Interview mit Klaus Brandstetter vom 22.3.2002
Klaus Brandstetter

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Wenn es denn eine Botschaft gibt, die sich in jedem Beitrag ausdrückt, dann ist es die implizite Aufforderung: Nehmt euch die Freiheit zu denken, auf dass man sie euch nicht nehme!


Als ein Liter Bier noch 1,21 DM, ein Kilo Brot noch 0,62 DM und 250 Gramm Butter noch 1,58 DM kosteten, als das „Wirtschaftswunder“ zum offiziellen Prädikat Deutschlands und dieses Land in die NATO aufgenommen wurden, als Hitchcock’s „Über den Dächern von Nizza“ und Deutschland die Titel „Film des Jahres“ und „Fußballweltmeister“ zierten und das Fernsehen allgemein Einzug in deutsche Wohnzimmer hielt, zeigte man Klaus Brandstetter das Licht der Welt.
Er geht davon aus, dass er es zunächst wahrscheinlich gar nicht sehen wollte.

Es mag Zeitgenossen geben, die bedauern, dass er sich hat umstimmen lassen.
Aber es ist 1954 noch etwas Entscheidendes geschehen: In New York wurde das erste Rechengehirn gebaut, das diesen Namen verdient. Irgendwie muss er geahnt haben, dass sich daraus etwas machen lässt.
Er hat ins Blaue hinein entschieden, dass es sich lohnen muss, dieses Leben als ein Angebot zu betrachten.

Heute betreibt er zwei Firmen und ist an einer weiteren beteiligt, nachdem er knapp vier Jahre in Präsentationsfragen gestalterisch und organisatorisch in einem großen Investment-Haus verantwortlich tätig war.
Klaus Brandstetter Davor allerdings lagen ein Musikstudium, eine kleine Bühnenkarriere, eine Umschulung zum EDV-Trainer, in dieser Eigenschaft Jahre des freiberuflichen Tingelns durch deutsche Lande, das Schreiben von Fachbüchern, der Bau eines Hauses und nach dem Pflanzen von Bäumen schließlich die Vaterschaft.
Fehlt eigentlich nur noch der Jaguar...

Quelle: www.brandstetter.de

sagmal.de:
Klaus, auf deiner Homepage steht auf der Eingangsseite der Satz: Sie befinden sich im Digital, jenem geheimnisumwobenen Ort, an dem manche Menschen Zuflucht suchen vor dem Martyrium der diktierten Sinnlosigkeit. Ziehen Sie sich zurück aus der Welt der eingemixten Beifallsstürme. Aber lassen Sie sich nicht dabei erwischen. Wer sucht denn alles Zuflucht in deinem Digital und inwiefern gewährst du diese?

Klaus Brandstetter:
Ein Blick in mittlerweile zahlreiche Gästebuchseiten zeigt, dass da ganz verschiedene Menschen vorbei kommen. Einen Teil davon - den weitaus geringeren - kenne ich persönlich oder habe ihn über diese Kontaktaufnahme kennen gelernt. Von ihnen weiß ich etwas mehr. Einige andere haben sich offenbart in der Art ihres Gästebucheintrags. Die liebsten davon sind mir die, die mich beim Lesen in Spannung halten, bei denen man am Anfang noch nicht weiß, wo man am Ende rauskommt. Allen ist eines gemeinsam: Sie suchen Inhalte. Und das ist die "Zuflucht", die ich gewähre - Inhalt. Dass man nicht immer einer Meinung ist, liegt in der Natur der Sache. Dass mancher sich mehr journalistische Recherche wünscht ebenfalls. Dazu muss man aber sagen, dass Anderersites ein Hobby-Projekt ist und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann und will.

sagmal.de:
Und das Real Life? Diktierte Sinnlosigkeit?

Klaus Brandstetter:
Wenn du so fragst: In vielen Bereichen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir nicht mehr wissen, was wir tun. Vielleicht wusste das die Menschheit noch nie. Aber die Formulierung "diktierte Sinnlosigkeit" hat ihren Ursprung in den Comedy-Serien, die so flach sind, dass man dem Zuschauer durch eingemischten Beifall klar machen muss, wann er zu lachen hat. Dieser Umstand hat hier Pate gestanden. Natürlich ist die Wendung übertragbar und sie soll es auch sein.
Sie soll provozieren.

sagmal.de:
Was mir auf deinen Seiten besonders gefallen hat, waren deine Texte. Ob jetzt bei "Speakers Corner" oder bei den Reisetagebüchern, ich habe alle genossen. Woher hast du deine "Gabe" und was willst du deinen Besuchern mitteilen?

