Interview mit Stefan Karzauninkat vom 6.3.2000
Stefan Karzauninkat Stefan Karzauninkat, Erfinder und Betreiber von suchfibel.de und den Goldenen Regeln für schlechtes HTML

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Erst kommt der Benutzer und seine Erwartung, die Kommunikationsabsicht des Site-Betreibers und dann eine dem Zweck der Site angepasste Umsetzung.
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sagmal.de:
Stefan, du bist Betreiber von Suchfibel.de. Was muss man sich darunter vorstellen ? Fibel klingt so nach Schule. Ist Suchfibel sowas wie eine Suchmaschine für Schüler ?

Stefan Karzauninkat:
Schule stimmt, Schüler auch, Suchmaschine schon wieder. Man muss es nur etwas anders zusammensetzen als in Deinem Satz. Die Suchfibel ist eine Infosite, auf der man lernen kann, wie man das beste aus Suchmaschinen herausholen kann und am schnellsten und effizientesten tatsächlich zu der Information gelangt, die man im Internet sucht. Insofern begibt sich jeder, der sich neugierig mit der Thematik befasst, in die Rolle des Schülers. Schule stimmt insofern, als das Buch, das aus der Website entstanden ist, von einem renommierten Schulbuchverlag verlegt wird, dem Klett Verlag. Und folglich auch häufig in Schulen verwendet wird, allerdings nicht ausschließlich. Ich bekomme eine Menge Feedback von Journalisten und ganz normalen Anwendern, die sich freuen, endlich mehr mit Suchmaschinen anfangen zu können. Nebenbei kann man die Suchfibel natürlich nach Stichworten durchsuchen und in einem Katalog von etwa 800 Suchmaschinen blättern und suchen. Insofern ist die Suchfibel selber auch Suchmaschine.

sagmal.de:
Dein Motto ist also: Das schönste Glück auf Erden ist suchen und gesucht zu werden ? Oder als Frage: Wie kamst du auf die Idee, das Suchen an sich zu deinem Thema zu machen ?

Stefan Karzauninkat:
Das schönste Glück auf Erden suche ich nicht am Computer; da fällt mir die eine oder andere Idee zu ein, die nix mit Computer zu tun hat... Auf die Idee kam ich vor mehreren Jahren, als ein kaum eine vernünftige und verständliche Dokumentation zu den bestehenden Suchmaschinen gab und die Dinger immer noch mehr für Computerfreaks als für ganz normale Anwender gebaut waren. Ich habe also ein wenig den "Übersetzer" gespielt, der all die kryptischen Möglichkeiten ein wenig transparenter und benutzbarer gestalten wollte. Allerdings werden immer noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, da bleibt noch viel zu tun.


sagmal.de:
Immer mehr Suchangebote untergliedern lokal oder regional, sei es nach Städten, nach Postleitzahlen, nach Telefonvorwahlen oder nach Kfz-Kennzeichen. Hältst du eine regionale Gliederung vor dem Hintergrund globaler Verbreitung für sinnvoll? Und wenn ja, was ist deiner Meinung nach die benutzerfreundlichste Variante ?


Stefan Karzauninkat:
Es macht natürlich Sinn, regionale Angebote auch regional aufzubereiten. Wetter, Kommunalinformationen und Branchen sind alles Bereiche, die im alltäglichen Leben eine große Rolle spielen. Warum sollte man das Medium nicht auch für die Kommunikation im Nahbereich nutzen? Schließlich kann ich mit meinem Telefon genauso nach Belieben Überseegespräche führen, aber das hauptsächliche Leben und Kommunizieren findet in einem Umkreis von wenigen Kilometern statt. Benutzerfreundlich ist ein Begriff, über den man ganze Bücher schreiben kann. Ich will hier nur ein sehr vielversprechendes Angebot anführen: http://www.meine-stadt.de ist ein prima Ansatz, lokale Informationen miteinander zu verknüpfen und gleichzeitig einen zentralen Anlaufpunkt zu bieten. Viele Stadtzeitschriften oder Kommunalserver bieten ebenfalls erstklassige Infos aus der Region - da gibt es vielerlei Möglichkeiten. Eigentlich liegt es in der Verantwortung der Stadt oder Gemeinde, etwas Brauchbares auf die Beine zu stellen. Das geschieht auch, wenngleich recht langsam mancherorts.

sagmal.de:
Eine weitere Glanzleistung von dir sind die
"Goldenen Regeln für schlechtes HTML" Vielfach kopiert aber unerreicht. Was war der Anlass für diese Satire ?

