Was gewachsen ist, ist leider die Zahl derer, die das Web für eine Lösung für irgendein Problem halten. Besonders sehr junge Web-Fans glauben, alles ließe sich per Web machen, und zwar schnell. Das stimmt aber nicht. Viele Dinge (ich rede mal nur von Kommunikation) lassen sich viel einfacher per Telefon oder persönlich regeln. Und je größer das zwischenmenschliche Problem, desto weniger Web wirkt. Es ist doch völlig hohl, zu Hause im stillen Kämmerlein Dating- und Kontaktbörsen abzugrasen, findste nicht?
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Andreas Winterer, 1968 in Köln geboren, aufgewachsen in Trier und Ulm, ab 1991 mal Redakteur hier, mal freier Journalist da, am liebsten aber Schriftsteller in Kaffeehäusern. Diverse Veröffentlichungen in diversen Literaturmagazinen.
Eigenes E-Zine
'Zarathustras miese Kaschemme'. Kryptische Experimentalprosa als 'Jon Doe' - nur für gehärtete Leser. Langjähriger Satiriker bei ZYN!.
Mai 2000 erscheint die liebe, freundliche Weltraum-Satire 'Cosmo Pollite'. Letztes Sachbuch: 'Viren, Würmer & Trojanische Pferde' - gut und in Ramschläden für knapp 5 Euro zu haben!
Letzte sinnlose Website: 'PR-O-Matic'.
Andreas Winterer lebt heute verheiratet in München als Buchautor, Journalist und Mediencoach. Böse, politisch unkorrekte Kurzgeschichten um den Sci-Fi-Haudrauf
'Scott Bradley' suchen bis heute einen mutigen Verleger.
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sagmal.de:
Andreas, wer ist der Kaschemmenwirt? Andreas, Zara, Cosmo oder wer?
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Andreas Winterer:
Da ist jeder ein anderer. Cosmo ist ein unenttäuschter Romantiker. Zara ist ein enttäuschter, ja, ein kaltschnäuzig-fieser Kerl, übrigens erheblich zynischer als ich es bin. Der Kaschemmenwirt ist mehr so ein älterer Herr, allerdings ohne allzu viel Würde, dafür mit einer Friteuse, die einen Ölwechsel braucht. Scott Bradley lässt die Sau raus, stellvertretend für die Drecksau in uns, doch unmoralisch ist er nicht.
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sagmal.de:
Wie kamst du gerade auf den Titel 'Zarathustras miese Kaschemme'?
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Andreas Winterer:
Ursprünglich, etwa 1989, war ZmK keine Website, sondern eine Mailbox, ein Bulletin Board System. Klassischerweise gaben sich BBSse Namen wie 'OIS', 'Starlight Casino', 'Rainbow BBS' und dergleichen mehr. Geht in Ordnung, doch ich wollte einen Namen, der nicht clean ist, sondern ein bisschen dreckig, der aber trotzdem einen gewissen Pathos transportiert, welcher sich aber zugleich selbst auf den Arm nimmt. Er sollte auch unpraktisch sein, also zu lang. Die 'Mailboxlisten' (so ne Art Yahoo! auf ein paar Schreibmaschinenseiten ASCII-Datei) hatten nie Platz für den ganzen Namen, weil ja noch Modem-Geschwindigkeiten und Telefonnummer hinpassen mussten - das war mir wichtig. Damals. Heute bin ich da pragmatischer, daher gibt's kein www.zarathustrasmiesekaschemme.de.
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sagmal.de:
Welche Inhalte findet man in deiner Kaschemme und wie kommen sie zustande?
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Andreas Winterer:
Man findet in der Kaschemme literarische Texte (im weitesten Sinne), einige Rezensionen und Ideen sowie ein bisschen, sagen wir, moderne Kunst. Und so kommt's zustande:
Typisch ist zum Beispiel, dass jemandem die Kaschemme gefällt. Weil die meisten, die Literaturmagazine lesen, selbst Literatur schreiben, schickt er oder sie mir dann einen Text, der passen könnte. Oft passt er. Manchmal tauchen auch Autoren auf, die einfach nur in möglichst vielen Literaturmagazinen veröffentlichen wollen ('Deutschland sucht den Super-Autor') und zu diesem Zwecke wie wild mit E-Mails um sich ballern. Juckt mich nicht: Wenn der Text mir gefällt, dann kommt er rein, wenn nicht, dann nicht.
Gelegentlich finde ich mal, ein Text wäre woanders besser aufgehoben, dann schicke ich den Autoren oder die Autorin dorthin. Wenn ich den Text gut, aber nicht passend finde, frage ich nach, ob's andere gibt, die besser passen. Wenn ich einen Text verbesserungswürdig finde, dann sage ich das, und meistens verschwinden diese Autoren dann auf Nimmerwiedersehen, weil unfehlbar geborene Mimosen keine Kritik vertragen.