Klaus Brandstetter:
Wer an Gott glaubt, hat seine Gaben von Gott. Wer nicht an Gott glaubt, muss sie aus anderer Quelle schöpfen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich in der Grundschule bereits meiner Satzbildungen wegen aufgefallen bin und einfach schon immer gerne geschrieben habe. Ich erinnere mich gut an meine schönste Aufgabe in Deutsch (das war dann allerdings im Gymnasium) - die bewusste Bildung eines Schachtelsatzes über eine DIN A4-Seite ohne syntaktischen und semantischen Bruch. Ich habe die Aufgabe selbst thematisiert und eine meiner ersten Glossen daraus gemacht.

Bilderbogen Was will ich meinen Besuchern mitteilen? Es mag vielleicht überraschen, wenn ich sage: Nichts! Ich schreibe aus eigenem Antrieb, aus Freude am Schreiben, aus Sichtweisen heraus, die ich beispielsweise in der Tagespresse vermisse aber für legitim halte. Ich schreibe in Verantwortung dem Thema oder Gegenstand gegenüber. Wes das Herz voll ist des geht der Mund davon über, das ist meine Motivation. Das alles war ein großes Experiment und es hat seine Leser gefunden. Natürlich freut mich das, keiner arbeitet gerne für die Schublade. Wenn es denn eine Botschaft gibt, die sich in jedem Beitrag ausdrückt, dann ist es die implizite Aufforderung: Nehmt euch die Freiheit zu denken, auf dass man sie euch nicht nehme!

sagmal.de:
Du bist ja auch beruflich dem Web verbunden, das heisst, du bist generell sehr viel im Web unterwegs. Bekommt man da nicht irgendwann genug davon?

Klaus Brandstetter:
Hat man irgendwann genug Bücher gelesen?

sagmal.de:
Was macht für dich den Reiz des Webs aus?

Klaus Brandstetter:
Es ist - siehe die vorige Frage - ein riesiges Buch. Noch dazu eines, das sich ständig erweitert. Wenn ich mich recht an ein Interview entsinne, das ich vor einiger Zeit im Radio gehört habe, wird derzeit weltweit alle drei Minuten eine neue chemische Formel entdeckt. Diese irrwitzige Dynamik drückt sich natürlich auch außerhalb der Wissenschaften aus. Das Web ist der sichtbar gewordene Wahnsinn, die Verkörperung der Exponentialisierung von Prozesszyklen. Das Web macht uns zu Augenzeugen einer Entwicklung, die wir mit herkömmlichen Medien nicht einmal ahnungsweise darstellen könnten. - Abseits dieser Atemlosigkeit, die ich durchaus nicht befürworte und deren Ursachen Ray Kurzweil in seinem Buch "Homo S@apiens" [Anmerkung: Das ist kein Tippfehler!] zu erklären versucht, finden sich im Web immer wieder Inseln der Ruhe, der Kontemplation. Von alledem ab- und ganz praktisch gesehen ist das Web natürlich ein wunderbares Nachschlagewerk - die erste Quelle, die angezapft wird, wenn wir etwas suchen oder nicht wissen.

sagmal.de:
Ist das Web in deinen Augen schon ein Allgemeingut wie Fernsehen oder Telefon, oder eher noch etwas exotisches?

Klaus Brandstetter:
Wenn es dir immer öfter passiert, dass auf eine Frage, die im Raum steht, Menschen, von denen du das gar nicht erwartest, antworten: "Schau' doch mal im Internet...", dann ist das Web auf dem Weg zur allgemeinen Akzeptanz. Um Allgemeingut wie Fernsehen oder Telefon zu werden, braucht es hierzulande noch eine Zeit. Das hat sehr verschiedene Ursachen, die man in einem eigenen Beitrag unterbringen müsste. Nur so viel: Die Aktivität, die es einem abverlangt, ist eine davon. Eine andere ist die Politik des Monopolisten Telekom...

sagmal.de:
Wie stellt sich das im täglichen Alltag dar? Spürst du eine wachsende Akzeptanz?

