Interview mit Albert Hoffmann vom 15.4.2003
Albert Hoffmann

Albert Hoffmann
Geboren in der Oberpfalz, in Passau lebend. Verheiratet, drei Kinder. An Grund- und Hauptschulen tätig, zurzeit Konrektor in Ruderting. Davor sechs Jahre lang als Auslandsdienstlehrkraft an der Deutschen Schule Kuala Lumpur. Herausgabe von sieben Büchern, Inszenierung von Singspielen und Operetten in Tittling, Bayer. Wald

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… das Internet wird auch noch weitaus stärker in die Schule integriert werden, als viele sich das heutzutage vorzustellen vermögen. Allerdings sind wir noch lange nicht soweit. Es ist immer noch schwer, auf das Niveau der einzelnen Schulklassen zugeschnittene Webseiten zu finden, das Suchen dauert zu lange, die Arbeitsaufgaben noch nicht ausgereift genug.

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Antolin-LogoAntolin.de ist ein Internet-Programm zur Leseförderung. Antolin.de will zum Lesen von Ganzschriften anregen.

Ursprünglich wurde Antolin.de von Eltern und Lehrern der Volksschule Ruderting bei Passau ins Leben gerufen. Inzwischen arbeiten rund 60 Freiwillige aus dem ganzen deutschsprachigen Raum bei Antolin.de mit.
Sie lesen Bücher, entwickeln Fragenkataloge, machen Verbesserungsvorschläge und haben mit Ihren Ideen Antolin.de in der jetzigen Form geprägt.
Jeder Schüler hat ein eigenes Konto, auf das er mittels seines Kennworts Zugriff hat. Schüler lesen Bücher (aus Schulbücherei, Gemeindebücherei, private Bücher). Danach präsentiert ihnen Antolin.de jeweils 15 Fragen zum Inhalt der gelesenen Bücher. Richtige Antworten werden mit Punkten belohnt. Der Punktestand wird im Schülerkonto gespeichert

Antolin in Zahlen:
Mehr als 60 000 angemeldete Lehrer und Schüler
1545 Bücher in Antolin.de
Im laufenden Schuljahr (2002/2003) wurden bereits mehr als 240 000 Bücher via Antolin.de gelesen

Grund genug Albert Hoffmann, dem Initiator und Herausgeber von Antolin, ein paar Fragen zu stellen.

sagmal.de:
Albert, wie bist du auf die Idee gekommen, Antolin ins Leben zu rufen und was ist Antolin eigentlich genau?

Albert Hoffmann:
Vor dem Hintergrund einer tiefen Hilflosigkeit als Lehrer bei meinen vielfältigen, arbeitsintensiven, jedoch zumeist wenig erfolgreichen Versuchen, die Kinder dauerhaft zum Lesen zu animieren, traf ich vor drei Jahren in den USA auf folgenden Ansatz: Die Lesetätigkeit von Kindern wird mit einer Datenbank in Verbindung gebracht. Diese Idee faszinierte. Hier wurde zum ersten Mal in einer beispielhaften, zeitgemäßen Form der Versuch unternommen, die Lesetätigkeit sichtbar zu machen. Lesen, insbesondere das Lesen von Büchern, ist zuerst einmal Arbeit, die einer Würdigung bedarf. Doch wie hätte ein Lehrer - bisher - diese detaillierte Anerkennung jedem einzelnen Kind glaubhaft vermitteln können? Ein hilfloses Unterfangen! Und somit war Antolin geboren: Eine Website mit hinterlegter Datenbank, auf der (vor allem) die Fragensätze zu den Kinder- und Jugendbüchern sowie die persönlichen Schülerkonten gespeichert sind. Sehr schnell entfernte sich die Antolin - Idee von den amerikanischen Vorläufern und wurde zielstrebig zu einem Leseprogramm für deutschsprachige Verhältnisse entwickelt.

sagmal.de:
Und wie hast du es dann geschafft, die Idee in die Tat umzusetzen? Ich stelle mir den Weg von der Idee zum fertigen Produkt nicht ganz leicht vor?...

Albert Hoffmann:
Als ich von oben besagter „Lehrerfortbildung“ aus den USA zurückkehrte und von dieser neuen Art der Leseförderung schwärmte, meinte mein Sohn Raphael, Student der Informatik, ein solches Programm könne er erstellen, keine Frage. Gleichzeitig wurde als Basis nur das Internet in Betracht gezogen. Aufgrund seiner Breitenwirkung sollten die sich ergebenden Synergieeffekte für Antolin genutzt werden. Es war uns klar, die Unmenge an Arbeit, die eine solche Datenbank vor allem bei der Erstellung von Fragesätzen erforderte, könnte nie von uns alleine geleistet werden. Hierzu bedürfte es der Mithilfe von vielen; die würde aber zu bekommen sein - so unsere Meinung -, da ja im gleichen Moment die Vorteile von Antolin allen wieder zugute kämen. Die ersten Fragesätze wurden von mir und meiner Frau erstellt, die Lehrerkollegen unserer Schulen schlossen sich bald an; Schülereltern und Freunde ebenso. Es dauerte nicht lange, da meldeten sich interessierte Lehrer und Eltern von Schulen, die erste Versuche mit Antolin gemacht hatten. Heute bekommen wir täglich aus dem ganzen deutschsprachigen Raum Fragensätze zugesandt.

sagmal.de:
Wieviele Schulen haben eine Antolin-Bibliothek?

