
*** Allerdings hat das Internet als Medium mehr noch als das Fernsehen zu einer Dynamisierung der Öffentlichkeit beigetragen. Im Internet kann jeder sofort ohne zeitliche Verzögerung über alles mitdiskutieren: z.B. in Mailinglisten und Newsgruppen.
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Jan Ulrich Hasecke(juh)
1982-91 Studium an der Universität zu Köln: Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Abschluss: Magister Artium. Magisterarbeit über Krzysztof Kieslowskis »Dekalog«
1983-86 Freie Mitarbeit bei Fernsehanstalten. Drehbuch und Regie in einer Spielfilmproduktion. Erstellung von Exposés und Drehbüchern für Kinofilme.
1989-90 Text-Trainee in der Westag Werbeagentur, Köln
1990-92 Freier Texter und Konzeptioner
1992-98 PR-Berater bei Severin & Partner, Gesellschaft für Unternehmenskommunikation mbH, Düsseldorf
seit 1998 Freier Werbetexter und PR-Berater
Jan Ulrich Hasecke ist unter anderem Betreiber von Sudelbuch.de und dem Generationenprojekt.de
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sagmal.de:
Jan Ulrich, eine deiner Seiten heisst "Das Sudelbuch".
Wen oder was besudelst Du denn?
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Jan Ulrich Hasecke:
Irgendwo habe ich mal geschrieben, das Sudelbuch enthielte politische
und allzumenschliche Satiren. Ich nehme also nicht nur Politiker
satirisch aufs Korn, sondern den Abderiten in uns allen.
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sagmal.de:
Wann hast Du damit angefangen und aus welchem Grund?
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Jan Ulrich Hasecke:
Das Sudelbuch ist seit 1998 im Netz. Die Sudeleien der ersten drei
Jahre, immerhin 240 Texte, habe ich einem Sammelband veröffentlicht:
juh's Sudelbuch 98/99/00
Die Idee zu meinem Sudelbuch kam mir, als ich für meine sehr
unterschiedlichen literarischen Arbeiten eine Publikationsplattform im
Netz suchte. Ich wollte mich durch den Namen und das Konzept der
Plattform stilistisch nicht einengen lassen, weshalb ich schließlich
das Sudelbuch des großen Georg Christoph Lichtenberg stibitzte, um es
fortan für meine Zwecke zu missbrauchen.
Mein Sudelbuch ist ein Tummelplatz für Satiren, Essays und
literarische Texte wie z.B. zwei Fortsetzungsgeschichten: die
musikalerotische Erzählung "Symphonie in g-moll" und den Roman "Die Reise nach Jerusalem", wobei letzterer in überarbeiteter Fassung als
Buch erhält ist.
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sagmal.de:
Gibt es, Deiner Meinung nach, so etwas wie eine politische Kultur im Web?
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Jan Ulrich Hasecke:
Wenn man unter politischer Kultur so etwas wie gemeinsame Ideale,
gemeinsame Werte oder gemeinsame politische Ziele versteht, so muss
man die Frage verneinen. Im Internet prallen die gleichen Gegensätze
aufeinander wie außerhalb des Netzes. Weiter unten werde ich mir da
jedoch widersprechen.
Allerdings hat das Internet als Medium mehr noch als das Fernsehen zu
einer Dynamisierung der Öffentlichkeit beigetragen. Im Internet kann
jeder sofort ohne zeitliche Verzögerung über alles mitdiskutieren:
z.B. in Mailinglisten und Newsgruppen. Zuletzt konnte man das beim
Möllemann- und Walserskandal beobachten. Wenige Minuten, nachdem der
offene Brief Schirrmachers publik wurde, hoben im Netz die
Diskussionen an. Und da der Suhrkamp-Verlag so freundlich war, den
Roman im Internet herumzuschicken, konnten die streitenden Parteien
den Roman sogar lesen, bevor sie ihn verdammten oder
verteidigten.
Leider konnte man bei dieser Diskussion auch beobachten, dass im
Internet alle gleich sind, sich aber einige gleicher dünken, nämlich
die von den traditionellen Medien bezahlten Kritiker. Während die
Diskussionsteilnehmer in Newsgruppen auf die einschlägigen Artikel in
FAZ, Süddeutsche, ZEIT etc. verwiesen, nahmen die Kritiker in den
Zeitungen die Diskussion im Netz nur am Rande wahr, obwohl diese in
einige Mailinglisten und Newsgruppen auf einem sehr hohen Niveau
verlief.
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sagmal.de:
Was charakterisiert für Dich den typischen deutschen Durchschnittspolitiker?
