Interview mit Chräcker Heller vom 7.11.2002
Ausschnitt der Stempelseite

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ich sitze vor einem Fenster, das wegen dem Monitor meistens abgedunkelt ist. Hinter mir, auf der anderen Seite des Raumes, befindet sich ein Fenster und eine Tür zum Garten. Ich glaube, die meisten von uns sollten öfter mal den Computer ausmachen und sich einfach mal umdrehen.

Chräcker Heller Chräcker Heller - Selfvita:
Geboren 1966 - Düsseldorf,
gelernt habe ich Versicherungskaufmann und habe ein paar Jahre im Maklergeschäft meines Vaters gearbeitet.
Diesen Job habe ich gegen den Beruf des Hausmannes eingetauscht, zur Zeit verbringe ich den Tag also mit meinen zwei kleinen Kindern ("sie" fast 4 Jahre und "er" ist 9 Monate) und ein paar Web-Auftragsarbeiten.
 
Mit 16 habe ich mit der Computerei begonnen, da ich sehr viel zeichnete und malte, gleich mit der Computergrafik. Trotzdem gelang es mir erst seit meinem Einstieg ins Internet vor 3 oder 4 Jahren, diese beiden Bereiche ("Kunsthandwerkliches" arbeiten und Computer) einigermaßen zusammen zu bringen. Meine erste Seite sieht aus wie die meisten ersten Seiten im Internet, grauenhaft, und liegt zurecht im Giftschrank. Die zweite eigene Arbeit war dann die Stempelseite. Nach und nach kamen dann auch "Auftragsarbeiten" dazu....
 
Chräcker Heller Seit Beginn meiner Internetzeit schrieb ich im Selfhtml-Forum. "Leider" werden diese Beiträge alle archiviert, so das ich beim stöbern häufig erkennen muss, dass mangelnde Ahnung wirklich nie ein Grund für mich war, mal die Klappe zu halten..... (Aber das wird wohl so bleiben ,-))

www.chraecker.de
www.stempelgeheimnis.de

sagmal.de:
Chräcker Heller ist ein Name mit einem guten Klang im Web. Wie kam es zu dem Namen und was bedeutet er?

Chräcker Heller:
Oh, danke für den "guten Klang". In der ersten Klasse, ich war fünf, wollte mein damaliger Freund „ey, du Keks" sagen. Er sagte aber, als Kinderscherz, „ey, du Chräcker".... und dabei blieb es dann. Außer meinen Eltern und ein paar entfernteren Verwandten nennen mich alle so. Es ist also kein Spitzname, hat auch nichts mit Computern zu tun, sondern ist einfach mein Name.

sagmal.de:
Und wer ist die Person, die hinter dem Namen Chräcker steht? Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Chräcker Heller:
Oh je, diese Frage würde ich am liebsten weitergeben. Aber wer weiß, was dann andere antworten würden, also doch lieber selbst: Ich glaube, ich bin ein recht ausgeglichener Mensch. Ich hatte bisher viel Glück gehabt. Ich glaube aber auch, daß wir unser Lebensglück zum großen Teil selber bestimmen können. Dazu ist es wichtig zu lernen, welche Schicksalsschläge wirklich von außen kommen und welche dann doch selbstgemachte und damit abwendbare sind. Auch übe ich mich, nicht immer zu meiner Zufriedenheit, in der Akzeptanz anderer Leute Lebenskonzepte. Meine Wahrheiten müssen noch lange nicht die Wahrheiten anderer Leute sein. (Und häufig ist noch nicht einmal meine Sprache die der anderen.)

Außerdem bin ich, ich merke es gerade selber, leider auch
etwas ein „Oberlehrertyp" ;-)....

sagmal.de:
Was machst du, wenn du nicht online bist?

Chräcker Heller:
Neben meinem Job als Hausmann? Ich lese sehr gerne. Ich höre Musik, aber das meistens auch, wenn ich (online) vor dem Computer sitze. (Zur Zeit häufig Bach...) - Dann verbringe ich viel Zeit mit meiner kleinen Familie und Freunden. Außerdem arbeite ich im Computerbereich ehrenamtlich zusammen mit Senioren, zur Zeit an einer eigenen Internetseite für ein Hilfsnetzwerk der Senioren in unserem Ort. (also, auch wieder was mit Computer)

sagmal.de:
Wie und wann hattest du den ersten Kontakt mit dem Web?

