Interview mit Birgit Gentzsch vom 30.5.2002
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Für mich ist dieses Medium so selbstverständlich heute, dass ich über seine Nutzung gar nicht mehr nachdenke. Ich informiere mich hier, ich kaufe ein, ich unterhalte mich. Das wird für immer mehr Menschen so sein. Was ich hoffe ist, dass auch immer mehr sich aktiv am Angebot des www beteiligen - um es zu bereichern, um sich Gehör zu verschaffen, um Meinungsmonopolen entgegenzuwirken.

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Birgit Gentzsch
www.kurzefrage.de

Birgit GentzschBirgit Gentzsch (40),
geboren in Frankfurt/M.
hat Anglistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Kunstgeschichte in Frankfurt studiert. Nach dem Studium arbeitet sie 10 Jahre lang als Texterin in internationalen Werbeagenturen. Zuletzt leitete sie die Konzeptions- und Onlinemarketing-Abteilungen der E-Business Unit von fluxx.com in Hamburg.
Sie ist die Initiatorin von kurzefrage.de und betreibt derzeit in Frankfurt eine private Nachhilfeschule.

www.kurzefrage.de betreibt sie zusammen mit Klaus Greiber und Fritz Milosevic.

sagmal.de:
Birgit, "Kurze Frage" ist kein Einmann- oder Einfrauprojekt, sondern wird von einem kleinen Team betrieben. Kannst du uns dich und deine Mitstreiter der "Chefetage" mal vorstellen?

Birgit Gentzsch :
Kurze Frage ­ das sind Klaus Greiber, Fritz Milosevic und ich. Klaus ist für alles Technische verantwortlich, Fritz für das Biz Development und ich mache das Marketing und die Redaktion.
Aber natürlich haben wir alle auch was Richtiges gelernt: Klaus und Fritz sind Diplomkaufmänner und ich von Hause aus Anglistin und Werbetexterin.

sagmal.de:
Wie habt Ihr zusammengefunden und wie entstand die Idee zu "Kurze Frage"?

Birgit Gentzsch :
Nun ja, eigentlich entstand Kurze Frage tatsächlich als Einfrauprojekt. Ich hatte 1999 ziemlich viel Geld in der Werbung verdient und war Anfang 2000 das erste Mal in meinem Leben in der glücklichen Situation endlich mal das tun zu können, wozu ich Lust hatte. Und ich hatte Lust aufs Internet, wollte unbedingt wissen, wie das "funktionierte". Also bewarb ich mich mit 38 und damals noch in Hamburg lebend, um einen Praktikumplatz in der Multimedia-Agentur Sinner Schrader. Als ich denen dann erklärte, was ich wollte, meinten sie, da müsste ich ein Praktikum im Projektmanagement machen ­ und da hätten sie frühestens im August wieder Plätze frei.

Gut, habe ich zu mir gesagt, dann musst du dir das eben selbst beibringen, so schwer kann das ja wohl nicht sein. Doch zuerst musste natürlich eine Idee her, irgend ein kleines, überschaubares Projekt zum Üben. Und als ich dann mal wieder morgens auf der Terrasse saß und mir überlegte, was ich wohl zum Mittagessen kochen könnte, kam mir die Idee: Wäre doch klasse, wenn es eine Website gäbe, wo ich die Frage nach dem Mittagessen und zu anderen weltbewegenden Themen loswerden könnte und schnell und einfach ein paar Antworten oder Vorschläge von anderen Usern gemailt bekäme....
Und das Ganze würde ich "Kurze Frage" nennen!

Gesagt getan, an diesem Tag blieb die Küche kalt und ich machte mich mit meinem Netscape Editor daran, die Site zu entwerfen. Spätestens bei den CGI- und Perl Programmierungen (ich hatte mich ein bisschen schlau gemacht) aber schmiss ich das Handtuch: Hier sollte ich doch lieber jemanden fragen, der sich damit auskennt. Also suchte ich mir aus dem Internet einen ehemaligen Webdesigner von BBDO Interactive, und beauftragte ihn, das Interface von "Kurze Frage" zu designen und die PHP- und Datenbankprogrammierung zu machen. Aber nicht, dass ich vorher gewusst hätte, was das ist und geschweige denn, wozu man das überhaupt braucht! Ich lernte viel und genau das, was ich wissen wollte in dieser Zeit......

Ich beschränkte mich also darauf wie der Teufel zu texten - die Einlauftexte aber auch die ersten 1000 Fragen in den 15 Rubriken. Denn nichts, dachte ich mir, ist langweiliger als eine Frage- und Antwort-Site ohne Fragen!

Und natürlich legte ich die Userführung und die Features von Kurze Frage fest. Denn davon hatte ich wiederum sehr klare Vorstellungen: Einfach sollte die Site sein, ohne (Flash)-Schnickschnack, aber mit hoher Relevanz für die User ­ so wie ehemals im Usenet eben.
Back to the roots.

