*** Für mich ist dieses Medium so selbstverständlich heute, dass ich über seine
Nutzung gar nicht mehr nachdenke. Ich informiere mich hier, ich kaufe ein,
ich unterhalte mich. Das wird für immer mehr Menschen so sein. Was ich hoffe
ist, dass auch immer mehr sich aktiv am Angebot des www beteiligen - um es
zu bereichern, um sich Gehör zu verschaffen, um Meinungsmonopolen
entgegenzuwirken.
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Birgit Gentzsch www.kurzefrage.de
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Birgit Gentzsch (40),
geboren in Frankfurt/M.
hat Anglistik, Theater-, Film-
und Fernsehwissenschaften sowie Kunstgeschichte in Frankfurt studiert. Nach
dem Studium arbeitet sie 10 Jahre lang als Texterin in internationalen
Werbeagenturen. Zuletzt leitete sie die Konzeptions- und
Onlinemarketing-Abteilungen der E-Business Unit von fluxx.com in Hamburg.
Sie ist die Initiatorin von kurzefrage.de und betreibt derzeit in Frankfurt
eine private Nachhilfeschule.
www.kurzefrage.de betreibt sie zusammen mit Klaus Greiber und Fritz Milosevic.
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sagmal.de:
Birgit, "Kurze Frage" ist kein Einmann- oder Einfrauprojekt, sondern wird von einem kleinen Team betrieben. Kannst du uns dich und deine Mitstreiter der "Chefetage" mal vorstellen?
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Birgit Gentzsch :
Kurze Frage das sind Klaus Greiber, Fritz Milosevic und ich. Klaus ist
für alles Technische verantwortlich, Fritz für das Biz Development und ich
mache das Marketing und die Redaktion.
Aber natürlich haben wir alle auch was Richtiges gelernt: Klaus und Fritz
sind Diplomkaufmänner und ich von Hause aus Anglistin und Werbetexterin.
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sagmal.de:
Wie habt Ihr zusammengefunden und wie entstand die Idee zu "Kurze Frage"?
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Birgit Gentzsch :
Nun ja, eigentlich entstand Kurze Frage tatsächlich als Einfrauprojekt. Ich
hatte 1999 ziemlich viel Geld in der Werbung verdient und war Anfang 2000
das erste Mal in meinem Leben in der glücklichen Situation endlich mal das
tun zu können, wozu ich Lust hatte. Und ich hatte Lust aufs Internet, wollte
unbedingt wissen, wie das "funktionierte". Also bewarb ich mich mit 38 und
damals noch in Hamburg lebend, um einen Praktikumplatz in der
Multimedia-Agentur Sinner Schrader. Als ich denen dann erklärte, was ich
wollte, meinten sie, da müsste ich ein Praktikum im Projektmanagement machen
und da hätten sie frühestens im August wieder Plätze frei.
Gut, habe ich zu mir gesagt, dann musst du dir das eben selbst beibringen,
so schwer kann das ja wohl nicht sein. Doch zuerst musste natürlich eine
Idee her, irgend ein kleines, überschaubares Projekt zum Üben. Und als ich
dann mal wieder morgens auf der Terrasse saß und mir überlegte, was ich wohl
zum Mittagessen kochen könnte, kam mir die Idee: Wäre doch klasse, wenn es
eine Website gäbe, wo ich die Frage nach dem Mittagessen und zu anderen
weltbewegenden Themen loswerden könnte und schnell und einfach ein paar
Antworten oder Vorschläge von anderen Usern gemailt bekäme....
Und das Ganze würde ich "Kurze Frage" nennen!
Gesagt getan, an diesem Tag blieb die Küche kalt und ich machte mich mit
meinem Netscape Editor daran, die Site zu entwerfen. Spätestens bei den CGI-
und Perl Programmierungen (ich hatte mich ein bisschen schlau gemacht) aber
schmiss ich das Handtuch: Hier sollte ich doch lieber jemanden fragen, der
sich damit auskennt. Also suchte ich mir aus dem Internet einen ehemaligen
Webdesigner von BBDO Interactive, und beauftragte ihn, das Interface von
"Kurze Frage" zu designen und die PHP- und Datenbankprogrammierung zu
machen. Aber nicht, dass ich vorher gewusst hätte, was das ist und
geschweige denn, wozu man das überhaupt braucht! Ich lernte viel und genau
das, was ich wissen wollte in dieser Zeit......
Ich beschränkte mich also darauf wie der Teufel zu texten - die
Einlauftexte aber auch die ersten 1000 Fragen in den 15 Rubriken. Denn
nichts, dachte ich mir, ist langweiliger als eine Frage- und Antwort-Site
ohne Fragen!
Und natürlich legte ich die Userführung und die Features von Kurze Frage
fest. Denn davon hatte ich wiederum sehr klare Vorstellungen: Einfach sollte
die Site sein, ohne (Flash)-Schnickschnack, aber mit hoher Relevanz für die
User so wie ehemals im Usenet eben.