Klaus Brandstetter:
Es gibt in Bezug auf neue Medien mindestens zwei verschiedene "Alltage" - den im Ballungs- und den im ländlichen Raum. Worüber man in Ballungszentren schon gar nicht mehr redet, darüber redet man in ländlich strukturierten Gegenden unter Umständen *noch* nicht. Ich lebe unweit Frankfurts, aber mitten auf dem Land. Auch dort wächst die Akzeptanz dem Web gegenüber, jedoch mit noch immer sehr vielen Vorbehalten. Jede Katastrophenmeldung, wie die den Wurm "W32/SQLSlammer" betreffende, bewirkt eine Bestärkung der Bedenkenträger und damit mindestens einen kleinen Rückschlag. Tatsache ist aber schon, dass Menschen, die noch vor Jahresfrist beispielsweise die Veröffentlichung von Ortsbeiratsprotokollen im Internet abgelehnt haben, inzwischen Ausdrucke von Internet-Recherchen neben dem Monitor liegen haben. Selbstverständlich geworden ist in der Tat die Kommunikation via E-Mail.

Was parallel zur Akzeptanz wachsen müsste ist allerdings das Bewusstsein für Qualität. Aber das ist kein web-spezifisches Problem.

sagmal.de:
Fühlst du dich mit deinen Ansichten, deinen Ideen, als Meinungsmacher?

Klaus Brandstetter:
Anderersites kann insoweit einen gewissen "Erfolg" für sich reklamieren, als es Beachtung findet. Dem Erfolg wohnt immer etwas Beispielgebendes inne. Meinungsmacher kann ich nicht sein, denn dazu gehört Marktmacht und das damit verbundene nötige Maß an Korrumpiertheit. Das ist kein erstrebenswertes Ziel.

sagmal.de:
Was mir an deinen Seiten gefällt, ist die Leichtigkeit der Darstellung. Du verzichtest auf unnötige Spielereien, lässt die Inhalte für sich sprechen. Ist es denn nicht modern, alles in blinkendes, blitzendes Design zu verpacken ?

Klaus Brandstetter:
Oh ja, es ist modern. Manche Flash-gespickte Seite erinnert so langsam immer mehr an jene Prospekte, die als Postwurfsendungen zu Kaffee- oder Butterfahrten einladen: Bunt bis zum Erbrechen, Hervorhebungen als Regelfall, Wiederholungen bis zum Abwinken, Verletzung nahezu aller Regeln sorgfältigen Designs. Andere kommen zwar mit weniger Animation aus, bringen aber dafür jenen technisch orientierten Glamour, um den sich derzeit jeder bemüht, der etwas auf sich hält. Paradebeispiel: Die Arztseite, auf der der Mensch als Drahtgittermodell vorgestellt wird. Sehr dem Zeitgeist entsprechend, aber geschmacklos, einer völlig zu kurz greifenden Analogiebildung folgend und obendrein unmenschlich. Hier zeigt sich, was ich oben mit "Bewusstsein für Qualität" meinte.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe nichts gegen Flash oder andere Animationstechniken. Jedoch verwechseln nicht wenige den Frosch mit der Fliege. Flash kam auf den Markt zu einer Zeit, zu der die meisten noch gar nicht wussten, was sie damit anfangen sollen. Flash ist ein Werkzeug in erster Linie für Künstler und Didaktiker. In den Händen solcher Menschen ist es bestens aufgehoben. Flash ohne inhaltlichen Gegenwert ist eine Missachtung der Web-Nutzer. Die erste wirklich nutzbringende Flash-Animation, die ich gesehen habe, war eine Tanzanleitung, aus der man ersehen konnte, wie die Füße sich bewegen müssen.

Ich will mal provozieren: Gute Webseiten brauchen keine Animation. Sie sind Animation. Das ist das Credo der neuen Einfachheit, dem sich übrigens in letzter Zeit wieder mehr Web-Designer zuwenden. Gefordert werden sie dabei durch einen von Gesetzes wegen unterstützten, langsam mächtiger werdenden Trend: Stichwort "barrierefreier Zugang".

sagmal.de:
Wie wird es mit anderesites und wie wird es mit dir im Web weitergehen?

