*** Ich bin nicht begeistert, über die Aktitäten der Sicherheitsfanatiker, die Bürgerrechte außer Kraft setzen, um eine Terrorgefahr zu bannen, die von den Verbündeten selbst in massivster Weise geschürt wird, noch weniger bin ich darüber begeistert, dass es die meisten Leute nicht kümmert.
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Ralph Segert ist unter Netizens längst kein Unbekannter mehr und auch
hier bei sagmal gibt es bereits etwas über ihn zu lesen.
Seit kurzem gibt es jedoch ein neues Projekt von ihm, das bytebaby. Dort
geht es um Geschichte, um sehr persönliche Geschichte(n),
Lebensgeschichte, so wie diese hier:
Wir Babys haben es nicht leicht. Kaum entwöhnt der Brust entnervter bis
liebestrunkener Mütter, müssen wir am Übereifer stolzer Väter leiden und
das Laufen auf krummen Beinen lernen. Manche lassen uns gar stehen auf
diesen schrecklich hohen, schrecklich wackeligen Beinen und lachen uns
aus.
Kaum sind wir auf der Welt, müssen wir an die Brust, und haben wir uns an
sie gewöhnt, wird sie uns entzogen. Später dann der erste Zahn und wenn
er nicht pünktlich kommt, ist was nicht in Ordnung, und wenn er kommt,
verfluchen sie ihn alle, nein, nicht den Zahn, uns Babys, dass wir uns so
anstellen müssen, echte Babys weinen nicht. Dazwischen, wenn sie satt
sind und frei haben, verlangen sie uns Höflichkeiten ab, blöd grinsen, wenn
Besuch da ist, auf gute Laune machen, damit die buckelige Verwandschaft
den Stunk nicht riecht.
Nicht zu vergessen, die vielen kleinen Gefängnisse, in die sie uns
stecken! Laufsitze und der Laufstall erst! Und wenn wir schreien, einfach
die Tür zu. (...)
Ständig werden wir mit Ansprüchen unzufriedener Eltern konfrontiert, die
an Wahnvorstellungen leiden. Was bleibt uns anderes übrig, als ihnen
extra die Ohren vollzuschreien, auf Kostüme und Nierentische zu kotzen und
bockig Hosenscheisser zu bleiben, solange es nur geht. Schliesslich haben
wir auch eine Würde.“
www.bytebaby.com
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sagmal.de:
Warum blogst du Ralph?
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Ralph Segert:
Oha, wahrscheinlich weil ich ein Aufmerksamkeitssüchtel bin und oftmals
Spaß daran habe. Vielleicht auch, weil ich es schon so lange mache
und mich an diese Art des Mitteilens, Diskutierens und Lernens gewöhnt
habe.
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sagmal.de:
Was ist oder wird bytebaby?
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Ralph Segert:
Bytebaby.com ist ein Erinnerungsprojekt, das zum Mitschreiben bewegen
möchte. Dabei geht es darum, einen vergessenen persönlichen
Zeitabschnitt wieder lebendig, für Leser erlebbar zu machen. Die
Jetztzeit erscheint dann in einem anderen Licht. Die Erinnernden
entdecken vielleicht Dinge, die sie vorher nicht wahrgenommen und
gedacht haben. Mir fiel zum Beispiel auf, dass die Masse an
Desinformation oder allgemein die Unmenge an Reizen, Waren, die ganzen
oberflächlichen Angebote, dass dies alles die Erinnerung zersetzt. Wir
bleiben immer weniger Teil einer persönlichen Geschichte, weil es keinen
Alltag mehr gibt, der uns zurückholt, der uns konfrontiert mit den Alten
und dem Alten, der uns innehalten oder uns zu einem winzigen Teil einer
noch zu schreibenden Geschichte werden läßt. Alles was ist, wird
als selbstverständlich wahrgenommen, als ewig, aber wenn ich 30 Jahre
zurückdenke, dann weiß ich, dass wir damals weitaus besser in der Lage
waren, mit weniger Waren und Dienstleistungen zu leben. Zwar härter
manchmal aber intensiver. Mir geht es nicht darum, "bessere Zeiten"
herbeizureden, sondern um die Wiederentdeckung des Unterschieds und eine
distanziertere Wahrnehmung der Gegenwart.