Stefan Karzauninkat:
Ein verregneter Sonntagnachmittag, an dem ich permanent auf mistige Seiten gestoßen bin. Also habe ich mich erst mal fürchterlich aufgeregt und dann begonnen, mir den Frust von der Seele zu schreiben. Meine Art, mit solcherlei Ärgernissen fertig zu werden.
Mit der Zeit kam immer mehr Material dazu und selbst heute erreichen mit etwa 5 - 10 Mails die Woche mit neuen Anregungen. Irgendwann wird's dann auch mal ein Update geben...

sagmal.de:
Gibt es Besucher, die alles für bare Münze nehmen und die wahren Hintergründe nicht verstehen ?

Stefan Karzauninkat:
Ja, in der Tat. Hin und wieder gibt's auch mal einen kurzen Mailwechsel, aber meistens habe ich wenig Lust, mich mit Leuten auseinanderzusetzen, die es nun ganz und gar nicht kapieren. Dann antworte ich nicht und widme mich erbaulicheren Themen.


Stefan Karzauninkat:
Die ersten sind alle von mir, inzwischen liegen zig Mails mit neuen Vorschlägen in einem besonders goldigen Postfach; die werde ich bei Gelegenheit mal aufarbeiten.
sagmal.de:
Du schreibst auf Suchfibel, deine Tätigkeit wäre das Umsetzen inhaltlicher und visueller Konzepte. Was hältst du von den heutigen Webseiten ? Brauchen wir wirklich mehr Interaktion, mehr Dynamik in den Webseiten ?


Stefan Karzauninkat:
Wir brauchen mehr effiziente Kommunikation. Das kann bei einer informellen Seite der bewusste Verzicht auf grafische Spielereien sein, das ist immer eine intuitive Navigation und das kann im Einzelfall auch eine aufwendige Flash Animation sein, um etwa ein komplexes Produkt vorzustellen. Mehr oder weniger von irgendwas ist mir zu pauschal. Erst kommt der Benutzer und seine Erwartung, die Kommunikationsabsicht des Site-Betreibers und dann eine dem Zweck der Site angepasste Umsetzung. Ich halte nichts von Dogmen, sei es nun der Schrei nach Purismus oder die Forderung, das Web müsse multimedial werden. Es gibt viele Wege, die vorhandenen Möglichkeiten sinnvoll zusammenzuführen. Und noch mehr, es schlecht und ineffizient zu machen; wie man sieht. Die Suche nach effizienter Verständigung ist eine Lebensaufgabe, die in viele Bereiche des Lebens hineinreicht. Das Web ist ein Spiegel und eine großartige Herausforderung, die Verständigung zu verbessern.


sagmal.de:
Sind neue Projekte von dir geplant ?


Stefan Karzauninkat:
Erstmal nichts komplett Neues und Anderes, dafür halten mich die derzeitigen Projekte genug in Atem. Das Thema Suchen und Finden ist dermaßen spannend und komplex, dass mich das ziemlich ausfüllt. Die derzeitigen Entwicklungen laufen auf eine neue Generation von Recherchehelfern zu, so dass da wirklich genug Neues auf mich zukommt.
Zu einem gewissen Teil kann ich an der Entwicklung dieses Neuen auch mit Schwung mitwirken: Die gestalterische und konzeptionelle Arbeit für die eine oder andere nicht ganz unbekannte Suchmaschine, die Publikationen für verschiedene Fachmagazine und Verlage sind sehr reizvolle Betätigungsfelder.
Und eine nicht zu kleine Portion Privatleben will ich auch haben, ich habe keine Lust, vor dem Computer zum Fachidioten zu mutieren. Die Welt und das Leben mit anderen Menschen zusammen ist viel, viel aufregender und bereichernder als jede noch so attraktive und sogar abenteuerliche berufliche Aufgabe.

sagmal.de:
Unsere immer wieder gestellte Frage auch an dich: Wie surft Stefan Karzauninkat durch die Weiten des Web ? Suchmaschinen hast du ja zur Genüge zur Auswahl.