Zuweilen treibe ich mich in Mailinglisten oder anderen Foren herum. Wenn mir dort etwas zusagt, frage ich nach, ob ich es haben kann. Einige der (für mich) schönsten Sachen in der Kaschemme waren ursprünglich mal stinknormale Mails. Bei Fragen nach gegenseitiger Verlinkung besuche ich die Website, und wenn mir was gefällt, frage ich nach, ob ich diesen oder jenen Text kriegen kann (da gibt's auch mal Neins). Ich meine, Kaschemme.de kann halt nichts zahlen, ergo kann ich nur betteln gehen. Dabei kommt mir zupass, dass ich ohnehin nicht den Mainstream bedienen möchte und die Autoren mit sonderlichen Texten wie 'Beim Skaten' auch nicht gerade nach den höheren Weihen typischer, deutscher Literaturmagazine streben. Sondern einfach ihr Ding durchziehen.
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sagmal.de:
Wie wird es mit der Kaschemme weitergehen?
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Andreas Winterer:
Ich mache mir über den Sinn eines Literaturmagazins keine Illusionen. Satt überlappende Besucherzahlen hatte ich nur einmal, als ein ahnungsloser Spiegel-Journalist im Recherche-Blindflug die Kaschemme diffamierte. So was wie Kaschemme.de deckt letztendlich einen Bedarf, der nicht existiert. Und andere Literaturmagazine decken den bestimmt besser. Auf der anderen Seite mag ich diese Texte und auch ihre Zusammenstellung. Und vielleicht bin ich damit nicht der einzige. Ich mag ja auch andere Literaturmagazine, weil sie so sind, wie sie sind.
Was gewiss noch kommt ist das Kaschemme Museum of Contemporary Arts. Das wird ein vollständig virtuelles Museum; also nicht nur das Museum ist virtuell, sondern auch die Exponate. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes nicht einmal Exponate sein und, so hoffe ich (vollmundig), das ganze Ausmaß unserer Hyperrealität sichtbar machen.
Und nicht vergessen: Zu Weihnachten suche ich wieder neue Beiträge für 'Erinnerungen an grässliche Feiertage'. Sagmal, hast Du da keine parat?
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sagmal.de:
Und mit dem Kaschemmenwirt?
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Andreas Winterer:
Der bleibt dick, einäugig und mit einem schmierigen Lappen gestraft, der nicht sauber oder trocken wird, so lange man ihn auch auswringt. (Den Lappen, nicht den Wirt.)
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sagmal.de:
Journalist, Philosoph, Webwriter? Wie würdest du dich selbst bezeichnen?
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Andreas Winterer:
Nichtraucher? Da fällt mir der Spruch ein: 'Reden Sie nicht so viel über sich - das machen wir schon, wenn Sie gerade nicht da sind.' Es gibt wahrlich bessere Journalisten, Philosophen, Webwriter als mich. Ich bin ja obendrein noch lausiger Musiker und Filmemacher. Vielleicht werd ich als Schriftsteller mal was...
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sagmal.de:
Du bist viele Jahre im Web unterwegs, deine Spuren findet man überall. Welche Erfahrungen hast du persönlich mit dem Web gemacht?
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Andreas Winterer:
Es ist wie die Welt, nur sind alle Hemmschwellen niedriger. Daher
lernt man schneller nette Leute kennen, hat aber auch sehr schnell seltsame Web-Psychos am Hals. Letzteres ärgert mich sehr bei interaktiven Texten ('querposie', 'endlospoeme', 'gequälte engel'), bei denen jeder mitmachen kann: Immer müssen irgendwelche Arschlöcher da ihr Wasser lassen. Das nervt wirklich.
Andere kennen zu lernen ist wichtig (sprühe ich nicht vor Weisheit?) und im Web sehr einfach. Guck nur Dich an: Du kannst hemmungslos Mitmenschen kontaktieren. Ich zum Beispiel wollte immer schon Filme machen und tue das derzeit auch. Hier (wie bei fast allem) findet man schnell andere im Web, die das gleiche tun - bloß besser. Da kann man dann gucken und lernen. (Und wenn man sich dann bei irgendeinem Festival bewirbt, blamiert man sich mit seinem Erstling vielleicht nicht völlig.)
Man kann andere fragen. Die antworten meistens. Also, hey, eigentlich finde ich Internet ziemlich geil. Wenn das Holz für meinen Kamin durch den Monitor gereicht werden könnte, dann wäre es perfekt.
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sagmal.de:
Was hat sich in den Jahren verändert? Im positiven und/oder im negativen?