Genau darum entbrannte auch zu der Zeit im First Tuesday Forum eine heiße Diskussion. Es war die Zeit der beginnenden Krise der New Economy und alle potenziellen Start-Upler beschwerten sich, dass nun kein Venture Capital mehr in ihre Internet-Projekte floss und fragten sich, wie denn nun die Zukunft des Internets aussehen wird. Und ich meinte, dazu nun auch eine Meinung haben zu müssen und lehnte mich ziemlich aus dem Fenster ­ erzählte von meinem kleinen Projekt, das keine Millionen kostete, sondern gerade mal 15.000 DM (ja, damals gab es noch Mark,... :-))) dafür aber einen wirklichen Usernutzen hätte.

Natürlich lachten sich alle tot über mich - auch zwei Jungs aus Düsseldorf, die meinten, ich solle ihnen mal den Link zu der gerade ins Netz gestellten Site geben....

Birgit, Klaus, Fritz. Nun ja, heute sind die beiden meine Partner und zusammen betreuen wir Kurze Frage und bauen das Projekt peu à peu aus. Derzeit hat Kurze Frage ca. 1,5 Mio Page Impressions und ca. 60.000 User im Monat. Einen nicht unbeträchtlichen Anteil an diesem Erfolg haben aber auch zwei User: Adrian und Florian, zwei Abiturienten, die, nachdem sie hörten, dass wir kein Geld für Programmierer haben, seit nunmehr über einem Jahr die gesamte Programmierung für Kurze Frage machen ­ und zwar unglaublich engagiert, kompetent und ehrenamtlich!!!! An dieser Stelle den beiden noch mal ein ganz dickes Dankeschön.

sagmal.de:
Erzähl mal, wie geht das bei "Kurze Frage" vonstatten. Ich habe eine Frage und Ihr beantwortet die?

Birgit Gentzsch :
Nein, die Antworten geben, wie gesagt, andere User. Durch eine Opt-in Funktion werden sie per Mail verschickt. Man kann sie aber auch ausschließlich auf der Website einsehen. Uns war es immer wichtig, es den Usern freizustellen, ob sie sich durch die Mail-Adresse registrieren wollen, oder lieber nicht. Keine Zwänge, keine Hürden aufbauen beim schnellen Fragen und Antworten.

sagmal.de:
Und wer sagt mir, dass die Frage richtig beantwortet ist? Welche Qualitätskriterien gibt es?

Birgit Gentzsch :
Man muss sich Kurze Frage wie ein Wissens-Biotop vorstellen, das sich selbst reguliert: Der eine hat eine Frage, der andere beantwortet sie, der nächste korrigiert oder ergänzt, ein weiterer macht einen Scherz dazu oder kommentiert wiederum die Antworten. So entsteht eine äußerst lebhafte Auseinandersetzung zu allen möglichen und unmöglichen Themen mit so etwas wie der Wahrheit als Bodensatz.

Dabei erhebt Kurze Frage nicht den Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit der Antworten, wohl aber den Anspruch eine Community zu sein, in der Information und Spaß gleichberechtigt nebeneinander existieren dürfen. So gibt es für die User auch nichts zu gewinnen oder zu verdienen ­ bloß einen kleinen Famey, einen Pluspunkt, wenn die Antwort überzeugt hat. Und man sollte dieses Prinzip des Lobes nicht unterschätzen ­ es ist eine Form des positiven Feedbacks, das vielen in der realen Welt, am Arbeitsplatz, heute zu fehlen scheint.

sagmal.de:
Braucht man besondere Fähigkeiten, wenn man bei euch mitmachen will?

Birgit Gentzsch :
Ja! Jede Menge Humor. Und Neugier! Wissen und Intelligenz sind natürlich auch nicht schlecht, können aber durch Humor und Neugier kompensiert werden! :-))

sagmal.de:
Da gab’s doch in der Vergangenheit sicher auch Fragen, die ein wenig aus dem > Rahmen fielen, oder? Humoriges, skurriles?

Birgit Gentzsch :
Oh Mann.....wo soll ich anfangen??? Okay, zwei Beispiele aus der langen Reihe des täglichen Kurze Frage Wahnsinns:

Das erste Beispiel stammt aus der Anfangszeit von Kurze Frage, als alle noch mehr oder minder ausschließlich Wissensfragen stellten. Da kam plötzlich einer vorbei und fragte: Wie spät isses? Mit dem Ergebnis, dass er in den nächsten Tagen von Treckie und anderen Usern pünktlichst zu jeder Stunde (und zwischendrin auch noch 5-6 Mal) per Mail die Uhrzeit mitgeteilt bekam plus Bescheid darüber, was man gerade so machte.......über 150 Antworten insgesamt! Mit dieser Frage war das Eis gebrochen und Kurze Frage eine echte Community. Heute nennen sich unsere User selbst KFchen und führen nächtelange Slow-Chats zum Thema: Noch wer da?

