute auf der Website der Zeitschrift nach und drucke mir den betreffenden Artikel aus. Für mich persönlich ist vieles einfacher geworden.


sagmal.de:
Ein anderer deiner Themenschwerpunkte sind sozialpolitische Themen. Ist das Internet sozial? Wenn ja, wo?

Annette:
Wie schon in der Antwort zuvor beschrieben, wird das Internet wohl eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zur Folge haben: Diejenigen, die "drin" sind und diejenigen, die nicht "drin" sind. Ob sie "drin" sind, hängt weniger vom sozialen Status als vielmehr von finanziellen Rahmenbedingungen ab. Das Internet als solches kann weder "sozial" noch "unsozial" sein. Aber es kann eine Kluft zwischen einzelnen sozialen Klassen entstehen lassen. Andererseits hat das Internet durchaus soziale Funktionen. Ein Beitrag, der mir viel Spaß gemacht hat und wo ich auch viel Neues erfahren konnte, hatte die "Senioren im Internet" zum Thema. Ich war erstaunt, wieviele Senioren schon mit diesem Medium völlig selbstverständlich umgehen können. Gerade für Menschen im Alter, die einsam sind, deren Kinder weit weg wohnen, die immobil sind, für die ist das Internet ein ideales Medium zur Kommunikation.


sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Annette:
Ja! Die so gerne zitierte Frage nach der Stellung der Frau im islamischen Kulturkreis. Aber letztendlich ist dies wiederum verständlich, dass diese Frage nicht gekommen ist von einem häufigen Besucher meines Forums :o)))


sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Die unbekannte orientalische Welt Annette:
Irgendwo auf meiner Website habe ich mal geschrieben: Wer sich auf das Abenteuer Orient einlässt, der wird eine schillernde, unbekannte, faszinierende Welt entdecken!
Aber man muss dazu bereit sein.
Dies gilt noch immer!

Und ich wünsche allen, die sich auf dieses Abenteuer einlassen, viel Spass dabei!

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Das Interview wurde am 19. Juli 2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.

Wir danken Annette Kelter für die Beantwortung unserer Fragen.
Die bei diesem Interview verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von der Bildergalerie von Ex oriente lux entnommen und von www.desert-tours.ch zur Verfügung gestellt.

Annette Kelter´s neueste Homepage ist
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