Interview mit Urs Hölzle vom 25.1.2002
Urs Hölzle, Google Fellow

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Wie bei einer guten Zeitung sollte die "redaktionelle Unabhängigkeit" strikt gewährleistet sein, sonst wird man unglaubwürdig. Ich glaube, all die anderen Suchmaschinen, die diesen Grundsatz ignorieren, graben sich mittelfristig das Wasser ab, da ihnen die Benutzer weglaufen. Wir wollen auch in zehn Jahren noch im Geschäft sein.

Google Eventlogo Winterolympiade 2002Urs Hölzle 38,
war Associate Professor an der Universität von Kalifornien, Santa Barbara, bevor er zu Google kam. Er erwarb 1988 sein Diplom in Informatik an der ETH Zürich und wurde im selben Jahr mit einem Fulbright-Stipendium ausgezeichnet. 1994 schloss er das Doktorat an der Stanford Universität ab, wo sich seine Forschungsinteressen auf Programmiersprachen und deren effizienten Implementierung konzentrierten.

Als einer der Pioniere der dynamischen Compilierung, die auch als "just-in-time-compilation" bekannt ist, entwickelte Hölzle grundlegende Techniken, die heute in den meisten Java-Compilern benutzt werden. Bevor er zu Google kam, war Hölzle Mitbegründer von Animorphic Systems, einem Hersteller von Smalltalk- und Java-Systemen. Nachdem Sun Microsystems 1997 Animorphic Systems gekauft hatte, half Hölzle bei der Entwicklung des "Hotspot"-Java-Compilers mit.

1996 erhielt Hölzle den CAREER-Preis der National Science Foundation für seine Arbeit über die Implementierung von objektorientierten Programmiersprachen. Hölzle war außerdem am DAPRA National Compiler Infrastructure Project beteiligt und ist Autor von zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen und US-Patenten.

2001 wurde Hölzle zum Google-Fellow ernannt, nachdem er seit 1999 als Vice President of Engineering tätig war. In dieser Rolle entwickelte er die technische und operative Infrastruktur des Unternehmens und war bekannt für seine roten Socken und für Yoshka, seinen Leonberger (Googles "Top Dog").
Quelle: Google

sagmal.de:
Urs, was genau macht eigentlich ein "Google Fellow?"

Urs Hölzle:
Theoretisch was er/sie will, praktisch was getan werden muss :-) Ich beschäftige mich momentan vor allem mit dem Betrieb und der Planung unserer Rechenzentren, und auf der technischen Seite mit Ideen, die Geschwindigkeit von Google noch weiter zu verbessern.

sagmal.de:
Was genau hat dich bewogen, zu Google zu gehen? Ist man bei google näher am Puls der Zeit, oder hast du einfach bessere Forschungsmöglichkeiten auf deinen Spezialgebieten als an der Universität von Santa Barbara?

Urs Hölzle:
Da kamen viele verschiedene Faktoren zusammen; ich war schon vorher ein Google Benutzer und sah in Google eine grosse Chance, das Internet für viele Menschen viel zugänglicher zu machen. Ein weiteres Plus war, dass das Thema technisch sehr interessant und auch schwierig ist, so dass es einem nicht schnell langweilig wird. Ich kam sehr gut mit Larry & Sergey aus und war auch von der finanziellen Disziplin überzeugt (wir haben schon von Anfang an gespart, nicht wie andere Startups). Und last but not least war es eine Arbeit, zu der ich per Fahrrad fahren konnte statt mit dem Flugzeug (da meine Frau noch bei Stanford arbeitete, wohnten wir in Palo Alto und nicht in Santa Barbara)...

sagmal.de:
War das zu dem Zeitpunkt nicht auch ein Risiko? Schliesslich war Google damals nicht das, was es heute ist, was es ja zum grossen Teil auch dir zu verdanken hat.

Urs Hölzle:
Danke für die Lorbeeren :-) Ja, ein Risiko war es schon, aber ich hatte eigentlich nie Sorgen, dass je für gute Internetsuche kein Bedarf bestehen würde, es war also nur eine Frage der Technik (bessere Suche, niedrigere Kosten) und dann der Zeit.

sagmal.de:
Warum gibt es bei google keine Asterisk, auch Sternchen oder Wildcards genannt? Also die Möglichkeit, mit Campingp* nach Campingplatz, Campingplätzen oder Campingplatzbetreibern zu suchen?