Albert Hoffmann:
Das kann nicht genau beantwortet werden. Unsere Datenbank speichert im Augenblick nur die teilnehmenden Lehrer, nicht die Schulen. Es dürften unserer Schätzung nach im Moment (Mitte April 03) ca. 4000 Schulen aus insgesamt 15 Ländern sein.

sagmal.de:
Die Arbeit an Antolin ist sicher nicht alleine zu bewältigen. Wer hilft dir dabei und wie bist du an deine Helfer gekommen?

Antolin.de Albert Hoffmann:
Ohne meine Familie gäbe es Antolin nicht. Das steht fest. Allerdings vermutlich auch nicht ohne das Internet und seine große Gemeinde. Eine weitere wichtige Rückenstärkung stellt heute die Kooperation mit dem Schulmedien -Verlag Schroedel, Hannover, dar.

sagmal.de:
Wie sieht es mit Förderung durch Verlagswesen und/oder Buchhandel aus?

Albert Hoffmann:
Hier bewegt sich etwas. Eine ganze Reihe von Kinder- und Jugendbuchverlagen haben erkannt, dass sich Bücher, die in Antolin eingestellt sind, leichter verkaufen lassen. Die Kinder äußern immer stärker den Wunsch, „Antolin-Bücher“ zu bekommen. Und die Schulen sowie Bibliotheken, die jetzt bereits vielfach „Antolin-Bücherecken“ einrichten, kaufen natürlich bevorzugt derartige Bücher. Wir bekommen also von diesen Verlagen Unterstützung. Vereinzelt richten Buchhandlungen „Antolin-Regale“ ein.

sagmal.de:
Und wie stehen die Schulbehörden zu Antolin?

Albert Hoffmann:
Noch gibt es angeblich vereinzelt Vorbehalte gegenüber dem neuen Medium Internet, als „mainstream“ aber kann man eine neugierige, aufgeschlossene Haltung zu Antolin ausmachen. Insbesondere das Bayerische Kultusministerium fördert Antolin. Es dürfte allerdings inzwischen kaum mehr eine staatliche Bildungsinstanz im deutschsprachigen Raum geben, die nicht auf einer ihrer Webseiten Antolin empfiehlt.

sagmal.de:
Wird sich Antolin verändern, sind Neuerungen geplant?

Albert Hoffmann:
Ja natürlich, was sich nicht ändern will, ist wohl schon dem Tode geweiht. Eine Menge neuer Ideen sind bereits fixiert, z.B. eine spezielle Version für den gymnasialen Sektor, für den Sonderschul - Bereich, ein monatlich erscheinenden Newsletter, der vor allem den Büchereileitern Hilfen bieten soll, der Bereich Jugendliteratur. Verständlich, dass nicht alles gleichzeitig umgesetzt werden kann. Die wohl wichtigste Änderung in nächster Zeit: Ab September wird es neben der Standard - Version eine inhaltlich anspruchsvollere Premium - Version mit umfangreicherer Lehrerseite geben.

sagmal.de:
Wie siehst du als Lehrer und Antolingründer das Internet? Ist es wirklich so gefährlich für unsere Jugend, wie es in den Medien immer dargestellt wird? Oder überwiegen eher die Vorteile des neuen Mediums?

Albert Hoffmann:
Die Möglichkeiten sind fantastisch, das Internet wird noch weitaus stärker in die Schule integriert werden, als viele sich das heutzutage vorzustellen vermögen. Allerdings sind wir noch lange nicht soweit. Es ist immer noch schwer, dem Niveau der einzelnen Schulklassen angepasste Webseiten zu finden, das Suchen dauert zu lange, die Arbeitsaufgaben sind noch nicht ausgereift genug.

sagmal.de:
Was wird aus dem Internet in den nächsten Jahren werden?

Albert Hoffmann:
Eine Basisstation für Wissen, das stets auf dem aktuellen Stand ist, den verschiedenen Leistungsstufen entsprechend abgefragt werden kann, leicht und schnell zugänglich ist, motivierend aufbereitet, mit Aufgabenstellungen versehen. Des Weiteren kann ich mir vorstellen, dass der Arbeitsaufwand des Lehrers für eine ganze Reihe von alltäglichen Test- und Korrekturarbeiten dank Internet minimiert werden kann. Der Lehrer wird in Zukunft neben seiner Rolle als Pädagoge immer mehr die des Lernorganisators spielen müssen.

sagmal.de:
Gibt es eine Seite, die dir besonders am Herzen liegt?

Albert Hoffmann:
www.buchklub.at

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Albert Hoffmann:
Noch immer fällt der (regelmäßige) Einsatz des Mediums Internet in der Schule unter die Kategorie Pionierarbeit. Da bleibt es nicht aus, dass man tagtäglich neue Erfahrungen machen kann. Bei meiner Arbeit mit Antolin beobachte ich Folgendes:
Antolin.deDie Strukturen des Lernens ändern sich unter dem Einfluss des neuen Mediums stillschweigend. Die Schüler arbeiten selbst verantwortlicher, souveräner. Sie spüren und sehen, dass die Entwicklung ihrer Leseleistung von ihnen selbst abhängt. Ein Blick auf das Lesekonto genügt. Zweitens: Ich kann jetzt ganz bewusst auf die Mitarbeit der Eltern zählen. Nie würde ich solch stolze Lese-Leistungszahlen in meiner Klasse erreichen, würden nicht die Eltern von zu Hause aus ebenfalls Einfluss auf die Kinder nehmen. Die Eltern sind meine stärksten Verbündeten.

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Das Interview wurde am 15.4.2003 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Albert Hoffmann für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen

Ein besonderer Dank an Anke Stursberg, die mir ihren Kollegen Albert als Interviewpartner ans Herz legte.


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