Chräcker Heller:
Vor ca. drei oder vier Jahren. Ich komme aus der DFÜ-Mailbox-Zeit, als man noch den Telefonhörer kurz auf die Tischplatte schlug, um ihn locker zu machen, dann in den Akustikkoppler steckte, darauf dann ein Kissen (damit die Störgeräusche nicht durchkommen). Eines Tages habe ich mich dann zum „BTX-Konkurrenten" Compuserve durchgerungen. Den Knopf „Internet" habe ich aber anfangs sehr selten genutzt. Ich habe das ganze „Ding Internet" überhaupt nicht richtig verstanden. Nach und nach rutschte ich dann rein.

sagmal.de:
Ist der alte Idealismus aus den Anfängen des Webs noch da, als es mehr um das helfen, als um das Geld verdienen ging? Oder hat sich das Web den Verhältnissen im Real Life angepasst?

Chräcker Heller:
Ach ja, die „gute alte Zeit"-Frage. Wenn früher damit unsere Eltern und Großeltern ankamen, wurden wir auch immer stutzig. Heute höre ich dieses „gute-alte-Zeit" unter Gleichaltrigen immer öfters. An Idealismus herrscht auch heute im Netz kein Mangel. Uns fallen doch sofort alle sofort ein paar Namen oder Projekte ein. Ein Teil des Rests der Welt ist nur einfach hinzugekommen. Und da sind ein Haufen Nichtidealisten darunter, und das ist auch gut so. Denn mit Idealismus kann man kein Brot backen. Wir wollten doch alle ein Netz für alle. Jetzt sind alle da, da muss man eben mit denen auch leben. Das Verhältnis mag sich dann wirklich angepasst haben, aber der Idealismus ist nicht weniger geworden. Nur die Zahl jener, die von der guten alten Zeit schwärmen.

sagmal.de:
Ich habe gelesen, du bist Hausmann? Also hast du viel Zeit, dich um Internetbekanntschaften zu kümmern und sie nachhaltig zu pflegen? Gibt es deiner Meinung nach wahre Freundschaften im Web?

Mit der Lupe auf der Suche nach dem Inhalt Chräcker Heller:
Der Computer konnte schon immer nur das wieder herausgeben, was man hineingetan hat. So ist es auch bei Kontakten zu Menschen über diese Maschinen. Es gibt die unterschiedlichsten Arten, Freundschaften zu schließen und die unterschiedlichsten Tiefen von Freundschaften. Und ich habe gelernt, wenn man mit dem Werkzeug Computer richtig und verhalten umgeht, kann man tatsächlich Freundschaften zu Menschen am anderen Ende der Leitung anknüpfen. Aber letztendlich gehören zu einer Freundschaft immer die Menschen. Und so glaube ich, daß man ab einer gewissen Tiefe nur weiterkommt, wenn man das Werkzeug Computer weglässt. Wenn man sich im realen Raum trifft.

Aber ja, ein paar Freundschaften habe ich anknüpfen können. Allerdings birgt der manchmal etwas sorglose Umgang mit E-Mails und Chat-Räumen auch eine Gefahr. Nicht selten verwechselt man den Menschen am anderen Ende der Leitung mit der eher anonymen Maschinerie, die man für die Kommunikation einsetzt, und offenbart relativ unreflektiert persönliches. Durch eine gewisse Beliebigkeit dieser Offenbarungen fällt es dann im realen Leben manchmal schwer, diese Info-Flicken zu einem funktionierenden Bild zusammenzusetzen und mit dem realen Menschen, der dann vor einem steht, abzugleichen.

sagmal.de:
Erinnerst du dich an positive und negative Erlebnisse im Internet?

Chräcker Heller:
Das positive, was ich im Netz empfinde, ist eher ein Gesamterlebnis: Wie viele Menschen es gibt, die einfach Lust und Spaß haben, Energie und Liebe in eine x-beliebige Sache zu stecken, ohne dass sie Geld dafür bekommen. Umsonst macht kaum jemand etwas, wir bekommen alle unsere Streicheleinheiten und Glückspunkte, aber wie viel Vorschussenergie und Risikobereitschaft man bei diesen meist privaten und oftmals jungen „Interessenvermittlern" mitbekommt, vollkommen vom Gelderwerbsgedanken entkoppelt. Das ist wunderbar.