Ein anderes schönes Beispiel für die Neugier und Kreativität der User war die Frage nach dem Dotwin ­ diesem komischen Klebepunkt für den Fernseher.
Hier machte sich Sturmi die Mühe, sich so ein Teil mal näher anzusehen und das Ergebnis seiner Untersuchungen für die anderen ins Netz zu stellen.... :

Im übrigen fassen wir die lustigsten, spannendsten und interessantesten Fragen einmal in der Woche in unserem Weekly´s zusammen ­ einem kleinen Newsletter, den man sich selbst nach Interessensgebieten zusammenstellen kann.

sagmal.de:
Was passiert mit Fragen, die trotz aller Versuche nicht beantwortet werden können?

Birgit Gentzsch :
Kurze Frage funktioniert wie ein Durchlauferhitzer: Mit jeder neuen Frage fliegt eine alte raus - egal ob sie beantwortet wurde oder nicht. Wenn man also auf seine Frage keine Antwort erhalten hat (was höchst selten passiert), dann kann man sie entweder einfach noch mal stellen oder aber das Archiv bemühen, um zu schauen, ob das Thema früher schon mal behandelt wurde.

sagmal.de:
Seiten wie eure, die unentgeltlich und praktisch ohne Werbung funktionieren, sind ja eher selten geworden. Ihr müsst euch doch aber auch irgendwie finanzieren. Wie macht Ihr das?

Birgit Gentzsch :
Wie oben schon erwähnt, ist Kurze Frage ausschließlich mit Eigenmitteln finanziert ­ wir haben also keine Banken oder VC´s im Nacken sitzen, denen wir verantwortlich sind. Ein überaus beruhigendes Gefühl.

Und die paar Euro für das Hosting bringt Kurze Frage mittlerweile über Werbung ein. Ansonsten haben wir alle prima Jobs und betreiben Kurze Frage als ambitioniertes Hobby mit Zukunftsperspektive....

sagmal.de:
Wie sieht die Zukunft von "Kurze Frage" aus?

Birgit Gentzsch :
Wir haben als nächstes vor eine i-Mode Version von Kurze Frage zu launchen, die Programmierung hierzu steht schon. Fritz steht deswegen mit E-Plus in Kontakt. Wäre doch klasse, wenn man seine Fragen von überall her loswerden könnte und die Antworten direkt aufs Handy bekäme.

Ansonsten machen wir uns um Kurze Frage keine Sorgen. Solange unsere User die Site klasse finden, wird es die Plattform auch geben....und alle ihren Spaß dabei haben.

sagmal.de:
Und die Zukunft des World Wide Webs? Was ändert sich, was bleibt, was sollte eher nicht bleiben?

Interviewter:
Sorry, die Frage ist zu groß für eine kleine Webmaitresse. ;-))

sagmal.de:
Was ist das Web für dich persönlich? Nur ein weiteres Medium?

Birgit Gentzsch :
Für mich ist dieses Medium so selbstverständlich heute, dass ich über seine Nutzung gar nicht mehr nachdenke. Ich informiere mich hier, ich kaufe ein, ich unterhalte mich. Das wird für immer mehr Menschen so sein. Was ich hoffe ist, dass auch immer mehr sich aktiv am Angebot des www beteiligen - um es zu bereichern, um sich Gehör zu verschaffen, um Meinungsmonopolen entgegenzuwirken. Denn das ist und war immer das eigentlich Faszinierende am Internet: seine Ubiquität, seine Vielfalt, seine Interaktivität.

sagmal.de:
Gibt es eine Website, die dir besonders am Herzen liegt?

Birgit Gentzsch :
http://selfaktuell.teamone.de/
Für alle, die wie ich damals wissen wollen, wie´s funktioniert, das Internet.
Und für all die, die es noch nicht kennen, natürlich das Cluetrain Manifest, das trotz der Krise der New Economy nichts an seiner visionären Kraft verloren hat.
Und als letztes, auch wenn man mich jetzt für völlig abgedreht hält:
http://www.iap.uni-bonn.de/P2K/periodic_table/index.html

Dank dieser Site kann ich nun endlich meinen Chemie-Schülern erklären, wann welche Orbitale bei den verschiedenen chemischen Elementen mit Elektronen aufgefüllt werden. Einfach genial! :-)

sagmal.de:
Hast du bei meiner Frage eine Frage vermisst?

Birgit Gentzsch :
Was kochst du heute? ;-))

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Birgit Gentzsch :
Danke fürs Nachfragen!

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Das Interview wurde am 30.5.2003 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Birgit Gentzsch für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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