
*** Wenn nicht wir selbst zusammen mit den Beratungsstellen und den Medien Öffentlichkeitsarbeit betreiben, wer sonst? Es liegt an uns das Schweigen zu brechen und immer und immer wieder auf die Folgen hinzuweisen, bis es auch der letzte kapiert. Das auf dem Gebiet noch viel getan werden muss zeigt ein BGH-Urteil vom April. Dort wurde der Täter freigesprochen weil bei dem 3 Monate (!) alten Kind - Zitat: "...keine nachteiligen Folgen zu erwarten sind".
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Sandra "Das "Entlein" verrät nur wenig über sich.
Sie ist eine Frau, Jahrgang 1974, verfügt über einen unbändigen Überlebenswillen, eine gute Portion Eigensinn und Neugier. Gleichzeitig ist sie nach eigenen Angaben sehr ungeduldig. Auf ihre Homepage
www.ugly-duck.de erzählt sie über die traumatischen Erlebnisse ihrer Kindheit und über die Verletzungen durch Missbrauch und Misshandlung.
Sie selbst meint über sich:
„Der Klapperstorch hat mich wohl auch aus Versehen in der falschen Familie abgegeben. Jedenfalls haben sowohl meine Eltern als auch mein sonstiges Umfeld mir stets zu verstehen gegeben das ich "anders" bin, "schief gewickelt". In den Augen meiner Familie galt ich als Schwererziehbar, ein ständiger Dorn im Fleisch.
Ich entspreche wie das haessliche Entlein nicht den Erwartungen und Normen meines Umfeldes. Auch ich wurde bzw. werde staendig weggebissen, hin und her geschubst. Ich wurde schon als Kleinkind eingesperrt und domestiziert wie ein Haustier.
Mein natuerlicher Widerstand wurde als starrkoepfiger Eigensinn, meistens jedoch als "Wider die(weibliche) Natur" bezeichnet.“
www.ugly-duck.de
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sagmal.de:
Im Gästebuch deiner Homepage findet man zahlreiche Einträge von Menschen, die sich durch deine Seite besonders berührt fühlten. Mir ging es ähnlich und das lag nicht allein an den Themen, die du dort bearbeitet hast,
sondern vor allem auch an der Sprache, in der du das tust. Sie ist behutsam und doch sehr deutlich. Schreibst du schon lange?
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Sandra:
Nein, das waren meine ersten Texte. Ich hab vorher nie geschrieben und schon gar nicht Tagebuch. In der Schule hatte ich in Deutsch sogar eine 5. Dass meine Texte so berühren liegt vielleicht daran, dass ich geschrieben habe was ich just in dem Moment gefühlt habe. Die Texte sind buchstäblich von der Seele geschrieben.
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sagmal.de:
Entlein, wie bist du auf die Idee gekommen, deine Homepage ugly-duck.de zu
machen?
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Sandra:
Das hat mehrere Gründe: Zum einen wollte ich mich anderen Menschen
mitteilen. Ich wollte anderen Überlebenden zeigen, dass sie nicht die
einzigen sind die so empfinden, sondern dass es viele gibt die so oder
zumindest so ähnlich empfinden. Ich wollte aber auch Angehörigen und Freunden helfen sich in die Gefühle Überlebender hineinzuversetzen. Ich denke, aufgrund der Reaktionen, ist mir dies auch gelungen. Letztlich war es aber auch ein Versuch mich selbst zu therapieren. Das Internet ist deshalb ein geeignetes Medium für mich, weil ich so anonym wie möglich eine relativ große Masse erreichen kann.
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sagmal.de:
Warum hat deine Homepage diesen Namen?
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Sandra:
Naja, ich bin das hässliche Entlein aus dem Märchen. In dem Märchen wird das Entlein von der Entenfamilie verkannt, misshandelt und ausgestoßen weil es anders ist...weil es nicht der Norm entspricht. Diese Lebenslektion hat
nicht nur das hässliche Entlein bitter am eigenen Leib erfahren. Auch ich
entspreche nicht den Normen und Erwartungen meines Umfeldes. Und ich hab mich wie das Entlein auf Wanderschaft begeben und dabei die Zähigkeit des Entleins im Überwintern entwickelt, mich durch nichts wirklich unterkriegen lassen.
Heute bin ich wie das Entlein auf der Suche nach mir selbst und
meinesgleichen.
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sagmal.de:
Hat dir das Schreiben auf deinem Weg zu dir selbst geholfen?
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Sandra:
Ja. Es hilft mir immer noch.