Negativ stößt mir auf, wie einige wenige versuchen, Mechanismen, die zum Schutz unserer Gesellschaft gedacht sind, zur schnöden privaten Gewinnmaximierung ausnutzen. Die Abmahnwelle, die immer wieder durch das Netz läuft, ist für mich unverständlich. In der Sache mag ich den Sachverhalt sogar noch manchmal nachvollziehen können, aber wenn jemand die Schutzmechanismen unserer Gesellschaft wie die Justiz und ihre Instrumentarien systematisch ausnutzt, nur um sich selber zu bereichern (Und nicht um private- oder Rechtssicherheit zu erzeugen), dann stellen sich diese Personen meiner Meinung nach freiwillig außerhalb des Schutzsystems unserer Gemeinschaft. (Was jetzt ausdrücklich kein Aufruf zur Selbstjustiz sein soll!)

sagmal.de:
Du bist Vater einer(kleinen?) Tochter. Macht dir das Internet der Zukunft Angst, oder siehst du es eher als Chance?

Chräcker Heller:
Eine kleine vierjährige Tochter und einen 10 Monate alten Sohn... ach, genau genommen: Weder noch. Das Internet erzeugt ja nicht wirklich etwas Neues. Das mögen manche Romanautoren und Werbestrategen anders sehen, und wer weiß was kommt, aber was können wir denn mit dem Internet heute wirklich neues, lassen wir mal den vermeintlichen Schnelligkeitsfaktor weg? Nichts, was wir nicht vorher auch schon in der Art hatten. Meine Tochter findet meinen Computer so spannend wie unsere Mikrowelle. Und wird ihn auch genauso nutzen. (Das macht mir allerdings wieder Mut!) Auch nach der Einführung des Internets müssen sich Menschen immer noch treffen, um sich zu lieben und es treffen sich immer noch Menschen, um sich die Köpfe einzuschlagen. Und blöde Vokabeln werden meine Kinder auch mit dem Internet noch lernen müssen, da sehe ich keine Chance für sie....

Das einzige, was ich meinen Kindern im Bezug aufs Internet noch mitgeben möchte, ist die Erkenntnis, dass der Buchladen um die Ecke zwar nicht so lange wie Amazon aufhat, aber im Buchladen gibts eine Verkäuferin, die sich beim Hereinkommen lächelnd bückt und eine neue wunderbare persönliche Buchempfehlung hinter der Kasse hervorholen kann. (Und die Kekse, die man dort manchmal bekommt, kann man beruhigt annehmen....)

sagmal.de:
Bekannt bist du mir vor allem durch deine Stempelseite und durch dein Engagement bei SelfHTML. Was ist das Besondere an Stefans Community?

Chräcker Heller:
Ich glaube, ein großer Teil der sogenannten Stammposter, die eine Community prägen, kommen hier über Stefans Html-Dokumentation zum Forum. Diese Dokumentation ist nicht wirklich leicht zu konsumieren. Man muss sich mit dem Thema beschäftigen und gewillt sein zu lernen. Dadurch dient diese Dokumentation auch als eine Art Besucherfilter. Die Leute, die durch diese Tür zum Forum kommen, haben den Wert des Lernens verinnerlicht und die Freude am Verstehen. ("Die Energie des Verstehens" heißt es bei Stefan so schön...) - Dadurch hat dieses Forum im fachlichen Bereich ein hohe Ernsthaftigkeit. Was viele neue Besucher abschreckt ist die Tatsache, dass es selten fertige Antworten gibt. Wir sind mehr Anschubser, und es gibt immer Antworten, die scheinbar an der Frage vorbeigehen. Ich vergleiche das gerne mit einem Kunstatelier. Da steht jemand vor der Staffelei und fragt einen anderen, ob er ihm mal bei der Farbe für die Sonne helfen kann. Der schaut über die Schulter und hilft ihm bei der Farbe, bemerkt aber eben auch, dass Grün nur bedingt eine gute Farbe für eine Sonne ist.

Viele Foren im Netz sind nichts anderes als Antwortmaschinen mit menschlichen Endmodulen. Da ist das Selfhtml-Forum anders. Nicht alle kommen damit klar, und ich habe da auch großes Verständnis für.

sagmal.de:
Was glaubst du, ist das Geheimnis deiner Stempelseite? Das schönste Glück auf Erden ist stempeln und gestempelt zu werden?