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Andreas Winterer:
Die schiere Massen an Surfern hat zugenommen, raschelt mir die Binse zu. Ich finde, dass sich ansonsten kaum etwas verändert hat. Bloß die Zahl der Schwätzer, die philosophische Bücher zum Internet meinten schreiben zu müssen, ist zurückgegangen. (Danke!)
Was gewachsen ist, ist leider die Zahl derer, die das Web für eine Lösung für irgendein Problem halten. Besonders sehr junge Web-Fans glauben, alles ließe sich per Web machen, und zwar schnell.
Das stimmt aber nicht. Viele Dinge (ich rede mal nur von Kommunikation) lassen sich viel einfacher per Telefon oder persönlich regeln. Und je größer das zwischenmenschliche Problem, desto weniger Web wirkt. Es ist doch völlig hohl, zu Hause im stillen Kämmerlein Dating- und Kontaktbörsen abzugrasen, findste nicht?
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sagmal.de:
Und was muss sich noch ändern?
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Andreas Winterer:
Die Frage lautet eher: Was wird sich noch ändern und müssen wir dann da mitmachen? Ich fürchte, dass das Web als Oberfläche nicht mehr lange von Amateuren wie uns kontrolliert also gestaltet werden kann. Der rein technische Aufwand wird so sehr wachsen, dass das Web seinen Charme als Buchpresse für Jedermann verliert. Das wird zwar viele Medienangebote professionalisieren, aber auch viel 'Web-Kleinkunst' zerstören - oder zumindest in eine Art Low-Tech-Webuntergrund treiben. Dem könnte aber entgegensteuern, dass Open-Irgendwas-Systeme im gleichen Maße evolutionieren.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass Ärgernisse wie Spam Teile des Internets unbenutzbar machen. Die Antwort könnte sein, dass jeder von uns in zwei Personen zerfällt. Erstens in eine berufliche, die sich vor Spam schützt, indem sie nur Mails verifizierbarer und verifizierter, aber auch kontrollierter, gläserner Personen an einen heran lässt. Zweitens in eine private, in der man noch (in Grenzen) Anonym und Privat sein darf, aber dafür weder shoppen kann noch sich vor Spam schützen.
Nur so Ideen. Wahrscheinlich kommt's ganz anders. ;-)
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sagmal.de:
Was ist das Web für dich persönlich?
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Andreas Winterer:
Die Welt am Draht. Ich muss schon zugeben, dass ich manchmal denke: Was nicht im Web existiert (oder wenigstens im Internet, als E-Mail-Adresse), das existiert für mich überhaupt nicht mehr - beruflich gilt das auf jeden Fall. Privat stelle ich fest, dass ich wieder den Buchhändler um die Ecke zu schätzen gelernt habe und den Kaffee wieder lieber im Kaffeehaus trinke. Dass es nie Currywurstbuden im Web geben wird, macht doch schon klar, dass es allgemein überschätzt wird.
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sagmal.de:
Gibt es eine Seite, die dir besonders am Herzen liegt?
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Andreas Winterer:
Jede, die keine Werbebanner hat und trotzdem über das Webdesign mit dem allmächtigen CENTER-Tag hinausgekommen ist. Natürlich bin ich der Meinung, dass Arbeit bezahlt werden muss. Aber Werbung auf Webseiten (nicht zu verwechseln mit einem längerfristigen Sponsoring) mag ich einfach nicht. Wenn wir hier schon rumdilettieren, dann doch bitte mit Anstand.
Und vielleicht Google. Wobei Google kein Unternehmen sein dürfte, sondern eine systemimmanente Funktion des Internets sein müsste.
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sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
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Andreas Winterer:
Ich laber' eh zu viel.
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sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?
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Andreas Winterer:
Ich wollte auch immer schon mal ein Interview-Magazin machen. Ich würde gerne Leute interviewen (und Interviews anderer veröffentlichen), die sonst nix zu sagen haben. Also ich meinen Gemüsehändler, Du Deinen Frisör. Was denken die zum Beispiel? Denn Harald Schmidt und Gregor Gysi sind ja nun wirklich reichlich zu Wort gekommen.
Das kann natürlich furchtbar banal werden. Aber vielleicht wäre es dennoch interessanter als die ewig gleichen Selbstdarsteller, zu denen die Medien noch Mut aufbringen.
Aber: Da komm ich nie dazu. Wäre das nix für Dich? Du könntest ja einen Bereich einrichten, wo Leute was zum Web sagen, die es noch nie besucht haben, gar nicht kennen. Hey, in ein paar Jahren wird es solche Leute gar nicht mehr geben! Letzte Chance zu erfahren, wie die Träume von einem Internet aussehen, die noch nicht die Wirklichkeit erlebt haben...
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Das Interview wurde am 21.10.2003 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Andreas Winterer für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen |
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