Interview mit Angelika Teichert vom 17.6.2001
Angelika Teichert Angelika
Teichert

geboren 1955 in Baden Württemberg. Nach Beendigung der Realschule Ausbildung zur Kauffrau. Seit 20 Jahren selbstständig. Zuerst im Bereich Nahrungsergänzungen wurde ein fliessender Übergang geschaffen zur Entwicklung von kosmetischen Produkten. Sie führt zusammen mit ihrem "Dauerverlobten" Andreas Grell eine kleine Kosmetikfirma.

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In manchen Urlaubsgebieten wird sogar aus "Mitleid" Gift am Saisonende ausgelegt. Die armen Tiere müssten sonst ja verhungern, wenn Müllberge weg sind, keine Essensreste aus den Tavernen mehr zu finden sind.

sagmal.de:
Angelika, was genau muss man sich unter dem Begriff Animalpardnet vorstellen?

Animalpardnet.e.V. Angelika Teichert:
Tja, das ist ein kleiner Stolperer. Animal, klar, nahezu weltweit verständlich, der Begriff für Tiere. Pard, hier kommt eine englische Bezeichnung mit ins Spiel, die in etwa aus Königs Arthurs Zeiten stammt - sie ist umgangssprachlich, also eher Slang und bedeutet soviel wie Partner. Aber, im guten Langenscheidt haben wir es doch noch gefunden. Net - das ist ein Teil unserer Vision. Abkürzung für Network - Netzwerk. Umspannend für einen größeren Teil, als "nur" die schöne Halbinsel Chalkidiki, im Norden Griechenlands. Denn, leider, leider, ist die Situation für die Tiere in ganz Griechenland (und allen anderen südlichen und osteuropäischen Ländern) ähnlich - an manchen Orten noch dramatischer. Nur, irgendwo muß man anfangen und sich dann mit der Zeit - und mit dem dafür notwendigen Geld - durcharbeiten, zäh dran bleiben, um irgendwann wie eine Krake das Land, das Leid im Griff zu haben. Wie gesagt, eine Vision.

sagmal.de:
Gibt es denn in Deutschland nicht genügend Tiere, die Probleme haben?

Angelika Teichert:
Hier möchte ich gerne die Situation um unsere Nutztiere ausklammern. Für ein so "zivilisiertes" Land, wie Deutschland, ist es nicht nachvollziehbar, warum die Haltung, die Tötung, die Transporte etc. noch immer auf so quälende, unsagbar erbarmungswürdige Art erfolgt. Reinhard Mey besingt das Elend auf seiner letzten CD - das Lied Erbarmen lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Um bei den Haustieren zu bleiben - ja, natürlich. Uns ist durchaus bewußt, dass manche Tierheime am Überquellen sind und nicht mehr wissen, wohin mit den Tieren. Auch in Deutschland passiert es, dass Tiere über Nacht einfach an der Pforte angebunden werden. Entweder, weil der Besitzer in Urlaub möchte - oder, weil das Tier doch zu groß geworden ist, oder eine mögliche anstehende Arztrechnung nicht beglichen werden könnte. Die Gründe hierfür sind sicherlich vielfältig, oft aber leider nur feige und sehr oft gedankenlos. Ein Tier hat eine Seele - hier kann man sich streiten oder nicht. In jedem Fall leistet das Tier in einem solchen Fall Trauerarbeit der schlimmsten Art. Sich ein Tier "anzuschaffen" (es ist die Umgangssprache!!) bedeutet, man bekommt Familienzuwachs auf vier Pfoten. Ein Kind wird irgendwann erwachsen, geht aus dem Haus. Unsere Vierbeiner sind bis zur letzten Stunde auf uns angewiesen. Das ist vielen nicht bewußt, wenn sie den Gang zum Züchter o.ä. unternehmen. Auch hier werden manche Tiere, wenn die anfängliche Spiel- und Schmusephase vorüber ist, wenn man merkt, der kackt ja auf den neuen Teppichboden - der will sogar bei schlimmstem Wetter nach draußen, er will ständig Aufmerksamkeit und Liebe - ja, das ist dann doch zu anstrengend, also werden auch in Deutschland Tiere ausgesetzt.

