Interview mit Dr. Marcus Englert vom 29.5.2001
Dr. Marcus Englert Dr. Marcus Englert
Geschäftsführer der
ProSieben Digital Media GmbH,
technisch-kaufmännische Bereiche
- geboren am 26.05.65 in München
- Studium der Physik in München und Genf
- Promotion am Europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf
- Vier Jahre als Berater bei der Boston Consulting Group; Schwerpunkt: High-Tec, Konsumgüter und Liberalisierung
- Betriebswirtschaftliche Ausbildung (MBA) am INSEAD in Frankreich
Hobbies: Alles mit vier Rädern und mindestens 100 PS (zwei Räder sind auch ok), Berge, Skifahren/Skitouren, Buchläden

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Neue Trends, Technologien, was gestern toll war ist heute schon ein alter Hut

sagmal.de:
Dr. Englert, ProSieben.de gehört meiner Meinung nach zu den umfangreichsten und besten Online Angeboten unter den Webseiten privater Fernsehsender. Wenn man dann weiterbohrt und blauäugig den Links folgt, findet man ein wahres Sammelsurium von Angeboten, die alle zur ProSieben Digital Media gehören.
ddp, der NachrichtendienstDa ist ausser ProSieben.de der Nachrichtenagenturdienst ddp.de, n24 Online, Kabel1.de, redseven.de, ausserdem die Teletexte von vier Fernsehsendern und die News für das U-Bahn-Infosystem Infoscreen. Und überall steht ProSieben Digital Media, Geschäftsführer Dr. Marcus Englert. Diese ganze Präsenz stellt ja durch die Möglichkeit der Meinungsbildung auch einen gewissen Machtfaktor dar. Herr Dr. Englert, Hand aufs Herz, sind Sie ein mächtiger Mann ?

e-maxDr. Englert:
Sicherlich nicht. Dazu muß man festhalten, daß wir für jedes unserer Produkte verantwortliche Redakteure und Produktmanager haben. Diese sind im Rahmen wirtschaftlicher Grenzen frei ihr Produkt zu definieren, die Geschäftsführung gibt lediglich strategische Stoßrichtungen vor, sie nimmt keinesfalls täglichen Einfluß auf die Meinungsbildung.

sagmal.de:
Man stellt bei Ihren Angeboten fest, dass sich die meisten an eine jüngere Zielgruppe richten. Es geht überwiegend um Angebote für ein jüngeres Publikum, wenn man mal von den Nachrichtenangeboten absieht. Lohnen sich die über 50jährigen als Zielgruppe im Internet nicht ?

Dr. Englert:
Das würde ich so nicht sagen, die ältere Zielgruppe ist sicherlich ebenfalls lohnend, auch wenn die Internetpenetration dort noch unter dem Schnitt ist. Die Ausrichtung unserer Angebote ist sehr eng an die Zielgruppe der TV Sender, insbesondere ProSieben angelehnt. ProSieben spielt für uns die Funktion eines Leuchtturms und zieht Nutzer in unsere Angebote, die wir im Umkehrschluß daher als Markenverlängerungen definieren. Die Zielgruppe von ProSieben TV ist ganz klar 14-29, daher ist auch unsere Zielgruppe jung.


sagmal.de:
Bei vielen Online Angeboten findet man die Möglichkeit zum Chat. Und Chats haben im Internet ja fast den gleichen Stellenwert, den Talkshows im Fernsehen haben. Muss man denn, wenn man erfolgreich sein will, überall eine Plattform zur Selbsdarstellung bieten ?

redseven, die Net CommunityDr. Englert:
Chats sind nur ein Teilelement der sogenannten virtuellen Nertzgemeinschaften also Communities. Communities spielen eine ähnliche Rolle wie die eines Marktplatzes im alten Griechenland: Tratsch und Klatsch, Informationsaustausch, Meinungsbildung, Gruppen- und Freundschaftsbildung und Handel. Dies haben wir mit unserer Community redseven sehr erfolgreich umgesetzt, über 100.000 aktive Nutzer und ständig mindestens 800 Mitglieder zeitgleich in der Community zeigen, daß der Gedanke des Griechischen Marktplatzes greift und fast die Rolle einer Heimat eines sozialen, komunikativen Umfeldes spielt. Selbstdarstellung ist dabei also nur ein Teil der Attaktivität, es ist vielmehr die Komunikation und Interaktion untereinander, die redseven erfolgreich macht.

sagmal.de:
Die grafische Darstellung dieser Seiten ist meist peppig, jugendlich eben. Kommt es nicht mehr darauf an, was man an Informationen liefert, sondern wie man Sie verpackt ? Ist das nicht BILD-Zeitungs Mentalität ? Oder, aktueller, Möllemann Tuning ?