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Jan Ulrich Hasecke:
Der deutsche Durchschnittspolitiker ist ehrlich, unbestechlich,
kompetent und weiß, wann es reicht: wie Helmut Kohl.
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sagmal.de:
Und welcher Partei gehört er an?
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Jan Ulrich Hasecke:
Seiner eigenen.
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sagmal.de:
Mittlerweile ist ja jede Partei, jeder Landesverband im WWW vertreten. Was ist denn Deiner Meinung nach das Internet für die Parteien und die Herren Politiker? Nur eine neue Möglichkeit,
Propaganda zu machen?
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Jan Ulrich Hasecke:
Was sonst? Spenden sammelt man schließlich nicht vor den Augen der
Öffentlichkeit.
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sagmal.de:
Wagst Du eine Prognose? Wer ist nach der Wahl Bundeskanzler und wer sein Aussenminister?
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Jan Ulrich Hasecke:
Egal, was passiert: Herr Mittelmaß bleibt Kanzler. Ob wir aber mit
Joschka Fischer weiterhin den besten Außenminister seit Willy Brandt
haben werden oder mit Möllewelle im freien Fall lustige
Palästinenserlieder singen müssen - wer will das jetzt schon wissen?
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sagmal.de:
Und warum hat es ... nicht geschafft?
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Jan Ulrich Hasecke:
Westerwelle hat es nicht geschafft, weil der deutsche Michel einen
Politiker von einem Laienschauspieler unterscheiden kann, der in der
TV-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" den gelackten Streber spielt.
Fischer hat es nicht geschafft, weil die traditionellen Wähler der
Grünen Politik für einen Religionsersatz halten und politische
Kompromisse nach der Öko-Scharia als Gotteslästerung bestraft wissen
wollen.
Stoiber hat es nicht geschafft, weil Sabine Christiansen seiner Frau so
ähnlich sieht und er seine Frau, nicht Sabine Christiansen, im Schlaf
mit "liebe Frau Merkel" angeredet hat und seine Frau, nicht Sabine
Christiansen, fünf Tage vor der Wahl die Scheidung eingereicht hat.
Schröder hat es nicht geschafft, weil er mit den Fäusten des Nachts
gegen den Beton des neuen Kanzleramtes hämmerte und rief: Ich will
hier raus!
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sagmal.de:
Wie ist Deine Grundeinstellung zum Internet? Nutzt Du es nur beruflich, oder auch privat?
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Jan Ulrich Hasecke:
Gab es ein Leben vor dem Netz?
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sagmal.de:
Viele schreien ja mehr und mehr nach Gesetzen im Internet. Ist da die Freiheit der User in Gefahr?
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Jan Ulrich Hasecke:
Die große Freiheit im Internet halte ich für einen Mythos. Und in
jedem Mythos verbirgt sich eine Wahrheit. Die Wahrheit ist: Das
Internet hat uns vor Augen geführt, wie unfrei wir in Wirklichkeit
sind. Vor dem Internet haben wir dies nicht bemerkt, weil sich die
Verhältnisse und unsere Gewohnheiten seit Jahrzehnten schon an die
herrschende Rechtsordnung angepasst haben. Wir hatten uns so an die
Fesseln gewöhnt, dass wir sie nicht mehr bemerkten. Erst das Internet
hat uns die Fesseln wieder spüren lassen.
Nehmen wir den Abmahnwahn, den es auch schon früher außerhalb des
Internets gab. Kein Mensch hat sich für diese lukrative Einnahmequelle
drittklassiger Anwälte interessiert. Oder nehmen wir in diesem
Zusammenhang die Patentgesetze. Erst als Abmahnungen wie Massen-Spams
an Webmaster versendet wurden, die patentrechtlich geschützte Begriffe
aus natürlichen Sprachen wie Explorer auf ihren Seiten benutzten, ging
uns ein Licht auf. Leider gibt es Bereiche, in denen Patente noch viel
schlimmere Folgen haben, z.B. Patente auf Gene. Da erhält jemand ein
Patent auf eine Entdeckung, hier z.B. die Entdeckung einer
krankheitsauslösenden Gensequenz, nicht für eine echte Erfindung. Das
erinnert fatal an die Frühzeit des Imperialismus als der Papst dem
Entdecker eines Kontinents die alleinigen Nutzungs- und
Ausbeutungsrechte zusprach. Nur sind heute nicht mehr die
Eingeborenen, sondern wir alle die Sklaven der Gen-Imperialisten.
