Interview mit Sascha Borowski vom 12.10.2002
Sascha Borowski
Sascha Borowski
geboren 05.08.1971 in Landsberg/Lech. Studierte nach dem Abitur Politikwissenschaften, Kommunikationswissenschaften und Geschichte, musste aber nach zwei Semestern wegen Einberufung zur Bundeswehr damit aufhören.
1994 Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen, danach ein Jahr Lokalreporter beim "Landsberger Tagblatt". Seit 1997 Polizei- und Gerichtsreporter bei der Augsburger Allgemeinen. Veröffentlichungen unter anderem in Frankfurter Allgemeine, Tagesspiegel, Capital, Kölner Stadtanzeiger, Abendzeitung und bei der Deutschen Presseagentur (dpa).
Sascha betreibt seit 2000 die Infoseite
Sicherheit-online.net, seit Anfang 2002 auch das Onlineportal
Dialerschutz.de.

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Man hört oft den hämischen Hinweis, wer sich einen Dialer einfängt ist selbst schuld, weil er auf Porno- oder Crackseiten herumgesurft sei. Das ist Quatsch, weil Dialer mittels Partnerprogrammen inzwischen fast auf allen Arten von Webseiten angeboten werden.


Dialerschutz.de Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie sagt:
Die Zeiten, da 0190-Webdialer nur auf Schmuddelseiten zu finden waren, sind längst vorbei. Was einst als einfache und anonyme Zahlungsmethode im Internet gedacht war, wird zunehmend von unseriösen Anbietern dazu genutzt, die schnelle Mark zu machen. Leidtragende sind arglose Surfer. "Sicherheit im Internet" weist hier auf Möglichkeiten zu Hilfe und Prävention hin: Tipps und Hinweise der Regulierungsstelle für Post und Telekommunikation (RegTP), u.a. zur Website http://www.fst-ev.org der FST - freiwillige Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste und zu Möglichkeiten, den Besitzer einer 0190er-Nummer zu ermitteln.

Dialerschutz.de ist eine Hilfeseite rund um das Thema 0190-Webdialer. Hier finden Sie Tricks und Tools zum Schutz vor unerwünschten 0190-Dialern. Dazu Anleitungen zur Entfernung, Informationen über die Tricks unseriöser Anbieter, Tipps, wie Sie als Geschädigte(r) Ihr Geld zurück bekommen, Schutzprogramme und vieles mehr. Weiterhin bietet die Website ein Verzeichnis gängiger und aktueller Dialerscanner und 0190-Warner mit Download-Möglichkeiten.

Zitat Ende

sagmal.de:
Sascha, wie kommt ein Polizei- und Gerichtsreporter dazu, eine Seite über 0190-Dialer und eine Seite über die Sicherheit im Web zu machen?

Sascha Borowski:
Im Prinzip habe ich mit den beiden Seiten meinen Beruf nur auf ein anderes Medium übertragen. Für die Augsburger Allgemeine berichte ich ja täglich über die Kriminalität "auf der Straße", also angefangen vom Fahrraddiebstahl über den millionenschweren Anlagebetrug bis hin zum Tötungsdelikt. Vor drei Jahren habe ich damit begonnen, mich auch mit Kriminalität im Internet zu beschäftigen - und mit den Möglichkeiten, sich vor Straftaten im Netz zu schützen. Das meiste, was ich damals dazu gefunden habe, war entweder in reinem Fachchinesisch geschrieben oder viel zu theoretisch, als dass es der Otto-Normal-User, wie ich damals einer war, verstanden hätte. Also habe ich Sicherheit-online.net ins Netz gestellt. Die Dialer-Problematik war anfangs auch nur ein Kapitel von Sicherheit-online.net. Als die Anfragen von Betroffenen Ende 2001 plötzlich immer mehr wurden, habe ich das Thema ausgegliedert. Und damit war Dialerschutz.de geboren.

sagmal.de:
Sind die Tipps und Tricks auf der Seite nur etwas für Internetanfänger, oder richten sie sich auch an Vielsurfer?

