Interview mit David Eicher vom 23.11.2001
David Eicher
David Eicher
geb.: 09.11.1960
- Ausbildung: Photograph/ Werbekaufmann
- 2,5 Jahre im Marketing bei Pelikan, zuletzt als Group- Product- Manager
- 8 Jahre als Berater in Agenturen, zuletzt als Etat-Direktor bei APS-AMC/TBWA
- seit 1997 selbständig: geschäftsführender Gesellschafter von Robert & Horst Marketing (Kunden u.a. Yahoo! Deutschland, Axel Springer Young Mediahouse, Süddeutsche Zeitung, sueddeutsche.de, Bavaria Film Gruppe, webmiles); ein Schwerpunkt hier im Bereich Guerilla Marketing
- 2000: Auslagerung/Gründung des ersten Spin-off, die webguerillas; hier ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter

Eckdaten webguerillas:
- Deutschlands erste Spezialagentur für Online- und Offline-Guerilla Marketing
- Kern-Geschäftsfelder: guerilla advertising, guerilla activities, guerilla screening, guerilla technologies
- bisherige Kunden: u. a. Yahoo! Deutschland, CyberProfit, sueddeutsche.de, toojoo, Utomi, Pepper Technologies, webmiles, Axel Springer Young Mediahouse, Streamgate.

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Denn schließlich sehnt sich so mancher Creative Director trotz eines fürstlichen Gehalts nach neuen, spannenden Aufgaben ­ die wollen eben nicht ihr ganzes Leben Cowboys von links nach rechts schieben oder sich TV-Spots für Waschmittel ausdenken

sagmal.de:
David, bei dem Wort Guerilla denke ich zuerst mal an Krieg, anstatt an Werbung. Erklärst du uns mal bitte, was der Begriff Guerilla mit Werbung und mit dem Web zu tun hat?

David Eicher:
Um den Zusammenhang zu erkennen, ist es ganz hilfreich, die historischen Wurzeln des Guerilla Marketing zurückzuverfolgen: So geht man davon aus, dass das Konzept und der Begriff in den USA geprägt und in den Sechzigern erfunden wurde. Damals fand an amerikanischen Universitäten und in Wirtschafts-Seminaren eine vielfältige Suche nach neuen Marketingstrategien statt. Der Grund: Der Wettbewerb verschärfte sich, bekam durch den so genannten Wandel vom Verkäufer- zum Käufermarkt eine komplett neue Struktur. Es mussten Strategien her, deren Agressivität nicht mehr allein auf Marktmacht, Größe und Kapital beruhte. Stattdessen sollten sie zusätzlich durch Einfallsreichtum, Unkonventionalität und Flexibilität wirken. Das aber waren die Hauptmerkmale der Guerilla Taktik, wie sie durch den Vietcong, Guerilla Gegner und Hauptfeind der USA im Vietnam-Krieg, zu jener Zeit einer breiten Öffentlichkeit, damit auch Marketing-Professoren und -Seminarveranstaltern bekannt wurde. Sie propagierten die Marketing-Guerilla.

Führen wir also einen Krieg für die Marke, gegen die Wettbewerber und um die Gunst der Verbraucher? Ein Feldzug, in dem bis aufs Blut um Marktanteile gekämpft wird? Nein, ich bin nicht dieser Meinung! Im Gegenteil: Ich halte es für eine leichtfertige und letztendlich gefährliche Verharmlosung, in diesem Zusammenhang von Krieg zu sprechen ­ denn, ich glaube, die wenigsten von uns können sich (trotz täglicher Bilder aus den Krisenzonen dieser Welt) annähernd vorstellen, was Krieg ist und was es für den Einzelnen bedeutet. Guerilla Marketing ist kein Krieg! Und nicht halb so gefährlich wie der Name klingt. Denn schließlich will der Guerillero ja die Sympathie der Konsumenten bzw. Medien gewinnen und keine Konfrontation mit ihnen. Aber ich habe den Begriff nun mal nicht geformt und kann ihn genauso wenig ändern. Aus meiner Sicht wäre es aber klüger gewesen, von "Sensation Marketing" zu sprechen, denn darum geht es ja letztendlich: Werbesensationen zu schaffen. Sensation Marketing, das sich ­ zugegeben ­ klassischer Guerilla Methoden bedient. Ganz gleich, wo die Undercover-Aktionen stattfinden: in der realen Welt oder im Web.

sagmal.de:
Auf eurer Eingangsseite steht, du arbeitest mit fünf subversiven Objekten zusammen. Warum tust du dir sowas an und was ist an ihnen subversiv?

