Interview mit Uschi Hering vom 12.4.2000
Das ist Uschi!
Interview mit Uschi Hering,
der Gründerin und treibenden Kraft von Freedom for Links

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Wir könnten uns vorstellen, so eine Art Greenpeace fürs Internet zu werden. Wobei: bis dahin ist es noch ein langer, langer Weg.
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  sagmal.de:
Die meisten unserer Leser werden von "Freedom for Links" wohl schon gehört haben. Laut deiner Aussage in einem anderen Interview wurde Freedom for Links am 29. Mai 1998 morgens um 4 Uhr geboren. Damaliger Anlass war der Streit Steinhöfel vs. Best. Kannst du unseren Lesern die aktuellen Pläne von FFL beschreiben ?

Uschi Hering:
Freedom for Links!"Freedom for Links" befand sich in den vergangenen Monaten in der Orientierungs- und tritt augenblicklich in die Organisationsphase ein. Am 15. Januar haben wir uns zum Verein formiert. "Wir", das sind bisher (Glückszahl!) 13 ordentliche Mitglieder aus allen Ecken Deutschlands und einer aus der Schweiz. Wir haben uns über das Thema Online-Recht virtuell zusammengefunden und beschlossen, uns gemeinsam für Demokratie und Rechtssicherheit im Netz zu engagieren. Es sieht so aus, als bestünde da auf Jahre hinaus reichlich Handlungsbedarf.

 

sagmal.de:
Wenn man euer Forum regelmässig besucht, kommt man zur Überzeugung, das Ganze mutiert nur noch zum Kampf zwischen Freiherr von Gravenreuth vs. Freedom for Links. Raubt euch der Freiherr nicht einen Grossteil eurer Kraft ?

Uschi Hering:
Leider. Er raubt arg viel. Von vielen einzelnen und natürlich auch von FFL. Andererseits ist er ein Indikator des Irrwitzes, der im deutschen Online-Recht abläuft und zeigt im Prinzip die Lücken auf, die unsere Gesetze dem Mißbrauch bieten. Wir sehen unsere Aufgabe darin, diese Lücken zu erkennen, zu analysieren und dann Mittel und Wege zu finden, Änderungen in die Wege zu leiten.
Das kann auf juristischer Ebene geschehen oder auf politischer. Optimalerweise in einer Mixtur von beidem auf Öffentlichkeits-Ebene. Sicherlich ein Balanceakt. Wir befinden uns mitten in einer subtilen Revolution zwischen Industrie- und Informationsgesellschaft. Viele Politiker haben das noch nicht wahrgenommen bzw. lassen sich vom "Goldenen Kalb" Ecommerce blenden. Die Bürger und die volkswirtschaftlichen Interessen scheinen sie in ihrer Euphorie aus den Augen zu verlieren. Hier möchten wir gegensteuern.

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sagmal.de:
Ist er euer einziger wirklicher Widersacher ? Anders gefragt, wäre FFL nicht überflüssig, wenn der Freiherr keine Möglichkeiten der Abmahnung mehr hätte ?

Uschi:
Der Mißbrauch des wettbewerbsrechtlichen Mittels der Abmahnung zum Zwecke des Geldverdienens ist ein akutes Problem. Denn es wirft viele Betroffene aus der Bahn. Leute, die zwei Jobs machen, um auf die Beine zu kommen: einen festangestellten, der ihnen die Grundversorgung sichert, und einen, mit dem sie ihre Zukunft aufbauen. Eine mittelständische Zukunft, die für unsere Volkswirtschaft wichtig sein könnte. Und pausenlos werfen ihnen die Absahner dieser Welt Knüppel zwischen die Beine, um für sich persönlich den "Goldenen Schnitt" abzuziehen. Ego ist nicht Miteinander. Es nützt immer nur einem und schadet allen. Im Netz kursiert ein Leitwort: "First give, then take." Wenn alle danach handeln würden, könnte dieses geniale System tatsächlich auch allen Vorteile bringen. Die Formel "First take, then take" jedoch macht weder Sinn noch funktioniert sie.

Ich hatte es schon erwähnt: Der Freiherr erscheint mir nur als hartnäckiger Indikator der Verdrängung, die entsteht, wenn einer alles will und ihm dazu jedes Mittel recht ist. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, zu transportieren, daß das Netz - also der öffentliche Verbund von uns allen - anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt als das Gemeinwesen, auf das unsere Paragraphen bisher zugeschnitten waren. Das Netz gehört uns allen. Die Industrie hat eine starke Lobby und verschafft sich vehement Gehör im Berliner Reichstag und in Brüssel. Die User jedoch treten als solche hier noch nicht auf und können ergo auch nicht wahrgenommen werden. Das muß sich schnellstens ändern. Mit dieser Intention hat Freedom for Links auch den Verein gegründet. Wir könnten uns vorstellen, so eine Art Greenpeace fürs Internet zu werden. Wobei: bis dahin ist es noch ein langer, langer Weg.

 

sagmal.de:
Seht Ihr Fortschritte in den Köpfen von verantwortlichen Richtern ? Wird sich das logische Denken auch bei deutschen Gerichten endlich durchsetzen, oder werden Abmahner letztendlich doch gewinnen ?

Uschi Hering:
Auch Richter leben nicht außerhalb der Zeit. Wie könnte man von ihnen einen Bewußtseinsstand erwarten, den ihre Gesetzgeber, an die sie gebunden sind, selbst noch längst nicht haben? Wie sollten sie in progressive Richtungen denken können, wenn ihnen dafür die legale Basis fehlt? Wenn sie keiner ermutigt, sich aus ihren Verkrustungen zu lösen?
Dennoch habe ich den optimistischen Eindruck, dass zwischen der Rechtsprechung vor zwei Jahren und der von heute ein Unterschied besteht. Es gibt immer mehr, die das Medium begreifen. Auch Richter haben dazugelernt. Fragen beginnen sich zu klären - aber es ist ein mühsamer Prozeß, der nicht ohne Nackenschläge abgeht. Serienabmahner können aus meiner Warte heraus betrachtet langfristig nicht gewinnen. Die Politik wird reagieren müssen und Lücken schließen.

