Interview mit Jan Ulrich Hasecke vom 20.6.2002
juh´s Sudelbuch

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Allerdings hat das Internet als Medium mehr noch als das Fernsehen zu einer Dynamisierung der Öffentlichkeit beigetragen. Im Internet kann jeder sofort ohne zeitliche Verzögerung über alles mitdiskutieren: z.B. in Mailinglisten und Newsgruppen.

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Jan Ulrich HaseckeJan Ulrich Hasecke(juh)
1982-91 Studium an der Universität zu Köln: Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Abschluss: Magister Artium. Magisterarbeit über Krzysztof Kieslowskis »Dekalog«
1983-86 Freie Mitarbeit bei Fernsehanstalten. Drehbuch und Regie in einer Spielfilmproduktion. Erstellung von Exposés und Drehbüchern für Kinofilme.
1989-90 Text-Trainee in der Westag Werbeagentur, Köln
1990-92 Freier Texter und Konzeptioner
1992-98 PR-Berater bei Severin & Partner, Gesellschaft für Unternehmenskommunikation mbH, Düsseldorf
seit 1998 Freier Werbetexter und PR-Berater

Jan Ulrich Hasecke ist unter anderem Betreiber von Sudelbuch.de und dem Generationenprojekt.de

sagmal.de:
Jan Ulrich, eine deiner Seiten heisst "Das Sudelbuch". Wen oder was besudelst Du denn?

Jan Ulrich Hasecke:
Irgendwo habe ich mal geschrieben, das Sudelbuch enthielte politische und allzumenschliche Satiren. Ich nehme also nicht nur Politiker satirisch aufs Korn, sondern den Abderiten in uns allen.

sagmal.de:
Wann hast Du damit angefangen und aus welchem Grund?

Jan Ulrich Hasecke:
Das Sudelbuch ist seit 1998 im Netz. Die Sudeleien der ersten drei Jahre, immerhin 240 Texte, habe ich einem Sammelband veröffentlicht: juh's Sudelbuch 98/99/00
Die Idee zu meinem Sudelbuch kam mir, als ich für meine sehr unterschiedlichen literarischen Arbeiten eine Publikationsplattform im Netz suchte. Ich wollte mich durch den Namen und das Konzept der Plattform stilistisch nicht einengen lassen, weshalb ich schließlich das Sudelbuch des großen Georg Christoph Lichtenberg stibitzte, um es fortan für meine Zwecke zu missbrauchen.
Mein Sudelbuch ist ein Tummelplatz für Satiren, Essays und literarische Texte wie z.B. zwei Fortsetzungsgeschichten: die musikalerotische Erzählung "Symphonie in g-moll" und den Roman "Die Reise nach Jerusalem", wobei letzterer in überarbeiteter Fassung als Buch erhält ist.

sagmal.de:
Gibt es, Deiner Meinung nach, so etwas wie eine politische Kultur im Web?

Jan Ulrich Hasecke:
Wenn man unter politischer Kultur so etwas wie gemeinsame Ideale, gemeinsame Werte oder gemeinsame politische Ziele versteht, so muss man die Frage verneinen. Im Internet prallen die gleichen Gegensätze aufeinander wie außerhalb des Netzes. Weiter unten werde ich mir da jedoch widersprechen. Allerdings hat das Internet als Medium mehr noch als das Fernsehen zu einer Dynamisierung der Öffentlichkeit beigetragen. Im Internet kann jeder sofort ohne zeitliche Verzögerung über alles mitdiskutieren: z.B. in Mailinglisten und Newsgruppen. Zuletzt konnte man das beim Möllemann- und Walserskandal beobachten. Wenige Minuten, nachdem der offene Brief Schirrmachers publik wurde, hoben im Netz die Diskussionen an. Und da der Suhrkamp-Verlag so freundlich war, den Roman im Internet herumzuschicken, konnten die streitenden Parteien den Roman sogar lesen, bevor sie ihn verdammten oder verteidigten. Leider konnte man bei dieser Diskussion auch beobachten, dass im Internet alle gleich sind, sich aber einige gleicher dünken, nämlich die von den traditionellen Medien bezahlten Kritiker. Während die Diskussionsteilnehmer in Newsgruppen auf die einschlägigen Artikel in FAZ, Süddeutsche, ZEIT etc. verwiesen, nahmen die Kritiker in den Zeitungen die Diskussion im Netz nur am Rande wahr, obwohl diese in einige Mailinglisten und Newsgruppen auf einem sehr hohen Niveau verlief.

sagmal.de:
Was charakterisiert für Dich den typischen deutschen Durchschnittspolitiker?