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sagmal.de:
Mein Grund, dieses Interview führen zu wollen, waren die bebilderten
Beiträge über deine persönliche Geschichte. Was hat dich dazu bewogen
in Erinnerungen zu kramen und diese in der Öffentlichkeit zu
präsentieren?
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Ralph Segert:
Es fing mit der Suche im Keller an (hach, wie treffend ;-), bei der ich
meine Bilderkiste wiederentdeckte. Beim Anschauen fand ich einige Bilder
allein vom Aussehen faszinierend: Format, Farbe, Gebrauchsspuren. Und
dann kamen Erinnerungen und kurze Zeit später dachte ich, dass es
bestimmt ein spannendes Projekt wäre, sowas wie Bytebaby von Menschen
aus aller Welt mitgestalten zu lassen. Und nun sind meine Erinnerungen
der Anreger für Blogger und Netizens, die sich vielleicht die Zeit
nehmen, sich auf ein Bild und eine Geschichte einzulassen. Dafür braucht
man zwar die Stimmung, die richtige Situation, etwas Ruhe und den Fluss
beim Schreiben und deshalb ist mir auch bewusst, dass das bytebaby nur
langsam wachsen wird, wie ein Baby halt. ;-)
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sagmal.de:
Wird es noch mehr solcher Beiträge geben?
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Ralph Segert:
Ich von meiner Seite, habe noch ein paar Bilder, die mich sicher auf
eine Erinnerungspur bringen werden. Aber vielleicht werde ich in der
Zwischenzeit ein paar Fans und Mitgestalter des Projekts gewinnen, man
weiß ja nie!
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sagmal.de:
Willst du dein Blog allein führen oder planst du, auch andere
Blogger zu beteiligen, die ähnliche Beiträge veröffentlichen wollen?
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Ralph Segert:
Wie ich bereits erwähnte, wünsche ich mir Beteiligung. Ich kann dafür
ein Login vergeben, so dass jeder selbst seine Geschichte online stellen
kann, ich nehme aber auch Scans und Texte via Email entgegen und binde
das Ganze dann ein. An technischen Hürden soll die Teilnahme nicht
scheitern.
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sagmal.de:
Du bist ja schon eine ganze Weile im Internet zuhause. Hat es sich
in dieser Zeit verändert?
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Ralph Segert:
Sehr, würde ich sagen. Das Gefühl oder die Einbildung, im
deutschsprachigen Raum ein wenig Überblick zu haben, ist seit langem
weg. Was die Blogger bringen werden, steht noch nicht fest, nur, dass sie
das Internet verändern und gestalten. Welche Rolle die
Internet-Kriminalität und -Überwachung, die Spamflut auf allen Ebenen
aktiver Kommunikation (Trackbacks, Referrers, Kommentare) zeitigen wird,
steht allerdings in den Sternen.
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sagmal.de:
Momentan gibt es ja deutliche Bestrebungen in Deutschland, das Netz
stärker zu regulieren und zu kontrollieren. Wie stehst du dazu?
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Ralph Segert:
Ich bin nicht begeistert, über die Aktitäten der Sicherheitsfanatiker,
die
Bürgerrechte außer Kraft setzen, um eine Terrorgefahr zu bannen,
die von den Verbündeten selbst in massivster Weise geschürt wird, noch
weniger bin ich darüber begeistert, dass es die meisten Leute nicht
kümmert. Wer nichts zu verbergen habe, der könne dem Staat sein ganzes
privates und geschäftliches Leben preisgeben, so der allgemeine Tenor.
Ich übertreibe, sicher, aber was bedeutet es, wenn es den Staaten in der
EU ermöglicht werden soll, 1 Jahr lang Handy-, SMS-, Email-, und
Internet-Daten zurückzuverfolgen, also faktisch überwachen zu können? [1]
Was bedeutet es, wenn der Staat plant, hierzulande Emails zu durchsuchen.