Aber - natürlich nicht in dem Maße, wie es in den südlichen Ländern passiert. Dort ist es die Regel, dass die Tiere unkastriert sind, die Weibchen also nahezu zwei Mal jährlich werden, ein Kleines darf bei der Mutter bleiben, weil die Besitzer nicht wissen, wie das Tier sonst beruhigen, wenn die Zitzen voller Milch sind. Der Rest - dafür gibt es Mülleimer oder ein paar Gramm Gift.

sagmal.de:
Viele werden sagen, es gibt wichtigere Themen als Hunde in Griechenland. Kinder in Krisengebieten zum Beispiel, Kranke, Kriegsopfer. Trifft euch so ein Vorwurf?

Angelika Teichert:
Ja und Nein. Auch uns bewegen die Ungerechtigkeiten, die leidvollen Schicksale auf dieser Welt. Wir machten und machen auch nicht die Augen zu, wenn in manchen Ländern schon Kinder sich der Prostitution hingeben, um die Familie ernähren zu können. Wenn sie sich bettelnd und schnüffelnd durch ihr Leben kämpfen müssen. Wenn der Hunger nagt, kein Regen fällt, um die Ernte zu bewässern. Hier gibt es zum einen aber schon teilweise große Institutionen, die sich dieses Themas annehmen. Es sind im Grunde alles weltpolitische Entscheidungen. Ich bin überzeugt, dass es genügend Geld auf der Welt gibt, um allen gerecht werden zu können. Es ist nur irgendwie zu schief verteilt. Aber eines ist uns noch nie begegnet - daß bei einem uns solch erreichten Vorwurf der andere sich genau für das einsetzt, was er bei uns bemängelt. Das wäre dann doch schon wieder ein Stückchen mehr heile Welt. Ich denke, es gibt "Schlüsselmomente" in einem Leben, die lenken einen dorthin, wo die Emotionen am größten sind. -Allerdings - die Klebespur, die man hiermit betreten hat, lässt einen nicht mehr los.

sagmal.de:
Ist das Ganze nicht eher ein Problem der griechischen Behörden? Wie gehen die denn mit den Hunden um?

Angelika Teichert:
Wenn wir das Problem den Behörden alleine überliessen - wäre es unter Umständen zu schnell, dafür aber nur sehr kurzfristig gelöst. Mit großen Vergiftungscampagnen, wie man sie z.B. aus der Türkei kennt. Aber, selbst die größte angelegte Aktion dieser Art kann das Problem an der Wurzel nicht lösen. Es wird den Tierschutz nicht nachhaltig stärken. Denn: ein Weibchen kann in drei Jahren für rund 200 Tiere (eigene Nachkömmlinge und deren wieder) sorgen. So ist die Population sehr schnell wieder dort und darüber, wo man schon angekommen war. Es geht nur über Kastrations- und Aufklärungsaktionen - in Verbindung mit den Einheimischen. Mit Kirchenvorständen, mit Bürgermeistern, mit Schulen, Kindergärten etc. In manchen Urlaubsgebieten wird sogar aus "Mitleid" Gift am Saisonende ausgelegt. Die armen Tiere müssten sonst ja verhungern, wenn Müllberge weg sind, keine Essensreste aus den Tavernen mehr zu finden sind. VORHER kastrieren!! Nicht HINTERHER vergiften. Hier wird noch eine zähe Überzeugungsarbeit anstehen, um jahrhunderte altes Verhalten dem Tier gegenüber zu verändern. Mit allzu viel Druck erreichen wir aber auch nichts. So deutsch, so gründlich, so missionarisch.

sagmal.de:
Gibt es den Fall einer Hunderettung, der dir besonders ans Herz gewachsen ist?

Angelika Teichert:
Ach je, also, ohne jetzt gleich eine Klinikpackung Taschentücher für mich parat legen zu müssen - was ich in den letzten 18 Monaten gesehen, erlebt, gehört habe, war viel. Jedes Tier, welches durch unsere Hände ging, wird einen ganz besonderen Status behalten - lebenslang. Aber wir könnten hier unsere Nike nennen. Nike ist der Name der griechischen Siegesgöttin - und Nike hat letztlich doch noch gesiegt. Eine kleine Hundedame, ca. ein Jahr alt - ihr wurde das linke Vorderbein zerschossen - unsere Tierschützer fanden das Häufchen Elend nach Tagen und ihnen war sofort klar. Sie muß zum Tierarzt. Das Vorderbein mußte amputiert werden.

Nike erzählt ihre Geschichte

sagmal.de:
Habt Ihr Hilfe vor Ort?