Stefan Karzauninkat:
Es gibt eine Reihe Info-Sites, die immer wieder besuche, um auf dem Laufenden zu bleiben. Welche das im Einzelnen sind, das wechselt immer ein wenig je nach Interessenlage und aktueller Aufgabe. Dann recherchiere ich natürlich eine Menge, stelle Dokumentationen zusammen und lasse mich dann ab und zu schon hinreißen, ein wenig quer zu surfen. Das kommt aber selten vor. Das ziellose Herumsurfen betreibe ich kaum, wenn ich freie Zeit habe, sitze ich nicht vor dem Bildschirm. Natürlich probiere ich dauernd neue und die etablierten Suchmaschinen aus, teste die Suchmöglichkeiten und die Grenzen.

sagmal.de:
Gibt es für dich Vorbilder im Web ? Personen, die aus der Masse der Homepagebetreiber herausragen ? Webmaster, die das Internet nachhaltig beeinflusst haben ?

Stefan Karzauninkat:
Klar, Stefan Münz ist derjenige, der mich mit seinen Ideen und seiner Arbeit ganz wesentlich an das Medium herangeführt hat. Aus den unterhaltsamen und lehrreichen Diskussionen vor vielen Jahren bei Compuserve ist eine neue berufliche Perspektive samt zugehöriger, eigener kleiner Company entstanden. Es gibt eine Reihe von Leuten im deutschsprachigen Web, deren Arbeit ich sehr schätze, ohne Personenkult treiben zu wollen, denn die meisten kenn ich nicht persönlich, sondern nur über ihre Arbeit. Auf die eine oder andere Art beeinflusst jeder das Web ein bissschen: mancher im großen, mancher im persönlichen Bereich. Matt Wright mit seinen Freeware Scripten, David Siegel mit seiner Webdesign-Auffassung, die er jetzt beginnt zu widerrufen und die die gestalterische Umsetzung fast aller Sites der letzten Jahre maßgeblich beeinflusst hat, Jacob Nielsen als einer der großen Vordenker im Bereich Web Usability sind Leute, von denen ich sehr viel gelernt habe.


sagmal.de:
Stefan, gibt es Fragen, die du bei unserem kleinen Interview vermisst hast und wenn ja, wie wäre die Antwort darauf ?


Stefan Karzauninkat:
Eine wichtige Frage bleibt oft, wenn es um Engagement im Netz geht, unberücksichtigt: Auf welche (oder wessen) Kosten entsteht die ganze Arbeit? Was muss dafür bezahlt und geopfert werden? Manche opfern ihr Privatleben, andere schränken ihr Leben auf eine zugegebenermaßen lebenserfüllende Aufgabe ein, andere opfern Familie und Beziehung oder nehmen im Kauf, am Existenzminimum zu leben.

Insofern ist eine wichtige Frage: "Wie finanzierst Du Deine Projekte?" Nur von Engagement allein kann niemand leben. Deshalb bin ich durchaus ein Verfechter einer maßvollen (!) Kommerzialisierung des Internet. Jeder, der nicht nur aus reinem Hobby Seiten zur Verfügung stellt - und wer über dem Durchschnitt arbeiten will, wird schnell mehr Arbeit als nur im Zeitrahmen eines Hobbys investieren müssen - muss sich fragen, wovon man runterbeißen soll. Studenten denken erst nach Abschluss des Studiums daran, wenn Papi oder das Bafög Amt nicht mehr bezahlt, Puristen mögen empört sein (und eines der eingangs genannten Opfer bringen), ich aber bin Realist und will mit meiner Arbeit meinen Lebensunterhalt verdienen. Die Suchfibel ist direkt - über die Website und das Buch - und indirekt - über die erworbene Kompetenz in Sachen Internetrecherche und Webdesign - der Weg, den ich dafür gewählt habe.


sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz, einen Rat oder eine Bemerkung an unsere Leser ?

Stefan Karzauninkat:
Es kommt drauf, was man draus macht. :-)

Viele Gruesse
Stefan Karzauninkat
kaz@suchfibel.de

Die Suchfibel als Buch gebunden, 240 Seiten
Preis 39,80 DM.
Mit CD-ROM, beinhaltet das gesamte
Werk als Hypertext, mit etwa 1.400 Verweisen ins Internet.
Direkt zum Anklicken und probieren.
Stefan Karzauninkat
Die Suchfibel
Wie findet man Informationen im Internet?
Ernst Klett Verlag Leipzig

Das Interview wurde im März 2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Stefan Karzauninkat für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen

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