Jan Ulrich Hasecke:
Der deutsche Durchschnittspolitiker ist ehrlich, unbestechlich, kompetent und weiß, wann es reicht: wie Helmut Kohl.

sagmal.de:
Und welcher Partei gehört er an?

Jan Ulrich Hasecke:
Seiner eigenen.

sagmal.de:
Mittlerweile ist ja jede Partei, jeder Landesverband im WWW vertreten. Was ist denn Deiner Meinung nach das Internet für die Parteien und die Herren Politiker? Nur eine neue Möglichkeit, Propaganda zu machen?

Jan Ulrich Hasecke:
Was sonst? Spenden sammelt man schließlich nicht vor den Augen der Öffentlichkeit.

sagmal.de:
Wagst Du eine Prognose? Wer ist nach der Wahl Bundeskanzler und wer sein Aussenminister?

Jan Ulrich Hasecke:
Egal, was passiert: Herr Mittelmaß bleibt Kanzler. Ob wir aber mit Joschka Fischer weiterhin den besten Außenminister seit Willy Brandt haben werden oder mit Möllewelle im freien Fall lustige Palästinenserlieder singen müssen - wer will das jetzt schon wissen?

sagmal.de:
Und warum hat es ... nicht geschafft?

Jan Ulrich Hasecke:
Westerwelle hat es nicht geschafft, weil der deutsche Michel einen Politiker von einem Laienschauspieler unterscheiden kann, der in der TV-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" den gelackten Streber spielt.
Fischer hat es nicht geschafft, weil die traditionellen Wähler der Grünen Politik für einen Religionsersatz halten und politische Kompromisse nach der Öko-Scharia als Gotteslästerung bestraft wissen wollen.
Stoiber hat es nicht geschafft, weil Sabine Christiansen seiner Frau so ähnlich sieht und er seine Frau, nicht Sabine Christiansen, im Schlaf mit "liebe Frau Merkel" angeredet hat und seine Frau, nicht Sabine Christiansen, fünf Tage vor der Wahl die Scheidung eingereicht hat.
Schröder hat es nicht geschafft, weil er mit den Fäusten des Nachts gegen den Beton des neuen Kanzleramtes hämmerte und rief: Ich will hier raus!

sagmal.de:
Wie ist Deine Grundeinstellung zum Internet? Nutzt Du es nur beruflich, oder auch privat?

Jan Ulrich Hasecke:
Gab es ein Leben vor dem Netz?

sagmal.de:
Viele schreien ja mehr und mehr nach Gesetzen im Internet. Ist da die Freiheit der User in Gefahr?

Jan Ulrich Hasecke:
Die große Freiheit im Internet halte ich für einen Mythos. Und in jedem Mythos verbirgt sich eine Wahrheit. Die Wahrheit ist: Das Internet hat uns vor Augen geführt, wie unfrei wir in Wirklichkeit sind. Vor dem Internet haben wir dies nicht bemerkt, weil sich die Verhältnisse und unsere Gewohnheiten seit Jahrzehnten schon an die herrschende Rechtsordnung angepasst haben. Wir hatten uns so an die Fesseln gewöhnt, dass wir sie nicht mehr bemerkten. Erst das Internet hat uns die Fesseln wieder spüren lassen.
Nehmen wir den Abmahnwahn, den es auch schon früher außerhalb des Internets gab. Kein Mensch hat sich für diese lukrative Einnahmequelle drittklassiger Anwälte interessiert. Oder nehmen wir in diesem Zusammenhang die Patentgesetze. Erst als Abmahnungen wie Massen-Spams an Webmaster versendet wurden, die patentrechtlich geschützte Begriffe aus natürlichen Sprachen wie Explorer auf ihren Seiten benutzten, ging uns ein Licht auf. Leider gibt es Bereiche, in denen Patente noch viel schlimmere Folgen haben, z.B. Patente auf Gene. Da erhält jemand ein Patent auf eine Entdeckung, hier z.B. die Entdeckung einer krankheitsauslösenden Gensequenz, nicht für eine echte Erfindung. Das erinnert fatal an die Frühzeit des Imperialismus als der Papst dem Entdecker eines Kontinents die alleinigen Nutzungs- und Ausbeutungsrechte zusprach. Nur sind heute nicht mehr die Eingeborenen, sondern wir alle die Sklaven der Gen-Imperialisten.
Ein anderes Beispiel: Aufgrund der Gesetzeslage in Deutschland sind die Naziverlage ins Ausland abgewandert, ihre volksverhetzende Tätigkeit haben sie jedoch nicht eingestellt. Nur störte das niemanden, weil es im Dunklen ablief. Heute, wo jeder im Netz freien Zugriff auf "Mein Kampf" und Schlimmeres hat, werden plötzlich wieder neue Zensurgesetze gefordert. Natürlich ist es richtig, Front gegen Neonazis zu machen, aber müssen wir dafür die bestehenden Gesetze, die uns ohnehin schon sehr einengen, noch weiter verschärfen? Heute trifft es die Nazis, morgen vielleicht einen Journalisten, der Foltermethoden der Amerikaner in ausländischen Gefängnissen aufdeckt.
Der User hatte nie wirklich mehr Freiheiten als der Durchschnittsbürger. Deshalb sind auch durch die neuen Gesetze nicht die zu großen Freiheiten des Users, sondern die wenigen noch verbliebenen Freiheiten aller Bürger in Gefahr.