Kabel1 Dr. Englert:
Verpackung ist sicherlich ein Teil, aber man unterschätzt die jugendlichen Nutzer enorm, wenn man sie nur auf die grafische Darstellung reduziert. Wir haben unter unseren Nutzern sehr viele kritische Meinungen, die sich häufiger mit Inhalten als mit der grafischen Darstellung auseinandersetzen. Die Verpackung versucht die jeweilige Welt, also z.B. die ProSieben Welt zu transportieren, aber überleben und erfolgreich sein, kann die Site nur mit dem richtigen Inhalt. So arbeiten bei ProSieben Digital Media z.B. über 60 ausgebildetet Redakteurinen und Redakteur, die für die Qualität des Inhaltes unserer Angebote stehen.

sagmal.de:
Wie bereits gesagt, das Angebot der ProSieben Digital Media ist sehr umfangreich. Surfen Sie am Morgen erstmal 2 Stunden durch all Ihre Seiten, um sich ein Bild des Tages zu machen ?

Dr. Englert:
Morgens, mittags, abends, ich bin immer online und verbringe sehr viel Zeit auf unseren Websites und auf denen der Wettbewerber. Auch andere z.B. amerikanische Sites surfe ich häufig, um Trends zu sehen und zu verfolgen.

sagmal.de:
Was macht für einen Medienmann das Internet so interessant. Die Darstellung ? Die Inhalte ? Oder die stete Verfügbarkeit von aktuellen Informationen ?

Dr. Englert:
Alles drei denke ich und vor allem die Geschwindigkeit mit der sich alles ändert. Neue Trends, Technologien, was gestern toll war ist heute schon ein alter Hut

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sagmal.de:
Sie waren vier Jahre als Berater bei der Boston Consulting Group; Schwerpunkt: High-Tec, Konsumgüter und Liberalisierung. Wie liberal ist das Internet Ihrer Meinung nach ? Oder geht es letzten Endes nach doch nur um den Konsum ?

 

Dr. Englert:
Liberaisierung im Bereich der Telco- oder Energieversorger bedeutete damals die Abkehr vom Monopol im diesen Industrien. Das ist beim Internet per Definition schon gegeben. Auch wenn nur einige wenige echte große Brands im Netz erkennbar sind, gibt es eine nicht mehr überschaubare Zahl von Websites, die alle frei Meinung darstellen. Von der Meinungsseite her betrachtet, ist das Netz sicherlich liberal, manchmal sogar zu liberal, wenn man an rechts- oder linksextreme websites denkt. Konsum spielt bei vielen Websites eine große Rolle, dennoch bin ich der Meinung, daß wir versuchen sollen, dabei die Unschuld nicht zu verlieren, die Vermengung von Content und Commerce muß sehr sensibel betrachtet werden. Wir tun das so und ich denke, die anderen großen Websties auch. Ein Nutzer würde ein Bruch dieser Philosophie auch nicht akzeptieren.

sagmal.de:
Bevorzugen Sie beim Surfen eigentlich private oder kommerzielle Webseiten ? Oder darf man in Ihrer Position nur gewerbliche Seiten besuchen, um die Konkurenz nicht aus den Augen zu verlieren ?

Dr. Englert:
Ich surfe natürlich viele kommerzielle Websites aber auch viele kleinere oder private Sites, denn dort kann man am frühesten neue Trends erkennen.

sagmal.de:
Wird sich das Internet Ihrer Meinung nach verändern ? Muss es das nicht sogar, um am Leben zu bleiben ?

Dr. Englert:
Das Internet änder sich ständig: Bandbreiten, Tools, Player, Technologien und Endgeräte. Wenn Sie so wollen, ist es diese Veränderung, die das Internet definiert, die es mit Leben füllt und die es bene so verdammt spannend macht.

sagmal.de:
Was fehlt dem World Wide Web noch ? Inhalte, neue Techniken, bestimmte Usergruppen ? Frauen vielleicht ?

Letīs buy it com

Dr. Englert:
Ich denke, das Web ist auf einem guten Weg, was die Angleichung der Nutzergruppen an die Bevölkerung betrifft. Sicherlich sind noch zu wenig Frauen im Netz aber das ändert sich gerade, auch die Alterverteilung wird sich anpassen. Bandbreite ist ebenfalls ein Thema, davon erhoffe ich mir sehr viel und im Zusammenhang damit auch neue dynamische Darstellungsformen. Weg von der Printlastigkeit vieler heutiger Websites. Das Netz ist ein neues Medium, wir nutzen es allerdings oft wie ein altes klassisches printähnliches Produkt, das wird sich ändern. Das ganze Thema Bewegtbild wird wichtiger werden und wir werden das Medium Internet in der Tat als neues Medium kennenlernen, so hoffe ich zumindest. Darüber hinaus fehlt (e) mir immer eine dem Medium angepasste Gebührenstruktur, mit dem Thema flat fee sind wir da jedoch auf dem richtigen Weg.


sagmal.de:
Mit welcher Person aus dem Internet würden Sie gerne mal einen Meinungsaustausch machen und warum ?

Dr. Englert:
N. Negroponte; sein Buch Total Digital von 1995 war und ist einfach genial

sagmal.de:
Haben Sie bei den gestellten Fragen eine bestimmte vermisst ?

Dr. Englert:
Nein, war ok...

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz ?

Dr. Englert:
Carpe diem auch und besonders im Netz

ProSieben

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Das Interview wurde am 29 Mai 2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Dr. Marcus Englert für die Beantwortung unserer Fragen.


Die bei diesem Interview verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den jeweiligen Homepages entnommen.


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