| Leseprobe "Der Burschl aus Tirol"
Glauser-Krimipreis 2002 für die beste Kriminalkurzgeschichte Tod am Berg, Himmel, Harsch und Firn, was fiele einem da nicht alles ein! Im abgestellten Sessellift erfroren, in der Gletscherspalte verhungert, vom Seil geschnitten, im Toteisloch ertrunken, vom Blitz derschlagen, vom kanadischen Grizzly zerrissen ... Ich hab mir den Kopf zerbrochen, wie ichs anfangen könnt, den Anton, den alle bloß Burschl nennen, loszuwerden, der mich mit seiner Eifersucht zum Wahnsinn treibt. Aber eingefallen ist mir nix, was auch praktikabel wär. Er ist zu fett zum Bergsteigen, zu bequem zum Skifahren, hat Angst vor Gewittern und Grizzlies gibts hier auch keine. Überhaupt nix Gefährliches auf Pfoten, so weit ich sehen kann.
Tod am Berg. Passen würds schon. Aber wie? Schließlich will man ja nicht erwischt werden. Ich bring dich um, sag ich zu ihm, als wir vom Ochsen nach Hause gehen; es schneit ein bisserl, meine neuen Stiefel kriegen Matschränder, der Burschl summt den Hit dieses Winters, der uns für dumm verkauft. Aber sowas merkt der Burschl ja nicht. Ja?, sagt er bloß dazu, wie denn? Warts ab, geb ich zurück. Er nickt. Macht sich nix draus. Nimmt mich nicht ernst. So ists immer gewesen. Seit unsere Eltern beschlossen haben, dass wir ein Paar sind, hat er mich behandelt, als wärn wir schon verheiratet. Noch eine Kuh im Stall. Um die man sich erst kümmert, wenn sie muht, vorher nicht. Und nachher nicht. Ich bring den noch um, sag ich zur Ellie, die meine beste Freundin ist, die Elli vom Hagnerhof. Die färbt sich die Haare messingrot - weils im Dorf sagen, rote Haar verraten Leidenschaft. Obs stimmt? Wär nicht schad drum, meint die bloß. Hat mit ihrem Karle mehr Glück gehabt, muß ich zugeben. Am liebsten würd ich ihn umbringen, sag ich zu meiner Mutter, aber die grinst bloß und gibt mir zu verstehen, dass sie das mit meinem Pappa auch manchmal tun möcht. Aber bloß in Gedanken, nicht in echt, natürlich. Ist schon so, keiner nimmt mich ernst hier bei uns. Draußen wär das vielleicht anders, aber nach draußen komm ich nicht, nicht, wenns nach dem Burschl und meinen Eltern geht. Aber ich will fort, und deshalb muß der Burschl weg. Die Touristen zeigen, wos langgeht, nach München, nach Berlin, nach Hamburg. Wo die Städte regieren und das elektrische Licht, Tag und Nacht, und nicht die Sterne und die alten Steine wie hier. Paß auf, bald geschieht hier was, sag ich zum Alfons, der der Gendarmerieposten hier bei uns ist. Ich bin mit ihm in die Schul gegangen. Was denn?, fragt er mich neugierig. Den Burschl derpackts bald, verrat ich ihm. Aber der lacht mich aus, haut mir auf die Schulter und meint, hättst wohl gern, was? Genau so ist es. Chronik eines angekündigten Todes, nicht wahr? So heißt ein Buch, das ich mal gelesen hab und das mir gefallen hat. Manche Ausdrück merk ich mir, weil sie schön sind. Oder wahr. Aber wie fang ichs an? Und dann weiß ichs auf einmal. Ich bin mir nicht sicher, ob es funktioniert, aber versuchen kann mans. Wenns nix wird, probier ich eben was anderes. Zeit hab ich ja. Der Winter ist noch lang bei uns im Tal. Obwohl die Mittagssonne schon mächtig warm ist. Taut den Schnee auf den Dächern, bringt das Eiswasser zum Tropfen. Es sammelt sich in der Rinne, und tropft drüber raus. Nachts, wenn die Temperaturen fallen, wachsen die Eiszapfen über der Tür.
Nessa Altura: Der Burschl aus Tirol, erschienen in Tatort Berg. Kurzkrimis. Vertigo, 2001 |
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