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sagmal.de:
Was hältst du für euren grössten Erfolg ?

Uschi Hering:
Daß sich bisher schon 13 Menschen gefunden haben, die an einem Strang ziehen, um daraus ein starkes Gerüst zu bauen, das auf unser aller Rechte aufmerksam macht und sie notfalls einfordert.

 

sagmal.de:
Wie verhalten sich die Medien euch gegenüber ? Gibt es bei bestimmten Projekten Unterstützung ?

Uschi Hering:
"Die Medien" sind Freedom for Links gegenüber sehr wohlgesonnen. Sowohl im Online- als auch im Offline-Bereich. Unsere Anliegen stoßen hier auf positive Resonanz. Sie begleiten uns wohlwollend journalistisch. Jedoch wenn es darum geht, Verantwortung, die wir auf uns nehmen, mit uns zu teilen, geht's in die Rechtsabteilungen und versandet. Deshalb wünsche ich uns - und damit vielen anderen redaktionellen Angeboten im Netz ebenfalls - eine Anerkennung als Mediendienst mit journalistischer Verantwortung im Sinne des Pressegesetzes. Die herkömmlichen Medien sind immer stärker konzentriert - und damit abhängiger von Verlagsinteressen. Ich denke, die demokratische Wachsamkeit wird in Zukunft stärker von "uns Kleinen" ausgeübt werden können als von den Medienkonzernen. Auch hier erhalten unabhängige redaktionelle Angebote eine besondere Bedeutung innerhalb unseres sich supranational öffnenden Staatswesens.

Uschi und Bigo Bongo!
sagmal.de:
Welche Unterstützung würdest du dir von "normalen" Usern wünschen. Was kann der durchschnittliche User tun, um euch zu helfen

Uschi Hering:
Den Verein "Freedom for Links" fördern - zunächst einmal im Rahmen unserer derzeit bescheidenen Möglichkeiten. Und natürlich weiterhin mitreden, uns sagen, wo die Kuh auf dem Eis rumschlittert

 

sagmal.de:
Welche Person hat deiner Meinung nach das Internet in den letzten Jahren am meisten beeinflusst ?

Uschi Hering:
International Tim Berners-Lee natürlich und national Stefan Münz mit seinem Selfhtml. Beide haben die Basis für Verbindung geschaffen. Viele andere haben darauf aufgebaut und das Bestehende in neue Bereiche weiterentwickelt. Das Schöne am Netz ist ja, daß es keine Disziplin gibt, die nicht gebraucht würde. So trifft man immer wieder aufs Neue auf faszinierende, engagierte Menschen.

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sagmal.de:
Wenn FFL Interviews durchführen würde, wer stünde als Interviewpartner ganz oben auf deiner Liste ?

Tim Berners-Lee

Uschi Hering:
Tim Berners-Lee. Mit ihm säße ich gerne mal mindestens zwei Stunden am Elbstrand auf einer Düne im Gespräch und die großen Schiffe würden an uns vorbeiziehen. Danach würde ich allerdings vermutlich mindestens zwei Wochen lang zehn Zentimeter überm Boden schweben.


 

sagmal.de:
Wie surft Uschi Hering ? Immer nur auf den Spuren von Abmahnverfahren und Gerichtsbeschlüssen ?

Uschi Hering:
Ich liebe es, mich durch unsere Referenzliste durchzuklicken und mir die vielen kreativen Sites von Menschen anzuschauen, die auch zu uns herüberzeigen. Von Spitzenklöpplerinnen über Knabenchöre, Fußballfanclubs, Rappern bis hin zu Rollenspielern, die unser Logo als Gegenstand in ihr Spiel einbinden, ist da neben den juristischen Pages so ziemlich alles dabei. Die Bandbreite ist mir ein großes Vergnügen. Die Vielfalt ist so plastisch ausgeprägt. Ich tue, was ich tun kann, um zu vermeiden, daß diese ideenreichen Menschen von spitzen Ellbogen vom Netz gedrängt werden.

 

sagmal.de:
Gibt es ausser der Arbeit für FFL überhaupt Zeit für das private Surfen ?

Uschi Hering:
Uschi, privat mit Ihrem Tibet Terrier BingoWenig, aber dann für mich äußerst amüsant. Manchmal verliere ich mich in meinen ganz persönlichen Gedankenwelten. Stundenlang. Meistens mitten in der Nacht.


sagmal.de:
Wenn ja, gibt es ein zentrales Thema, das dich interessiert ?

Uschi Hering:
Kreative Welten. Alles, was neue Öffnung schafft. Dafür bietet das Netz ein unerschöpfliches Potential. Kunstprojekte gehören dazu. Kunst hat hier ganz neue Möglichkeiten, sich auszudrücken, Formen zu entdecken und aufzuladen. Das Medium hat so wunderbar viel Kraft ...


sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz, einen Tipp oder einen besonderen Wunsch ?

Uschi Hering:
Think forward ... but never forget the past.
Grüße in die virtuelle Welt,
Uschi

Das Interview wurde im April 2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Uschi Hering für die Beantwortung unserer Fragen.
Die bei diesem Interview verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von
Freedom for Links,
fish-and-chips.de,
und Sasch´s Das Beste entnommen.

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