Back to the roots.
Genau darum entbrannte auch zu der Zeit im First Tuesday Forum eine heiße
Diskussion. Es war die Zeit der beginnenden Krise der New Economy und alle
potenziellen Start-Upler beschwerten sich, dass nun kein Venture Capital
mehr in ihre Internet-Projekte floss und fragten sich, wie denn nun die
Zukunft des Internets aussehen wird. Und ich meinte, dazu nun auch eine
Meinung haben zu müssen und lehnte mich ziemlich aus dem Fenster erzählte
von meinem kleinen Projekt, das keine Millionen kostete, sondern gerade mal
15.000 DM (ja, damals gab es noch Mark,... :-))) dafür aber einen
wirklichen Usernutzen hätte.
Natürlich lachten sich alle tot über mich - auch zwei Jungs aus Düsseldorf,
die meinten, ich solle ihnen mal den Link zu der gerade ins Netz gestellten
Site geben....
Nun ja, heute sind die beiden meine Partner und zusammen betreuen wir Kurze
Frage und bauen das Projekt peu à peu aus. Derzeit hat Kurze Frage ca. 1,5
Mio Page Impressions und ca. 60.000 User im Monat. Einen nicht
unbeträchtlichen Anteil an diesem Erfolg haben aber auch zwei User: Adrian
und Florian, zwei Abiturienten, die, nachdem sie hörten, dass wir kein Geld
für Programmierer haben, seit nunmehr über einem Jahr die gesamte
Programmierung für Kurze Frage machen und zwar unglaublich engagiert,
kompetent und ehrenamtlich!!!! An dieser Stelle den beiden noch mal ein ganz
dickes Dankeschön.
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sagmal.de:
Erzähl mal, wie geht das bei "Kurze Frage" vonstatten. Ich habe eine Frage und Ihr beantwortet die?
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Birgit Gentzsch :
Nein, die Antworten geben, wie gesagt, andere User. Durch eine Opt-in
Funktion werden sie per Mail verschickt. Man kann sie aber auch
ausschließlich auf der Website einsehen. Uns war es immer
wichtig, es den Usern freizustellen, ob sie sich durch die Mail-Adresse
registrieren wollen, oder lieber nicht. Keine Zwänge, keine Hürden aufbauen
beim schnellen Fragen und Antworten.
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sagmal.de:
Und wer sagt mir, dass die Frage richtig beantwortet ist?
Welche Qualitätskriterien gibt es?
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Birgit Gentzsch :
Man muss sich Kurze Frage wie ein Wissens-Biotop vorstellen, das sich selbst
reguliert: Der eine hat eine Frage, der andere beantwortet sie, der nächste
korrigiert oder ergänzt, ein weiterer macht einen Scherz dazu oder
kommentiert wiederum die Antworten. So entsteht eine äußerst lebhafte
Auseinandersetzung zu allen möglichen und unmöglichen Themen mit so etwas
wie der Wahrheit als Bodensatz.
Dabei erhebt Kurze Frage nicht den Anspruch auf Richtigkeit oder
Vollständigkeit der Antworten, wohl aber den Anspruch eine Community zu
sein, in der Information und Spaß gleichberechtigt nebeneinander existieren
dürfen. So gibt es für die User auch nichts zu gewinnen oder zu verdienen
bloß einen kleinen Famey, einen Pluspunkt, wenn die Antwort überzeugt hat.
Und man sollte dieses Prinzip des Lobes nicht unterschätzen es ist eine
Form des positiven Feedbacks, das vielen in der realen Welt, am
Arbeitsplatz, heute zu fehlen scheint.
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sagmal.de:
Braucht man besondere Fähigkeiten, wenn man bei euch mitmachen will?
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Birgit Gentzsch :
Ja! Jede Menge Humor. Und Neugier! Wissen und Intelligenz sind natürlich
auch nicht schlecht, können aber durch Humor und Neugier kompensiert werden!
:-))
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sagmal.de:
Da gab’s doch in der Vergangenheit sicher auch Fragen, die ein wenig aus dem
> Rahmen fielen, oder? Humoriges, skurriles?
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Birgit Gentzsch :
Oh Mann.....wo soll ich anfangen??? Okay, zwei Beispiele aus der langen
Reihe des täglichen Kurze Frage Wahnsinns:
Das erste Beispiel stammt aus der Anfangszeit von Kurze Frage, als alle
noch mehr oder minder ausschließlich Wissensfragen stellten. Da kam
plötzlich einer vorbei und fragte: Wie spät isses? Mit dem Ergebnis, dass er
in den nächsten Tagen von Treckie und anderen Usern pünktlichst zu jeder
Stunde (und zwischendrin auch noch 5-6 Mal) per Mail die Uhrzeit mitgeteilt
bekam plus Bescheid darüber, was man gerade so machte.......über 150
Antworten insgesamt! Mit dieser Frage war das Eis gebrochen und Kurze Frage
eine echte Community. Heute nennen sich unsere User selbst KFchen und führen
nächtelange Slow-Chats zum Thema: Noch wer da?
