Dr. Marcus Englert Geschäftsführer der ProSieben Digital Media GmbH, technisch-kaufmännische Bereiche
- geboren am 26.05.65 in München
- Studium der Physik in München und Genf
- Promotion am Europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf
- Vier Jahre als Berater bei der Boston Consulting Group; Schwerpunkt: High-Tec, Konsumgüter und Liberalisierung
- Betriebswirtschaftliche Ausbildung (MBA) am INSEAD in Frankreich
Hobbies: Alles mit vier Rädern und mindestens 100 PS (zwei Räder sind auch ok), Berge, Skifahren/Skitouren, Buchläden*** Neue Trends, Technologien, was gestern toll war ist heute schon ein
alter Hut
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sagmal.de: Dr. Englert, ProSieben.de gehört meiner Meinung nach zu den umfangreichsten und besten Online Angeboten unter den Webseiten privater Fernsehsender. Wenn man dann weiterbohrt und blauäugig den Links folgt, findet man ein wahres Sammelsurium von Angeboten, die alle zur ProSieben Digital Media gehören.
Da ist ausser ProSieben.de der Nachrichtenagenturdienst ddp.de, n24 Online, Kabel1.de, redseven.de, ausserdem die Teletexte von vier Fernsehsendern und die News für das U-Bahn-Infosystem Infoscreen.
Und überall steht ProSieben Digital Media, Geschäftsführer Dr. Marcus Englert. Diese ganze Präsenz stellt ja durch die Möglichkeit der Meinungsbildung auch einen gewissen Machtfaktor dar.
Herr Dr. Englert, Hand aufs Herz, sind Sie ein mächtiger Mann ? |
Dr. Englert: Sicherlich nicht. Dazu muß man festhalten, daß wir für jedes unserer Produkte verantwortliche Redakteure und Produktmanager haben. Diese sind im
Rahmen wirtschaftlicher Grenzen frei ihr Produkt zu definieren, die
Geschäftsführung gibt lediglich strategische Stoßrichtungen vor, sie nimmt
keinesfalls täglichen Einfluß auf die Meinungsbildung. |
sagmal.de: Man stellt bei Ihren Angeboten fest, dass sich die meisten an eine jüngere Zielgruppe richten. Es geht überwiegend um Angebote für ein jüngeres Publikum, wenn man mal von den Nachrichtenangeboten absieht. Lohnen sich die über 50jährigen als Zielgruppe im Internet nicht ? |
Dr. Englert: Das würde ich so nicht sagen, die ältere Zielgruppe ist sicherlich ebenfalls lohnend, auch wenn die Internetpenetration dort noch unter dem Schnitt ist.
Die Ausrichtung unserer Angebote ist sehr eng an die Zielgruppe der TV
Sender, insbesondere ProSieben angelehnt. ProSieben spielt für uns die
Funktion eines Leuchtturms und zieht Nutzer in unsere Angebote, die wir im
Umkehrschluß daher als Markenverlängerungen definieren. Die Zielgruppe von
ProSieben TV ist ganz klar 14-29, daher ist auch unsere Zielgruppe jung.
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sagmal.de:
Bei vielen Online Angeboten findet man die Möglichkeit zum Chat.
Und Chats haben im Internet ja fast den gleichen Stellenwert, den Talkshows im Fernsehen haben. Muss man denn, wenn man erfolgreich sein will, überall eine Plattform zur Selbsdarstellung bieten ? |
Dr. Englert: Chats sind nur ein Teilelement der sogenannten virtuellen
Nertzgemeinschaften also Communities. Communities spielen eine ähnliche
Rolle wie die eines Marktplatzes im alten Griechenland: Tratsch und Klatsch,
Informationsaustausch, Meinungsbildung, Gruppen- und Freundschaftsbildung
und Handel. Dies haben wir mit unserer Community redseven sehr erfolgreich
umgesetzt, über 100.000 aktive Nutzer und ständig mindestens 800 Mitglieder
zeitgleich in der Community zeigen, daß der Gedanke des Griechischen
Marktplatzes greift und fast die Rolle einer Heimat eines sozialen,
komunikativen Umfeldes spielt.
Selbstdarstellung ist dabei also nur ein Teil der Attaktivität, es ist
vielmehr die Komunikation und Interaktion untereinander, die redseven
erfolgreich macht.
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sagmal.de:
Die grafische Darstellung dieser Seiten ist meist peppig, jugendlich eben.
Kommt es nicht mehr darauf an, was man an Informationen liefert, sondern wie man Sie verpackt ?
Ist das nicht BILD-Zeitungs Mentalität ?
Oder, aktueller, Möllemann Tuning ?