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sagmal.de:
Es gibt ziemlich viele Seiten im Internet, die sich mit dem Thema
Kindesmissbrauch beschäftigen. Hast du den Eindruck, dass sich am Umgang
mit dem Thema in unserer Gesellschaft dadurch etwas ändert?
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Sandra:
Hm....das ist eine schwierige Frage. Ich steck ja immer noch in meinem Umfeld fest... und da ist immer noch das Mädchen selbst schuld. - Egal wie jung es war/ ist. Ich denke dass diese Seiten Überlebenden und Angehörigen helfen die Folgen besser zu verstehen und den eigenen Umgang mit dem Thema erleichtern. Und sie helfen über die Folgen aufzuklären. Wenn nicht wir selbst zusammen mit den Beratungsstellen und den Medien
Öffentlichkeitsarbeit betreiben, wer sonst? Es liegt an uns das Schweigen zu brechen und immer und immer wieder auf die Folgen hinzuweisen, bis es auch der letzte kapiert. Das auf dem Gebiet noch viel getan werden muss zeigt ein BGH-Urteil vom April.
Dort wurde der Täter freigesprochen weil bei dem 3 Monate (!) alten Kind -
Zitat: "...keine nachteiligen Folgen zu erwarten sind". Im Gegensatz zu der
Annahme des BGH sind die Auswirkungen von Traumatisierungen, wie sie durch Gewalteinwirkungen im Opfer entstehen können, um so gravierender, je jünger das Opfer ist. Die Annahme, dass sich ein jüngeres Kind später nicht erinnern werde, hat sich ebenso als irrtümlich herausgestellt, wie die Annahme, dass ein jüngeres Kind weniger schmerzempfindlich sei. Das Urteil ist also – ganz abgesehen von seiner moralischen Fragwürdigkeit, die Tätern geradezu nahelegt, sich jüngere Opfer zu suchen, um von einer geringeren Strafe bedroht zu werden - auch wissenschaftlich eindeutig zurückgewiesen worden.
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sagmal.de:
Du beschreibst nicht nur die schlimmen Folgen, die der sexuelle Missbrauch
für dich als Überlebende hat. Auf deiner Seite geht es auch um die
psychische Gewalt, die du erleiden musstest. Was kann man gegen diese Form des Missbrauchs und der Misshandlung tun?
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Sandra:
Das ist schwierig. Denn auch psychische Gewalt findet hinter verschlossenen
Türen statt. Und oft auch sehr subtil, so dass das Opfer und noch mehr
Außenstehende erst recht spät begreifen was da überhaupt passiert. Man
sollte sich auf jeden Fall Unterstützung suchen und zusehen, dass man aus der "Schusslinie" kommt. Und man sollte das offen ansprechen, bei Freunden, Verwandten, Vorgesetzten, Arbeitskollegen, Lehrern, anderen Eltern, Beratungsstellen usw. Immer wieder, solange bis man Hilfe findet.
Als Außenstehender sollte man aber auch dem Opfer auf jeden Fall glauben schenken, denn die Folgen können die Gleichen wie bei sexuellem Missbrauch sein. Doch das wissen leider die wenigsten. Und so wird das ganze leider oft runtergespielt. "Es wird schon nicht so schlimm sein". Wenn psychische Gewalt in Familien vorkommt, insbesondere gegenüber Kindern, ist es ganz besonders schwierig zu helfen.
Schließlich mischt man sich ja in die "Erziehung" ein. Und auch die Behörden, sprich das Jugendamt, greifen in diesen Fällen nicht ein.
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sagmal.de:
Du hast neulich geschrieben, du wollest die Seite vom Netz nehmen, weil
dir die Sache über den Kopf wachse. Was meintest du damit?
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Sandra:
Ich kann mich um die Seite nicht mehr kümmern. Zum einen belastet mich das alles sehr, wenn ich die Texte nochmal lese und abtippe, zum anderen mach ich jetzt 3 mal in der Woche Therapie und zusammen mit Beruf, Haushalt und Hobby bleibt da einfach keine Zeit mehr. Außerdem beginnt mein Trauma aus dem Mittelpunkt zu rücken. Es nimmt mich einfach nicht mehr so ein, andere Dinge werden wichtiger. Ich nehm die Seite nur ungern vom Netz aber eine "tote" Seite möchte ich auch nicht stehen lassen. Davon gibt es mehr als genug.
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sagmal.de:
Danke für das Gespräch und alles Gute!
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Das Interview wurde am 10.8.2003 per Mail geführt. Die Fragen stellte Anke Stursberg, freie Mitarbeiterin von sagmal.de. Wir danken Sandra für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen |
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