Interview mit Uschi Hering, der Gründerin und treibenden Kraft von Freedom for Links
*** Wir könnten uns vorstellen, so eine Art Greenpeace fürs Internet zu werden.
Wobei: bis dahin ist es noch ein langer, langer Weg. ***
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sagmal.de: Die meisten unserer Leser werden von "Freedom for Links" wohl schon gehört haben. Laut deiner Aussage in einem anderen Interview wurde Freedom for Links
am 29. Mai 1998 morgens um 4 Uhr geboren. Damaliger Anlass war der Streit
Steinhöfel vs. Best. Kannst du unseren Lesern die aktuellen Pläne von FFL
beschreiben ?
Uschi Hering:
"Freedom for Links" befand sich in den vergangenen Monaten in der
Orientierungs- und tritt augenblicklich in die Organisationsphase ein.
Am 15. Januar haben wir uns zum Verein formiert. "Wir", das sind bisher
(Glückszahl!) 13 ordentliche Mitglieder aus allen Ecken Deutschlands und
einer aus der Schweiz. Wir haben uns über das Thema
Online-Recht virtuell zusammengefunden und beschlossen, uns
gemeinsam für Demokratie und Rechtssicherheit im Netz zu engagieren.
Es sieht so aus, als bestünde da auf Jahre hinaus reichlich
Handlungsbedarf. |
| sagmal.de: Wenn man euer Forum regelmässig besucht, kommt man zur Überzeugung, das Ganze
mutiert nur noch zum Kampf zwischen Freiherr von Gravenreuth vs. Freedom for Links.
Raubt euch der Freiherr nicht einen Grossteil eurer Kraft ?
Uschi Hering: Leider. Er raubt arg viel. Von vielen einzelnen und natürlich auch von
FFL. Andererseits ist er ein Indikator des Irrwitzes, der im deutschen
Online-Recht abläuft und zeigt im Prinzip die Lücken auf, die unsere
Gesetze dem Mißbrauch bieten. Wir sehen unsere Aufgabe darin, diese
Lücken zu erkennen, zu analysieren und dann Mittel und Wege zu finden,
Änderungen in die Wege zu leiten.
Das kann auf juristischer Ebene
geschehen oder auf politischer. Optimalerweise in einer Mixtur von beidem auf
Öffentlichkeits-Ebene. Sicherlich ein Balanceakt. Wir befinden uns
mitten in einer subtilen Revolution zwischen Industrie- und
Informationsgesellschaft. Viele Politiker haben das noch nicht wahrgenommen bzw. lassen sich
vom "Goldenen Kalb" Ecommerce blenden. Die Bürger und die
volkswirtschaftlichen Interessen scheinen sie in ihrer Euphorie aus den
Augen zu verlieren. Hier möchten wir gegensteuern. |
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sagmal.de: Ist er euer einziger wirklicher Widersacher ? Anders gefragt, wäre FFL nicht
überflüssig, wenn der Freiherr keine Möglichkeiten der Abmahnung mehr hätte ?
Uschi:
Der Mißbrauch des wettbewerbsrechtlichen Mittels der Abmahnung zum
Zwecke des Geldverdienens ist ein akutes Problem. Denn es wirft viele
Betroffene aus der Bahn. Leute, die zwei Jobs machen, um auf die Beine
zu kommen: einen festangestellten, der ihnen die Grundversorgung
sichert, und einen, mit dem sie ihre Zukunft aufbauen. Eine
mittelständische Zukunft, die für unsere Volkswirtschaft wichtig sein
könnte. Und pausenlos werfen ihnen die Absahner dieser Welt Knüppel
zwischen die Beine, um für sich persönlich den "Goldenen Schnitt"
abzuziehen. Ego ist nicht Miteinander. Es nützt immer nur einem und
schadet allen. Im Netz kursiert ein Leitwort: "First give, then take."
Wenn alle danach handeln würden, könnte dieses geniale System tatsächlich
auch allen Vorteile bringen. Die Formel "First take, then take" jedoch
macht weder Sinn noch funktioniert sie.
Ich hatte es schon erwähnt: Der Freiherr erscheint mir nur als
hartnäckiger Indikator der Verdrängung, die entsteht, wenn einer alles
will und ihm dazu jedes Mittel recht ist. Die eigentliche Herausforderung
besteht darin, zu transportieren, daß das Netz - also der öffentliche
Verbund von uns allen - anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt als
das Gemeinwesen, auf das unsere Paragraphen bisher zugeschnitten waren.
Das Netz gehört uns allen. Die Industrie hat eine starke Lobby
und verschafft sich vehement Gehör im Berliner Reichstag und in
Brüssel. Die User jedoch treten als solche hier noch nicht auf und
können ergo auch nicht wahrgenommen werden. Das muß sich
schnellstens ändern. Mit dieser Intention hat Freedom for Links auch
den Verein gegründet. Wir könnten uns vorstellen, so eine Art
Greenpeace fürs Internet zu werden. Wobei: bis dahin ist es noch
ein langer, langer Weg. |
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sagmal.de: Seht Ihr Fortschritte in den Köpfen von verantwortlichen Richtern ?
Wird sich das logische Denken auch bei deutschen Gerichten endlich
durchsetzen, oder werden Abmahner letztendlich doch gewinnen ?
Uschi Hering: Auch Richter leben nicht außerhalb der Zeit. Wie könnte man von ihnen
einen Bewußtseinsstand erwarten, den ihre Gesetzgeber, an die sie
gebunden sind, selbst noch längst nicht haben? Wie sollten sie in
progressive Richtungen denken können, wenn ihnen dafür die legale Basis
fehlt? Wenn sie keiner ermutigt, sich aus ihren Verkrustungen zu lösen?