Samira Angelika Teichert:
Ja - und es geht auch nur mit Hilfe vor Ort. Samira und Hubert Tieß Abou-Hamdan, zwei Deutsche, vor einigen Jahren ausgewandert. Eigentlich sollte es nur ein schöner, langer Urlaub werden. Jetzt machen sie 24 Stunden Tierschutz täglich, ehrenamtlich, wir unterstützen sie finanziell für Kastrationsaktionen, Tierärzte, Medikamente, Therapien etc.

sagmal.de:
Das Ganze ist doch sicher auch sehr kostenaufwändig?
Wie finanziert Ihr euch?

Angelika Teichert:
Allein über Mitgliederbeiträge und Spenden. Was mit 90 Mitgliedern zur Zeit sicherlich noch viel zu spärlich ist - aber, wir müssen durchhalten, um nicht ins Stocken zu geraten. Jeder Monat, in dem nicht kastriert wird, wirft unser Ziel unglaublich wieder nach hinten. Wohin mit dem Welpen? Wir möchten keine Welpenverschickung auf Dauer vornehmen. Das sollen Einzelfälle und Notfälle bleiben. Wir dürfen das Problem nicht verlagern.

sagmal.de:
Inwieweit soll das Internet euch helfen bei eurer Arbeit?

Angelika Teichert:
Für mich ist Internet noch so etwas wie das erste Auto. Als das erste tatsächlich auf vier Reifen und einem Motor zum Laufen kam, dachte sicherlich die halbe Welt, das wird sich nie durchsetzen und setzte weiterhin aufs Pferd. So ähnlich geht es mir. Bin mit meinen 46 Jahren erst seit zwei Wochen in der Lage, ein Mail zu schreiben. Nicht, weil ich so lange gebraucht habe, um das Tippen zu lernen - das Programm war vorher nicht auf meinem Rechner und ich hatte auch kein Bedürfnis. Aber es wird wohl DER Kommunikationsweg der Zukunft sein. Und, wenn es denn so ist, hoffen wir, auf diesem Wege zum einen das Thema in der Öffentlichkeit präsent machen können und zum anderen auch Menschen zu finden, die sich unseren Ideen anschliessen können.

Ein schöner Füllfederhalter, ein edles Schreibpapier, um dann mit Hand einen richtigen Brief zu schreiben - vielleicht wird das auch bald eine Vision sein.

sagmal.de:
Wie kommt jemand, der interessiert ist, an eure Hunde?

Angelika Teichert:
Am allerbesten nimmt er direkt Kontakt zu unseren griechischen Tierschützern auf. Sie sind ja beides Deutsche, deshalb gibt es keine Verständigungsprobleme. Und sie können am ehesten immer wissen, wo ist eine kleine Hündin, wo ein großer Rüde, wo ein Welpchen oder darf es auch ein älteres Tier sein. Deren Telefon-Nummer ist 0030 - 375 - 23592. Es kostet abends gar nicht so viel, seinen Vier-Pfoten-Wunsch zu übermitteln. Via e-mail sind sie zu erreichen unter animalhs@otenet.gr

sagmal.de:
Wie ist deine eigene Beziehung zum Internet?

Angelika Teichert:
Siehe oben - bin am üben. Bei meiner ganzen Überei war ich mal in Indien - bin fast erschrocken.

sagmal.de:
Hast du bereits ein paar Lieblingsseiten?

Angelika Teichert:
Ja, unsere Home-Page. Und viel mehr kenne ich auch noch nicht. Mir fehlt aber schlichtweg auch die Zeit, um eine gemütliche Surf-Runde zu starten.

sagmal.de:
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?

Angelika Teichert:
Ja, die der Vision. Deshalb habe ich sie gleich zu Anfang mit beantwortet. Liegt mir immer sehr am Herzen.

sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz?

Ausgesetzte Hunde in Griechenland Angelika Teichert:
Gerne - vielleicht finden wir auf diesem Wege Menschen, die nicht nur davon träumen, dass man die Welt verändern sollte. Mit Engagement, Enthusiasmus, Hartnäckigkeit aber auch Verständnis und Geduld lässt sich etwas bewegen. Sicherlich nicht die Anden von Peru nach Kanada zu versetzen. Aber, volle Hundemägen, glückliche, gesunde vier Pfoten, keine ausgemergelten Körper, keine Gebärmaschinen, die nach wenigen Jahren völlig ausgezehrt und ausgelaugt sind . . . das muß nicht nur ein Traum bleiben . .

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Das Interview wurde am 17.6.2001 per Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de.
Wir danken Angelika Teichert für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den entsprechenden Webseiten entnommen


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