Ein anderes schönes Beispiel für die Neugier und Kreativität der User war
die Frage nach dem Dotwin diesem komischen Klebepunkt für den Fernseher.
Hier machte sich Sturmi die Mühe, sich so ein Teil mal näher anzusehen und das Ergebnis seiner Untersuchungen für die anderen ins Netz zu stellen.... :
Im übrigen fassen wir die lustigsten, spannendsten und interessantesten
Fragen einmal in der Woche in unserem Weekly´s zusammen einem kleinen
Newsletter, den man sich selbst nach Interessensgebieten zusammenstellen
kann.
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sagmal.de:
Was passiert mit Fragen, die trotz aller Versuche nicht beantwortet werden können?
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Birgit Gentzsch :
Kurze Frage funktioniert wie ein Durchlauferhitzer: Mit jeder neuen Frage
fliegt eine alte raus - egal ob sie beantwortet wurde oder nicht. Wenn man
also auf seine Frage keine Antwort erhalten hat (was höchst selten
passiert), dann kann man sie entweder einfach noch mal stellen oder aber das
Archiv bemühen, um zu schauen, ob das Thema früher schon mal behandelt
wurde.
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sagmal.de:
Seiten wie eure, die unentgeltlich und praktisch ohne Werbung funktionieren, sind ja eher selten geworden.
Ihr müsst euch doch aber auch irgendwie finanzieren. Wie macht Ihr das?
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Birgit Gentzsch :
Wie oben schon erwähnt, ist Kurze Frage ausschließlich mit Eigenmitteln
finanziert wir haben also keine Banken oder VC´s im Nacken sitzen, denen
wir verantwortlich sind. Ein überaus beruhigendes Gefühl.
Und die paar Euro für das Hosting bringt Kurze Frage mittlerweile über
Werbung ein. Ansonsten haben wir alle prima Jobs und betreiben Kurze Frage
als ambitioniertes Hobby mit Zukunftsperspektive....
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sagmal.de:
Wie sieht die Zukunft von "Kurze Frage" aus?
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Birgit Gentzsch :
Wir haben als nächstes vor eine i-Mode Version von Kurze Frage zu launchen,
die Programmierung hierzu steht schon. Fritz steht deswegen mit E-Plus in
Kontakt. Wäre doch klasse, wenn man seine Fragen von überall her loswerden
könnte und die Antworten direkt aufs Handy bekäme.
Ansonsten machen wir uns um Kurze Frage keine Sorgen. Solange unsere User
die Site klasse finden, wird es die Plattform auch geben....und alle ihren
Spaß dabei haben.
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sagmal.de:
Und die Zukunft des World Wide Webs? Was ändert sich, was bleibt, was sollte eher nicht bleiben?
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Interviewter:
Sorry, die Frage ist zu groß für eine kleine Webmaitresse. ;-))
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sagmal.de:
Was ist das Web für dich persönlich? Nur ein weiteres Medium?
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Birgit Gentzsch :
Für mich ist dieses Medium so selbstverständlich heute, dass ich über seine
Nutzung gar nicht mehr nachdenke. Ich informiere mich hier, ich kaufe ein,
ich unterhalte mich. Das wird für immer mehr Menschen so sein. Was ich hoffe
ist, dass auch immer mehr sich aktiv am Angebot des www beteiligen - um es
zu bereichern, um sich Gehör zu verschaffen, um Meinungsmonopolen
entgegenzuwirken. Denn das ist und war immer das eigentlich Faszinierende am
Internet: seine Ubiquität, seine Vielfalt, seine Interaktivität.
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sagmal.de:
Gibt es eine Website, die dir besonders am Herzen liegt?
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Birgit Gentzsch :
http://selfaktuell.teamone.de/
Für alle, die wie ich damals wissen wollen, wie´s funktioniert, das
Internet.
Und für all die, die es noch nicht kennen, natürlich das Cluetrain Manifest,
das trotz der Krise der New Economy nichts an seiner visionären Kraft
verloren hat.
Und als letztes, auch wenn man mich jetzt für völlig abgedreht hält:
http://www.iap.uni-bonn.de/P2K/periodic_table/index.html
Dank dieser Site kann ich nun endlich meinen Chemie-Schülern erklären, wann
welche Orbitale bei den verschiedenen chemischen Elementen mit
Elektronen aufgefüllt werden. Einfach genial! :-)
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sagmal.de:
Hast du bei meiner Frage eine Frage vermisst?
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Birgit Gentzsch :
Was kochst du heute? ;-))
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sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?
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Birgit Gentzsch :
Danke fürs Nachfragen!
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Das Interview wurde am 30.5.2003 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Birgit Gentzsch für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen |
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