Autoreninterview mit Oliver Buslau vom 9.1.2006
***
...ganz im Ernst, ich denke, dass der Thriller wie keine andere Literaturform die zentralen Themen menschlichen Miteinanders aufgreift … Gefahr, Angst und schließlich die Begleichung aller Schulden und eine wiederhergestellte Ordnung.

Oliver Buslau Oliver Buslau, 1962 geboren, ist seit 1994 freier Autor und Musikjournalist. Er studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Köln und Wien.
Nach seinem Studium arbeitete er im Produktmanagement der Plattenfirma EMI Classics und als Verlagsredakteur. Im Jahr 2000 gründete er die Zeitschrift "TextArt - Magazin für kreatives Schreiben", die er als Redakteur und Mitherausgeber leitet.
Oliver Buslau schrieb bisher sechs Kriminalromane. Fünf davon handeln von dem Wuppertaler Privatdetektiv Remigius Rott, ein weiterer Krimi, "Schängels Schatten" (2003), spielt am Mittelrhein.
Rotts neuester Fall erschien unter dem Titel "Bei Interview Mord" im November 2005.
Die Entstehung des Krimis war mit einem Aufruf des Radiosenders "Radio Berg" verbunden: Hörerinnen und Hörer konnten sich um eine Rolle in der Geschichte bewerben. Darüber hinaus schreibt Oliver Buslau auch Kurzgeschichten für Anthologien. Außerdem ist er nach wie vor für verschiedene Musikzeitschriften tätig und unterrichtet kreatives Schreiben.
Der Autor lebt seit 1992 in Bergisch Gladbach bei Köln.

www.oliverbuslau.de

Ulrike Renk
Bei Interview Mord? Erst hat mich das ein wenig geschreckt, aber dann habe ich mich doch nicht davon abhalten lassen, dies informative und nette Interview mit Oliver Buslau zu führen. Wir haben es beide überlebt.

sagmal.de:
Dein neuester Krimi Bei Interview Mord ist gerade bei Emons erschienen. In deinem Weblog kann man die Entstehung seit März 2005 verfolgen. Planst du deine Bücher immer so genau?

Oliver Buslau:
Ich fange immer erst an zu schreiben, wenn ich die Story kenne. Sonst fehlt mir einfach der Biss. Ich muss was zu erzählen haben. Außerdem vermeide ich so, dass der Roman unterwegs eingeht oder furchtbar intensiv überarbeitet werden muss. So was ist mir früher öfter passiert. Und es ist für den kreativen Motor immer gut, klare Terminvorgaben zu haben.

sagmal.de:
Der Terminplan war aber äußerst knapp. Wenn das Abgabedatum naht, arbeitest du dann Tag und Nacht? Workoholik?

Oliver Buslau:
An all meinen Projekten arbeite ich regelmäßig täglich eine bestimmte Zeit. Ich versuche mich nicht zu verausgaben, schreibe auch nicht wild drauflos, sondern höre recht schnell wieder auf. Ich bin mehr ein Sprinter als ein Marathonläufer. Nachts arbeite ich überhaupt nicht. Lieber Morgens. Auf Außenstehende würde das wahrscheinlich extrem diszipliniert und vielleicht sogar unkreativ und spießig wirken. Aber dieses Zeitraster ist wichtig, weil ich mich dann besonders frei fühle – so paradox das klingen mag.

sagmal.de:
Dadurch dass du real existierende Personen aus dem Bergischen Land mit in den Krimi einbezogen hast, hast du eine ganz spezielle Art von Regio-Krimi geschaffen. Wird es weitere Projekte dieser Art geben?

Bei Interview Mord Oliver Buslau:
Bestimmt. Früher habe ich reale Menschen nur verquast und mit mehr oder weniger leicht verfremdeten Namen eingebaut. Das Projekt Bei Interview Mord hat mir aber gezeigt, dass in wirklichen Menschen viel Potenzial für eine Geschichte steckt. Was da an Details kommt, kann man sich oft gar nicht ausdenken. Selbstverständlich werden alle Betroffenen vorgewarnt, und sie bekommen die entsprechenden Abschnitte auch vorher zu lesen. Vielen gefällt es auch, mal als Krimifigur vorzukommen. Man rennt da als Autor gegen offene Türen. Natürlich sollte man vermeiden, das Opfer oder den Täter echt zu besetzen. Meine realen Figuren sind allesamt Helfer des Detektivs. Bunte Stationen auf seiner Reise durch die Ermittlung.

sagmal.de:
Dann machst du diese Personen also zu Knotenpunkten, um die Handlung ???echter / realer“ werden zu lassen?

Oliver Buslau:
Das könnte man so sagen. Die Personen bringen ja ein Umfeld mit – Schauplätze, für sie interessante Themen, Berufe. Diese Elemente machen sorgen dann für noch mehr ???Realität“.

sagmal.de:
War es schwer echte Menschen in die Handlung einzubauen?