David Eicher:
Als ich auf die Idee für die webguerillas kam, schwebte mir eine Agentur neuen Typs vor. Eine, bei der die kreativsten Köpfe die außergewöhnlichsten Konzepte entwickeln. Natürlich sind die besten Leute für die webguerillas 1. unbezahlbar und stehen 2. meistens in Lohn und Brot bei den großen Agenturen dieser Welt. Trotzdem nahm ich über Freunde und Bekannte Kontakt mit einigen auf, und ließ anfragen, ob Interesse für eine "stille Zusammenarbeit" besteht. Denn schließlich sehnt sich so mancher Creative Director trotz eines fürstlichen Gehalts nach neuen, spannenden Aufgaben ­ die wollen eben nicht ihr ganzes Leben Cowboys von links nach rechts schieben oder sich TV-Spots für Waschmittel ausdenken (Anm.: Vielleicht nicht durch Zufall war Conrad Jay Levinson, der Guerilla Marketing weltweit erst populär gemacht hat, auch im Team, das den Marlboro Cowboy erfunden hat...). Subversiv ist also nicht nur das, was rauskommt, sondern sogar das Recruiting im Rahmen der Teamzusammenstellung selbst. Und so haben wir pro Kunde/Aufgabe ein neues Netzwerk mit Top-Creativen, das sich (unter normalen Bedingungen) wirklich sehen lassen könnte. Aber was ist schon normal bei den webguerillas...?

sagmal.de:
Laut eurer Seite soll Werbung Spass machen. Was muss man sich darunter vorstellen? Sowas wie die witzigsten Werbespots der Welt im Fernsehen?

David Eicher:
Spaß im Sinne von "Faszination". Denn, meines Erachtens, ist das größte Manko klassischer Werbung, dass sie nicht mehr klassisch funktioniert. Heißt: Sie kommt ihrer eigentlichen Aufgabe ­ die Menschen zu begeistern und zu animieren ­ nicht mehr nach. Im Gegenteil: der Großteil klassischer Werbung nervt!

Die Menschen sind ihrer überdrüssig. Denn es gibt einerseits zu viel (schrottige) Werbung und andererseits fast nur Werbung, die als Störenfried daherkommt: als Werbeblock im Fernsehen, als unerwünschtes Füllmaterial im Briefkasten oder als nerviges Pop-up im Internet. Deshalb selektieren die Menschen radikal, schalten ab oder um! Und sie nervt, weil sie nicht mehr in der Lage ist, die Menschen zu faszinieren. Für das Publikum nichts Besonderes, Außergewöhnliches mehr ist.

Genau hier setzt Guerilla Marketing an. Indem es den Wunsch der Menschen nach einem (Werbe-) Erlebnis, nach Abenteuer erfüllt. Indem es emotionale Mehrwerte schafft und in Szene setzt. Indem es den Spieltrieb der Leute weckt. Indem es den Abstand zur Marke verringert und das Publikum wie in einen "Reality Spot" integriert. Indem es überrascht und nicht langweilt. Denn Langeweile kann wirklich keine Marke gebrauchen!

Fazit: Wenn man die Akzeptanz des Publikums wirklich neu beleben will, darf Werbung nicht stören, sondern muss eben Spaß machen, Geschichten erzählen, unterhalten. Kurz: faszinieren!