Sascha Borowski:
Sicherheit-online.net wendet sich aus den oben genannten Gründen vor allem an den Internetanfänger. Die Seite bietet einen groben Überblick darüber, welche Gefahren im Internet lauern, und wie man sich vor ihnen schützen kann. Mein Ziel war es dabei, das Ganze plastisch und vor allem ohne allzu viele Fachbegriffe darzustellen. Wer sich dann noch eingehender mit dem einen oder anderen Thema beschäftigen will, findet über den Linkbereich spezialisierte Seiten. Dialerschutz.de dagegen ist sowohl für Anfänger als auch für Vielsurfer gemacht. Der unerfahrene User bekommt einen ersten Überblick über die Gefahren, und wie er sich vor unerwünschten Einwahlen schützen kann. Der Profi wird sich wahrscheinlich mehr für die Hintergründe und technischen Abläufe interessieren, die ebenfalls ausführlich erklärt werden.

sagmal.de:
Was kann ein User tun, wenn er sich einen 0190-Dialer eingefangen hat und seine Telefonrechnung plötzlich astronomische Höhen erreicht?

So können CAPI-Dialer nach dem Download aussehen!
 So können CAPI-Dialer nach dem Download aussehen!. Näheres dazu auf Dialerschutz.de bei den Dialer-Tricks.
Sascha Borowski:
Das kommt auf den Einzelfall an. Wer sich bewusst einen Dialer installiert und dabei lediglich das "Kleingedruckte" nicht gelesen hat, wird das Ganze wohl als Lehrgeld abbuchen und bezahlen müssen. In allen anderen Fällen ist erst einmal Detektivarbeit angesagt. Wenn Dialer-Installation und -Einwahl tatsächlich unbewusst und ohne gewolltes Zutun erfolgt sind, müssen Webdialer und die entsprechende Webseite als Beweise gesichert werden. Wenn man sich damit nicht so gut auskennt, sollte das ein Fachmann machen. Der nächste Weg sollte in solchen Fällen zur Kripo führen, wo man Anzeige erstattet, je nachdem wegen Computerbetrug, Betrug oder auch wegen des Verdachts der Computersabotage. Wichtig ist auch, dass man dann bei der Telefongesellschaft Einspruch gegen die strittigen Gebühren einlegt. Geht es um hohe Summen, sollte außerdem ein Rechtsanwalt eingeschaltet werden. Der kann dann den Schriftverkehr übernehmen, der nach so einem Einspruch gewöhnlich folgt.

sagmal.de:
Mit welchen Tricks arbeiten die Anbieter?

Sascha Borowski:
Du meinst die unseriösen Anbieter? Da könnte man stundenlang erzählen. Das beginnt bei der weit verbreiteten Unart, Webdialer nicht Webdialer zu nennen, sondern "Zugangssoftware", noch besser "kostenloses Zugangstool" oder gar "Browser-Plugin". Für mich ist das schlichtweg eine Irreführung des Surfers, ebenso Behauptungen wie "Sie müssen diese Software installierten, um Schäden an ihrem Browser zu vermeiden". Dann gibt es Anbieter, die keinen Preis nennen oder den Tarif derart verschleiern, dass der ahnungslose Besucher fast schon darauf hereinfallen muss. Das läuft dann nach dem Motto "Kostenloser Zugang mit unserem Gratis-Dialer" und im Kleingedruckten steht irgendwo "Kostenloser Zugang für 30 Sekunden, dann pauschal 49 Euro". Die irreführende Werbung ist also das eine. Dann gibt es Anbieter, die ihre Webdialer massiv per Mail bespammen oder gezielt in Kinder- und Jugendchats unterwegs sind, um ihre Programme an den Mann, respektive das Kind, zu bringen. Und hinzu kommen natürlich die technischen Tricks: Webdialer, die sich mittels aktiver Inhalte beim Betreten einer Webseite automatisch installieren oder sogar einwählen. Webdialer, die darauf programmiert sind, Schutzprogramme auszuschalten. Webdialer, die direkt auf die CAPI zugreifen. Die Liste lässt sich fortsetzen.

sagmal.de:
Wie kann man sich davor schützen? Gibt es überhaupt einen hundertprozentigen Schutz gegen 0190-Dialer?

Sascha Borowski:
Man hört oft den hämischen Hinweis, wer sich einen Dialer einfängt ist selbst schuld, weil er auf Porno- oder Crackseiten herumgesurft sei. Das ist Quatsch, weil Dialer mittels Partnerprogrammen inzwischen fast auf allen Arten von Webseiten angeboten werden. Daher rate ich dazu, die teuren Nummern für seinen Anschluss sperren zu lassen. Das empfiehlt sich vor allem für PC-Besitzer, die ihre Kinder auch mal unbeaufsichtigt im Internet surfen lassen, hat aber natürlich den Nachteil, dass sinnvollen Angebote über Servicenummern ebenfalls nicht mehr erreichbar sind. Nach derzeitigem Stand sicher vor unerwünschten Dialereinwahlen sind DSL- User - sofern sie an ihrem Rechner keinen zweiten Zugang zum Netz, etwa für ein ISDN-Fax, haben. Spezielle Programme, also 0190-Warner, können ein Sicherheitskonzept zwar ergänzen, ein hundertprozentiger Schutz sind sie aber nicht.

sagmal.de:
Ist da nicht der Gesetzgeber gefordert, mehr zu tun?