Dennoch habe ich den optimistischen Eindruck, dass zwischen der
Rechtsprechung vor zwei Jahren und der von heute ein Unterschied besteht.
Es gibt immer mehr, die das Medium begreifen. Auch Richter haben
dazugelernt.
Fragen beginnen sich zu klären - aber es ist ein mühsamer Prozeß,
der nicht ohne Nackenschläge abgeht. Serienabmahner können aus meiner Warte heraus betrachtet langfristig
nicht gewinnen. Die Politik wird reagieren müssen und Lücken schließen. |
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sagmal.de: Was hältst du für euren grössten Erfolg ?
Uschi Hering: Daß sich bisher schon 13 Menschen gefunden haben, die an einem Strang
ziehen, um daraus ein starkes Gerüst zu bauen, das auf unser aller
Rechte
aufmerksam macht und sie notfalls einfordert. |
| sagmal.de: Wie verhalten sich die Medien euch gegenüber ? Gibt es bei bestimmten
Projekten Unterstützung ?
Uschi Hering: "Die Medien" sind Freedom for Links gegenüber sehr wohlgesonnen. Sowohl
im Online- als auch im Offline-Bereich. Unsere Anliegen stoßen hier auf
positive Resonanz. Sie begleiten uns wohlwollend journalistisch. Jedoch
wenn es darum geht, Verantwortung, die wir auf uns nehmen, mit uns zu
teilen, geht's in die Rechtsabteilungen und versandet. Deshalb wünsche
ich uns - und damit vielen anderen redaktionellen Angeboten im Netz
ebenfalls - eine Anerkennung als Mediendienst mit journalistischer
Verantwortung im Sinne des Pressegesetzes. Die
herkömmlichen Medien sind immer stärker konzentriert - und damit
abhängiger von Verlagsinteressen. Ich denke, die demokratische
Wachsamkeit wird in Zukunft stärker von "uns Kleinen" ausgeübt
werden können als von den Medienkonzernen. Auch hier erhalten
unabhängige redaktionelle Angebote eine besondere Bedeutung innerhalb
unseres sich supranational öffnenden Staatswesens.
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sagmal.de: Welche Unterstützung würdest du dir von "normalen" Usern wünschen.
Was kann der durchschnittliche User tun, um euch zu helfen
Uschi Hering: Den Verein "Freedom for Links" fördern - zunächst einmal im Rahmen
unserer derzeit bescheidenen Möglichkeiten. Und natürlich weiterhin
mitreden, uns sagen, wo die Kuh auf dem Eis rumschlittert
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| sagmal.de: Welche Person hat deiner Meinung nach das Internet in den letzten Jahren am
meisten beeinflusst ?
Uschi Hering: International Tim Berners-Lee natürlich und national Stefan Münz mit
seinem Selfhtml. Beide haben die Basis für Verbindung geschaffen.
Viele andere haben darauf aufgebaut und das Bestehende in neue
Bereiche weiterentwickelt. Das Schöne am Netz ist ja, daß es keine
Disziplin gibt, die nicht gebraucht würde. So trifft man immer wieder
aufs Neue auf faszinierende, engagierte Menschen.
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sagmal.de: Wenn FFL Interviews durchführen würde, wer stünde als Interviewpartner ganz
oben auf deiner Liste ?
Uschi Hering:
Tim Berners-Lee. Mit ihm säße ich gerne mal mindestens zwei Stunden am
Elbstrand auf einer Düne im Gespräch und die großen Schiffe würden an
uns vorbeiziehen. Danach würde ich allerdings vermutlich mindestens zwei
Wochen lang zehn Zentimeter überm Boden schweben.
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sagmal.de: Wie surft Uschi Hering ? Immer nur auf den Spuren von Abmahnverfahren und
Gerichtsbeschlüssen ?
Uschi Hering:
Ich liebe es, mich durch unsere Referenzliste durchzuklicken und mir
die vielen kreativen Sites von Menschen anzuschauen, die auch zu
uns herüberzeigen. Von Spitzenklöpplerinnen über Knabenchöre,
Fußballfanclubs, Rappern bis hin zu Rollenspielern, die unser Logo
als Gegenstand in ihr Spiel einbinden, ist da neben den juristischen
Pages so ziemlich alles dabei. Die Bandbreite ist mir ein großes Vergnügen.
Die Vielfalt ist so plastisch ausgeprägt. Ich tue, was ich tun kann, um
zu vermeiden, daß diese ideenreichen Menschen von spitzen
Ellbogen vom Netz gedrängt werden. |
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sagmal.de: Gibt es ausser der Arbeit für FFL überhaupt Zeit für das private Surfen ?
Uschi Hering:
Wenig, aber dann für mich äußerst amüsant. Manchmal verliere ich mich
in meinen ganz persönlichen Gedankenwelten. Stundenlang.
Meistens mitten in der Nacht.
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sagmal.de: Wenn ja, gibt es ein zentrales Thema, das dich interessiert ?
Uschi Hering: Kreative Welten. Alles, was neue Öffnung schafft. Dafür bietet das Netz
ein unerschöpfliches Potential. Kunstprojekte gehören dazu. Kunst
hat hier ganz neue Möglichkeiten, sich auszudrücken, Formen zu
entdecken und aufzuladen. Das Medium hat so wunderbar viel
Kraft ... |
sagmal.de: Noch einen Schlusssatz, einen Tipp oder einen besonderen Wunsch ?
Uschi Hering:
Think forward ... but never forget the past.
Grüße in die virtuelle Welt,
Uschi
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Das Interview wurde im April 2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Uschi Hering für die Beantwortung unserer Fragen.
Die bei diesem Interview verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von
Freedom for Links,
fish-and-chips.de,
und Sasch´s Das Beste entnommen. |
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