Dass man bei zu viel Spaß auch mal die Marke vergessen kann, haben uns einige klassische Werber ja schon des öfteren z. B. mit "den witzigsten Werbespots der Welt" gezeigt. Ich denke hier liegt tatsächlich eine Gefahr, deren man sich bewusst sein sollte: Spaß/Unterhaltung darf nicht auf Kosten der Markenerinnerung und ihrer Werte gehen. Deshalb achten wir webguerillas ganz besonders darauf, dass die Marke in allen Aktionen zu 100% abgebildet wird. Richtig verstandenes Guerilla Marketing ist immer erst analytisch, kommt aus dem Markenkern, lenkt nicht ab. Und setzt die zentrale Botschaft erst dann mit neuen, unkonventionellen Mitteln um.

sagmal.de:
Wer kann sich Guerilla Marketing leisten? Ich nehme an, der Aufwand ist doch ziemlich hoch und kostenintensiv?

David Eicher:
Das ist ein Trugschluss. Guerilla Marketing wurde ja in erster Linie als eine Strategie für kleine Nischenunternehmen erdacht. Damals (wie heute) kam es darauf an, mit begrenzten Mitteln das Möglichste an Effektivität zu erreichen und so den ressourcenmäßig besser gestellten Großunternehmen eins auszuwischen. Vielleicht ist der Eindruck ja entstanden, weil heute immer mehr namhafte/globale Marken (wie Coca Cola, Levi´s, IBM, Citibank, Nike, Yahoo!) auf die Partisanen-Taktik setzen.

Natürlich muss man auch hier differenzieren: weil es sehr viele unterschiedliche Formen der Guerilla Taktik gibt (von Ambush Marketing bis zu viralen Aktionen) oder weil der Kostenaufwand z. B. nach der regionalen Ausrichtung und dem gewählten Medium (online, offline) differiert.

Erfahrungsgemäß würde ich sagen: Online-Aktionen, die auf viralen Konzepten basieren, sind unter Reichweitengesichtspunkten sicher die preiswertesten Lösungen. Andererseits ist es schwieriger, auf diesem Wege einen Medienhype zu initiieren. Offline Aktionen müssen heutzutage immer bombastischer sein, eine "kritische Größe" überschreiten, damit sie von den Medien aufgegriffen werden. Damit steigen natürlich auch die Kosten. Andererseits sind die Menschen offline leichter zu begeistern, ist der Erfolg für den Guerillero, die PR-Agentur und den Auftraggeber leichter einzuschätzen.

sagmal.de:
Werbung ist meiner Meinung nach zum Grossteil Kreativität. Wie würdest du den Begriff Kreativität definieren?

David Eicher:
Kreative Werbung ist für mich die Kunst, Menschen zu faszinieren und sie dadurch zu animieren, etwas zu tun/nachzufragen.

sagmal.de:
Habt Ihr Vorbilder? In der Werbung? Im Web.

David Eicher:
In der Werbung orientieren wir uns eher an Ergebnissen, weniger an Personen. Wobei man einigen Agenturen/Personen zugestehen muss, dass sie permanent hervorragende Arbeiten kreieren: wie beispielsweise Wieden & Kennedy, Bartle/Bogle/Hegarty, KesselsKramer, Springer & Jacoby, um nur einige zu nennen.

sagmal.de:
Was sind die Unterschiede zwischen herkömmlicher Werbung und der Werbung im Web?

David Eicher:
Gegenfrage: Wie lange wird man hier noch von markanten Unterschieden sprechen können? Ist es nicht so, dass sich beide Gattungen täglich mehr in ihren Charkterzügen gleichen (Interaktivität, Größe der Werbeflächen etc.). Auch die Noch-Vorteile von Online-Werbung ­ die direkte Verlinkung mit weiteren Inhalten, die schnelle, stufenweise Zielführung, die Chance der fein- bzw. profilselektierten Ansprache oder die Verknüpfung unterschiedlicher Medienkanäle ­ werden von den Vermarktern doch bald gattungsübergreifend angeboten.

sagmal.de:
Auf was alle ja warten, wird oft mit dem Wort Microbilling bezeichnet. Erklärst du uns, wie das real im Web funktionieren soll?