Ein anderes Beispiel: Aufgrund der Gesetzeslage in Deutschland sind
die Naziverlage ins Ausland abgewandert, ihre volksverhetzende
Tätigkeit haben sie jedoch nicht eingestellt. Nur störte das
niemanden, weil es im Dunklen ablief. Heute, wo jeder im Netz freien
Zugriff auf "Mein Kampf" und Schlimmeres hat, werden plötzlich wieder
neue Zensurgesetze gefordert. Natürlich ist es richtig, Front gegen
Neonazis zu machen, aber müssen wir dafür die bestehenden Gesetze, die
uns ohnehin schon sehr einengen, noch weiter verschärfen? Heute trifft
es die Nazis, morgen vielleicht einen Journalisten, der Foltermethoden
der Amerikaner in ausländischen Gefängnissen aufdeckt.
Der User hatte nie wirklich mehr Freiheiten als der
Durchschnittsbürger. Deshalb sind auch durch die neuen Gesetze nicht
die zu großen Freiheiten des Users, sondern die wenigen noch
verbliebenen Freiheiten aller Bürger in Gefahr.
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sagmal.de:
Ein weiteres Deiner Projekte ist das Generationenprojekt. Welchen Zweck verfolgst Du damit und was ist das Besondere daran?
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Jan Ulrich Hasecke:
Ich möchte der offiziellen Geschichtsschreibung eine Geschichte von
unten entgegensetzen. Nicht weil ich die offizielle
Geschichtsschreibung für falsch halte, sondern weil ihr etwas fehlt:
die Wahrheit des individuell Erlebten. Deshalb veröffentliche im
Generationenprojekt die persönlichen Erinnerungen von Menschen, die
etwas erlebt haben. Es gab ungezählte Möglichkeiten, das Kriegsende,
die 68er-Unruhen oder den Mauerfall zu erleben. Einige davon finden
sich im Generationenprojekt.
In Deutschland wird oft viel zu abstrakt über die Geschichte
diskutiert. Nehmen wir das unsägliche Wort von der "Moralkeule
Auschwitz". In welchem anderen Land hätte ein Schriftsteller mit einem
solchen Unwort soviel Applaus erhalten? Und wie sich immer wieder
zeigt, ist die Diskussion noch lange nicht beendet.
Wenn man sich mit den Erlebnissen der Menschen beschäftigt, dann haben
diese Diskussionen etwas Abgehobenes und leider auch etwas
fürchterlich Verlogenes. Denn um wieder unbeschwert antisemitisch und
nationalistisch sein zu können, wollen viele unsere Geschichte mit
haarsträubenden Argumenten abwickeln und entsorgen, statt aus ihr die
richtigen Lehren zu ziehen.
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sagmal.de:
Welche Seiten würdest Du politisch engagierten Usern im Web empfehlen?
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Jan Ulrich Hasecke:
Ein sehr interessantes politisches Magazin ist "Die Gazette"
(http://www.gazette.de) von Fritz R. Glunk, in dem mittlerweile
Intellektuelle in Deutsch, Englisch und Französisch publizieren.
Ansonsten kann ich nur jedem empfehlen, im Internet möglichst nach
Informationen aus erster Hand zu suchen. Und da heutzutage nicht nur
jede Institution und Organisation eine eigene Homepage hat, sondern
auch viele Betroffene selbst, ist dies zumeist möglich. Natürlich
erfordert dies vom User eine gehöriges Maß an Kritikfähigkeit, denn
wie wir im Kosovokrieg gesehen haben, nutzen alle Seiten das Netz auch
zu Propagandazwecken.
Ich selbst versuche zurzeit ein Netz aus kommunalen Bürgerportalen
aufzubauen, die den Bewohnern einer Stadt als offene
Kommunikationsplattform dienen sollen. Es gibt schon einen ersten
Prototyp unter http://www.buergerportal.de. Für die einzelnen
kommunalen Bürgerportale suche ich im Moment Betreiber bzw. Sponsoren.
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sagmal.de:
Verrätst Du uns auch, welche Seiten Du ansteuerst, ohne Politik im Hinterkopf zu haben?
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Jan Ulrich Hasecke:
Egal was man im Hinterkopf hat, im Internet wird man es sicher
finden.
Da ich ausschließlich Open Source Software nutze, steuere ich oft
diese Sites an:
http://www.debian.org,
http://www.zope.org,
http://www.dante.de,
http://www.gnu.org,
http://www.gnus.org,
http://www.texmacs.org, u.v.a.
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sagmal.de:
Hast Du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
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Jan Ulrich Hasecke:
Ja.
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sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?
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Jan Ulrich Hasecke:
Das Wetter.
Ciao!
juh
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Das Interview wurde am 20.6.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Jan Ulrich Hasecke für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen |
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