Urs Hölzle:
Gute Frage...vor allem, weil es relativ schwierig zu implementieren ist und nicht notwendigerweise zu den besten Resultaten führt. Wir versuchen normalerweise, Google so einfach wie möglich zu halten, so dass es automatisch das Richtige macht. Eine bessere Alternative wäre also z.B., bei "Campingplatz" automatisch auch "Campingplätze(n)" zu berücksichtigen, und "Campingplatzbetreiber" und "Campingplatz Betreiber" gleich zu behandeln. Sowas wird in unserer Forschungsgruppe momentan untersucht.

sagmal.de:
Welche technischen Vorraussetzungen braucht es, um eine Suchmaschine wie Google am Laufen zu halten?

Urs Hölzle:
Wir haben unsere Architektur sorgfältig auf niedrige Betriebskosten, hohe Geschwindigkeit, und hohe Redundanz (Fehlertoleranz) konzipiert. Aufgrund unseres sehr hohen Verkehrsaufkommens (mehr als 150 Millionen Anfragen pro Tag) ist der Aufwand mittlerweile recht gross: 5 Rechenzentren, mehr als 10000 Server. Aber die Rechner sind alle billig (Linux) und zueinander identisch konfiguriert, so dass sie vorwiegend automatisch verwaltet werden können. Die Geschwindigkeit erreichen wir durch parallele Verarbeitung: eine Anfrage wird von etwa 100 Rechnern gleichzeitig bearbeitet, damit die Antwort schnell genug kommt.

sagmal.de:
Wie finanziert sich solch ein Riesenaufwand? Durch den Verkauf von Informationen?

Urs Hölzle:
Wir verkaufen keinerlei Informationen über unsere Benutzer, wenn Du das meinst. Unsere zwei Einnahmequellen sind Online-Werbung und Lizenzgebühren von Firmen wie Yahoo oder Netscape, die Google für die Suche benutzen. Wir sind seit Anfangs 2001 solide profitabel, die Rechnung geht also auf.

sagmal.de:
Macht denn Online-Werbung deiner Meinung nach überhaupt noch Sinn?

Google Headquarter, Mountain View, CA Urs Hölzle:
Absolut, wenn sie richtig gemacht wird, d.h., die Werbung muss für den Benutzer sinnvoll und nützlich sein. Bei Google sieht man nur Werbung, wenn das Inserat eine Beziehung zur Anfrage hat, sonst nicht. Unsere Erfolgsquote ("clickthroughs") ist viel besser als der Industriedurchschnitt, obwohl wir keinerlei graphische Werbung erlauben, und obwohl wir die Inserate klar von den Suchergebnissen abtrennen. Als langfristiges Geschäft machen Inserate nur einen Sinn, wenn sie einen reellen Bedarf füllen, und das ist bei unserer Art von Werbung klar der Fall.

sagmal.de:
Google ist sowohl vom Äusseren, als auch von den Suchergebnissen, anders als andere Suchmaschinen. Verantwortlich dafür ist eure PageRank Technologie™. Was genau muss man sich darunter vorstellen und wieso geht das bei euch so verdammt schnell?

Urs Hölzle:
Die Idee bei PageRank™ ist, dass Verweise von einer Seite zu einer anderen eine gewisse Qualitätsaussage machen; z.B. hat man als Fussballfan nicht einfach zufällige Links auf seiner Seite, sondern zeigt auf die Fussballseiten, die man gut findet. Google berücksichtigt deshalb beim Ranking die Linkstruktur des Webs, d.h., wieviele (und vor allem welche) Seiten auf eine mögliche Resultatseite verweisen. Schnell ist das, weil wir uns viel Mühe geben, es schnell zu machen :-)

sagmal.de:
Also lohnt es sich bei Google gar nicht, Metatags zu generieren, Schlüsselwörter einzufügen, etc.?