Speakers CornerKlaus Brandstetter:
Lass' mich mal eben die Kristallkugel holen... ;-) Spaß beiseite: Auf anderersites wird es auf jeden Fall mit Speaker's corner und den Reisebüchern weiter gehen. Die fast zweijährige Pause ist durch die jüngsten Veröffentlichungen den geduldigen Besuchern hinreichend erklärt - jedenfalls, soweit ich das im Moment mit den noch immer nötigen Rücksichten kann. Tatsächlich haben im Verlauf dieser langen Schweigenszeit die Zugriffe kaum nachgelassen. Dem Thema "Alter" werde ich gewiss noch einmal einen Artikel widmen, da diese Lebensspanne in unserer Gesellschaft ja nur im Zusammenhang mit Vermögensanlagen eine Rolle spielt. Da brauche ich selbst aber noch ein wenig Abstand zu dem Chaos, in dem ich mich teilweise noch immer befinde.

Die Reisebücher werden auf jeden Fall noch um zwei ältere Exemplare erweitert, von denen das eine als historisch bezeichnet werden darf. Es ist 1986 bei einer sechswöchigen Jugoslawien-Rundreise entstanden, am Vorabend der bald darauf ausgebrochenen Bürgerkriege. Das in meinen Reisenotizen beschriebene Land existiert nicht mehr, die Notizen können aber durchaus Erklärungen liefern. Da wartet allerdings eine Menge Arbeit auf mich, da dieses Buch dick geraten ist und nur handschriftlich vorliegt.

Ansonsten habe ich anderersites inzwischen schon ein wenig abgespeckt - die Jahresrrückblicke waren beispielsweise zwar eine sehr schöne Einrichtung, aber ungeheuer pflegeintensiv. Die anderen Rubriken bleiben mehr oder weniger.
Am Design werde ich so schnell nichts mehr ändern. Das letzte Relaunch hat mich Wochen gekostet. Außerdem kommt es bei den Besuchern nach wie vor gut an, sodass auch überhaupt keine Notwendigkeit dazu besteht.

Im Web bin ich nicht kommerziell u.a. noch über www.heubach-online.de vertreten, der Seite meines Wohnortes, die ich ehrenamtlich aufgebaut habe und pflege. Hier finden zahlreiche Experimente statt. Das Dorf Heubach veröffentlicht als der einzige von acht Stadtteilen von Groß-Umstadt (Südhessen) - abgesegnet durch einen Ortsbeiratsbeschluss - die Protokolle dieses Gremiums. Die Seiten der sog. ContainerAkademie werden von zwei anderen Heubachern gepflegt - verteilte Verantwortung für ein und dieselbe Sache. Dem gleichen Prinzip folgend bin ich grade dabei, über die ContainerAkademie eine Jugendredaktion Internet aufzubauen, um Nachwuchs heranzuziehen und die Kontinuität sicherzustellen.

Weitere Experimente, wie beispielsweise "Sansibar" wird es sicherlich auch künftig geben. Gelegenheit macht Diebe...

Das Leben ist ein Raum mit vielen Türen. Du entdeckst immer neue und weißt nie im voraus, welche als nächstes sich öffnen wird. Womit ich mich im Augenblick schwerpunktmäßig befasse ist das oben schon erwähnte Thema "barrierefreier Zugang".

sagmal.de:
Gibt es eine Seite, die dir besonders am Herzen liegt?

Klaus Brandstetter:
Das wechselt je nach Lebenslage und beruflichen Erfordernissen. In der Rubrik "Gästezimmer" sind einige Sites aufgeführt, die mir gefallen. Die sind teilweise schon Bestandteil der deutschen Webgeschichte und es sind längst nicht alle, die eine gesonderte Erwähnung verdienten.

sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Klaus Brandstetter:
Nnnein, aber diese hatte ich am wenigsten erwartet!

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Klaus Brandstetter:
Danke für die anregenden Fragen.
Schade, dass wir dabei keine gemeinsame Tasse Kaffe trinken konnten.

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Das Interview wurde am 22.3.2003 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Klaus Brandstetter für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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