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Dr. Englert:
Verpackung ist sicherlich ein Teil, aber man unterschätzt die jugendlichen Nutzer enorm, wenn man sie nur auf die grafische Darstellung reduziert. Wir
haben unter unseren Nutzern sehr viele kritische Meinungen, die sich
häufiger mit Inhalten als mit der grafischen Darstellung auseinandersetzen.
Die Verpackung versucht die jeweilige Welt, also z.B. die ProSieben Welt zu
transportieren, aber überleben und erfolgreich sein, kann die Site nur mit
dem richtigen Inhalt. So arbeiten bei ProSieben Digital Media z.B. über 60
ausgebildetet Redakteurinen und Redakteur, die für die Qualität des Inhaltes
unserer Angebote stehen. |
sagmal.de: Sie waren vier Jahre als Berater bei der Boston Consulting Group;
Schwerpunkt: High-Tec, Konsumgüter und Liberalisierung.
Wie liberal ist das Internet Ihrer Meinung nach ?
Oder geht es letzten Endes nach doch nur um den Konsum ? |
Dr. Englert: Liberaisierung im Bereich der Telco- oder Energieversorger bedeutete damals die Abkehr vom Monopol im diesen Industrien. Das ist beim Internet per
Definition schon gegeben. Auch wenn nur einige wenige echte große Brands im
Netz erkennbar sind, gibt es eine nicht mehr überschaubare Zahl von
Websites, die alle frei Meinung darstellen. Von der Meinungsseite her
betrachtet, ist das Netz sicherlich liberal, manchmal sogar zu liberal, wenn
man an rechts- oder linksextreme websites denkt.
Konsum spielt bei vielen Websites eine große Rolle, dennoch bin ich der
Meinung, daß wir versuchen sollen, dabei die Unschuld nicht zu verlieren, die
Vermengung von Content und Commerce muß sehr sensibel betrachtet werden. Wir
tun das so und ich denke, die anderen großen Websties auch. Ein Nutzer würde
ein Bruch dieser Philosophie auch nicht akzeptieren. |
sagmal.de: Bevorzugen Sie beim Surfen eigentlich private oder kommerzielle Webseiten ? Oder darf man in Ihrer Position nur gewerbliche Seiten besuchen, um die Konkurenz nicht aus den Augen zu verlieren ?
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Dr. Englert: Ich surfe natürlich viele kommerzielle Websites aber auch viele kleinere oder private Sites, denn dort kann man am frühesten neue Trends erkennen. |
sagmal.de: Wird sich das Internet Ihrer Meinung nach verändern ? Muss es das nicht sogar, um am Leben zu bleiben ?
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Dr. Englert: Das Internet änder sich ständig: Bandbreiten, Tools, Player, Technologien und Endgeräte. Wenn Sie so wollen, ist es diese Veränderung, die das
Internet definiert, die es mit Leben füllt und die es bene so verdammt
spannend macht. |
sagmal.de: Was fehlt dem World Wide Web noch ? Inhalte, neue Techniken, bestimmte Usergruppen ? Frauen vielleicht ?
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 Dr. Englert: Ich denke, das Web ist auf einem guten Weg, was die Angleichung der Nutzergruppen an die Bevölkerung betrifft. Sicherlich sind noch zu wenig
Frauen im Netz aber das ändert sich gerade, auch die Alterverteilung wird
sich anpassen. Bandbreite ist ebenfalls ein Thema, davon erhoffe ich mir sehr viel und im
Zusammenhang damit auch neue dynamische Darstellungsformen. Weg von der
Printlastigkeit vieler heutiger Websites. Das Netz ist ein neues Medium, wir
nutzen es allerdings oft wie ein altes klassisches printähnliches Produkt,
das wird sich ändern.
Das ganze Thema Bewegtbild wird wichtiger werden und wir werden das Medium
Internet in der Tat als neues Medium kennenlernen, so hoffe ich zumindest.
Darüber hinaus fehlt (e) mir immer eine dem Medium angepasste
Gebührenstruktur, mit dem Thema flat fee sind wir da jedoch auf dem
richtigen Weg. |
sagmal.de: Mit welcher Person aus dem Internet würden Sie gerne mal einen
Meinungsaustausch machen und warum ?
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Dr. Englert: N. Negroponte; sein Buch Total Digital von 1995 war und ist einfach genial |
sagmal.de: Haben Sie bei den gestellten Fragen eine bestimmte vermisst ?
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Dr. Englert: Nein, war ok... |
sagmal.de: Noch einen Schlusssatz ?
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Dr. Englert: Carpe diem auch und besonders im Netz
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Das Interview wurde am 29 Mai 2000 in Form eines E-Mail Interviews geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de. Wir danken Dr. Marcus Englert für die Beantwortung unserer Fragen. Die bei diesem Interview verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright und wurden nur für
dieses Interview von den jeweiligen Homepages entnommen.
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