Interview mit Ralph Segert vom 25.3.2005
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Ich bin nicht begeistert, über die Aktitäten der Sicherheitsfanatiker, die Bürgerrechte außer Kraft setzen, um eine Terrorgefahr zu bannen, die von den Verbündeten selbst in massivster Weise geschürt wird, noch weniger bin ich darüber begeistert, dass es die meisten Leute nicht kümmert.

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Ralph Segert ist unter Netizens längst kein Unbekannter mehr und auch hier bei sagmal gibt es bereits etwas über ihn zu lesen. Seit kurzem gibt es jedoch ein neues Projekt von ihm, das bytebaby. Dort geht es um Geschichte, um sehr persönliche Geschichte(n), Lebensgeschichte, so wie diese hier:

Wir Babys haben es nicht leicht. Kaum entwöhnt der Brust entnervter bis liebestrunkener Mütter, müssen wir am Übereifer stolzer Väter leiden und das Laufen auf krummen Beinen lernen. Manche lassen uns gar stehen auf diesen schrecklich hohen, schrecklich wackeligen Beinen und lachen uns aus.

Kaum sind wir auf der Welt, müssen wir an die Brust, und haben wir uns an sie gewöhnt, wird sie uns entzogen. Später dann der erste Zahn und wenn er nicht pünktlich kommt, ist was nicht in Ordnung, und wenn er kommt, verfluchen sie ihn alle, nein, nicht den Zahn, uns Babys, dass wir uns so anstellen müssen, echte Babys weinen nicht. Dazwischen, wenn sie satt sind und frei haben, verlangen sie uns Höflichkeiten ab, blöd grinsen, wenn Besuch da ist, auf gute Laune machen, damit die buckelige Verwandschaft den Stunk nicht riecht.

Nicht zu vergessen, die vielen kleinen Gefängnisse, in die sie uns stecken! Laufsitze und der Laufstall erst! Und wenn wir schreien, einfach die Tür zu. (...)
Ständig werden wir mit Ansprüchen unzufriedener Eltern konfrontiert, die an Wahnvorstellungen leiden. Was bleibt uns anderes übrig, als ihnen extra die Ohren vollzuschreien, auf Kostüme und Nierentische zu kotzen und bockig Hosenscheisser zu bleiben, solange es nur geht. Schliesslich haben wir auch eine Würde.“

www.bytebaby.com

sagmal.de:
Warum blogst du Ralph?

Ralph Segert:
Oha, wahrscheinlich weil ich ein Aufmerksamkeitssüchtel bin und oftmals Spaß daran habe. Vielleicht auch, weil ich es schon so lange mache und mich an diese Art des Mitteilens, Diskutierens und Lernens gewöhnt habe.

sagmal.de:
Was ist oder wird bytebaby?

Ralph Segert:
Bytebaby.com ist ein Erinnerungsprojekt, das zum Mitschreiben bewegen möchte. Dabei geht es darum, einen vergessenen persönlichen Zeitabschnitt wieder lebendig, für Leser erlebbar zu machen. Die Jetztzeit erscheint dann in einem anderen Licht. Die Erinnernden entdecken vielleicht Dinge, die sie vorher nicht wahrgenommen und gedacht haben. Mir fiel zum Beispiel auf, dass die Masse an Desinformation oder allgemein die Unmenge an Reizen, Waren, die ganzen oberflächlichen Angebote, dass dies alles die Erinnerung zersetzt. Wir bleiben immer weniger Teil einer persönlichen Geschichte, weil es keinen Alltag mehr gibt, der uns zurückholt, der uns konfrontiert mit den Alten und dem Alten, der uns innehalten oder uns zu einem winzigen Teil einer noch zu schreibenden Geschichte werden läßt. Alles was ist, wird als selbstverständlich wahrgenommen, als ewig, aber wenn ich 30 Jahre zurückdenke, dann weiß ich, dass wir damals weitaus besser in der Lage waren, mit weniger Waren und Dienstleistungen zu leben. Zwar härter manchmal aber intensiver. Mir geht es nicht darum, "bessere Zeiten" herbeizureden, sondern um die Wiederentdeckung des Unterschieds und eine distanziertere Wahrnehmung der Gegenwart.

sagmal.de:
Mein Grund, dieses Interview führen zu wollen, waren die bebilderten Beiträge über deine persönliche Geschichte. Was hat dich dazu bewogen in Erinnerungen zu kramen und diese in der Öffentlichkeit zu präsentieren?

