Interview mit Guido Grigat vom 9.8.2002
 
Guido Grigat

*** 
"Immer sind es die Federn anderer, die meine Projekte schmücken. Danke, ihr bunten Vögel, für Eure Federn!!"

***

Guido Grigat

kolumnen.de Guido Grigat
1969 als Patrick del Manary in Toronto, Kanada, geboren, lebt in Hamburg, arbeitet als technischer Producer bei SPIEGEL ONLINE.

Initiierte u.a. die Internetprojekte
internet literatur webring bla, dreiundzwanzigvierzig und zuletzt kolumnen.de.
Wollte auch selber schreiben, lässt aber lieber andere schreiben,
die das viel besser können.

Lieblingskind: www.kolumnen.de

sagmal.de:
Guido, Du hast im Netz eine ganze Menge Spuren hinterlassen.
Der Webring bla zum Beispiel, kolumnen.de oder 23:40, das kollektive Gedächtnis.
Was trieb Dich, was treibt Dich?

Guido Grigat:
Ins Netz trieb mich konkret Ende 1996 das Projekt "Lametta Lasziv - novel in progress" mit dem Schriftsteller Joseph von Westphalen. Ich wollte auf keinen Fall außen vor bleiben, wenn es galt, der Entstehung seiner neuesten Erzählung fast hautnah beizuwohnen. Ja, sogar in direkten Austausch mit dem Lieblingsschriftsteller treten sollte man, über das angegliederte Forum, von dem ich zusammen mit einigen Freunden dann auch ausgiebig Gebrauch machte. Das war damals sehr aufregend.

Mein Interesse an "Internetliteratur" ist heute verpufft. Die Diskussionen von damals über das, was alles gemacht werden könnte, waren spannend, manchmal subversiv und sogar geistreich. Es ist aber nichts Wesentliches dabei herausgekommen, wenn Du mich fragst. Das Internet im Sinne einer neuen Kunstform existiert nicht. Es gab eine Stichflamme, das war's. Ich korrigiere mich: Das Internet ist natürlich ein zusätzliches Medium. Es unterhält. Es gab und gibt dort Dinge, die es sonst nicht gibt. Das alles ist schon jede Menge und aus heutiger Sicht bin ich dankbar, dass es frei zugängliche Plattformen noch immer gibt, auf denen ziemlich schrille Dinge passieren. Das Problem war damals vielleicht dieser Zwang, alles müsse unheimlich interaktiv sein. So wie es heute den Zwang gibt, alles dort müsse unheimlich reich machen.

Aber das ist ja auch schon wieder Schnee von gestern. Was passiert heute auf künstlerischem Niveau im Internet? Es interressiert mich vorläufig nicht mehr. Anderes ist viel wichtiger. Durch meine Arbeit bei SPIEGEL ONLINE lege ich heute mehr Wert auf wenig Tippfehler, gutes HTML und vor allem bedienbares Design, als auf Kunst. Ist das auch schon wieder eine kleine Kunst für sich?

sagmal.de:

Was bedeutet 23:40 und was muss man sich unter dem "kollektiven Gedächtnis vorstellen"?

23.40 Guido Grigat::
Dreiundzwanzigvierzig, online seit Oktober 1997, steht für eine Uhrzeit, und zwar eine beliebige. Das Projekt basiert auf einer Idee aus der Mailingliste Netzliteratur, die mit der immer neuen Schilderung des selben Moments aus verschiedenen Blickwinkeln zu tun hatte. Es kam da aber ausnahmsweise mal so gar keiner zu Potte. Da ich damals gerade dem Wahn verfallen war, alles müsse, so denn mit den technischen Mitteln eines Laien möglich, unheimlich dynamisch sein, legte ich daher - die Idee abwandelnd - los, und das Projekt läuft heute noch, kaum zu glauben! Nur werden neue Beiträge nicht mehr wie vor Jahren noch täglich, sondern nur noch alle paar Monate in das Projekt aufgenommen.