Oliver Buslau:
Im Gegenteil. Wenn ich mir einen Krimi ausdenke, gehe ich eh immer von den Figuren aus. Ohne Figuren gibt es ja keine Handlung. Und so empfinde ich es als Erleichterung, wenn ich Vorgaben habe. Im Grunde habe ich das sonst übliche Regio-Element Schauplatz um das Element Personen erweitert. Wichtig war mir nur: Auch ein Leser, der gar nicht aus der Region stammt, muss das Buch lesen können, ohne mit der Nase auf die echten Figuren gestoßen zu werden. Das Buch muss funktionieren. Das ist gelungen, wie mir schon vor der Veröffentlichung unbedarfte Testleser aus Norddeutschland bescheinigten.

sagmal.de:
Dies ist ein weiterer Fall von Remigius Rott. Wird es noch weitere Bücher mit ihm geben?

Oliver Buslau:
Klar. Ich arbeite schon an einer neuen Idee, übrigens verbunden mit einem ganz interessanten bergischen Schauplatz. Mehr sage ich dazu nicht. Erst wird es aber einen Krimi ohne Rott geben, der in Bonn spielt. Ich bin gerade dabei, die erste Fassung zu überarbeiten. Die Veröffentlichung ist für den nächsten Herbst geplant.

sagmal.de:
Man sagt immer, der Autor verarbeitet immer ein wenig von sich in seinen Figuren. Siehst du das auch so?

Oliver Buslau:
Sicher. Man muss sich ja in die Figuren hineinversetzen. Man muss sich vorstellen: Wie würdest du in dieser oder jener Situation handeln? Wie war das, als du selbst diesen oder jenen Konflikt erlebt hast? Trotzdem muss man sich davor hüten, autobiografisch zu werden.

sagmal.de:
Was von dir steckt in Remigius Rott?

Oliver Buslau:
Rott ist genau so alt wie ich, hat vielleicht auch eine ähnliche Sturheit. Ich habe früher ebenfalls Camel geraucht. Außerdem ähneln wir uns in einer gewissen ironischen Weltsicht, obwohl Rott da sicher extremer ist. Bis letztes Jahr fuhren wir auch noch das gleiche Auto: Einen roten Golf Diesel Baujahr 1989. Wenn ich in diesem Wagen durch das Bergische Land fuhr und recherchierte, habe ich mich wie Rott gefühlt.

sagmal.de:
Dein Leben ist unglaublich vielfältig. "TextArt - Magazin für kreatives Schreiben", Musik, Workshops, Krimis Schreiben. Als was würdest du dich bezeichnen?

Oliver Buslau:
Ich würde mich aus Autor bezeichnen.
Denn das ist es, was all diese Dinge verbindet: das Schreiben. Ich habe schon ziemlich früh gewusst, dass ich beruflich schreiben wollte, und habe deswegen auch Musikwissenschaft studiert: Ich wollte als Journalist über Musik schreiben. Der Krimi ist später dazu gekommen, erst 1999.
Insgesamt geht es mir darum, das Schreiben in seiner Vielfalt selbst beruflich auszuprobieren. So ist die Gründung von
"TextArt - Magazin für kreatives Schreiben", der Zeitschrift für kreatives Schreiben, eine konsequente Sache gewesen. Ich habe diesen Schritt gewagt, weil ich selbst so eine Zeitschrift lesen wollte, aber in Deutschland keine fand.

sagmal.de:
Was genau willst du mit "TextArt - Magazin für kreatives Schreiben" vermitteln? Techniken? Tipps?

Oliver Buslau:
Techniken und Tipps, die man umsetzen kann in erster Linie – und das nicht nur in Form von Ratschlägen, sondern auch in Form von Interviews mit Leuten, die irgendwas auf dem Gebiet der Literatur tun, also nicht nur Autoren, sondern auch Lektoren, Agenten und so weiter. Mir geht es aber auch darum, ein Medium anzubieten, das über die Welt des kreativen Schreibens berichtet. In welchem Medium erfährt man denn sonst, wie es in Schreibkursen in München, Wolfenbüttel oder Erfurt zugeht? Wo findet sonst man praktisch über alle Bücher, die zum Thema erscheinen, Rezensionen?

sagmal.de:
In "TextArt - Magazin für kreatives Schreiben" geht es um das Schreiben. Kann man es lernen? Ist es tatsächlich eher Handwerk als Talent?