Ralph Segert:
Es fing mit der Suche im Keller an (hach, wie treffend ;-), bei der ich meine Bilderkiste wiederentdeckte. Beim Anschauen fand ich einige Bilder allein vom Aussehen faszinierend: Format, Farbe, Gebrauchsspuren. Und dann kamen Erinnerungen und kurze Zeit später dachte ich, dass es bestimmt ein spannendes Projekt wäre, sowas wie Bytebaby von Menschen aus aller Welt mitgestalten zu lassen. Und nun sind meine Erinnerungen der Anreger für Blogger und Netizens, die sich vielleicht die Zeit nehmen, sich auf ein Bild und eine Geschichte einzulassen. Dafür braucht man zwar die Stimmung, die richtige Situation, etwas Ruhe und den Fluss beim Schreiben und deshalb ist mir auch bewusst, dass das bytebaby nur langsam wachsen wird, wie ein Baby halt. ;-)

sagmal.de:
Wird es noch mehr solcher Beiträge geben?

Ralph Segert:
Ich von meiner Seite, habe noch ein paar Bilder, die mich sicher auf eine Erinnerungspur bringen werden. Aber vielleicht werde ich in der Zwischenzeit ein paar Fans und Mitgestalter des Projekts gewinnen, man weiß ja nie!

sagmal.de:
Willst du dein Blog allein führen oder planst du, auch andere Blogger zu beteiligen, die ähnliche Beiträge veröffentlichen wollen?

Bytebaby Ralph Segert:
Wie ich bereits erwähnte, wünsche ich mir Beteiligung.
Ich kann dafür ein Login vergeben, so dass jeder selbst seine Geschichte online stellen kann, ich nehme aber auch Scans und Texte via Email entgegen und binde das Ganze dann ein.
An technischen Hürden soll die Teilnahme nicht scheitern.

sagmal.de:
Du bist ja schon eine ganze Weile im Internet zuhause. Hat es sich in dieser Zeit verändert?

Ralph Segert:
Sehr, würde ich sagen. Das Gefühl oder die Einbildung, im deutschsprachigen Raum ein wenig Überblick zu haben, ist seit langem weg. Was die Blogger bringen werden, steht noch nicht fest, nur, dass sie das Internet verändern und gestalten. Welche Rolle die Internet-Kriminalität und -Überwachung, die Spamflut auf allen Ebenen aktiver Kommunikation (Trackbacks, Referrers, Kommentare) zeitigen wird, steht allerdings in den Sternen.

sagmal.de:
Momentan gibt es ja deutliche Bestrebungen in Deutschland, das Netz stärker zu regulieren und zu kontrollieren. Wie stehst du dazu?

Ralph Segert:
Ich bin nicht begeistert, über die Aktitäten der Sicherheitsfanatiker, die Bürgerrechte außer Kraft setzen, um eine Terrorgefahr zu bannen, die von den Verbündeten selbst in massivster Weise geschürt wird, noch weniger bin ich darüber begeistert, dass es die meisten Leute nicht kümmert. Wer nichts zu verbergen habe, der könne dem Staat sein ganzes privates und geschäftliches Leben preisgeben, so der allgemeine Tenor. Ich übertreibe, sicher, aber was bedeutet es, wenn es den Staaten in der EU ermöglicht werden soll, 1 Jahr lang Handy-, SMS-, Email-, und Internet-Daten zurückzuverfolgen, also faktisch überwachen zu können? [1]

Was bedeutet es, wenn der Staat plant, hierzulande Emails zu durchsuchen. [2] Ich verliere das Recht auf Schutz meiner Privatsphäre [3] und ich werde garantiert nicht erfahren, was mit den Daten passiert, ob und wann und wie sie missbraucht werden. Die gegenwärtige Politik stempelt alle Bürger zu potentiellen Terroristen ab [4].