sagmal.de:
Ein weiteres Deiner Projekte ist das Generationenprojekt. Welchen Zweck verfolgst Du damit und was ist das Besondere daran?

Das Generationenprojekt Jan Ulrich Hasecke:
Ich möchte der offiziellen Geschichtsschreibung eine Geschichte von unten entgegensetzen. Nicht weil ich die offizielle Geschichtsschreibung für falsch halte, sondern weil ihr etwas fehlt: die Wahrheit des individuell Erlebten. Deshalb veröffentliche im Generationenprojekt die persönlichen Erinnerungen von Menschen, die etwas erlebt haben. Es gab ungezählte Möglichkeiten, das Kriegsende, die 68er-Unruhen oder den Mauerfall zu erleben. Einige davon finden sich im Generationenprojekt.
In Deutschland wird oft viel zu abstrakt über die Geschichte diskutiert. Nehmen wir das unsägliche Wort von der "Moralkeule Auschwitz". In welchem anderen Land hätte ein Schriftsteller mit einem solchen Unwort soviel Applaus erhalten? Und wie sich immer wieder zeigt, ist die Diskussion noch lange nicht beendet.
Wenn man sich mit den Erlebnissen der Menschen beschäftigt, dann haben diese Diskussionen etwas Abgehobenes und leider auch etwas fürchterlich Verlogenes. Denn um wieder unbeschwert antisemitisch und nationalistisch sein zu können, wollen viele unsere Geschichte mit haarsträubenden Argumenten abwickeln und entsorgen, statt aus ihr die richtigen Lehren zu ziehen.

sagmal.de:
Welche Seiten würdest Du politisch engagierten Usern im Web empfehlen?

Jan Ulrich Hasecke:
Ein sehr interessantes politisches Magazin ist "Die Gazette" (http://www.gazette.de) von Fritz R. Glunk, in dem mittlerweile Intellektuelle in Deutsch, Englisch und Französisch publizieren.
Ansonsten kann ich nur jedem empfehlen, im Internet möglichst nach Informationen aus erster Hand zu suchen. Und da heutzutage nicht nur jede Institution und Organisation eine eigene Homepage hat, sondern auch viele Betroffene selbst, ist dies zumeist möglich. Natürlich erfordert dies vom User eine gehöriges Maß an Kritikfähigkeit, denn wie wir im Kosovokrieg gesehen haben, nutzen alle Seiten das Netz auch zu Propagandazwecken.
Ich selbst versuche zurzeit ein Netz aus kommunalen Bürgerportalen aufzubauen, die den Bewohnern einer Stadt als offene Kommunikationsplattform dienen sollen. Es gibt schon einen ersten Prototyp unter http://www.buergerportal.de. Für die einzelnen kommunalen Bürgerportale suche ich im Moment Betreiber bzw. Sponsoren.

sagmal.de:
Verrätst Du uns auch, welche Seiten Du ansteuerst, ohne Politik im Hinterkopf zu haben?

Jan Ulrich Hasecke:
Egal was man im Hinterkopf hat, im Internet wird man es sicher finden.
Da ich ausschließlich Open Source Software nutze, steuere ich oft diese Sites an: http://www.debian.org,
http://www.zope.org,
http://www.dante.de,
http://www.gnu.org,
http://www.gnus.org,
http://www.texmacs.org, u.v.a.

sagmal.de:
Hast Du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Jan Ulrich Hasecke:
Ja.

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Jan Ulrich Hasecke:
Das Wetter.
Ciao!
juh

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Das Interview wurde am 20.6.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Jan Ulrich Hasecke für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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