Oliver Buslau:
Man kann sich darüber streiten, wie Handwerk und Talent prozentual verteilt sind. Ich tippe mal, das ist bei jedem anders. Sicher ist: Ohne Handwerk nützt das größte Talent gar nichts. Andererseits kann sehr viel Handwerk mangelndes Talent nicht ersetzen. Aber: Erst mit dem Handwerk lernt man selbst, wie viel Talent man eigentlich hat. Das ist genau wie beim Klavierspielen oder Malen. Man kann es lernen, man kann aber nicht allein durch den Lernprozess ein Horowitz oder Picasso werden. Das macht ja auch nichts: Nicht jeder, der eine Kunst- oder Musikhochschule besucht hat, wird ein Profikünstler oder gar ein Star, aber er trägt das Interesse am Malen bzw. an der Musik in die Gesellschaft hinein, ob als Lehrer oder in der eigenen Familie. Warum sollte es beim Schreiben nicht genauso gehen? Und: Wer gerne schreibt, wird auch gerne lesen. Schreiben lehren und Schreiben lernen sichert somit auch die Zukunft des Buches und das Interesse an der Literatur.

sagmal.de:
Ist es typisch deutsch U- und E-Literatur zu unterscheiden?

Oliver Buslau:
Ich höre oft, dass das eine typisch deutsche Sache ist. Es scheint jedoch auch in anderen Ländern so eine Unterscheidung zu geben, nur heißt sie dann vielleicht anders und man blickt auf das, was wir ???U“-Literatur nennen, vielleicht nicht so hochnäsig hinab, um sie dann heimlich doch zu konsumieren. Ich denke, es ist müßig, über diese Unterscheidung groß zu diskutieren. Man sollte besser konkret an Texten sagen, was einem gut gefällt und was nicht. Und da fällt in allen Schubladen immer wieder mal was an.

sagmal.de:
Du hast mir mal gesagt, dass Schreiben mit der Musik Ähnlichkeit hat. Ein Musikstück hat einen typischen Aufbau, ein Buch auch. All dem liegt die Mathematik zu Grunde. Ist es tatsächlich so einfach?

Oliver Buslau:
Wenn ich das so verglichen habe, meinte ich damit nicht, dass alles rational ableitbar oder gar machbar ist. Und einfach schon gar nicht. Aber die Beherrschung der Form ist eine wichtige Sache, wenn man sich mit musikalischer Komposition beschäftigt. Und das ist beim Schreiben genauso. Ich erkenne oft Parallelen in der Ausbildung zum Komponisten und der Ausbildung zum Autoren.

sagmal.de:
Als äußerst vielbeschäftigter Mann, hast du noch Hobbys?

Oliver Buslau:
Ein Hobby ist ein Steckenpferd, das man mit großer Hingabe neben seinem Beruf betreibt. Nein, so was habe ich nicht, und ich brauche es auch nicht. Ich unterscheide sowieso nicht, ob ich etwas beruflich oder nicht-beruflich tue. Ich tue Dinge, und sehe dabei zu, dass das Konto im Plus bleibt. Das ist das ganze Geheimnis. Die Einteilung in Beruf und Freizeit, in Arbeitszeit und Feierabend, in Arbeit und Urlaub habe ich noch nie verstanden.

sagmal.de:
Wie wichtig ist das Internet für dich?

Oliver Buslau:
Sehr wichtig.

sagmal.de:
Du kennst bestimmt Nick Hornby. Sein Faible sind Listen. Hast du so was auch? Die fünf Lieblingsbücher, die fünf schlechten Bücher, fünf Lieblingslieder?

Oliver Buslau:
Ja, das habe ich auch, aber nicht so akribisch, und auch immer wieder wechselnd. Ich kann ja mal was verraten: Meine Lieblingsbücher sind viele Romane von Georges Simenon, Otfried Preußlers ???Krabat“, ???Schnappt Shorty“ von Elmore Leonard.
Die fünf schlechtesten Bücher nenne ich mal nicht. Statt Lieblingslieder nenne ich lieber was aus der klassischen Musik, das ist mehr meine Welt: Mahlers zweite Sinfonie, die ???Alpensinfonie“ von Richard Strauss, Smetanas ???Moldau“, Vivaldis Konzerte op.3, Bachs ???Brandenburgische Konzerte“, viel von Mozart, auf jeden Fall die Oper ???Don Giovanni“. Das wäre so mein Programm zum mit auf die Insel nehmen.

sagmal.de:
Was wird als nächstes von dir zu lesen sein?

Oliver Buslau:
Außer TextArt-Beiträgen und CD-Rezensionen in verschiedenen Musikzeitschriften: Wahrscheinlich der angesprochene Bonn-Krimi.

sagmal.de:
Was habe ich vergessen zu fragen?

Oliver Buslau:
Diese Frage gebe ich gerne an die Leserinnen und Leser weiter. Sollte noch was auf den Nägeln brennen – ich bin ja nicht aus der Welt: info@oliverbuslau.de

Zurück zur Übersicht Zur Übersicht Interviews Nach oben

Das Interview wurde am 9.1.2006 per Mail geführt. Die Fragen stellte Ulli Renk, freie Mitarbeiterin von sagmal.de.
Wir danken Oliver Buslau für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


Sagmal.de ist ein Angebot von
Compuexe.de