Es wundert nicht nicht, dass es so wenig Protest dagegen gibt, verharmlosende Worte wie "Vorratsdatenspeicherung" tragen genauso dazu bei wie das mangelnde Gegengewicht namens Medien und die allgemeine inhaltliche Verflachung und Angleichung politischer Parteien, die sich den Interessen von Konzernen und Lobbyisten beugen. [5]

[1] http://www.taz.de/pt/2005/03/15/a0147.nf/text
[2] http://www.web-blog.net/comments/P169_0_1_0/
[3] http://www.gnupg.org/gph/de/manual/f20.html#AEN33
[4] http://www.freitag.de/2005/13/05131101.php
[5] http://www.taz.de/pt/2005/03/26/a0217.nf/text

sagmal.de:
Welche Auswirkungen haben die Aktivitäten auf deine Arbeit?

Ralph Segert:
Bisher nur die eine: Ich habe mir mit Hilfe eines freundlichen Netizens [6] das verschlüsselte Emailen beigebracht und weise meine Kunden darauf hin, dass sensible Daten nur verschlüsselt versendet werden sollten. Ansonsten versuche ich gerade im Kundenkreisen verstärkt auf die gegenwärtige Entwicklung hinzuweisen. Leider aber ist das Interesse noch nicht so groß.

[6] http://uckan.info/2005/03/12/anleitungen/

sagmal.de:
Wie nutzt du das Internet privat? Welche Seiten besuchst du besonders gern?

Ralph Segert:
Bei mir verzahnt sich privat und geschäftlich dermassen stark, dass ich es kaum trennen kann. Sicher, ich kaufe öfter mal ein Buch, lade mir Musikstücke von iTunes herunter, aber auch da spielt der Beruf mit hinein, denn die Stücke brauche ich zum Auflegen und manche Bücher sind zum Lernen und Nachschlagen da. Bestimmte Seiten, die ich besonders gerne besuche, gibt es nicht mehr. Es gibt Weblogs, die ich regelmässig besuche, dann die nützlichen Sites, die ich für die Recherche und Informationsbeschaffung brauche, ansonsten wird man als Blogger wohl nur noch die eigene Site besonders gern besuchen, um zum Beispiel nach Kommentaren zu schauen oder einen neuen Beitrag zu schreiben.

sagmal.de:
Hast du eine Frage vermisst?

Ralph Segert:
Mir liegt noch das Thema Softwarepatente [7] auf dem Herzen, denn wenn die sich auch in Europa durchsetzen - und das wird auch gegen demokratischen Spielregeln versucht [8] -, dann könnte das das Aus für Open Source und für viele andere allgemeinnützlichen Software-Bestandteile bedeuten. Als Freiberufler, der zum Beispiel eine Bilddatenbank anbietet und verkauft, müsste ich mich vorsehen, keine Patente zu verletzten, was mich die Existenz kosten könnte. Hier zieht eine sehr problematische und ungemütliche Zukunft für das Internet herauf, in der vor allem kleine Firmen um ihre Existenz fürchten müssen.

[7] http://segert.net/softwarepatente.html
[8] http://www.heise.de/newsticker/meldung/57163

sagmal.de:
Noch ein Schlusssatz?

Ralph Segert:
Liebe Leser, besucht doch einmal das Bytebaby und schenkt ihm eine Geschichte ;-) Darüberhinaus bedanke ich mich für Gelegenheit zum Interview :-)

sagmal.de:
Ich danke ebenfalls und wünsche alles Gute für das Baby.

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Das Interview wurde am 25.3.2005 per Mail geführt. Die Fragen stellte Anke Stursberg, freie Redakteurin von sagmal.de.
Wir danken Ralph Segert für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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