Zum einen will es ein winziger Bruder des Generationenprojekts von Jan-Ulrich Hasecke sein. Erinnerungen von Lesern werden konserviert. Hier nicht an vergangene Jahrzehnte, sondern an bestimmte Minuten. Ein Pool von 1440 Erinnerungen entsteht so maximal an einem Tag. Der zweite wesentliche Grundgedanke des Projektes ist die Nichtverfügbarkeit dieser Erinnerungen. Auf jede erinnerte Minute kann nur zu just dieser Minute zugegriffen werden. Das ist das Resultat einiger Gedanken zur Beliebigkeit von Netzinhalten. "Was unterscheidet das Netz von den anderen Medien?" lautete eine Grundsatzfrage damals, "was ist Internetliteratur, was ist Literatur im Netz, wo unterscheidet sich diese von Literatur auf Diskette oder im Buch?" Löschen, überschreiben, verändern, jeder systemübergreifend jederzeit, lautete eine gute Antwort.

Der Anteil von Beiträgen, die ich selbst als Erinnerung bezeichnen würde, ist für meinen Geschmack allerdings viel zu gering, schade, der Inhalt bietet hier nicht das, was die Form verspricht, das muss ich klar sagen, auch wenn durchaus zur rechten Zeit auch etliche Perlen auftauchen. Ich könnte bei der Aufnahme neuer "Erinnerungen" natürlich inhaltlich abwägen, aber die Form steht hier eben über dem Inhalt. Was heißt "neue Erinnerungen"? Ich bekomme die Erinnerungen der prinzipiell namentlich nicht erwähnten Mitwirkenden per E-Mail zugeschickt. Ich schaue, ob zur erinnerten Uhrzeit bereits ein Beitrag vorliegt. Ist das der Fall, wandert die (egal wie wundervolle) Erinnerung in einem Ordner "Uhrzeit schon belegt". Ein ganz ansehnlicher Scheiterhaufen ist das mittlerweile. Erinnert sich aber noch niemand an diese Minute, wird die "neue Erinnerung" von mir an die entsprechende Stelle gelegt und ist dort dann - und nur dann - aufrufbar.

Der 1. Ettlinger Internet-Literaturwettbewerb 1999 zeigte, dass sich dafür Menschen faszinieren konnten. Da immer noch Beiträge bei mir eingehen, wirkt die Faszination wohl an. Soll mir recht sein. Sollten aber einmal alle Minuten des Projektes belegt sein, wird das Projekt eingestampft. Der ursprüngliche Witz an der Sache, meistens beim Besuch nichts zu sehen, außer der Aufforderung, etwas beizutragen, damit es beim nächsten Besuch anders ist, ist in dem Moment ja verpufft.

sagmal.de:
Ist die Literatur im Netz eine andere als die im "realen Leben"?

Guido Grigat::
Ich bin überzeugt, dass gute Literatur in einem böhmischen Café ebenso gut wie im Internet entstehen kann. Texte im Internet sind oft schlechter zu lesen, weil es kein bezahltes Lektorat gibt. Texte im Internet sind zu oft nur Teaser für ein Produkt, das beworben wird. Die böse Kommerzialisierung. Hat alles kaputt gemacht. Aber auch vieles besser.

Ich lese im Netz am liebsten kurze, aktuelle Texte auf nur semikommerziellen Seiten. Die sind oftmals einfach verdammt gut. Weil keiner reinredet, keiner ablehnt, keiner aussortiert. Oder sehr wohl jemand reinredet, ablehnt, aussortiert, der aber zufällig auf meiner Welle sendet. Das gibt es im Netz eher als anderswo. Wenn dann noch Werbung für die Papierversion dieser Texte dabeisteht, dann freue ich mich doch darüber.

sagmal.de:
Bei kolumnen.de habe ich entdeckt, dass Du ein Fan von Doug Addams bist.
Hat das Web vieles von seinen Visionen relativiert?

Guido Grigat:
Im Gegenteil! Douglas Adams' Anstalten, das Netz im bestmöglichen Sinne zu nutzen, sind imho vorbildhaft. Ich hatte das große Glück, Douglas Adams 1994 in Hamburg erleben zu dürfen. Ich war tief ergriffen von der Leidenschaft, mit der er erzählte, was er auf seinen Reisen zur Entstehung seines Buches "Last chance to see" erlebt hatte. Das Buch (deutscher Titel: "Die Letzten ihrer Art") lege ich hiermit ausdrücklich jedem, der es nicht kennt, ans Herz. Hier wird ein gesunder Zweifel an der Existenz von Menschenverstand mit schönem, sehr britischen, bösen Galgenhumor so herrlich vermischt, dass einem vor lauter Lachen zum Heulen zumute ist.