Sascha Borowski:
Das ist für mich der Kernpunkt. Die groß angekündigte Änderung der Telekommunikations-Kundenschutzverordnung, die User besser vor dem Missbrauch von Servicenummern schützen sollte, hat sich letztlich als zahnloser Tiger erwiesen. Unseriöse Anbieter können sich noch immer hinter dem Datenschutz verstecken. Das Opfer trägt die Beweislast, dass es getäuscht oder betrogen wurde. Dialer werden nach wie vor massiv bespammt. Und jeder 16-Jährige kann sich irgendwo eine 0190-Nummer mit zugehörigem Dialer besorgen und Abzocker spielen. Leidtragende sind dabei übrigens nicht nur die betrogenen Surfer, sondern auch die seriösen Anbieter von Mehrwertdiensten. Die werden nämlich mit den Abzockern über einen Kamm geschert.

sagmal.de:
Auf www.Sicherheit-online.net gibts Du Tipps und verrätst Kniffe zur allgemeinen Sicherheit im Web. Wie hat sich denn das Web in den letzten Jahren im Bereich Sicherheit generell verändert?

TAPI-Dialer auf dem Desktop Sascha Borowski:
Das ist eine schwierige Frage, die man nicht in ein, zwei Sätzen beantworten kann. Lass mich deshalb nur einen Aspekt herausgreifen: die Tatsache, dass immer mehr Menschen online sind. Das Internet ist zunehmend zum Allgemeingut geworden, mit der Folge, dass es eben nicht mehr nur "Experten" sind, die sich im Netz bewegen. Wer sich bei Aldi einen PC kauft, weil es eben "in" ist, "drin" zu sein, wird sich aber nicht unbedingt mit CAPI-Dialern und Spyware beschäftigen. Es gibt also immer mehr potentielle Opfer für Datensammler und Abzocker. Und die nutzen das reichlich aus. Denn gleichzeitig hat auch die Zahl der Menschen zugenommen, die glauben, im Internet das schnelle Geld machen zu können.

sagmal.de:
Ist das Web Deiner Meinung nach allgemein besser geworden? Oder eher schlechter?

Sascha Borowski:
Beides. Ich liebe das Internet, weil ich darin nahezu jede Information finden kann, die ich suche. Und das Angebot wird immer größer. Andererseits wird das Web auch immer schlechter, weil es sich zunehmend dem "real life" angleicht. Die immer stärkere Kommerzialisierung des WWW ist beeindruckend und bedrückend zugleich.

sagmal.de:
Wagst Du eine Prognose, wie Internet in ein paar Jahren aussieht? Was bleibt, was ändert sich?

Sascha Borowski:
Das Internet wird noch kommerzieller werden, die Zahl der kostenpflichtigen Angebote zunehmen. Denn immer mehr Menschen werden versuchen, aus dem Medium Geld herauszuschlagen. Sowohl auf legale, als auch auf illegale Weise. Bleiben werden sicherlich die Idealisten, die glauben, über eine Webseite die Welt verändern zu können. Was wiederum ganz schön ist.

sagmal.de:
Wie nutzt Du die Möglichkeiten, die Dir das Internet bieten?

Sascha Borowski:
Eigentlich für alle Bereiche des Lebens. Das geht von der täglichen Recherche über die Hotelbuchung bis hin zum Schmökern auf den entsprechenden Newsseiten. Nur mit Online-Spielen habe ich mich irgendwie noch nie anfreunden können.

sagmal.de:
Gibt es Seiten, ausser Deinen eigenen, die Dir sehr am Herzen liegen?

Sascha Borowski:
Nein. Aber ich treibe mich regelmäßig auf Spiegel-online (www.spiegel.de) und heise.de (www.heise.de) herum. Spiegel-online wegen der hervorragenden Artikel, und heise wegen der herrlich verrückten Diskussionen im Forum.

sagmal.de:
Hast Du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Sascha Borowski:
Ja. Wie es meine Freundin aushält, dass ich täglich zehn Stunden bei der Augsburger Allgemeinen arbeite und anschließend fünf Stunden auf meinen Webseiten. Aber diese Frage kann nur sie selbst beantworten.

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Sascha Borowski:
Nein.

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Das Interview wurde am 16.10.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Sascha Borowski für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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