David Eicher:
Microbilling ist doch grundsätzlich eine faszinierende Idee, die viele Phantasien offen lässt. Und vor allem nicht aufs Web begrenzt ist: Ich ziehe mir nen Parkschein und gebe zur Verrechnung meine Telefonnummer an. Oder ich kriege nen Artikel aus dem Online-Zeitungsarchiv und die Gebühren hierfür werden meiner Telefonrechnung belastet, wo ist da der Unterschied? Technisch ist das doch alles schon machbar. Die entscheidende Frage wird, aus meiner Sicht, sein, ab welchem Betrag so ein Zahlungssystem für alle involvierten Partner profitabel ist? Und das hängt doch wohl auch von der Höhe der Transaktionsbeträge und Margen ab.

sagmal.de:
Heisst das, die Zeit der aufklickenden, bunten Werbebanner ist endgültig vorbei?

David Eicher:
Microbilling-Systeme und Bannerwerbung stehen, meines Erachtens, nicht in direktem Wettbewerb. Banner wird`s mit Sicherheit auch in Zukunft geben. Andere Banner als jetzt! Wie diese Banner aussehen, richtet sich natürlich vor allem danach, was auf den Werbeplattformen technisch machbar ist. Profilbasierte oder DHTML-Banner sind ja z. B. nix Neues, aber trotzdem sind sie nach wie vor nicht überall Standard.

sagmal.de:
Welche Erfahrungen hast du im Web gemacht? Positive? Negative?

David Eicher:
Positiv: fast alles ist möglich. Negativ: Dir kann alles passieren.

sagmal.de:
Wohin geht das Web allgemein? Wird es zum Gebrauchsgegenstand wie Telefon, Fernsehen und Fax?

David Eicher:
Das Web ist ein "Gebrauchsgegenstand" und wird dieses mit der Ausweitung der Funktionalitäten logischerweise in immer mehr Bereichen und für eine wachsende Nutzerschaft! Das Web als Bindeglied zwischen Bedürfnis und Lösung ist die Gegenwart und erst recht die Zukunft. Fragt sich nur, wie weit der Mensch sich mitentwickeln will. PC = Fernsehen? Glaube ich nicht dran. Webbasierte Multimedia-Homekinos? Stehen als Massenprodukt vor der Tür. Kühlschränke, die Milch bestellen? Witzig für PR. Im Business-Sektor sehe ich nach wie vor die größten Entwicklungspotentiale, z. B. als Handels- und Vertriebssteuerungs-Tool oder als Instrument zur Prozesskoordinierung (s. Baubranche). Aber gerade der Mittelstand scheint mir hier noch arg hinterherzuhinken.

Allgemein:
Das Web der Zunkunft wird mehr kosten. Dafür wird es individueller in allem, was wir mit dem Web unternehmen bzw. was wir aus dem Web ziehen. Es wird in viele alltägliche Bereiche unseres Lebens einziehen, so dies sinnvoll ist (s. Parkscheinkauf vs. selbstständig agierender Kühlschrank). Wie schnell dies geschieht, hängt stark davon ab, inwieweit sich das Backend mitentwickelt (z. B. Komprimierungstechniken, Schnittstellenproblematik). Wenn es einen Spucknapf gibt, den ich an meinen Mac anschließen kann und der meine Daten an irgendeine medizinische Datenbank weiterleitet, kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich mir fünf Minuten später ein Rezept auf meine Medicard laden kann. Why not?!

sagmal.de:
Welche Seiten steuerst du an, wenn du im Web unterwegs bist?

David Eicher:
Ich gehe zu sueddeutsche.de, um mich zu informieren. Zu kaplan.rult.de, um ein redlicher Mensch zu werden. Zu ebay.de, um einzukaufen. Zu google.de, um was zu finden. Zu adbusters.com, um zu sehen, was die mit meinen Spendengeldern treiben. Zu new-business.de, um branchentechnisch mitlabern zu können. Zu bratapfel.de ...warum, das weiß nur eine übergeordnete Macht!

sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

David Eicher:Subversive Elemente?
Was machen
die webguerillas
eigentlich mit
all dem Geld?

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

David Eicher:
Muss das jetzt sein... ----------------------------------- ?

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Das Interview wurde am 23.11.2001 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken David Eicher für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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