War das der Versuch, die Welt einen Hauch zu ändern, von einem, der von einigen Sachen wirklich Ahnung hatte? Und das ohne besserwisserische Weltverbessungsallüren? Das nehme ich an. Das Internet potenziert einen weltumspannenden Informationsmechanismus, den wir schon vom Fernsehen kannten, um einen sehr hohen Faktor. Diesen Faktor kann man nutzen, Adams wusste das natürlich und hat es selbst auch versucht.

sagmal.de:
Im realen Leben spricht jeder zweite von einem Hort des Bösen und bekreuzigt sich, wenn er nur das Wort Internet hört.

Guido Grigat:
Ist das wirklich so? Ist das Pfuiwort nicht vielmehr e-commerce?

sagmal.de:
Ist das Web denn nun ein Segen für die Menschheit oder doch ein Fluch?

Guido Grigat:
Das Netz jedenfalls ist in der Lage, mich selbst filtern zu lassen und mir eine viel größere Bandbreite an Quellen für die kleine Welt in meinem Kopf, wie ich sie sehe, zu liefern, als es die Fernsehsender können, von den Mainstream-Sendungen der durch den Anspruch auf einzig richtige Meinungsmache korrumpierten, privaten Verdummungssendern ohnehin mal abgesehen.

Über das Internet finde ich die Nachrichten, die mir passen. Die mir anders nicht geliefert werden. Verrät das, um auf deine vorletzte Frage zurückzukommen, eine Vision? Ich hoffe nicht. Der Versuch, die Welt einen Hauch zu ändern, von denen, die von den entscheidenden Sachen wirklich Ahnung haben, oder mich das schlüssig glauben machen: Das finde ich am ehesten in mit Blitzschach durchzechten Kneipennächten und eben im Netz. Nach wie vor. Was kann ich mir eigentlich noch wünschen? Das Netz ist das Medium, das mir zeigt, dass es genug Chaoten gibt, die ähnlich denken wie ich.

Insofern ist auch Douglas Adams' Vision des globalen Dorfes noch lange nicht ausgeträumt. Mit dem Medium Internet kann das imho immer noch weit eher klappen als mit den Alternativen. Klar ist dabei: Diese Version wird auch nur so bruchstückhaft umgesetzt, wie jede andere Vision. Das sehe ich schon ganz am Anfang dieser Vision, im privaten Umgehen mit dem Netz, lange vor irgenwelchen politischen Richtlinienentscheidungen, die notwendig wären, um die Vision umzusetzen. Wieviele click&donate-Seiten besuchst du am Tag?

Das Netz ist natuerlich ein Segen. Ein großer Vorteil des Netzes ist genau das, was "dreiundzwanzigvierzig" schelmisch in Frage zu stellen versuchte: die Allgegenwärtigkeit und die Möglichkeit, auf ein gigantisches Archiv zugreifen zu können. Dass das mittlerweile nicht mehr alles kostenlos zu haben ist, ist ein falscher Weg, aber ich werde jetzt nicht an dem Ast sägen, auf dem ich sitze. Auch ich bin an meinem Arbeitsplatz bereits direkt von unbestritten notwendigen Einsparmaßnahmen betroffen, das Schwert ist, wie üblich, zweischneidig, die Münze hat zwei Fratzen.

Ich bin unendlich froh, eine ausgewogene, mehr oder minder kostenlose Berichterstattung im Netz zu finden. Könnten das alle, wäre die "Vision" bereits Realität geworden. Zensur ist die Wurzel allen Übels, im Internet gibt es sie wie überall anders auch. Und dennoch ist das Web vielschichtiger als alle anderen Medien, noch immer.

Blicke ich an einer "Vision" vorbei, bleiben mir im Netz die guten Texte, die mir das Leben lebenswert machen, weil sie mir eine interessante Sicht auf die Welt vermitteln. Im Internet sind diese Texte meistens kurz und kommen schnell auf den Punkt. Hervoragend, ich bin ein sehr langsamer Leser. Bücher sind mir meist schon nach 40 Seiten viel zu dick. Bei Zeitungen verliere schnell die Geduld beim Versuch, die elenden Dinger so zu falten, dass ich mehr als eine Seite lesen kann. Wenn mir ein Freund mal einen Artikel einzeln rüberreicht, kann ich mich begeistern, sonst bleibt mir das alles verschlossen. Und eben auch daher lese ich die guten Texte im Netz. Und ich stapele hoch: Die zuhauf wirklich hervorragenden Berichte vom Wahnsinn des Alltags auf kolumnen.de sind genau das. Gute Texte.

sagmal.de:
Wer schreibt alles auf Kolumnen.de und wie kommst Du zu deinen Mitschreibern?