Das schönste Glück auf Erden... Chräcker Heller:
Ach, ich glaube, das Thema ist bei mir eigentlich egal. Ich selber habe mich ja bei der Konzeption dieser Seite auch nicht für das Stempeln interessiert, und auch jetzt gehöre ich nicht zur Stempler-Szene. Von Anfang an wollte ich, das der Besucher vergisst, dass er vor einem Computer sitzt. Die meisten Besucher stolpern ja thematisch gesehen unvorbereitet in meine Seite rein. Ich nehme sie direkt auf der ersten Seite an die Hand (und verliere da bestimmt auch die meisten), aber wenn sie sich darauf einlassen, versuche ich ihnen gleich klar zu machen, dass sie nicht mehr vor einem Computer sitzen. Der Monitor verwandelt sich in eine Spielwiese, in ein Blatt Papier, die Maus wird ein Stempelholz. Lassen sie sich darauf ein, dann entfernen sie sich immer mehr vom Computer und von dem wenigen, was sie vielleicht erwartet haben. Sie werden zum Spielen verführt. Ganz am Schluss der Tour entlasse ich sie dann wieder in die Computerwelt, durch den Blick hinter die Kulissen, die externen Links und das Gästebuch etc. Aber bis dahin bin ich vielleicht einer, der an einem langweiligen Tag an einem Tisch sitzend plötzlich grinst, sich bückt, und eine alte Pappkiste (voller Kinderstempel) rausholt und sagt: „schau mal, was ich hier gefunden habe, kennste das noch?"....

sagmal.de:
In deiner Self-Visitenkarte habe ich gelesen, du "klebst" Webseiten zusammen, du bezeichnest dich selbst als Internet-Handwerker. Wie muss man das verstehen? Ist der Begriff Webdesigner nicht treffend genug, für das was du tust?

Chräcker Heller:
Mach(t) einfach mal einen Test. Geh auf die Straße, und frage 20 Leute, was ein Webdesigner macht und was ein Handwerker macht. Ich könnte mir vorstellen, dass mehr auf unsere Arbeit treffende Antworten beim Begriff „Handwerker" kommen. Der Begriff Handwerker dient auch mir als Erklärung für das, was ich da eigentlich mache. Auch als Anreiz zur Qualität ist es eher förderlich. Man mag sich damit scheinbar erst reduzieren, aber in Wirklichkeit hilft es ungemein und ich habe immer eher Angst, dass mal ein Handwerker zu mir kommt und mich anmeckert, wieso ich für meinen Mist diesen ehrenvollen Begriff benutze. (Übrigens kann man das Beispiel auch auf die Spitze treiben: schon mal einen handgeschreinerten Tisch gesehen, auf dem geschnitzt stand: „diese Seite wurde von Klaus Schlinger geschnitzt und darf nicht nachgebaut werden. Es entspricht außerdem der DIN-xy und ist am besten für Personen unter 1.90 geeignet. Bitte ziehen Sie dazu braune Schuhe an?" (So was machen nur Webdesigner....)

Der Begriff „kleben" kommt daher, dass mir manchmal die Grundsatzüberlegungen meiner lieben Kollegen im Selfhtml-Forum zu technikorientiert ist. Da wird mit Begriffen wie „Trennung von Form und Inhalt", „Validität, „Standardkonformität" gearbeitet, das erstrebte Ziel der Informationsübermittlung, und zwar über den reinen Transport über das geschriebene Wort hinaus, wird diesen eher technikorientierten Gedanken aber zum Teil radikal nachgeordnet.

Gerade als „Möchtegernhandwerker" will ich die Wichtigkeit des handwerklichen Wissens nicht unterbewerten, aber das Wichtigste an einem Tisch ist erst einmal, dass man da gut dran sitzen kann und er zu meiner Einrichtung passt. Dann suche ich erst die Werkzeuge aus, mit denen ich ihn am besten erstellen kann. Zu diesem Zeitpunkt ist er auf meinem Skizzenblock schon fertig zusammengeklebt. Alles weitere muss zwar ordentlich ausgeführt werden, aber für die Idee des Tisches ist dies erst einmal unerheblich.

sagmal.de:
Gibt es Seiten, die dir besonders am Herzen liegen, ausser deinen eigenen?

Chräcker Heller:
Einige. Da traut man sich ja dann gar nicht, nur eine zu nennen. Vielleicht nenne ich einfach mal diese: http://www.sexonthedesk.de.vu/
Zeigt sie, nahezu unkommentiert, auf einfachste Weise, dass wir alles Individuen sind, einfach nur, in dem diese Seite „unsere" Arbeitsplätze zeigt.

sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Chräcker Heller:
Ja, die Frage nach dem Sinn meiner Stempelseite. Für diese Auslassung bin ich Dir sehr dankbar!

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Man kann auch Karten stempeln und verschicken Chräcker Heller:
(ein paar Sätze?) ich sitze vor einem Fenster, das wegen dem Monitor meistens abgedunkelt ist. Hinter mir, auf der anderen Seite des Raumes, befindet sich ein Fenster und eine Tür zum Garten. Ich glaube, die meisten von uns sollten öfter mal den Computer ausmachen und sich einfach mal umdrehen.

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Das Interview wurde am 7.11.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Chräcker Heller für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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