Urs Hölzle:
Auf den Inhalt der Seite kommt es schon an, wenn Schlüsselwörter auf der Seite nicht vorkommen, ist es schwierig sie zu finden. Aber es kommt natürlich auch auf die Verweise an, d.h., wer auf die Seite zeigt. Auf google.com haben wir etwas mehr Informationen für Webmaster.

sagmal.de:
Wird Google dem Grundsatz treu bleiben und Suchergebnissen nicht mit Werbung vermischen, oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis das geändert wird?

Urs Hölzle:
Nein, unsere Resultate werden immer von der Werbung getrennt sein, d.h., man kann sich sein Ranking nicht kaufen. Wie bei einer guten Zeitung sollte die "redaktionelle Unabhängigkeit" strikt gewährleistet sein, sonst wird man unglaubwürdig. Ich glaube, all die anderen Suchmaschinen, die diesen Grundsatz ignorieren, graben sich mittelfristig das Wasser ab, da ihnen die Benutzer weglaufen.
Wir wollen auch in zehn Jahren noch im Geschäft sein.

sagmal.de:
Du giltst als einer der Pioniere der dynamischen Compilierung. Daher eine Frage nach der grundsätzlichen Dynamik im Internet. Wird nicht heute zuviel Wert auf Technik gelegt? Sollte nicht die Usability im Vordergrund stehen?

Urs Hölzle:
Absolut. Die Usability spielt sogar eine sehr grosse Rolle, und wird oft viel zu sehr vernachlässigt. Für Google's Erfolg ist sie sicher genauso wichtig wie die Technik, und der Usability-Guru Jakob Nielsen ist nicht zufälligerweise auf unserem Technical Advisory Board. Wenn ein Service schwierig zu benutzen ist, hilft auch die beste Technik nichts.

sagmal.de:
Wie wird sich das Web technisch weiterentwickeln? Wird es irgendwann die Science Fiction einholen? Kommunikation mit meinem PC auf einer gleichwertigen Ebene, von Mensch zu Maschine sozusagen?

Urs Hölzle:
Das wird noch eine Weile lang dauren, wenn es überhaupt je soweit kommt. Die beste Suchmaschine wäre natürlich der Computer in Star Trek: einfach eine Frage stellen, und egal wie kompliziert sie ist, kommt die Antwort sofort zurück. Leider sind wir noch sehr weit davon entfernt, Texte wirklich "verstehen" zu können, d.h., die Bedeutung wirklich maschinell erfassen und darstellen zu können. Kleine Schritte in diese Richtung (z.B. dass "Zeltplatz" und "Camping" was miteinander zu tun haben) sind machbar, und daran arbeiten wir auch. Immer mehr Information wird online verfügbar sein, aber die Denkarbeit muss der Mensch noch eine ganze Weile lang selbst machen...

Geeske, Yoshka, Urs sagmal.de:
Ist es eigentlich in Silicon Valley üblich, seinen Hund mit zur Arbeit zu bringen?
Ich las, du musst morgens an deinem Arbeitsplatz erst mal deinen Hund füttern, bevor du dich an die Arbeit machst?

Urs Hölzle:
Ich weiss nicht, ob es "üblich" ist, aber bei Google ist's erlaubt, obwohl Yoshka (unser Leonberger) nicht jeden Tag mitkommt. Aber es stimmt, das im Pausenraum ein Plastikgefäss mit Hundefutter steht...

sagmal.de:
Bleibt dir denn Zeit, privat in den Weiten des Webs unterwegs zu sein? Und wenn ja, welche Seiten steuerst du an?

Urs Hölzle:
Na ja, mein Privatleben ist eben das, aber eins sei verraten, ich lese normalerweise jeden Tag meinen Dilbert.

sagmal.de:
Trägst du eigentlich immer noch mit Vorliebe rote Socken? :o))

Urs Hölzle:
Ausschliesslich!

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Google Eventlogo Swiss Urs Hölzle:
To google or not to google - no question! :-)
Beste Grüsse,

Urs

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Das Interview wurde am 25.1.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Urs Hölzle für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen. Ein besonders lieber Dank an Geeske(Urs Frau) für das Bild mit ihr, Urs und Yoshka.


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