Guido Grigat:
Bei kolumnen.de wollen recht Viele mitmachen. Ich weiß gar nicht, woher die alle kommen, die Texte auf kolumnen.de werden nämlich leider kaum gelesen, was ich am allermeisten bedaure. Meine Standardantwort lautet dann meist: "Bedingungen (bei kolumnen.de Texte zu veröffentlichen) gibt es nur wenige, denn um eine Kerngruppe herum, in der wir uns auch persönlich kennen, gibt es mittlerweile schon durchaus den einen oder anderen später hinzugestossenen Autoren. Die Verbindung zu dem Rest der Mannschaft sind schlicht: gute Texte."

Bevor das jetzt in peinlicher Selbstbeweihräucherung ausartet, gestehe ich artig: Da gibt es auch bekloppte Kolumnen, die keiner lesen sollte. Ich bin kein Prophet und weiß nicht, was ein Kolumnist in Zukunft so schreiben wird. Ich lehne prinzipiell Texte nur selten ab, weil sie mir zu schlecht erscheinen. Fast immer nehme ich dankend an. Meist, weil die Texte hervorragend sind. Manchmal aber auch, weil ich es mir nicht verscherzen will: Da nehme ich auch mal eine halbmiserable Kolumne in Kauf, die nächste wird wieder umwerfend sein. Die da schreiben sind ein unglaubliches Potential für interessante Unterhaltung mit gepflegter Subversitivität. Bin da auch immer ehrlich gewesen.

Entstanden ist das Projekt vor etwa zweieinhalb Jahren als Plattform für Texte aus der Feder eines ehemaligen Redakteurs von SPIEGEL ONLINE, von dem mir vor allem seine brillanten Bildunterschriften aufgefallen waren, Lutz Kinkel (Hamburg). Lutz hat vor kurzem ein Buch über Leni Riefenstahl geschrieben: "Die Scheinwerferin". Er führte später die bühnenerprobte Nicole Franz (Hamburg) und Selina Riefenstahl (Wiesbaden), als Empfehlung bei kolumnen.de ein. Die Bühnenerfahrung von Nicole hört man übrigens sofort, wenn man sich einmal die Hörversionen ihrer Kolumnen zu Gemüte führt. Die Hörversionen, die es von einigen Kolumnen gibt, lege ich ohnehin allen ans Herz.

Ebenfalls über Lutz stieß Enrico Schiratti (Athen) dazu, der aber leider keine Zeit mehr für kolumnen.de hat. Sehr schade, sein Text, der nun unter den Gastbeiträgen zu finden ist, zählt mit zu den schönsten überhaupt.

Über die SPIEGEL-ONLINE-Redaktion kamen nach kolumnen.de-Mitgründer Lutz Kinkel übrigens auch Gerlinde Pölsler (Graz), deren Kolumnen meist unvergleichlichen morbiden Schmäh verströmen, und den leider viel zu wenig für kolumnen.de (dafür umso schöner anderswo) schreibenden Dominik Baur (Hamburg). Über letzteren wieder gelangten Philipp Seidel (München), der vor kurzem viele seiner skurillen Kolumnen vertont hat, und viel später Magdi Aboul-Kheir (Ulm) mit seinen oft herrlich obszönen Erzählungen auf die Seite.

Nette Vetternwirtschaft, oder? Das ist schon eine wahnwitzige Kette ausgesprochener Glücksfälle!!

Die anderen Kolumnisten sind auf Einladung von mir oder eigene Bewerbung dazugestoßen. Gilbert Dietrich (Berlin) schrieb einige Beiträge für dreiundzwanzigvierzig. Weil mir dort die Qualität seiner Beiträge auffiel, lud ich ihn ein, bei kolumnen.de mitzumachen. Wieder ein Glücksfall sondergleichen! Gilbert hat mit Abstand die meisten Texte für kolumnen.de geliefert, mehrere der besten Kolumnen stammen aus seiner Feder. Tobias Kaufmann (Potsdam) ist jüngstes reguläres Mitglied der Runde, nach den Texten, die er bisher für kolumnen.de geschrieben hat zu urteilen, erneut eine fabelhafte Entscheidung. Außerdem schreibt bei kolumnen.de Melanie Knapp (Erlangen), deren Name nicht ganz zufällig ganz oben in der Navigation bei kolumnen.de steht: Mag jemand ihre verqueren Texte nicht? Außerdem wirkt Guido Heyn (Frankfurt) mit, von dem ich aber eine Zeit nichts gehört habe.