[2] Ich verliere das Recht auf Schutz meiner Privatsphäre [3] und ich
werde garantiert nicht erfahren, was mit den Daten passiert, ob und wann
und wie sie missbraucht werden. Die gegenwärtige Politik stempelt alle Bürger zu potentiellen Terroristen ab [4].
Es wundert nicht nicht, dass es so wenig Protest dagegen gibt,
verharmlosende Worte wie "Vorratsdatenspeicherung" tragen genauso dazu bei wie
das mangelnde Gegengewicht namens Medien und die allgemeine inhaltliche
Verflachung und Angleichung politischer Parteien, die sich den Interessen
von Konzernen und Lobbyisten beugen. [5]
[1] http://www.taz.de/pt/2005/03/15/a0147.nf/text
[2] http://www.web-blog.net/comments/P169_0_1_0/
[3] http://www.gnupg.org/gph/de/manual/f20.html#AEN33
[4] http://www.freitag.de/2005/13/05131101.php
[5] http://www.taz.de/pt/2005/03/26/a0217.nf/text
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sagmal.de:
Welche Auswirkungen haben die Aktivitäten auf deine Arbeit?
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Ralph Segert:
Bisher nur die eine: Ich habe mir mit Hilfe eines freundlichen Netizens
[6] das verschlüsselte Emailen beigebracht und weise meine Kunden darauf
hin, dass sensible Daten nur verschlüsselt versendet werden sollten.
Ansonsten versuche ich gerade im Kundenkreisen verstärkt auf die
gegenwärtige Entwicklung hinzuweisen. Leider aber ist das Interesse noch
nicht so groß.
[6] http://uckan.info/2005/03/12/anleitungen/
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sagmal.de:
Wie nutzt du das Internet privat?
Welche Seiten besuchst du besonders gern?
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Ralph Segert:
Bei mir verzahnt sich privat und geschäftlich dermassen stark, dass ich
es kaum trennen kann. Sicher, ich kaufe öfter mal ein Buch, lade mir
Musikstücke von iTunes herunter, aber auch da spielt der Beruf mit
hinein, denn die Stücke brauche ich zum Auflegen und manche Bücher sind
zum Lernen und Nachschlagen da. Bestimmte Seiten, die ich besonders gerne
besuche, gibt es nicht mehr. Es gibt Weblogs, die ich regelmässig
besuche, dann die nützlichen Sites, die ich für die Recherche und
Informationsbeschaffung brauche, ansonsten wird man als Blogger wohl nur
noch die eigene Site besonders gern besuchen, um zum Beispiel nach
Kommentaren zu schauen oder einen neuen Beitrag zu schreiben.
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sagmal.de:
Hast du eine Frage vermisst?
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Ralph Segert:
Mir liegt noch das Thema Softwarepatente [7] auf dem Herzen, denn wenn
die sich auch in Europa durchsetzen - und das wird auch gegen
demokratischen Spielregeln versucht [8] -, dann könnte das das Aus für
Open Source und für viele andere allgemeinnützlichen
Software-Bestandteile bedeuten. Als Freiberufler, der zum Beispiel eine
Bilddatenbank anbietet und verkauft, müsste ich mich vorsehen, keine
Patente zu verletzten, was mich die Existenz kosten könnte. Hier zieht
eine sehr problematische und ungemütliche Zukunft für das Internet
herauf, in der vor allem kleine Firmen um ihre Existenz fürchten müssen.
[7] http://segert.net/softwarepatente.html
[8] http://www.heise.de/newsticker/meldung/57163
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sagmal.de:
Noch ein Schlusssatz?
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Ralph Segert:
Liebe Leser, besucht doch einmal das Bytebaby und schenkt ihm eine
Geschichte ;-) Darüberhinaus bedanke ich mich für Gelegenheit zum
Interview :-)
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sagmal.de:
Ich danke ebenfalls und wünsche alles Gute für das Baby.
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Das Interview wurde am 25.3.2005 per Mail geführt. Die Fragen stellte Anke Stursberg, freie Redakteurin von sagmal.de. Wir danken Ralph Segert für die Beantwortung unserer Fragen. Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen |
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