Jetzt noch in die Riege der Kolumnistinnen und Kolumnisten aufgenommen zu werden, ist sicher schwer. Ich zögere und kopfschüttele beim Lesen angedienter Texte von Bewerbern weit eher denn ich jubele. Für Ausnahmefälle habe ich vor kurzem daher einen Gastbereich eingerichtet. Man weiß ja nie, morgen kommt die Anfrage von Max Goldt, ob er nicht mal einen Text für uns schreiben dürfe. Der würde noch gut passen. Ich habe wirklich keinen Grund zur Klage, die Mehrzahl der Texte bei kolumnen.de ist schlichtweg grandios. Bitte dies hiermit sorgfältig nachzuprüfen!

sagmal.de:
Und welche Themen behandelt Ihr in den Kolumnen?

Guido Grigat:
"Ihr" ist gut. Dass mein Name unter den Kolumnisten auftaucht, ist eine kleine Unverschämtheit und auch dumm. Ein einziger Text findet sich da! Wie soll ich da wohl ernsthaft stets "mehr" fordern? Aber es funktioniert. Nach über zwei Jahren noch. Ich denke, die merken, dass ich mich auch reinhänge. Eine Themenbeschränkung gibt es im Übrigen nicht. Es ist der Stil, der die Musik macht. Den zu beschreiben wäre aber zu viel verlangt, auch hier bleibt die Bitte nach Eigenrecherche. Lies und hör einfach nicht auf, bevor du die Kolumnen alle gelesen und gehört hast. Dann kennst du die Themen, die behandelt werden. "Berichte vom alltäglichen Wahnsinn", das passt aber schon.

sagmal.de:
Du bist auch Gründer des Webrings bla. Wenn man bla zum ersten Mal hört, ist man erstmal wegen des Namens überrascht. Wie kam es zum Ring und wieso dieser ausgefallene Name?

Guido Grigat:
bla Ach, der bla. Muss das noch sein? Muss wohl. Mein erstes großes Projekt, vom September 1997. Die offizielle Schreibweise ist übrigens mittlerweile "blaquadrat", was aus der Domain "bla2.de" resultiert. "bla.de" war seinerzeit schon vergeben. Also "bla2". "Blabla" drückte für mich damals einfach "Literatur" und "Kommunikation" aus, und war frech.

Der "internet literatur webring bla" war der erste Webring für deutschsprachige Internetliteraturseiten. Ursprünglich hieß das nach meinem Verständnis: Experimentelle Literatur. Es ging damals darum, eine Plattform für intradisziplinäre Kommunikation schaffen. Am Rande der "Mailingliste Netzliteratur" entstand so diese recht bequeme Möglichkeit, von einer Seite zum Thema "Netzliteratur" zur nächsten zu gelangen.

Es gab zu allen Zeiten große Diskussionen darüber, welche Seiten dort versammelt werden sollten und welche nicht, aber eigentlich war da immer nur mein eigener Geschmack entscheidend, der auf meinen eigenen, aus Diskussionen in der "Mailingliste Netzliteratur" zusammengeklaubten Ansichten basierte, über das, was Literatur im Netz leisten sollte und was nicht, besser, was ich fördern wollte und was nicht. Ich entschied daher jahrelang mehr oder minder autark, wer da mitmachen dürfe und wer nicht.

Das entscheiden mittlerweile einige wenige engagierte Mitglieder des bla, denen ich zu großem Dank verpflichtet bin. Das Durchsehen einer Site mit anschließender Bewertung hat mir über mehrere Jahre viel Freude bereitet, aber dann auch ebenso lange Verdruss. Mittlerweile übernehme ich noch die Administration, aber das war's auch. Viele Seiten, die jetzt im bla zu finden sind, habe ich selbst noch nie gesehen. Alle halbe Jahr nutze ich dann einen Motivationsschub, um wenigstens mal einige Sites auf Einhaltung der Teilnahmebedingungen zu prüfen und versuche dann, deren Betreiber zu kontaktieren. Das klappt in mittelprächtigem Umfang.

Der "bla" ist mittlerweile ein Klotz am Bein, ich habe bereits mehrmals versucht, ihn abzuschütteln, ohne Erfolg. Will ihn jemand haben? Bitte melden! Dennoch ist es schön zu sehen, dass das Prinzip noch immer funktioniert. Von meinen drei großen Projekten im Netz ist der bla, also ausgerechnet das Projekt, in das ich kein Herzblut mehr fliessen lasse, das erfolgreichste, wenn man mal von den Klicks ausgeht. Wovon eigentlich sonst?

sagmal.de:
Was haben alle Deine Seiten gemeinsam, was unterscheidet sie?

Guido Grigat:
Überall habe ich irgendwo etwas Wunderschönes gesehen und kopiert. Nie wirklich erfunden, aber in ein neues Gewand gesteckt. Immer habe ich begeisterte Mitstreiter gefunden, mit denen zusammen ich eine Idee umsetzen konnte. Nie habe ich wirklich selbst etwas erschaffen. Immer sind es die Federn anderer, die meine Projekte schmücken. Das haben die Seiten wirklich gemeinsam. Eigentlich ein gutes, vorgezogenes Schlusswort: Danke, ihr bunten Vögel, für Eure Federn!!

sagmal.de:
Was ist das Web für Dich? Arbeitsplatz? Spielwiese? Kommunikationsplattform? Mehr?

Guido Grigat:
All das.

sagmal.de:
Was kann man von Dir an Projekten noch erwarten?

Guido Grigat:
Wie ist das doch gleich? Keine Zeit oder kein Geld. Bevor ich bei SPIEGEL ONLINE meine Brötchen verdiente, hatte ich viel Zeit für jeden möglichen Schnickschnack, aber das Geld war arg knapp. Nach einigen Jahren im Netz habe ich inzwischen ausreichendes technisches Wissen und gestalterisches Gespür für größere Projekte, aber ich investiere das fast vollständig in irgendeiner Form in die Seiten von SPIEGEL ONLINE. Da das aber seit August nur noch eine 75%-Stelle ist, wird es mit den Projekten ja vielleicht wieder was. Na, mal sehen.

Ich investiere ja auch einiges in die laufenden Projekte und ab und an mal einen kleinen Relaunch. Da kümmere ich dann z.B. mal darum, beim Bertelsmann-Verlag die Rechte an Illustrationen aus den Fünfziger Jahren zu klären, um diese vielleicht bei kolumnen.de nutzen zu können und so weiter.

Zur Zeit ist eigentlich nicht mit neuen Projekten zu rechnen. Ich muss ja nicht 24 Stunden am Tag vorm Bildschirm hängen. Das begreife ich allmählich. Abgesehen davon bin ich ja glücklich mit kolumnen.de, ich habe gar keinen Grund, das zugunsten neuer Projekte zu vernachlässigen. An neuen Ideen auch abseits meiner Arbeitsstätte würde ich natürlich trotzdem gerne mal wieder feilen.

sagmal.de:
Welche Seiten kannst Du meinen Lesern wärmstens empfehlen, ausser Deinen eigenen?

Guido Grigat:
Natürlich die vielen Seiten, die ich als Links schon in meinen Antworten eingebaut habe, und auch viele Seiten, die beim bla teilnehmen. Dann doch, ganz gleich, wie wenig mich "Netzliteratur" noch interessieren mag. Und was noch? Ach du liebe Güte. Ich nenne einfach mal querbeet ein paar Seiten, dir mir gerade durch den Kopf gehen. Da fehlen die besten bestimmt, weil sie mir gerade nicht einfallen. Aber genug ist genug. In diesem Sinne vielen Dank für das Interview, dem Leser für die Engelsgeduld und viel Spaß mit den Links, mit denen ich mich an dieser Stelle verabschieden möchte.

Zurück zur Übersicht Zur Übersicht Interviews Nach oben

Das Interview wurde am 9.8.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Guido Grigat für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


Wollen sie diesen Beitrag kommentieren?

Bisherige Kommentare

Sagmal.de ist ein Angebot von
Compuexe deSign Webdesign